Gott
Allmächtiger, macht nicht, was er nach Theologenmeinung zu tun hätte.
Manchmal scheint es, als ob Gott noch immer allzu viel zu tun hätte. Nach jeder Rede des amtierenden US-Präsidenten hat er Amerika zu segnen; er hat für den Schutz der amerikanischen Truppen im Irak zu sorgen; er soll Hurrikane aufhalten; er soll Erdbeben verhindern. Ein allgütiger und allmächtiger Gott sollte ständig etwas tun, das Menschen wünschenswert oder gar notwendig vorkommt. Doch erkennbar tut Gott nichts von alledem. Offenbar ist er anders, als die Theologen ihn sich denken - Gott sei Dank, möchte man meinen.
Denn zu Ende ist die Ära des ideologischen Gebrauchs des Religiösen. Ein fahnenschwingender Gott, ein Atombomben segnender Gott, ein Gott, so parteiisch, egoistisch und grausam wie seine Anhänger, ist kein Gott, er ist ein Gruppengeist, eine Voodoo-Gottheit, ein Götze auf Seiten der jeweils Herrschenden. Selbst wenn er «nützt», richtet er Schaden an.
Zu Ende ist auch die Ära des magischen Gebrauchs des Religiösen. Noch bis ins Jahr 1859 war es unmöglich, nicht an Gott zu glauben; denn wer sonst hätte die grazile Geschmeidigkeit einer Katze oder die Schönheit einer Pfauenfeder erklären können? Die Schönheit einer Pfauenfeder zu erklären, traute sich auch Charles Darwin nicht zu; aber mit seiner «Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl» legte er ein Modell der Welterklärung vor, das besonders die chaotischen Prozesse, die Katastrophen und Absurditäten, kreativ in den Gang der Evolution einbezog. Gott hörte auf, als theologischer Lückenbüsser an allen Stellen unserer Unwissenheit und Angst zu fungieren. Wie entstand das Leben? Wie entstand das Universum? Wie entsteht Bewusstsein? Kein Biologe, kein Kosmologe, kein Neurologe mehr wird «Gott» als Erklärung gelten lassen. Gott ist nicht auf der Ebene der Ursachen zu finden, und er wirkt nicht nach der Art von Wundern, die die Naturgesetze auflösen. Er dient der Daseinsdeutung, nicht der Welterklärung.
Zu Ende ist zugleich die Ära des dogmatischen Gebrauchs des Religiösen, in dem man die Erzählungen der Bibel fälschlich historisierte und dann als Offenbarungen des metaphysischen Wesens der Gottheit objektivierte, nur um die so festgestellten «Wahrheiten» des Göttlichen alsbald an die Garantie eines kirchlichen Lehramtes zu binden und gegen jede historisch und philosophisch ehrliche Kritik unter dem Vorwurf von «Sünde» und «Häresie» zu verteidigen. Von der Jungfrauengeburt bis zur Himmelfahrt Jesu hatten alle religiös relevanten Geschichten des Neuen Testaments ungeachtet ihrer literarischen Gattung als «Tatsachen» geglaubt zu werden.
Mit einem derart fundamentalistischen Objektivismus zwingt man bis heute die Menschen zu einem unaufgeklärten Glauben oder zu einem aufgeklärten Unglauben; man zerreisst damit die Einheit von Denken und Fühlen, die den Kern des Religiösen ausmacht.
Wenn Gott etwas macht, dann offenbar das Gegenteil von dem, was er nach offizieller Theologenmeinung zu tun hätte: Er vereinigt die Menschen aller Nationen, Religionen und Regionen, statt sie voneinander zu trennen. Wo findet man Gott? wird Jesus im 10. Kapitel des Lukasevangeliums gefragt, und er antwortet mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter: Der jüdische Priester geht an dem Schwerverletzten am Wegrand vorbei, um pünktlich und kultisch rein im Heiligtum von Jerusalem anzulangen, wo Gott rituell unter den Händen der religiösen Dienstträger gegenwärtig gesetzt wird. Die Samariter weigerten sich seit einem halben Jahrtausend, daran zu glauben; ein Samariter trug die ganze Ideologie der jüdischen Orthodoxie nicht im Kopf, doch gerade deshalb öffneten sich seine Augen, sein Herz und seine Hände für die Not des Verletzten. Nach Jesu Meinung findet er Gott, indem er mit Mitleid hineingeht in das Leid eines Menschen.
Was macht da Gott? Er macht, dass es uns etwas ausmacht, unmenschliche Grenzen zu ziehen; er macht, dass wir uns eines Tages nicht mehr zu Soldaten ausbilden lassen und in den Krieg ziehen. Er macht, dass wir ahnen, was es heisst, Menschen zu sein.
Wo war Gott, als am 2. Weihnachtstag 2004 ein Tsunami Zehntausende von Menschen an den Ufern des Pazifiks in den Tod riss? Wo war er, als der Wirbelsturm Katrina im September 2005 die Staaten Mississippi und Louisiana erreichte, als im Oktober die Hurrikane Rita und Wilma Mexiko verwüsteten und als ein Erdbeben im pakistanischen Kaschmir weit über 50 000 Menschen das Leben kostete? Der Gedanke an Gott erklärt nicht den Lauf der Natur, aber er hilft uns, inmitten einer unmenschlichen Natur uns auf uns selbst zu besinnen. Wer wir als Menschen sind, lernen wir nicht im Gegenüber der Welt; doch wenn wir beginnen, an Gott zu glauben als eine Macht, die niemanden allein lässt oder verloren gibt, gewinnen wir einen Grund, als Menschen durchzuhalten selbst angesichts von Leid und Tod.
Was macht da Gott? Er bewahrt uns vor Resignation, Gleichgültigkeit und Verzweiflung, und er zeigt uns eine Wirklichkeit, in der die Liebe stärker ist als der Tod, die Güte stärker als die Gewalt und in der es möglich wird, selbst in dem, was Menschen an Bösem begehen, den Ruf nach einem bisher nie gefundenen Verstehen zu vernehmen. Gott schweigt nicht in den Katastrophen der Welt und in den Ungerechtigkeiten der menschlichen Geschichte, er redet leise, doch unüberhörbar in unseren Herzen.
Die Weise, wie Gott zu uns redet, ist nur symbolisch, nicht begrifflich zu verstehen - nach Art der Dichtung, nicht der Dogmen. Nicht zufällig weigert sich Jesus im Neuen Testament, die Sprache der Theologen seiner Zeit zu reden; stattdessen spricht er in Gleichnissen und Bildern, traumnah, prophetisch, therapeutisch, erlebnisnah, frei. Der Unterschied ist deutlich. In den Händen von Theologen kann jedes Wort Gottes sich in ein Stück Stacheldraht verwandeln, um Menschen von Menschen zu trennen: Katholiken von Protestanten, Christen von Juden, Muslime von Hindus, die moralisch Anständigen von den Unanständigen, die Ordentlichen von den Unordentlichen, die Guten von den Bösen. Die dichterische Sprache Jesu lädt ein zum Begleiten, zum Verstehen, zum Zurückholen, zum Umkehren.
Was macht da Gott? Er entzieht sich unseren Begriffen; er kehrt zurück in den Bildern unserer Träume; und er gibt uns die Kraft, den Visionen der Propheten von einem Reich Gottes auf Erden mehr Glauben zu schenken als den Definitionen der «Realität» im Munde der Mächtigen und der Reichen. Eugen Drewermann
Graf, Aline
Heimliche Geliebte Niklaus Meienbergs.
Sie veröffentlichte 1998 ihr Tagebuch nach dem Tod von Niklaus Meienberg, kommentierte darin sein Sexualleben - sein Körper: ein «Engerling» - und wurde dafür mit Spott und Häme übergossen. Was macht sie heute?
«Werden meine Antworten von einem Psychologen kommentiert? Nicht? Dann können Sie schreiben, dass ich heute Übersetzerin bin. Ich mache ein Studium in Italienisch und Französisch an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich, und das schreiben Sie in Majuskeln. Ob ich an einem Buch arbeite? Darüber möchte ich mich nicht auslassen.» Daniele Muscionico
Graham, Billy
Amerikanischer Superprediger.
Im Rockefeller Center, im berühmten Rainbow Room im 64. Stock, wo sonst New-York-Touristen im ersten Abendlicht an ihren Cocktails nippen, herrscht knisternde Spannung. Es ist elf Uhr morgens, und hier, wo man auch sonst dem Himmel ein bisschen näher ist, wird an diesem glühenden Sommertag ein frommer, fast schon geheiligter Mann erwartet. Der Evangelistenprediger Billy Graham, der auf seiner letzten Mission im Sommer 2005 zum Pressegespräch empfängt, hat selbst die New Yorker Reporter in Andacht versetzt.
86 Jahre ist Billy Graham alt, er bewegt sich nur mühsam mit einer Gehhilfe fort, und seine Donnerstimme ist brüchig geworden. Doch immer noch mobilisiert er die gläubigen Massen, wie nun auf seinem angeblich letzten «Kreuzzug» auf Erden. 230 000 Menschen sind an diesem Wochenende ins Flushing-Meadows-Stadion im Stadtteil Queens geströmt, um Billys Botschaft zu hören. Eine gigantische Bühne wurde errichtet, Riesenleinwände übertragen die Show.
Im Jahr 1957 hat Graham auf seinem wohl legendärsten Kreuzzug schon einmal Gottes Wort in die verrufene Stadt gebracht und die «Flammen der Hölle» für jene heraufbeschworen, die sich seinem Ruf «to be born again» - auch «Altar Call» genannt - verweigern. Vom Höllenfeuer reden heute nur noch Grahams Gegner, die fanatische religiöse Rechte, die den Prediger zusammen mit dem «Pädophilenpapst» Johannes Paul II. vor Gottes Strafgericht wünscht, weil er die Schwulen nicht lauthals verdammt.
Nicht immer freilich war Graham in politischen Fragen so dezent. Als er in den 1950er Jahren die Bühne betrat, tobte der Kalte Krieg, und Graham wurde zur Leitfigur eines gottesfürchtigen Amerika, dem in Wahrheit vorm Reich des Bösen hinter dem Eisernen Vorhang graute.
An diesem Juliwochenende 2005 ist Bill Clinton persönlich dabei, um Grahams «letztem Kreuzzug» seine Absolution zu erteilen. Viele hätten den Mann, der seit Jahrzehnten im Weissen Haus verkehrt, gern selber als Präsidenten gesehen. Doch Graham, der seine Laufbahn als Vertreter für Haushaltswaren begann, hatte Grösseres vor. Über 3 Millionen Menschen hat er auf seinen 417 Kreuzzügen in über 185 Ländern dem Herrn und den «Wiedergeborenen» zugeführt.
Sein Geschäftssinn hat sich inzwischen in einem Imperium manifestiert, das dank Büchern, Videos und Spenden jährlich über 115 Millionen Dollar Umsatz macht. Was das Showgeschäft angeht, so sind die rhetorischen Sturmläufe von «Gottes Maschinengewehr» mit dem Alter deutlich milder geworden. Den letzten Vorhang aber hat er unlängst nach einer Operation schon einmal fallen gesehen. Und wie in der Stunde des Todes das ganze Leben sich noch einmal vor unserem inneren Auge abspulen soll, so habe er all seine Sünden erkannt: Und, sagt er nun im Rainbow Room mit festem Adlerblick in die Ewigkeit schauend: «Ich fürchtete mich nicht.» Andrea Köhler
GSoA
Gruppe für eine Schweiz ohne Armee.
Als am 26. November 1989 35 Prozent der Schweizer ein Ja zur Initiative für die Abschaffung der Armee in die Urne legten, erschütterte das die Grundfesten des Landes. Der Bundesrat hatte die Initiative als «utopisch und unverantwortlich» gegeisselt und schrieb in seiner Botschaft zur Abstimmung: «Das Wort <Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee> beschreibt eine Realität.»
«Die heilige Kuh Schweizer Armee ist geschlachtet», sagt Tom Cassee, der heutige Sekretär der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA), «wir können uns jetzt nicht mehr vorstellen, welche zentrale Stellung das Militär früher hatte.»
Doch der grösste Triumph der GSoA war zugleich der Beginn ihres Niedergangs. Zuerst verlor sie Mitte der 1990er Jahre das sicher geglaubte Referendum gegen die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge. Ein paar Jahre später verärgerte sie frühere linke Verbündete, als sie erfolglos gegen bewaffnete Auslandeinsätze der Schweizer Armee antrat. Mit der deutlichen Ablehnung der zweiten Armeeabschaffungsinitiative 2001 verspielte die GSoA auch noch den Rest des politischen Kapitals aus dem Erfolg der ersten Initiative. «Eine neue Armeeabschaffungsinitiative steht nicht zuoberst auf unserer Prioritätenliste», sagt Cassee.
Während die Folgen der Abstimmung bis heute spürbar sind - die Diskussion um die Armee hat sich entkrampft -, ist die GSoA nur noch ein Schatten ihrer selbst. Knapp zwei Dutzend Mitglieder treffen sich jährlich zur Vollversammlung. Von Zeit zu Zeit organisiert die GSoA Veranstaltungen oder sammelt Unterschriften, etwa gegen Waffenexporte in den Nahen Osten. Christoph Zimmer
Harpo
Schrieb 1975 den Song «Moviestar».
Es ist das Lied über Schauspieler, die hinter der Bühne besser sind als auf der Bühne. Jan «Harpo» Torsten Svensson, der den Song mit 17 Jahren schrieb, ist heute 55, auf einem Auge blind und singt noch immer «Moviestar». Es blieb sein einziger Hit. Inzwischen könne er den Text «ganz gut», sagt er. Mit den Tantièmen leistet er sich eine Pferdefarm in Südschweden. (Die Hintergrundstimme auf der Originalaufnahme ist übrigens Frida Lyngstad von ABBA.) Mikael Krogerus
Hearst, Patty
Entführte Millionenerbin, die sich mit ihren Kidnappern verbündete und zur Terroristin wurde.
Am 4. Februar 1974 entführte die linksradikale Symbionese Liberation Army (SLA) die Enkelin des Medienmoguls Randolph Hearst. 57 Tage lang wurde die 19-jährige Berkeley-Studentin von ihren Kidnappern in einen Schrank gesperrt, am 58. Tag hiess sie «Tania» und war «a soldier in the peoples army». Die amerikanische Öffentlichkeit verfolgte atemlos die Verwandlung der höheren Tochter in eine militante Soldatin der SLA. Bald beschimpfte Patty die Eltern mit fahler Stimme als «Faschisten» und «Hearst-pigs»; auch ihr Verlobter firmierte nur mehr als «sexistisches Schwein».
Die SLA forderte Lebensmittel im Wert von mehreren Millionen Dollar für die schwarze Bevölkerung Kaliforniens; der Traum von Gerechtigkeit aber mündete in Plünderungen und Schlägereien. Kurz darauf wurde Patricia Hearst von Überwachungskameras bei einem Banküberfall gefilmt. Breitbeinig steht sie da, das hübsche Gesicht von einer Che-Guevara-Mütze beschirmt, die Maschinenpistole im Anschlag. Das Bild wurde zur Ikone - noch Lara Croft ist nach diesem Modell geformt.
Nach ihrer Verhaftung im September 1975 erschien Patty Hearst mit geballter Faust im Gerichtssaal und wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt; auf Betreiben von Jimmy Carter war sie allerdings bereits nach zwei Jahren wieder frei. Sie sei einer Gehirnwäsche unterzogen, mit dem Tod bedroht und mehrfach vergewaltigt worden, sagt sie zu ihrer Verteidigung; die Psychologie nennt die Identifikation der Entführten mit ihren Kidnappern «Stockholm-Syndrom». Ein Mitglied der Terrorbande war Pattys Geliebter. In einem psychiatrischen Test komplettierte sie den Satz «Alle Männer sind . . . » mit dem Wort «Arschlöcher».
Wenn man die Bilder aus jener Zeit sieht, ist sie plötzlich wieder ganz nah, die seltsam zwischen Hysterie, Indoktrination und Aufbegehren oszillierende Atmosphäre, in der die Protestbewegung ihre radikalen Auswüchse generierte. Der Vietnamkrieg hatte den Glauben an das liberale Amerika in Blut und Asche erstickt, der Rassismus trieb seine Blüten im ganzen Land, und die «faschistischen Schweine des ausbeuterischen Kapitalismus» sassen zu Hause am Wohnzimmertisch.
Doch wer heute bei Amerikas grösster Buchhandelskette nach Material über Patty Hearst sucht, wird unter diesem Namen keinen einzigen Eintrag finden; selbst ihr Erlebnisbericht «Every Secret Thing» (1982) ist vergriffen. Vor kurzem sind zwei Romane erschienen, die den Fall Patty Hearst der Fiktion anvertrauen: Susan Chois «American Woman» und Christopher Sorrentinos «Trance». Auch Stephen King plant einen Wälzer, denn «nur ein Roman kann die vielen Widersprüche erklären».
1979 heiratete Patty Hearst ihren Bodyguard Bernard Shaw. In einer Vorortidylle in Connecticut führt sie nun das beschauliche Leben einer Gesellschaftsdame der Upper Class. Die Luxusvilla wird von Kameras und Schäferhunden wie ein Hochsicherheitstrakt bewacht. Die beiden Töchter sind mittlerweile erwachsen. Patricia Hearst hat in ein paar Filmen von John Waters Nebenrollen gespielt, einen Krimi geschrieben und tausend Talkshow-Auftritte als strahlende Überlebende absolviert: ein schönes Gesicht, eine schimmernde Mähne in wechselnden Goldtönen, ein gewinnendes Lächeln.
Erst 2001 hat Bill Clinton sie endgültig von aller Schuld freigesprochen; da war sie 46 Jahre alt. Seit dem 11. September desselben Jahres bittet man sie nun als Terrorexpertin ins Studio. «Life is great», sagt sie vor der Kamera, «ich führe ein ganz normales Leben und koche für meinen Mann zu Mittag seine Lieblingsspeisen.» Andrea Köhler
Heino
Deuscher Schlagerstar.
«Wie sieht Ihr Tag aus, zu Hause in Bad Münstereifel?» - «Ich steh morgens früh auf, so circa neun, Viertel nach. Dann geh ich ins Bad, rasier mich, zieh mir ’n Jogginganzug an und geh runter. Meistens ist die Haushälterin dann schon da, die uns Frühstück macht. Dann les ich die <Bild>-Zeitung und den <Kölner Express> und guck, was so in der Welt passiert ist, wobei mich meistens nur die Titel interessieren. Das dauert anderthalb Stunden, und dann bin ich im Studio, und der Tag läuft so ab, dass ich mich um Musik kümmere, um Mischverhältnisse.»
Heinz-Georg «Heino» Kramm, 67, lebt kein schlechtes Leben, ist bestimmt nicht unzufrieden damit und mit sich. Er hat aber auch harte Zeiten erlebt - seine ehemalige Partnerin, mit der er nicht verheiratet war, brachte sich um, als die gemeinsame Tochter ein Teenager war. Und später brachte sich diese auch um.
Ich habe ihn dieses Frühjahr getroffen in Dornbirn, vor Proben für das österreichische Fernsehen. «Weshalb haben Sie eigentlich solchen Erfolg?» fragte ich ihn. «Das Rezept, glaub ich, ist, dass ich mich nie habe verbiegen lassen. Dass ich immer das getan habe, was ich für richtig halte und auch konnte. Wenn Regisseure gekommen sind, die gesagt haben: <Heino, mach doch mal dieses oder lach doch mal oder mach hier mal ’n Tanzschritt>, dann hab ich das immer nicht gemacht.»
Ich vermute, es war eines seiner letzten Interviews, bevor er das Ende seiner Laufbahn als Sänger ankündigte. Ich bilde mir nichts darauf ein und denke auch nicht, dass sein Rücktritt mit meinen Fragen zusammenhing. Er war eine der anständigsten Berühmtheiten, die ich getroffen habe bisher, zudem pünktlich. Seine Frau Hannelore war auch dabei in Dornbirn. Ihr fehlte die Ruhe, die er hat - Heino der Stoiker, Hannelore die Hektikerin. Aber als Paar scheinen sie es zu können miteinander, sie sind seit rund 20 Jahren verheiratet. Mark van Huisseling
Hiermeyer, Jan
Erster Schweizer TV-Sportreporter.
Zusammengefasst, in knappster Form, sämtliche Sportereignisse der letzten fünfzig Jahre weglassend, sagte Jan Hiermeyer am Telefon, es gehe ihm recht gut.
Hiermeyer, ehemals Profifussballer, Radiotechniker und erster TV-Sportreporter der Schweiz, wurde 1954 zum ersten Sportchef des Schweizer Fernsehens ernannt. Die Zürcher hätten ihn fortan nur noch schikaniert. Ein Beispiel: «Als ich mal im <Sonntagsmagazin> sang - ich habe bis heute zwei Schallplatten und vier CD produziert, unter anderem Seemannslieder -, hiess es in den Medien: moderieren könne ich zwar nicht, aber immerhin singen. Das stimmt nicht. Ich kann moderieren. Wie ein Fussballer eben.»
1956 heiratete Jan Hiermeyer. Für das Wohl seiner beiden Töchter - «in Zürich sollten sie nicht erzogen werden» - übersiedelte die Familie nach Stein am Rhein. Dort lebt der 76-Jährige heute noch. Hiermeyer blieb bis zu seiner Pensionierung beim Fernsehen, begann nebenbei eine Karriere als Country-Sänger und war «sogar in Nashville dabei».
1990 starb seine Frau. 2002 löste er seine Band Bullriders auf. Es folgten Prostata- und Knieoperationen. Bald will er wieder fit sein, sagt Jan Hiermeyer, eine Rückkehr auf die Bühne sei nicht ausgeschlossen: «Vorausgesetzt, ich finde eine Band.»
Gudrun Sachse
Hitler-Tagebücher
Im «Stern» veröffentlichte Fälschungen.
Am 28. April 1983 verkündete der «Stern» auf dem Titel: «Hitlers Tagebücher entdeckt!» Doch was der grösste Medienscoop der deutschen Nachkriegsgeschichte zu sein schien, entpuppte sich schnell als Riesenblamage: Konrad Kujau, ein Militariasammler aus Stuttgart, hatte dem «Stern»-Reporter Gerd Heidemann 62 Tagebuchbände angedreht, die Adolf Hitler angeblich in den Jahren 1932 bis 1945 geschrieben hatte und nach deren Lektüre die Geschichte des Dritten Reiches «neu geschrieben» werden müsse, wie der «Stern» urteilte.
Kujau wollte sie in einem kurz vor Kriegsende abgestürzten Flugzeug entdeckt haben - in Wahrheit hatte er selbst sie hergestellt. 9,3 Millionen Mark zahlte der «Stern» für die Bände. Doch bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung stand fest, dass es sich bei den Tagebüchern um Fälschungen handelte und nicht einmal um besonders raffinierte - so hatte Kujau zur Bindung Materialien benutzt, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg hergestellt wurden.
Sowohl Kujau als auch Heidemann wurden verurteilt und sassen Haftstrafen ab. Kujau wurde wegen eines Kehlkopfleidens vorzeitig entlassen und starb 2000 an Magenkrebs; Heidemann, dem vorgeworfen wurde, einige der vom «Stern» gezahlten Millionen unterschlagen zu haben, und der seine Unschuld immer beteuerte, lebt heute in Berlin.
Die meisten der 62 gefälschten Tagebuchbände lagern im Keller des «Gruner & Jahr»-Verlagshauses in Hamburg in einem Safe. Einige weitere Bände (Kujau stellte mehr her, als er dem «Stern» verkaufte) befinden sich in Museen, zum Beispiel im Bonner Haus der Geschichte oder im Kujau-Museum in Pfullendorf, in dem auch die Werkstatt besichtigt werden kann, in der Kujau die Tagebücher herstellte.
Im vergangenen Jahr wurde bei einer Auktion in Berlin der letzte Band der gefälschten Hitler-Tagebücher versteigert, in dem unter anderem der Doppelselbstmord mit Eva Braun angekündigt wird. Diesen finalen Band hatte Kujau, der sich als Künstler verstand, erst nachträglich, während seiner Haftstrafe, hergestellt, um sein Werk zu einem Abschluss zu bringen. Für 6500 Euro bekam ein anonymer Bieter den Zuschlag.
Wie bekannt wurde, handelte es sich dabei allerdings um einen postumen Coup des Fälschers: Ein Mitarbeiter der Stuttgarter Galerie Konrad Kujau, die von Kujaus Nichte geleitet wird, verriet, Kujau habe im Gefängnis mehrere Ausgaben dieses letzten Hitler-Tagebuchs hergestellt, jedoch jedem Käufer glaubhaft versichert, es sei das einzige Exemplar. Johanna Adorján
Hoeg, Peter
Dänischer Bestsellerautor, verschwand vor zehn Jahren.
1994 erschien Peter Hoegs Roman «Fräulein Smillas Gespür für Schnee» und wurde ein Weltbestseller. 1996 gab er der dänischen Tageszeitung «Berlingske Tidende» sein letztes Interview: «Ich glaube, dass man sich von allem Materiellen befreien muss, wenn man glücklich werden will.» Dann verschwand Peter Hoeg.
Vor drei Jahren soll er auf einer Fähre nach Oslo gesichtet worden sein, vor zwei Jahren meinte ihn ein dänischer Journalist auf der Strasse in Kopenhagen erkannt zu haben. Das ist alles, was man von ihm wusste. Nicht mal sein Verleger Jakob Lambert, der seit neun Jahren auf das versprochene neue Buch wartet, kannte seinen Aufenthaltsort.
Wo ist Peter Hoeg?
Im kleinen Dorf Norre Snede in Jütland liegt die esoterische Bildungsstätte «Vækstcenteret» des dänischen Psychologen Jes Bertelsen. Ein ökologischer Bauernhof für reiche Dänen, die nach dem tieferen Sinn des Lebens suchen, sagen die Dorfbewohner mit gerümpfter Nase. Hier wurde der wichtigste dänische Schriftsteller kürzlich von einer schwedischen Journalistin gefunden. Nach der Trennung von seiner kenyanischen Frau 1996 hatte er sich auf den Hof zurückgezogen und begonnen, sein nächstes Buch zu schreiben. Es soll im Februar 2006 erscheinen. Worum es geht, weiss nicht einmal sein Verleger. Mikael Krogerus
Holocaust-Vergleichszahlung
Jüdisches Geld auf Schweizer Konten - löste die grösste politische Krise der Schweiz seit dem Krieg aus.
Im April 1995 löste eine Pressemeldung ein von der amerikanischen Regierung und dem New Yorker World Jewish Congress gesteuertes Kesseltreiben gegen die Schweizer Banken aus. Es ging um den Umgang mit jüdischen Konten, die sich während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz befunden hatten. Im August 1998 sahen sich die nicht unschuldigen Banken gezwungen nachzugeben: Sie bezahlten 1,25 Milliarden Dollar, die seither ein New Yorker Bezirksrichter verwaltet.
Mehrere Personen und Organisationen haben die Aufgabe, unter der Vielzahl der Gesuchsteller (Nachkommen von Kontoinhabern, Lebensversicherungsdestinatären, «Sklavenarbeitern» usw.) jene zu finden, deren Ansprüche plausibel sind. Im Februar 2001 und im Januar 2005 wurden zwei Listen mit Hinweisen auf Konten publiziert, bei denen nicht herausgefunden werden konnte, wem sie gehören oder an wen sie ausbezahlt worden waren.
Bis am 10. September 2005 waren an 1993 der 12 000 Gesuchsteller, auf deren Eingabe eingegangen wurde, 269 Millionen Dollar ausbezahlt worden, das heisst etwa ein Fünftel der zur Verfügung stehenden Summe. Dabei wurden jeweils entweder plausible oder dann statistisch errechnete seinerzeitige Depotbestände mit dem Faktor 12 multipliziert.
Es ist anzunehmen - und war immer anzunehmen -, dass die Vergleichssumme nicht ausgeschöpft werden wird. An wen das Geld dann geht, hat der Richter noch nicht bestimmt. Max Frenkel