NZZ Folio 05/05 - Thema: Computerspiele   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Der potente Käfer

Von Herbert Cerutti

Der metallisch grün glänzende Käfer hat es in sich: Fühlt sich das (fälschlicherweise) Spanische Fliege genannte Insekt Lytta vesicatoria aus der Familie der Ölkäfer bedroht, drückt es durch die dünne Haut an den Beingelenken orangerote Tropfen heraus. Mit solchem Reflexbluten warnt das Tier seine Feinde. Denn die aus Blut und Lymphe bestehende Körperflüssigkeit (Hämolymphe) des Käfers schmeckt nicht nur übel, der Gehalt an Cantharidin macht sie zum gefährlichen Cocktail. Selbst grosse Tiere wie Pferde und Rinder können nach dem versehentlichen Verschlucken des Käfers an schweren Koliken erkranken und sogar verenden. Lytta vesicatoria lebt in warmen, trockenen Gegenden Mittel- und Südeuropas.

Fledermäuse, Igel und einige Vogelarten vertilgen allerdings den Giftkäfer mit Genuss. Sie haben einen Abwehrmechanismus, der es ihnen erlaubt, das Gift unbeschadet auszuscheiden.

Ein anderer Käfer stellt das Gift des Kollegen sogar in den eigenen Dienst. Männchen aus der Familie der Feuerkäfer fressen den Ölkäfer und mischen das Cantharidin ihrem Sperma bei. Indem das Feuerkäferweibchen nach der Begattung das Gift in die Eier einbaut, ist die Brut gegen Ameisen und andere Fressfeinde gewappnet. Damit sie auch tatsächlich das begehrte Gift bekommt, testet die Braut vor der Hochzeit den Freier: Das Männchen hat auf der Stirn eine Furche, aus der nach der Ölkäfermahlzeit kleine Mengen von Cantharidin ausgeschieden werden. Nur wenn das Weibchen beim Belecken der Furche Cantharidin findet, lässt es sich begatten.

Bekommt der Mensch den Ölkäfersaft auf die Haut, entstehen schmerzhafte Blasen. Deshalb nannte man das Insekt auch Blasenkäfer und verordnete es im Altertum als Pulver gegen Schlangenbisse, Wassersucht und Epilepsie. Im Mittelalter war der Ölkäfer als Arznei gegen Tollwut, Krebs, Lepra, Unfruchtbarkeit und als harntreibendes Mittel beliebt, dies führte im deutschen Sprachraum zur Bezeichnung Pissekäfer. Cantharidenpulver wurde als Blasen- oder Zugpflaster noch bis in unsere Zeit zum «Ableiten» von Rheuma, Arthritis, Nervenschmerzen sowie für einen besseren Haarwuchs eingesetzt.

Heute verwendet man Cantharidin nur noch in der Homöopathie oder in der Tiermedizin. Die Substanz kann auf der Haut tiefe Nekrosen verursachen. Eingenommen verursacht das Gift Verätzungen in Magen und Darm, schädigt die Nieren und führt zu Kreislaufkollaps. Schon eine Dosis von 30 Milligramm kann tödlich wirken.

Eine Form der Wirkung hat allerdings schon früh sämtliche Nachteile von Cantharidin vergessen lassen. Da die Spanische Fliege die Schleimhäute der Harnblase und die Harnröhre reizt und zu einer zwar schmerzhaften, aber imposanten Erektion führt, avancierte der Stoff zum legendären Vorläufer von Viagra. Der Herr gab die spanische Fliege, getrocknet und zum Pulver zerrieben, als Potenzmittel in seinen Wein oder mischte der Dame die geil machende Droge heimlich ins Essen.

Die Spanische Fliege wurde im 18. Jahrhundert zum bevorzugten Aphrodisiakum. Als «Diavolini di Napoli» oder «Pastilles à la Richelieu» gehörten Cantharidenpillen zur Grundausrüstung des Lebemanns. Marquis de Sade war auch im Umgang mit der Spanischen Fliege zügellos. Nachdem er durch heimlich verabreichte Überdosen mehrere Prostituierte vergiftet hatte und an einem Ball die Gesellschaft mit präparierten Schokoladenbonbons in sexuelle Fahrt bringen wollte, verurteilte ein Marseiller Gericht den Wüstling 1772 zum Tode.

Im 19. Jahrhundert fand die Spanische Fliege den Weg in die Bürgerstuben. Ein Hauskalender von 1856 rät: «Man gebe nicht zu viel dazu, sonst wird das Weibsbild verrückt.» Um 1870 soll auf dem Stuttgarter Wochenmarkt die Spanische Fliege gleich kiloweise gehandelt worden sein. Da die stark erotisierende Dosis von Cantharidin nahe an der tödlichen liegt, erlitten zahlreiche Männer in den Armen ihrer Geliebten den Vergiftungstod.

An den Höfen der letzten spanischen Habsburger soll ein gezieltes Überdosieren des Liebestranks zum düsteren Repertoire der Intriganten gehört haben. Die hohe Giftigkeit liess die Spanische Fliege schliesslich aus dem Erotikmarkt verschwinden. Im Orient allerdings soll es nach wie vor Geniesser geben, die Haschisch mit Cantharidin mischen und so dem Rausch eine sexuelle Note geben.


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