NZZ Folio 03/95 - Thema: Mit den Augen   Inhaltsverzeichnis

Der Guck durchs Glas

Der lange Weg der Brille.

Von Ulrich Holbein

ES WAREN ZWEI KÖNIGSKINDER, die hatten einander so lieb, das eine hiess Auge, das andre hiess Welt. Das eine hätte den überbunten Überfluss des andern gern liebevoll in sich eingesaugt, das andere kam dieser Bestrebung durchaus entgegen, aber irgendwie konnten sie nicht richtig zueinanderkommen, das eine zum andern, das blinzelnde Auge zur verschwommenen Welt und umgekehrt. Denn zwischen ihnen, da lag eine Kluft, und die hiess Kurzsichtigkeit.

So wandte sich das Auge an den heiligen Fridolin, den Schutzpatron der Schwach- und Fehlsichtigen, und der überreichte ihm ab dem 13. Jahrhundert einen klösterlichen Lesestein, ab dem 14. Jahrhundert eine norditalienische Nietbrille, ab dem 15. Jahrhundert eine Bügelbrille mit Bleiring zum Festhalten der Gläser.

Sofort jauchzte das Auge auf, angesichts all der niedlichen Riesendetails, die es in der gestochen scharfen Welt erblicken und bewundern durfte. Statt die grüne Einheitsmasse der Wälder gab es nun jedes Blättchen ausziseliert, wie gemalt von Altdorfer. Man konnte sogar kleine Häuser erkennen, niedlich wie Streichholzschachteln. Doch stand halt immer ein störendes Element daneben, mal mit Haltestiel, mal ungestielt, mal aus Leder, mal aus Plättmühldraht, mal aus Kuhhorn, stets präsent, als Drittes im Bund zwischen dem Auge und der Welt, ein gläserner trockener Störfaktor.

Das Auge klagte: «Du lenkst mich ab von der Welt. Ich muss dauernd an dich denken.» Die Brille zuckte nur die Achseln: «Guck durch mich durch, und vergiss mich.» Nebenan im Orient gab es zwar auch eine Schiebewand, die sich zwischen Ich und Welt drängte und die Pärchen auseinander hielt, doch war es halt ein Unterschied, ob Scheherazade einen galanten Schleier fallen liess oder ob ein mittelalterlicher Famulus die Schlitzbügelbrille absetzte.

Das Auge klagte: «Lieber Kneifer, hörst du mein Näseln? Ich freue mich, dass ich nun schärfer sehe als vorher, aber du drückst meine Nase zusammen, au, das tut so weh! Muss das sein?» Der Kneifer antwortete, gleichfalls näselnd: «Wenn ich deine Nase nicht zusammendrücke, fall' ich von ihr runter, und sofort hättest du über die schöne sehenswerte Welt wieder den Schleier deiner Kurzsichtigkeit geworfen.» Da wandte sich das Auge, zusammen mit der eingeklemmten Nase und ihrem Kneifer, an den heiligen Fridolin und teilte ihm näselnd das Problem mit. Der heilige Fridolin zupfte sich verlegen am Nimbus. Er war ziemlich hilflos, litt an handwerklicher Ungeschicklichkeit und verwies das unglückliche Auge und die leidende Nase an den heiligen Hieronymus, den Schutzpatron der Brillenmacher.

Bald stand man mitten in dessen Gehäuse, der Eremit nahm die Hand aus der Mähne seines gekraulten Löwen und ergriff allerlei Handwerkszeug, brachte am Rand des Kneifers ein kopfumgreifendes Verlängerungsteil an, und schon konnte die Geburt der Stirnfortsatzbrille gefeiert werden. Das Auge fand sie auf andere Art störend und lästig. Mit arrogant hochgezogenen Augenbrauen stand die Brille über der Szene und flüsterte sarkastisch: «Was kann ich dafür, dass der IQ der Brillenmacher zwar gross genug ist, um die hilfreichsten Linsen zu ersinnen und zurechtzuschleifen, aber dass er fünfhundert Jahre brauchen wird, um die simpelsten Befestigungsfragen zu lösen? Ausserdem weiss ich gar nicht, warum du dich beklagst. Es gibt zahlreiche Leute, die brauchen eigentlich gar keine Brillen, sondern setzen Brillen mit Fensterglas auf, nur um etwas interessanter oder klüger auszuschauen.»

Allmählich sah das Auge kaum noch in die Welt hinein, sein Blick wanderte unstet durch die Welt, auf der Suche nach der richtigen Brille - und nach dem richtigen Etui. Und nach dem richtigen Läppchen, um für fusselfreie Sicht zu sorgen. Und nach dem richtigen Öltröpfchen, um dieses ab und zu auf die Scharniere zu träufeln, auf dass keine Korrosion ansetzen könne.

Wenn ein suspekter Strassenverkäufer namens Coppelius Dutzende Brillen vor dem Auge ausbreitete und all diese närrischen und bedrohlichen Brillen zu blitzen und zu funkeln anfingen, als wären es Augen, schwebte die ewige Brille wie immer mit altklugen und niederdrückenden Infos über der Szene: «Wer keine Brille braucht, trägt Sonnenbrille. Wobei übrigens die Sonnenbrille bekanntlich nicht nur älter als die Menschheit ist, wie Waschbär und Bambusbär beweisen, sondern sogar tausend Jahre älter als die Brille - der römische Diktator Nero war der erste prominente Sonnenbrillenträger; laut Plutarch färbte er sich das Gemetzel der Gladiatorenkämpfe mittels smaragdenen Sehsteins grün - und das fliessende Blut braun.»

Die Brille zeigte sich aber nicht nur jederzeit wohlinformiert, sondern betätigte sich bisweilen sogar als Produzentin orphischer Aphorismen und Urworte, zum Beispiel einem wie dem hier: «Gott schuf das Augenlicht, aber wenn man dann mal genauer hinguckt, ist es der Teufel, der sich als Brillenverkäufer profiliert und den Leuten die Brille des Vorurteils auf den Riechkolben setzt oder die Brille ideologischer Verblendung oder die berühmte rosarote Brille. Alle diese Brillen haben sich vom Optikerfachgeschäft längst erfolgreich emanzipiert.»

Das Auge wollte aber nicht philosophieren, sondern besser sehen. Geduldig wartete es fünfhundert Jahre lang auf die Verbesserung der Verhältnisse, überstand die Kette der Notlösungen, guckte durch lästige Stirnreifenbrillen mit Handgriffen, eingezwängt in ein Gewirr aus Stegen, Klemmen, Seitenstangen und, im Fernen Osten, aus Stirnstützen, da die Brille auf flacher Nasenwurzel abrutscht - während der morgenländische Schleier auch dann Würde und Anmut behält, wenn es um Befestigungsfragen geht: Scheherazade bindet einfach ein allerliebstes Schleifchen ins Bändchen hinein, und der Schleier hält.

Erst im 19. Jahrhundert kam die Zunft der Brillenmacher auf die Idee, dass man zur Befestigung der Brille die Ohren einspannen könnte - und schon stand der Geburt der Ohrenbrille nichts mehr im Weg. Doch auch jetzt hörte das Klagelied des Auges nicht auf: «Wie ich aussehe! Ich verschwinde in einem Geflacker aus Lichtreflexen! Dein Glas stellt sogar meinem versöhnlichen Augenzwinkern ein Bein!»

Darauf erwiderte die Brille: «Sei bloss froh, dass ich deinen bösen Blick ein wenig eindämme!» Und das Antlitz rief: «Und wie ich erst ausseh'! Mein Gesichtsausdruck wird verhunzt von meiner Brille! Und wie ich unter der optischen Lächerlichkeit des Brillengestells leide!»

Die moderne Brille blieb sachlich: «Das heisst nicht Brillengestell, das heisst Brillenfassung! Übrigens, unter uns gesagt: Mein Siegeszug ist nicht aufzuhalten. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts tragen bereits achtundvierzig Prozent aller Leute unter Fünfzig - mich! Tendenz steigend!»

Das musste man ihr lassen, die Brille hatte immer die neusten Zahlen zur Hand. Eines ihrer Statements lautete: «Ich verleihe nicht nur den Visagen meiner Träger den Schein von Intelligenz; ich bin auch selber nicht gerade die auf den Kopf Gefallenste, wie du vielleicht bereits gemerkt hast! Und noch etwas, mein Freund: Ich darf dich vor mir warnen. Ich habe etwas Schneidendes an mir. Wenn ich zerbreche, bist du mich zwar los, aber dein Augenlicht vielleicht auch. Wer den Schleier hebt, muss sterben oder erblinden. Dann kannst du nicht mal mehr Verschwommenes sehn.»

«Ist ja gut», murmelte das eingeschüchterte Auge. «Und noch etwas», quäkte die penetrante Brille, «würde dein Herrchen mich bitte vom Armaturenbrett seines Cabriolets runternehmen? Durch die Hitze kann es zu Materialverformungen kommen, und das wollen wir doch wohl alle beide nicht, oder?»

Dennoch war die Brille nicht allmächtig. Ihrem Gestell beziehungsweise ihrer Fassung ging ein Konkurrent an den Kragen, des Namens Kontaktlinse, deren störende Tätigkeit zwar weitgehend unsichtbar ablief, doch rückte das Linsenhafte dem geplagten Auge noch dichter auf die apfelförmige Pelle.

Hierzu weiss die Brille einiges zu dozieren: «Bei den ersten brauchbaren Kontaktlinsen führte deren hohes Eigengewicht zu Sauerstoffmangel in der Tränenflüssigkeit, also zu Hornhautödem und Schleiersehen.» Auch kam bald ein weiterer Konkurrent auf, der zwar die Befreiung von Brille und Kontaktlinse versprach, die Kaltlaser-Operation, die aber dreimal teurer war als die Brille und die Kontaktlinse zusammengenommen. Ausserdem gibt's Fehlschläge, Überkorrekturen, Narben, unerforschte Langzeitwirkungen.

Diese Nachteile kamen der Brille zugute. Mit der Hilfe cleverer Brillendesigner stellte sie sich nicht etwa als notwendiges Übel dar, sondern als Ausdruck von Persönlichkeit, Lifestyle und ausgerechnet Freiheit. Es entstanden Wagenradbrillen, asymmetrische Brillen, Spiegelglasbrillen und Brillen, auf denen Augen aufgemalt wurden, mit plumpen Wimpern - was das hochempfindliche Auge als Beleidigung verbuchte.

Inzwischen zählte das Auge zu den älteren Semestern, doch die Brille wurde immer bunter und kostbarer. Am Schluss konnte das Auge kaum noch etwas sehen; die Welt wurde immer unschärfer, die Brille immer dicker. Und ihre Kommentare immer verletzender! Gern erzählte sie zum Beispiel die Story, dass Robespierre bei seiner Guillotinierung sich geweigert habe, die Sonnenbrille abzunehmen.

Abends, nach Sendeschluss, wurde die Brille abgesetzt; nachts träumte das Auge - statt von japanischen Erdbeben und den Druckstellen auf der Nase - von seligen, vom Spätlicht durchleckten Landschaften, inwendig leuchtend, schöner als der Nimbus des heiligen Fridolin; und siehe, die Welt war gar nicht nachtragend, dass sie so lange vom Auge vernachlässigt worden war, und innig und trunken lagen sie aneinander, wie zwei Königskinder, umfassend umfangen vom REM-Schlaf, Auge und Welt, Bauch an Bauch, als hätte nie eine Brille - unter dem Deckmäntelchen Sehhilfe! - sich zwischen Subjekt und Objekt gedrängt, zwischen Davor und Dahinter.

Beinahe wären die vielen klitzekleinen Brillenträgerinnen und Brillenträger in den streichholzschachtelgrossen Häuserchen erdrückt worden. Und jedes ausziselierte, von Albrecht Altdorfer gemalte Hälmchen war so supergenau und farbentief und tiefenplastisch zu sehen, als sässe die abgelegte Brille immer noch auf der ruhenden Nase.

Ulrich Holbein, Schriftsteller, lebt in Allmuthshausen, BRD.


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