NZZ Folio 03/97 - Thema: Die Briten   Inhaltsverzeichnis

Les nouveaux anglais

Fair play - Ideal oder Schwindel?

Von Clive Sinclair

OBSCHON MEIN VATER nicht gläubig war, pilgerte er zu Lebzeiten jeden Sabbat in die Liberal Jewish Synagogue. Das Gotteshaus liegt in St John's Wood, einem der ansehnlicheren Quartiere der britischen Hauptstadt, und die jüdische Gemeinde dort versteht sich (wie der Name schon sagt) als besonders weltoffen und tolerant. So tolerant, dass sie sogar unseren Innenminister Michael Howard aufnahm. Mr. Howard (geborener Hecht) ist wie mein Vater (geborener Smolinsky) ein Flüchtlingskind. Nichtsdestoweniger hat jener (der selbst unter den Rechten noch als Rechtsaussen gilt) sich mit Leib und Seele der Einwanderungsbeschränkung verschrieben. Kürzlich hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Flüchtlinge in «echte» und «scheinbare» Asylsuchende unterteilt. Fortan soll nur noch die erstere, kleinere Gruppe ins Land gelassen werden.

Mit dieser neuen Unterscheidung hat Michael Howard nicht nur sein jüdisches Erbe verraten (die Gastfreundschaft gegenüber Fremden), sondern auch die britische Tradition der bereitwilligen Aufnahme von Dissidenten. August Strindberg hat einmal einen Essay mit dem Titel «Mein Antisemitismus» geschrieben, in dem er das übertriebene Schwedentum mancher assimilierter Juden satirisch aufs Korn nahm. Man könnte Strindbergs Beobachtungen ohne weiteres auf Michael Howard übertragen und ihn als «scheinbaren» Engländer apostrophieren, aber das wäre nicht korrekt. Denn er ist ein geradezu archetypischer nouveau anglais, ein Selfmademan, der seine Herzensleidenschaften ganz und gar den politischen Zielen unterordnet.

Mein Vater hasste die Tories, und ich bin stolz, dieses Vorurteil von ihm geerbt zu haben. Er zählte die Tage bis zur nächsten Parlamentswahl und der voraussichtlichen Niederlage der Konservativen. Er wird den Tag jedoch nicht mehr erleben. Er starb noch im letzten Jahr und wurde am Freitag, dem dreizehnten Dezember, beigesetzt. Es schien mir nur recht und billig, am folgenden Tag in seine Synagoge zu gehen und, wie es unsere Tradition verlangt, das Kaddisch für sein Seelenheil zu sprechen. Das Kaddisch ist eher ein Lobgesang als ein Klagelied und kulminiert weniger in Verzweiflung als in Hoffnung: «Möge der Allmächtige, Quelle vollkommenen Friedens, Frieden schenken, uns und ganz Israel und der ganzen Menschheit, und so lasset uns sagen, Amen.» Doch darauf, fürchte ich, werden wir noch lange warten müssen.

Mein Vater, von Haus aus ein bescheidener Mann, hat nie auf den vollkommenen Frieden gewartet; ein wenig soziale Gerechtigkeit hätte ihm vollauf genügt. Er ist in den dreissiger Jahren gross geworden, als es noch Dinge gab, für die zu kämpfen sich lohnte: die Neger in Alabama, die Republik in Spanien, die Arbeitslosen zu Hause und die Juden fast überall in der Welt. Für seine Religionsgenossen in Grossbritannien trat die Gefahr in Gestalt von Sir Oswald Mosley und seinen Schwarzhemden auf den Plan. Am 4. Oktober 1936 führte dieser Ritter der Finsternis seine rassistischen Gefolgsleute an die Tore des Londoner East End (damals wie heute eine Wohngegend von Einwanderern). Mein Vater und seine Genossen (es waren keineswegs nur Juden) postierten sich an der Kreuzung von Cable und Leman Street und begannen den von ihren spanischen Helden übernommenen Kriegsruf «No pasaran» zu singen. Die berittene Polizei versuchte in mehreren Attacken ihre Linien zu durchbrechen. Mancher Schädel wurde dabei eingeschlagen, doch vergeblich. An diesem denkwürdigen Tag kamen die Faschisten nicht durch.

Seither sind neue verlogene Weltanschauungen aufgekeimt, und während ich mit dem Gebet fortfuhr, klang mir eine berühmte Jeremiade im Ohr: «Weshalb gedeihet der Weg der Bösen? Weshalb sind all jene gesegnet, deren Taten betrügerisch sind?» Jeremias Bemerkungen treffen heute noch zu; die Frommen jedenfalls haben die Erde nicht bekommen. Im Gegenteil, Plünderfirmen, Vermögensschleicher und Börsenpiraten, die über die Aktienmärkte dieser Welt herfallen wie einst die Seeräuber in der Karibik über spanische Galeonen, werden uns als Leitbilder präsentiert. Und je mehr es davon gibt, so will man uns weismachen, desto besser geht es am Ende der ganzen Gesellschaft. Nicht etwa durch progressive Besteuerung (Gott behüte!), sondern durch eine Form von Osmose, die zu vage ist, als dass man sie gesetzlich festschreiben könnte, und die man den «Durchsickereffekt» nennt. Mit anderen Worten, die Reichen erleichtern Blase und Gewissen gleichzeitig, indem sie die Armen mit Goldwasser bepinkeln.

Ihnen haben wir es zu verdanken, dass Britannien inzwischen weltweit als Löwe Europas anerkannt wird. Aber von wem? Von mir nicht. Ich habe vielmehr die schwermütige Miene und den mottenzerfressenen Pelz jenes von Bert Lahr dargestellten, mutlosen Löwen aus dem «Wizard of Oz» vor Augen, der dem wahren Gesicht des britischen Arbeiters viel näher kommt: ein majestätisches Kostüm, das der traurigen Wirklichkeit spottet. In Wahrheit ist die britische Arbeiterklasse nämlich überflüssig, nationalökonomischer Ausschuss. In früheren Zeiten wurde sie von den ortsansässigen Kapitalisten gebraucht oder von der Armee, die ein Weltreich zu erobern hatte. Aber jetzt stehen die Fabriken still, die Kolonien sind unabhängig, und das Lumpenproletariat hat keine Daseinsberechtigung mehr.

Das Rollenangebot für die hauseigenen Proletarier ist weder besonders vielfältig noch attraktiv: Wenn sie schon arbeitslos sind, können sie höchstens noch Bettler, alleinerziehende Mütter, Fussballhooligans, Strassendiebe, Säufer oder Junkies werden. Die Regierung hat ihre Hände von den meisten sozialen Verpflichtungen reingewaschen und schickt sich nun an, die Armut zu privatisieren, um sich dieser Last und Peinlichkeit, dieses nationalen Schandflecks zu entledigen. Statt also die Neureichen zu zwingen, einen Teil ihrer Profite fürs Gemeinwohl abzuzweigen, verlässt sie sich auf Investoren aus dem Ausland und schickt die Armen in die innere Emigration, wo sie sich in Mini-Koreas oder Mini-Japans als Sklaven verdingen.

Vielleicht liegt ja auch eine höhere Gerechtigkeit in der Tatsache, dass unsere - ungelernten, aber stubenreinen - Arbeiter von den Tigerökonomien Südostasiens inzwischen als billige Arbeitskräfte angesehen werden. Aber das wäre schon eine Gerechtigkeit auf kosmischer Ebene und hätte herzlich wenig mit irdischer Fairness zu tun, mit der Vorstellung, dass die Schwachen vor der Habgier der Starken beschützt werden müssen. Es entspricht jedoch der Philosophie der zeitgenössischen Tories, die voller Inbrunst an die ausgleichenden Kräfte der Marktmechanismen glauben. Die Folge davon ist (wer hätte das gedacht!), dass die Armen ärmer werden und die Reichen reicher. Hunderttausende von Kindern leben heute unter der Armutsgrenze, sind unterernährt, untergewichtig und leiden an Krankheiten wie Rachitis, Anämie und Tuberkulose. Man sollte eigentlich meinen, solche Gegensätze widersprächen dem englischen Credo des Fair play, das zu den Eckpfeilern des nationalen Selbstbilds gehört.

Zufälligerweise liegt der klassizistische Portiko der Liberal Jewish Synagogue gegenüber einem anderen quasireligiösen Gebäude, dem Haupteingang des Lord's Cricket Ground, dem wichtigsten Symbol jener Sportart, die als der Inbegriff altehrwürdiger englischer Tugenden gilt. Diese sind buchstäblich in Stein gehauen an der Stadionmauer zu besichtigen: An der Ecke St John's Wood Road befindet sich ein grosses Relief, das entfernt an die prachtvollen Friese in den Palästen des alten Assyrien erinnert.

Auf dem Relief marschieren Sportsleute in schöner Prozession von links nach rechts durch das Bild. Zuerst sieht man ein Paar in Tenniskleidung, dann ein Golferpaar, es folgen Cricket-Spieler, Fussballer, Ruderer und Schwimmer. Sie alle sind im Profil zu sehen und ihrer Sportart entsprechend gekleidet. Im Zentrum der Komposition jedoch, frontal dem Betrachter zugewandt, steht ein athletischer Bursche, die Lenden von einem Tuch umhüllt. Zu seinen Füssen kniet ein weiterer Cricket-Spieler, der zur Ehrerbietung horizontal sein Schlagholz ausstreckt, als wolle er damit die klassische Herkunft seiner Ideale unterstreichen. Diese wiederum findet man am oberen Rand des Frieses ausbuchstabiert: «Spiel auf, spiel auf, dein Spiel ist dran.» Das Relief wurde 1934 von Gilbert Bayes entworfen. Es war die Zeit, als der Vorwurf «It's not cricket» (Du spielst nicht fair) so ziemlich die schlimmste Beleidigung war, die ein Gentleman einem anderen an den Kopf werfen konnte. Die Welt war so weiss wie Pastmilch, und das Weiss des behauenen Steins stand in krassem Gegensatz zu Mosleys Schwarzhemden. Doch auch die Arbeiterklasse (seinerzeit noch nützlicher als heute, wenngleich schon damals kulturell bedeutungslos) spielt in dem Inselidyll keine Rolle. Das spricht nicht unbedingt gegen Bayes. Als Bildhauer arbeitete er lange mit Royal Doulton zusammen, einer Steingutmanufaktur, die jene farbigen Kacheln produzierte, mit denen Bayes ein wenig joie de vivre in die Wohnsilos der Armen zu bringen versuchte. Man kann nur hoffen, dass sie es ihm gebührend dankten. Kurzum, die Illusion einer friedvollen Nation konnte nur aufrechterhalten werden, indem man ein Auge fest verschloss.

Als unser Premierminister England neulich als das Land warmen Bieres und dörflicher Cricket-Spiele bezeichnete, beschwor er jenes halb paradiesische Inselreich herauf, das bereits 1934 verloren war. Es existiert schon lange nicht mehr, doch die Erinnerungen haben ein um so längeres Leben. Und so kommt es, dass John Major noch heute «ein ebenes Spielfeld» fordert, um seine politischen Kämpfe auszufechten. Man beachte, nebenbei bemerkt, die Wahl des Wortes «Spielfeld» anstelle des proletarischen «Sportplatzes». Nimmermüde beteuert er, dass Britannien sich an die Regeln der Europäischen Union hält, während die arglistigen Ausländer (die von Cricket keine Ahnung haben) die Spielregeln nach Belieben verändern. Mit anderen Worten, seine Gegner sind allesamt Falschspieler, die das Spielfeld auf ihre Seite neigen und die unschuldigen Briten fernab der Heimat über den Tisch ziehen wollen. «Das ist nicht fair!» beklagt sich unser Premierminister wie ein trotziges Kind. Unnötig zu sagen, dass dies Quatsch ist. Die Tories haben die Spielregeln längst über Bord geworfen und ergehen sich in nostalgischen Platitüden, um ihren Schmalspur-Machiavellismus zu vertuschen. Das Spiel heisst Realpolitik und ist schmutzig.

Es gibt keine Sportart, die ihre Unschuld bewahrt hätte. Als Pakistan unlängst die englische Cricket-Mannschaft besiegte, beschuldigte man die pakistanischen Werfer, sie hätten unsere Schlagmänner mit gezinkten Bällen ausgetrickst. Imran Khan, der Kapitän der pakistanischen Mannschaft, revanchierte sich, indem er mehrere englische Spieler des Betrugs bezichtigte, darunter Ian Botham, der darauf seinerseits eine Verleumdungsklage anstrengte. Der Fall beschäftigte einige Tage lang die Zeitungen und führte zu überraschenden Bündnissen. Obwohl Khan aus Pakistan stammt, ist er doch ein hellhäutiger Aristokrat mit einer Ausbildung auf englischen Privatschulen und in Oxbridge - in einem Wort: ein Gentleman. Demgegenüber ist Botham ein Held der Arbeiterklasse mit dürftiger Schulbildung und vulgärem Äusserem. Sein Spitzname lautet Beefy. In diesem Fall ergriff das angelsächsische Establishment die Partei des wortgewandten und dezent gekleideten Khan. Offenbar waren die Vorurteile gegen das Volk grösser als die Abneigung gegen nicht ganz porentief weisse Ausländer. In England triumphiert Klasse allemal über Rasse. Botham hat seinen Prozess übrigens verloren.

Die Farce vor Gericht hat überdies deutlich gemacht, dass die alte Verwerfungslinie im Cricket zwischen Gentlemen (die, da vermögend, das Spiel um des Spiels willen betreiben) und sogenannten Spielern (die für ihre Leistung entlohnt werden) nicht etwa aus der Welt geschafft, sondern lediglich verschüttet war. In Wirklichkeit beherrscht diese Trennung bis heute das Leben in England. Die Klasse der Reichen, die sich im Oberhaus und in den Londoner Clubs tummeln, führt ein Leben ohne Berührungspunkte mit den unteren Schichten. England ist bis heute das geistige Zentrum einer sozialen Apartheid geblieben.

Margaret Thatcher, die Jeanne d'Arc der nouveaux anglais, verachtete zwar die vertrottelten Lords und feinen Pinkel, die nichts für ihre Privilegien getan hatten, als in der Wiege reicher Eltern aufzuwachen, aber die Revolution, die sie anzettelte, hat an den gesellschaftlichen Strukturen nicht das Geringste geändert. Die Bollwerke der Privilegien stehen so fest wie eh und je. Weit davon entfernt, die Mauern einzureissen, haben ihre Jünger sich damit begnügt, sich selbst Zutritt zu verschaffen. Alles wurde im Namen des Individuums getan, nichts im Namen des Gemeinwohls. Die Zahl der Privatschulen und der Privatkliniken hat sich vervielfacht, und der Glaube, dass staatliche Dienstleistungsunternehmen - insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen - nur einen zweitklassigen Service bieten, hat sich in allen Köpfen festgesetzt.

Während die oberen Klassen ihren Wohlstand noch dem günstigen Stern zu danken wussten, unter dem sie geboren waren, halten die nouveaux anglais ihren sozialen Aufstieg für das Ergebnis moralischer Überlegenheit. In ihren Augen ist Armut nur das sichtbare Anzeichen eines geistig-sittlichen Bankrotts. Die meisten Armen sind (wie fast alle Flüchtlinge) «Simulanten» und verdienen eher Verachtung als Sympathie. Am besten, man lässt sie in ihren kriminalitätsverseuchten Wohnsiedlungen, Gesamtschulen und Staatskrankenhäusern vergammeln. Schliesslich haben sie die irdische Hölle verdient. Das Prinzip der unmittelbaren Vergeltung hat eine quasireligiöse Weihe erlangt; das Jenseits mit seinen Belohnungen und Strafen winkt bereits hier und jetzt auf Englands schöner, grüner Insel. Das Gerede von Fair play war schlimm genug, aber die selbstgerechten Töne unserer Regierung und ihrer Günstlinge sind noch unerträglicher. Ich überquere St John's Road und finde erneut im Tempel Zuflucht. Es bleibt mir nur eine Frage: «Wie lange noch, o Herr, wie lange?»

Clive Sinclair, Schriftsteller, lebt in St Albans, Herts. Zuletzt erschien von ihm «The Lady With the Laptop» (Picador 1996).


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.