NZZ Folio 10/06 - Thema: TV-Serien   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Schaulust

Von Mikael Krogerus
1983 war ein schweres Jahr. Meine Schulfreunde begannen, Serien zu schauen. Weil bei uns zu Hause ausser Tierfilmen und Sportsendungen Fernsehen für die Kinder verboten war, wurde es eng für mich auf dem Pausenhof. Sie redeten von «Colt Seavers» («hat die schönste Assistentin der Welt»), und ich lernte stumm die grausame Einsamkeit des Ausgeschlossenen. Dann lernte ich in kurzer Zeit, über Dinge zu sprechen, von denen ich keine Ahnung hatte, und verbreitete alsbald gefährliches Halbwissen über «Colt Seavers» («ist die schönste Assistentin der Welt»). Ohne je eine Serie gesehen zu haben, wusste ich, was an ihnen so faszinierend ist: Sie liefern Gesprächsstoff, sie schüren Erwartungen, sie sind anrüchig und, das sah ich an den glänzenden Augen meiner Mitschüler, sie sind offensichtlich suchterzeugend. Je mehr man davon sieht, desto besser werden sie.

Serien sind ein Spiegel unseres Lebens und unserer Art, davon zu erzählen. Während bei uns Possen wie «Lüthi und Blanc» die sonntägliche Langeweile strukturieren, haben ausgerechnet amerikanische Zuschauer begriffen, dass sie das Niveau der Unterhaltung bestimmen können, indem sie mit dem Ausschaltknopf der Fernbedienung abstimmen. Das Ergebnis dieser Konsumentendemokratie: intelligente Serien, die Kinofilme an Qualität längst überholt haben. Trotzdem hält sich das Vorurteil, Serien seien dümmliche Unterhaltung.

Es gibt einen geflügelten Ausdruck unter US-Fernsehkritikern: «to jump the shark» («über den Hai springen»). Der Begriff beschreibt den Moment, wenn eine Serie ihren Höhepunkt überschreitet. Die Wortschöpfung ist inspiriert von der Serie «Happy Days», in der die Hauptperson mit Wasserski über einen Hai springen wollte. Eine derart absurd-hilflose Drehbuchidee wurde als Zeichen gewertet, dass den Autoren die Ideen ausgehen. Der Begriff «to jump the shark» hat inzwischen die Serienwelt verlassen und ist anwendbar auf jeden Moment, ab dem eine vorherrschende Meinung überholt wirkt. Eine der führenden Gender Studies-Theoretikerinnen, Judith Halberstam, analysierte für dieses Heft Frauen serien. Als wir ihr überraschend positives Urteil vorsichtig hinterfragten, antwortete sie: «You’ve jumped the shark» – herablassende akademische Kritik an populären Themen sei unangebracht, wenn man selbst den Gegenstand der Kritik mit Freude konsumiere.


Leserbriefe:

Zu Editorial -- Schaulust - NZZ-Folio TV-Serien (10/06)

Als Fernseh- und demzufolge auch TV-Serienabstinenzlerin habe ich das letzte Folio nicht so ausführlich wie sonst gelesen. Was nach der Lektüre hängen blieb, gibt mir aber die Gewissheit, dass ich wirklich nicht viel verpasse, wenn ich auch weiterhin auf die Glotze verzichte.
Margrit Burri, Bern



Zu Editorial -- Schaulust - NZZ-Folio TV-Serien (10/06)

Das Folio zum Thema Fernsehserien hat mir im Allgemeinen sehr gut gefallen, liefert es doch Einblicke in ein millionenfach konsumiertes TV-Gut; im Besonderen fand ich Gefallen an der theoretischen Veranschaulichung. Doch scheint mir das behandelte Spektrum etwas gar eingeschränkt, weil nämlich das Phänomen Animé nicht einmal erwähnt wurde. Es handelt sich dabei zwar um Zeichentrickfilme und nicht eben klassische Schauspielerei, narrativ aber funktionieren diese sehr ähnlich wie gespielte Fernsehserien - und übertreffen jene womöglich in Betreff des "Sucht-Faktors" (aus eigener Erfahrung sprechend). Eine Analyse des weltweit um sich greifenden Animé- und Manga-Fiebers und gegebenenfalls eine Gegenüberstellung mit traditionellen Serien wäre höchst interessant gewesen. Was nicht ist, kann aber noch werden.
Marko Kovic, Wallisellen



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