EINE STEILE TREPPE führt hoch zum Museum in der Altstadt von Estavayer-le-Lac, in dem einst die Untertanen Humbert von Savoyen den Zehnten ablieferten. Wer heute das alte Gemäuer betritt, fragt meist als Erstes: Wo sind die Frösche? Das Musée ist ein lokales Heimatmuseum, wie es sie zu Hunderten im Land gibt. Aber die Frösche gibt's nur hier.
Madame Ding arbeitet seit 21 Jahren als Aufseherin im Museum. Eine schöne Arbeit, wenn einen die lokale Vergangenheit interessiert, wenn man gerne Fragen beantwortet und Geschichten erzählt, während man Besucher durch die Räume führt. Geschichten wie jene des Marquis Nicolai, der ein Forschungsreisender war und von dem im ersten Ausstellungsraum ein Pfeilbogen an der Wand hängt, neben Hellebarden, Pistolen und Musketen - «Die Russen sollen nur kommen!», pflegte der Vorgänger von Madame Ding, ein kauziger Waffennarr, grimmig zu sagen.
Im vierten und letzten Ausstellungsraum, in drei hohen Vitrinen, dann endlich die ausgestopften Frösche, die auf französisch so ganz unausgestopft heissen: grenouilles naturalisées. Da stehen und sitzen sie und erzählen einem mehr über die Menschen, die vor 150 Jahren in Estavayer-le-Lac lebten, als die historischen Alltagsgegenstände, mit denen das Museum seine Schaukästen füllt. Denn die Frösche, so hat es ihr Präparator gewollt, sollten ein Spiegelbild seiner Zeitgenossen sein, und zu diesem Zweck hat er sie in akribisch konstruierten Szenerien arrangiert.
So sitzen 21 Frösche an einem langen Tisch, bei Käse, Brot und Wein, während einer mit dem Manuskript seiner Rede in der Hand aufgestanden ist und sich Gehör zu verschaffen sucht: «Das Wahlbankett», heisst die Szene, in der die zechenden Bürger subtil ironisiert werden.
Eine andere Inszenierung zeigt sechs Frosch-Männer beim Billard, einer hat eben einen Stoss ausgeführt, ein zweiter verfolgt über die Tischkante gebeugt den Lauf der Kugel, ein dritter reibt seine Queue mit Kreide ein, drei weitere stehen mit Kennermiene um den Tisch herum - die Körperhaltung eines jeden ist so präzise der menschlichen Anatomie nachempfunden, dass man die Herren förmlich fachsimpeln hört.
Die verblüffende Wirkung der vermenschlichten Frösche ergibt sich aus dem Zusammenspiel ihrer phänomenal getroffenen Posen und der liebevollen Detailgenauigkeit der Interieurs, in denen sie ihr Schöpfer placiert hat. Jeder Stuhl, jeder Tisch, jedes Accessoire hat er mit hingebungsvoller Sorgfalt gesägt und geschnitzt - bis hin zu den Spaghetti auf den Tellern einer Familie beim Abendessen. Spaghetti kannte man damals in Estavayer nicht, aber sie geben einen Hinweis auf die Biographie des Schöpfers der Frösche.
François Perrier wurde 1813 in eine Offiziersfamilie hineingeboren. Sein Bruder, den er auch als Frosch verewigt hat, war Notar, er selber war Offizier der Schweizergarde in Rom. 1849 kehrte er nach Estavayer zurück und lebte bis zu seinem Tod 1860 als Unverheirateter bei seiner Mutter. Viel mehr, als dass er regelmässig unten am See auf Froschfang ging, weiss man über ihn nicht.
Überliefert ist auch nicht, wie er die Tiere getötet hat. Ohne ihre Haut zu verletzen, hat er sie ausgehöhlt, getrocknet und mit Sand gefüllt. Im Lauf der Jahre verblich das satte Grün zu einem hellen Beige, also hat man vor zwanzig Jahren die Frösche lackiert; andere Massnahmen zur Konservierung waren bis heute nicht nötig. Aber man weiss im Museum um die délicatesse der Exponate. Dass man eines der Stücke vor zwei Jahren für die Expo nach Lissabon ausgeliehen hat, war eine Ausnahme.
In den dreissiger Jahren kamen die Früchte von François Perriers bizarrer Passion aus dem Besitz der Familie ins Museum: 108 ausgestopfte Frösche. Madame Dings Schwiegermutter hatte sie noch als Kind im Hause der Perriers gesehen. Heute ziehen sie jährlich über 12 000 Besucher ins kleine Museum. Am besten gefällt Madame Ding der Humor, der in den Szenen spürbar ist, der ironische Blick, mit dem Perrier die Eitelkeiten und Unzulänglichkeiten seiner Mitbürger karikierte. Warum man sie in diesen hinreissend präparierten Tieren so genau wiedererkennt, ist das Geheimnis von François Perriers Kunst.