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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

Papa, wo ist der Presslufthammer?

© Reto U. Schneider
Tim hat seine eigene Vorstellung von einem Vogelhaus. Linktext
Vom Versuch, mit einem Vierjährigen ein Vogelhaus zu bauen.

Von Reto U. Schneider

Als sich meine Eltern kurz vor Weihnachten nach einem passenden Geschenk für Tim erkundigten, schlug ich ihnen einen Werkzeugkasten vor. Das lag nahe, denn wie jeder Vierjährige ist auch mein Sohn ein Fan von «Bob dem Baumeister», der britischen Fernsehserie rund um den Bauarbeiter Bob und seine sprechenden Baumaschinen.

Die Begeisterung der Kinder für Bob war auch der Spielzeugindustrie nicht entgangen, und so wäre es das Einfachste gewesen, meinen Eltern den Werkzeugkasten Deluxe «Bob der Baumeister» für 34 Franken 90 zu empfehlen. Aber das konnte ich meinem Vater, einem gestandenen Mechaniker mit Meisterprüfung, nicht antun. Es war eine Frage der Familienehre, dass sein Enkel nie mit einem Plastic-Hammer Plastic-Nägel in Plastic-Bretter schlagen würde.

Nach längerer Diskussion über die Eignung von Teppichmessern für Vierjährige machte sich mein Vater also auf, für Tim einen Werkzeugkasten zusammenzustellen: Hammer und Säge, Schraubenzieher und Wasserwaage, Seitenschneider und Winkelzange, Leimklemmen und Rollmeter. Es sollte Tim an nichts fehlen. Selbst ­einen gelben Bauhelm für Kinder trieb mein Vater auf und beklebte ihn mit dem offiziellen Logo von Bob dem Baumeister. Die Begeisterung am Weihnachtsabend war gross und klang auch in der Nacht nicht merklich ab. Jedenfalls stand Tim am nächsten Morgen um sechs noch im Pyjama – den Helm auf dem Kopf, die Werkzeugkiste unter dem Arm – vor unserem Bett. Das gemeinsame Initia­tionsbasteln von Vater und Sohn stand kurz bevor. Doch was sollte es sein? Waren wir zu Ritterburgen und Seifenkisten auserwählt oder zu Schlüsselbrettchen und Topfuntersätzen? Ich schlug Tim ein Vogelhaus vor. Es schien mir, was den Schwierigkeitsgrad anging, angemessen, zudem mag Tim Tiere – wenn auch Elefanten lieber als Vögel. Doch für einen Elefantenunterstand reichte das Holz nicht.

Die Freude über meinen Vorschlag war gedämpft. Als Tim einen Moment später fragte, warum in seinem Werkzeugkasten der Presslufthammer fehle, wurde mir klar, wie weit unsere Vorstellungen eines Vogelhauses auseinanderlagen. Und schuld daran war Bob. Für einen Vierjährigen, der jeden Abend zuschaut, wie ein Bauarbeiter in zehn Minuten Windmühlen und Aussichtstürme baut, ist ein Vogelhaus kein würdiges Bauobjekt. Unverdrossen zeichnete ich einen Plan: ein Brett unten, vier Stützen, ein Brett oben. Das sollte in zehn Minuten hinzukriegen sein, und auch ästhetisch überzeugte der Entwurf. Wenn Le Corbusier je ein Vogelhaus gebaut hat: so muss es ausgesehen haben.

Jetzt war aus pädagogischer Sicht der perfekte Zeitpunkt, meinem Sohn die Nützlichkeit eines Plans näherzubringen. Doch Tim war mit seiner Werkzeugkiste schon auf dem Weg in den Keller, und mir fiel ein: Bob zeichnet keine Pläne. Bob baut Sonnenblumenölfabriken und Seetangtrocknungstunnels, ohne je auch nur auf eine Skizze zu blicken. Ich kann mich nur an eine einzige Folge erinnern, in der Bob etwas zu Papier brachte: Es war der Überbauungsplan für ein ganzes Tal. Eigentlich müsste jede «Bob»-DVD ein Warnsiegel tragen: «Achtung, in diesen Filmen erfolgt keine realistische Darstellung handwerklicher Tätigkeiten.»

Im Keller kam es, wie es kommen musste. Tim zeigte nicht das geringste Interesse, in die Arbeit am Vogelhaus eingebunden zu werden, vielmehr verlangte er ultimativ die Herausgabe des Brettchens, das ich als Dach benötigt hätte. Bob nimmt keine Anweisungen entgegen, dachte ich mir und gab ihm das Brettchen.

Als ich ohne weitere Integrationsversuche an meinem Vogelhaus werkelte, bemerkte ich, wie Tim hin und wieder verstohlen zu mir herüberblickte. Nachdem ich die Ecke des Bodenbretts abgesägt hatte, liess er eine kurze Schamfrist verstreichen, bevor er mich bat, ihm zu helfen, die Ecke bei seinem Brett abzusägen. Bald war ich es, der seinen Anweisungen folgte: hier einen Nagel einschlagen, dort ein Loch bohren, einen Draht um die Holzleiste wickeln, Leim auftragen. Aus Gründen, die mir rätselhaft blieben, bestrich er das Ganze noch mit Olivenöl, bevor er es anmalte und mit Karton beklebte.

Tims Bastelarbeit mag wenig Ähnlichkeit mit einem traditionellen Vogelhaus haben, und auch ein Vogel hat sich nie in seiner Nähe blicken lassen, als wir das Ding auf den Balkon stellten. Aber ich schwöre: Es ist das schönste Vogelhaus, das die Welt je gesehen hat. Bob sei Dank!

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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