NZZ Folio 04/96 - Thema: Eherne Ehe   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Um jeden Preis

Von Lilli Binzegger

Unser Umgang mit der Institution Ehe hat etwas Absurdes. Einerseits verbindet man den Begriff der Ehe auch heute noch mit Treue, damit, dass man ein Leben lang zusammenbleiben will, dass man die Rollen nach einem bestimmten Muster unter sich verteilt, dass man den Kindern, die aus der Verbindung hervorgehen, Schutz bietet, dass der Stärkere für den Schwächeren sorgt. Das sind gewaltige Ansprüche, die die Ehe zu einem fragilen und schutzbedürftigen Gebäude gemacht haben. Man hat sie daher von Staates wegen, der ein begründetes Interesse an stabilen Verhältnissen hat, gestützt, indem man sie in einem besonderen Gesetz regelte und ihr damit eine rechtliche und folglich gesellschaftliche Sonderstellung verlieh.

Und da ist auf der anderen Seite die Realität. Mit der Möglichkeit zur Scheidung hat man den Unendlichkeitsanspruch an die Ehe längst beiseite geschoben; die Scheidungsrate von heute gegen 40 Prozent spricht für sich. Das Treuegebot wird im Entwurf zum neuen Scheidungsrecht relativiert; Ehebruch, bis vor kurzem gemäss Strafgesetzbuch noch Straftatbestand, ist nicht mehr explizit ein Scheidungsgrund. Uneheliche und eheliche Kinder sind einander schon seit 1978 in allen Teilen gleichgestellt (was man zuvor unter dem Titel christlichen Wohlverhaltens unehelichen Kindern und ledigen Müttern angetan hatte, wäre ein Kapitel für sich); und Nestwärme ist nicht abhängig vom Zivilstand derer, die sie erzeugen. Zudem sind die Rollen seit dem neuen Eherecht von 1988 zwischen Mann und Frau gleichwertig verteilt.

Was wir damit sagen wollen: eigentlich ist in der Ehe unterdessen fast alles gültig, was auch ausserhalb von ihr Gültigkeit hat. Nun wären wir die letzten, die eine solche Liberalisierung ablehnten. Bloss fragen wir uns, weshalb man denn an einer Sonderregelung festhält, die jene, die sich ihr nicht unterziehen wollen oder können (Konkubinatspaare, gleichgeschlechtliche Paare, Leute ohne festen Partner usw.), subtil bis grob ausgrenzt. Weshalb sieht man sich das Ganze nicht einmal aus etwas mehr Distanz an und versucht, der Pluralität unserer Zeit anders gerecht zu werden als damit, dass man um jeden Preis an der herkömmlichen Form festhält - inhaltlich aber Zugeständnisse bis zur Unkenntlichkeit dessen macht, was diese Form einst legitimierte.


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