NZZ Folio 07/09 - Thema: Abfall   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Des Rappers Segelschuh

© Patrick Rohner, Zürich
Bootsschuh 2-Eye, Rindsleder, Timberland, 199 Franken. Linktext
Anfang der 1980er Jahre trugen vor allem Popper die Bootsschuhe von Timberland. Heute tragen sie auch Rapper. Die nennen sie «Timbs» und machen sie für Junge  wieder attraktiv.

Von Jeroen van Rooijen

Vor einem Vierteljahrhundert waren die Bootsschuhe von Timberland letztmals richtig hip. Damals gehörten die Freizeitmokassins zur Ausrüstung jedes Poppers, zusammen mit Rüeblihose, Fio­rucci-Pullover und blondiertem Seitenscheitel. Über Italien gelangten die Bootsschuhe Anfang der 1980er nach Europa – und blieben dort bis zum heutigen Tag. Die Popper («Sehen und gesehen werden ist des Poppers Glück auf Erden») sind inzwischen ausgestorben, sie haben sich nach 1986 zu Yuppies und schliesslich zu Familienvätern entwickelt. Doch die Schuhe von Timberland tragen sie noch immer gern. Auch bevorzugen neuerdings einige US-Rapper «Timbs», was sie für die junge Generation wieder attraktiv macht.

Der Erfolg des Bootsschuhs hängt mit der «Casualisierung» der Alltagsgarde­robe zusammen. Eine klare Vorstellung davon, was für arbeitstätige Menschen schickliche Kleidung ist, gibt es nicht mehr. Da kam ein Schuh, der zwar an einen «korrekten» Schnürschuh erinnert, praktisch aber wie ein Slipper an- und ausgezogen wird, gerade recht. Weil der Bootsschuh also ein Bastard ist, eine Kreuzung aus Loafer und Indianermokassin, wird er bis heute von den meisten Standardwerken zu Stil und Eleganz mit keinem Wort gewürdigt.

Für die 1973 unter dem Namen Timberland gegründete Marke, deren Ursprünge bis 1918 zurückreichen, waren die Bootsschuhe ein Geschenk des Himmels. Die in Stratham, New Hampshire, ansässige Firma wurde zu einem Konzern, der über 5000 Menschen in aller Welt beschäftigt und auch Bekleidungs­linien produziert. Und inzwischen ethische und ökologische Massstäbe bei der Produktion von Kleidung und Accessoires anlegt. Mit einem «Nutrition Label» zeigt die Firma an, welche Auswirkungen ein Produkt auf die Umwelt hat. Timberland will sich als Marke für jene positionieren, die einen bewussten Lebensstil anstreben. Ziel ist es, 2010 eine CO2-neutrale Energiebilanz zu haben, weitgehend rezyklierbare Produkte unter fairen Bedingungen herzustellen.

Der hier zerlegte «Bootsschuh 2-Eye» ist der Klassiker der Timberland-Kollektion. Er wird in der Dominikanischen Republik «aus importierten Komponenten» (Echtlederschaft, Gummisohle, synthetische Einlegesohle mit Fussbett) genäht. Basis ist eine zweifarbige Kunststoffsohle, deren rutschfeste und profillose Lauffläche weiss ist, damit sie an Deck einer Jacht (wo der Schuh ursprünglich verwendet wurde) keine Streifen hinterlässt. Der aus wasserabweisend ausgerüstetem, vollnarbigem Rindsleder geschnittene Schaft des Schuhs ist unter dem Fuss nahtfrei und wird wie eine «Wanne» auf dieser Sohle festgenäht. Erst dann wird die Zehenpartie mit markanten, von aussen gut sichtbaren Stichen festgenäht und mit der Schnürung verbunden. Die Schuhbändel verlaufen von den vier Ösen durch Tunnels um den Fuss, was dem Träger theoretisch erlauben würde, den Schuh um die Ferse herum festzuziehen. Praktisch ist dieses Detail heute aber nur noch Dekoration.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.




Leserbriefe:

Zu Zerlegt -- Des Rappers Segelschuh - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Ich muß meinem Vorredner recht geben: Docksides von Sebago sind der Klassiker unter den Bootsschuhen. Da ich aus Kiel (Ostseeküste Schleswig-Holsteins) komme, ist das Thema Wassersport nicht weit weg, in den hier ansässigen Wassersportfachgeschäften gibt es die Docksides heute noch.
Moritz Jaeckle-Emara, per E-Mail




Zu Zerlegt -- Des Rappers Segelschuh - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Da zerlegts den, der schon vor 30 Jahren hippe Schuhe trug, vor Freude! Des Rappers Schuster mag ja Timberland sein und er hat endlich vernünftige Schuhe, aber der Popper der frühen 1980er Jahre, der wirklich drauskam, trug Docksides von Sebago! Die ersten Docksides wurden 1970 verkauft und entwickelten sich etwas später zum Hit in Saint-Tropez und Konsorten. Meine Lieblingslektüre war damals, „Vogue Homme“ und „Vogue Homme Sport“, in deren Frühlings- und Sommernummern immer Docksides von Sebago an prominenter Stelle vorkamen. Leisten konnte ich mir die Dinger nicht, bereits die genannten Modezeitschriften belasteten mein Taschengeldbudget über Gebühr - ich erhielt ein Paar dreifarbige Docksides 1980 vor der RS geschenkt! Später hatte dann wirklich jeder von Carouge bis Arbon Timbis an den Füssen, und der Markenname bekam einen enormen Bekanntheitsgrad. Wohl auch deshalb sind Docksides heute in der Schweiz eher selten erhältlich, aber es lohnt sich, das Original aufzutreiben!
Manuel Stettler, per E-Mail




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