ANDREAS REINHART, 1944 in New York geboren, steht seit 1985 an der Spitze der 150-jährigen Winterthurer Firma Volkart, die mit Kaffee- und Baumwollhandel gross geworden ist. Reinhart hat das Unternehmen in der fünften Generation übernommen und grundlegend umstrukturiert. Heute beteiligt sich die Firma - www.volkart.ch - an Unternehmen, die eine ökologische und sozial verantwortungsvolle Geschäftspolitik betreiben. Reinhart ist auch Kulturmäzen.
Andreas Reinhart, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.
Wie ich aufwuchs? Ganz normal. Aber eigentlich wachse ich immer noch.
Ja?
Aber ja. Ein grösserer Mensch zu werden, als man ist, das ist doch ein sehr redliches Ziel. Ich suche Sinn im Leben. Sie nicht?
Wo suchen Sie?
Zum Beispiel mache ich Zen-Meditation. Ich versuche, besser zuzuhören.
Das hilft?
Das hilft. Es gibt ja Leute, auf die ich einen gestressten Eindruck mache. Aber ich glaube, die verstehen Stress nicht. Wenn man schnell ist und ein bisschen spontan und in seinen Bewegungen einigermassen zackig, hat das doch nichts mit Stress zu tun.
Sie haben eine grosse Liebe zu Indien. Immer wieder zieht es Sie dorthin.
Das hängt mit meiner Familiengeschichte zusammen. In Indien kannte früher jedes Kind Volkart. Alle meine Vorfahren lebten einmal da, ich war 19 bei meiner ersten Indienreise. Hesses «Siddhartha» war Maturalektüre und fesselte mich schwer. Das Buch hat mein Indienbild geprägt. Dass Hesse selber offenbar gar nie in Indien war, habe ich erst später erfahren.
Was beeindruckt Sie denn so sehr?
Indien kann man nicht beschreiben. Indien muss man erleben. Es gibt grossartige Menschen dort. Vor allem die Frauen sind von einer bewundernswerten Kraft. Indien ist ein Land mit einer 5000-jährigen Kultur, die der westlichen schon in vielem überlegen war. An der Oberfläche mag sich das städtische Indien heute stark verändern, sich amerikanisieren, mcdonaldisieren. Aber die Spiritualität der Leute ist tief verwurzelt.
Sie lassen gerne das «I-Ging» für sich entscheiden.
Was den chinesischen Kaisern wichtig war, kann auch für mich Bedeutung haben. Der Entscheid etwa Anfang der Neunziger, ob wir das Cinemax in Zürich verkaufen sollten oder nicht, kam mit Hilfe des «I-Ging» zustande. Mein Hexagramm hiess «departing», was wir als Trennung interpretierten. Also verkauften wir.
Nein!
Warum auch nicht? Klar hatten wir vorher unsere Analysen gemacht. Das «I-Ging» diente der Bestätigung. Ich lasse mir manchmal auch Tarotkarten legen und gehe aus Neugier zu Wahrsagerinnen. In Dharamsala gab es eine alte Frau, die ihre Aussagen in Trance machte. Das wollte ich auch erleben und testete sie mit einer Pseudofrage. Die Wahrsagerin fiel nicht in Trance, sie wurde nur krebsrot und beschimpfte mich. Zu Recht. Mein Verhalten war im Grunde respektlos. Sie verlangte, dass ich von einem Mönch 100 000 Gebete ausführen lasse.
Und? Kam Sie das teuer zu stehen?
Wir handelten den Preis herunter.
Sie wurden reich geboren. Geldprobleme werden Sie nie kennen.
Das kann auch ein Problem sein.
Was braucht man denn für ein Karma, um reich geboren zu werden?
Wie gesagt, die Frage ist, ob das so erstrebenswert ist. Zwischen Glück und Geld besteht nicht notwendig eine Beziehung. Viele Geschichten reicher Familien sind Buddenbrooks-Geschichten. Schwächlichkeit, Übermut, Grössenwahn drohen. Man kann die Bodenhaftung verlieren.
Sie sind am Boden geblieben?
Dank meiner französischen Frau, die anders aufwuchs als ich. Oft heiraten Reiche ja wieder Reiche. So vermehrt sich zwar das Geld, der Horizont der Leute aber wird eng und enger.
Welche Rolle spielt Geld unter Ihresgleichen?
Jetset und so? Weiss ich nicht. Diese Welt interessiert mich herzlich wenig.
Sie sind oft umgeben von Leuten, die Geld wollen von Ihnen. Wie unterscheiden Sie Schmeichler von Nichtschmeichlern?
Ich lasse mich gerne begeistern. Und manchmal begeistere ich mich halt auch für Menschen, die sich dann als unfähig oder unehrlich herausstellen.
Wofür geben Sie Geld aus?
Ich bin nicht der Zürcher Zwinglianer, der immer auf Understatement macht. Ich liebe schöne Dinge. Diese Schuhe zum Beispiel kaufte ich vor dreissig Jahren in New York. Sie haben schon viel erlebt. Zum Beispiel mal einen Nachtmarsch auf der Autobahn von Zürich nach Winterthur. Der letzte Zug war weg, die Wette attraktiv . . . Das Resultat? Löcher in der Sohle und ein kräftiger Kater.
Die Schuhe sehen wirklich beeindruckend aus.
So schön wie diese Schuhe möchte ich auch altern können.