SEIT RUND dreissig Jahren gibt es in der Schweiz Museumspädagogen. Zahlreiche Stellen wurden für sie geschaffen, die Museumspädagogik ist zu einem festen Bestandteil der Institution Museum geworden.
Als Institution innerhalb der Institution wird sie auch immer wieder angegriffen: Das Museum werde durch die Museumspädagogik verschult, sagen die einen. Andere kritisieren, dass Museumspädagogen versuchten, auf Teufel komm raus die Besucher zu animieren und zu unterhalten, sie würden mit dem Strom der Zeit schwimmen und gar nicht mehr erst versuchen, Inhalte zu vermitteln, auch sie seien typisch für unsere Spassgesellschaft. Wieder andere sehen in ihr eine forcierte Stellenbeschaffungsmassnahme für stellenlose Akademiker. Dann hört man auch den grundsätzlichen Einwand, eine gute Ausstellung spreche für sich und sei nicht erklärungsbedürftig, die Museumspädagogen seien also überflüssig.
Victor Manser können diese Anwürfe nicht aus der Ruhe bringen. Seit 1988 ist er, ausgebildeter Sekundarlehrer, vom Schulamt der Stadt St. Gallen angestellt, das Historische Museum und die Sammlung für Völkerkunde museumspädagogisch zu betreuen. «Solange es Museen gibt, wird es auch uns geben», sagt Manser. Der zwischenmenschliche Kontakt, die Möglichkeit, Fragen zu stellen, sei ein grosser Pluspunkt. Dann sei es für die Besucher auch effizienter, etwas erklärt und akzentuiert zu bekommen, als zahllose Beschriftungen lesen zu müssen. Allerdings wolle er diesen Punkt nicht gross gewichten, denn Effizienz könne ja wohl nicht das primäre Ziel eines Museumspädagogen sein, sagt Manser, und seine wasserblauen Augen lächeln.
Hingegen ist es sein Ziel, die Gegenstände der Vergangenheit lebendig zu machen, und das sei möglich, indem man sie in einen grösseren Zusammenhang stellt und Vergleiche zieht. Wenn Manser den Kindern etwa die Wohnstube aus dem 17. Jahrhundert zeigt, die im Historischen Museum zu sehen ist, dann spricht er vom Erker als Lokalradio dieser Zeit, denn vom Erker aus konnte man bestens beobachten, was auf der Strasse so lief, und war also genauso gut informiert, wie wenn man heute Lokalradio hört. Und wenn er das Stadtmodell von St. Gallen um 1640 zeigt, dann gilt es auch herauszufinden, was da war, wo jetzt der McDonald's ist.
Wichtig ist Manser, dass die Kinder ein sinnliches Erlebnis haben. Bei Führungen durchs Völkerkundemuseum öffnet er deshalb gerne die Vitrine mit der Schaufigur eines Indianerhäuptlings und fordert die Kinder auf, den Stoff, in den der Indianer gehüllt ist, zu fühlen, zu beschnuppern. Es kam dann allerdings schon vor, dass ein Kind davonrannte, so lebendig ist ihm der Häuptling plötzlich erschienen.
Was, ausser Führungen für Schulen und Lehrer, bietet der Museumspädagoge noch an? Workshops. Ein grosser Erfolg war die «Römische Party bei Kaiser Nero», eine Ferienaktion, die Victor Manser für 9- bis 15-Jährige anbot: «In der Ausstellung -Antikenkabinett? erfahren wir viel Interessantes über das Leben im Altertum. Im Innenhof des Museums gibt es ein Festessen mit mehreren Gängen. Wir kleiden uns wie vornehme Gäste bei Kaiser Nero und veranstalten ein richtiges Bankett - eine römische Party - mit Speis, Trank und Spiel.»
Dass die Ausstellung eigentlich weniger von den Römern und vielmehr von den Griechen und den Etruskern handelte und dass der Kaiser Nero, der Rom anzündete und seine Frau, seine Mutter und viele andere auf dem Gewissen hatte, ja eigentlich alles andere als eine vorbildliche Figur ist, das sind die Kompromisse, die Victor Manser eingeht: «Wer kennt schon die Etrusker? Von den Römern hingegen hat man schon viel gehört, dasselbe gilt für Nero. Da war eine Neugier da, auf der ich aufbauen konnte.»
Die 5. Klasse aus Bronschhofen, die sich an diesem Morgen vergegenwärtigt, wie man in St. Gallen im Mittelalter lebte, hört Manser, der eine Stunde lang mit leiser Stimme spricht und seine Ausführungen nur mit einem Suchspiel und ab und zu einer Frage unterbricht, aufmerksam zu.
Victor Manser ist kein Reisser, und zum Pausenclown hat er auch keine Begabung. Er wirkt eher spröde, sanft und kompetent. Die Methoden, die er jeweils einsetzt - Arbeitsblätter, Rollenspiele, Gegenstände nachzeichnen -, sind nicht spektakulär, er unternimmt alles, damit seine Führungen und Workshops nicht zum Spektakel verkommen.