Tag für Tag wird er mit den immergleichen Fragen gelöchert. «Wo wohnt er? Ist er da? Haben Sie ihn gesehen.» Nun will Filippo Zoanni, Inhaber des winzigen Zeitungsladens im Zentrum von Laglio, endlich wieder seine Ruhe haben. «Wer ist er denn, dass alle hierherpilgern, der neue Papst oder was? Ich sage nichts mehr. Basta!»
Vor nicht allzu langer Zeit war Laglio ein verträumtes Dorf am Comersee, abseits der Hauptstrasse, die Cernobbio und Menaggio verbindet, abseits der Touristenströme. In Laglio gab es keine nennenswerten Sehenwürdigkeiten, ausser vielleicht den Friedhof mit dem Grabmal eines Leibarztes des österreichischen Kaiserhauses. Heute ist das knapp tausend Seelen zählende Nest, wie Filippo sarkastisch bemerkt, «caput mundi» – die Welthauptstadt der Schaulustigen. Denn seit drei Jahren wohnt hier George Clooney.
Wie der Hollywoodstar ausgerechnet nach Laglio kam, weiss keiner so genau. Plötzlich war er da, als neuer Besitzer der in einem Park hinter allerlei Buschwerk verborgenen Villa Oleandra. Acht Millionen Dollar soll der Film-Beau für die Villa samt Personalhaus an die früheren Besitzer – die Familie von Ketchup-König Heinz – bezahlt haben. Ein Jahr später erstand er ausserdem die baufällige, an die Villa Oleandra angrenzende Villa Margherita. Endlich, verkündete der Schauspieler und Regisseur in der Regenbogenpresse, habe er ein Refugium gefunden, wo er in Ruhe leben und arbeiten könne.
Im Dorf sah man ihn selten, aber wenn er auftauchte, grüsste er stets freundlich: «Hi, I’m George.» Einmal, so wird erzählt, half er einer älteren Frau die Einkaufstasche nach Hause zu tragen, ein anderes Mal mischte er sich auf dem Sportplatz unter die Jugendlichen, um Basketball zu spielen. Meist bekamen die Dorfbewohner seine Präsenz jedoch nur indirekt zu spüren, vor allem im letzten Sommer, als er die gesamte Crew von «Ocean’s Twelve» in seinem Refugium am See beherbergte. Brad Pitt, Matt Damon, Julia Roberts und Catherine Zeta-Jones, alle waren da – und mit ihnen eine ganze Schar von Paparazzi und Schaulustigen, verfolgt von Bodyguards und der Polizei. Zeitweise mussten die Strassen des grossen Andrangs wegen gesperrt werden, Segeln und Motorbootfahren waren auf dem Seeabschnitt vor Clooneys Haus verboten.
Heuer ist der Ansturm nicht mehr ganz so heftig. Aber noch immer finden sich in Laglio Tag für Tag Dutzende von Neugierigen ein. Zu sehen gibt es nicht viel: Die Villa an der Regina 20 ist von einem Palisadenzaun umgeben und raffiniert versteckt hinter rankendem Efeu, Pinien und Zypressen. Proprietà privata steht am doppelten, von einer Kamera überwachten Eingangstor. Ein Junge mit Baseballmütze klingelt. Doch der Trick, den zwei betrunkene Belgier vor einem Jahr anwandten, funktioniert nicht mehr. («Hey, it’s me, George», meldete sich einer der beiden an, worauf das Tor geöffnet wurde. Als der Hauswart die Eindringlinge entdeckte, alarmierte er die Carabinieri.)
Drei Mädchen aus dem nahen Varese haben einen Ausflug nach Laglio unternommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie George wohnt, und wer weiss, vielleicht zeige sich «Mister sexy» sogar persönlich. Eine Bekannte der Schwester einer guten Freundin, sagt Giovanna, habe das Glück gehabt, mit George Clooney in einen Auffahrunfall verwickelt gewesen zu sein. Dass der unrasierte Mann mit Sonnenbrille, der ihr Auto demoliert hatte, George Clooney war, habe sie vor lauter Schreck erst nach Lektüre des Unfallprotokolls bemerkt. So ein Pech.
Erst nach stundenlangem Warten geben die Mädchen auf. «Es ist Mittag, George wird wohl am Essen sein», trösten sie sich.
Auch ein Ehepaar aus Baltimore ist hergekommen. «Hey, warum noch in Beverly Hills rumkurven, wenn der berühmteste Schauspieler am Comersee wohnt.» Ein Familienvater aus dem Baselbiet, im Schlepptau von Frau und Tochter, blickt gelangweilt ins Buschwerk rund um die Villa: «Der kommt mir vor wie der Bär im Nationalpark. Alle reden von ihm, aber niemand hat ihn wirklich gesehen.»
Der Pöstler steckt einen Packen Fanpost in den viel zu kleinen Briefkasten. «Keiner gibt so viel zu tun», sagt er kurz und schwingt sich wieder aufs Moped. Andere nehmen nicht den Umweg über den Briefkasten. Alice aus Rom hat rosa Post-it-Zettelchen aufs Tor geklebt: «George, I love you.» – «Come on, George, I want to see you.»
Bürgermeister Giuseppe Mantero ist einer der Auserwählten, die Clooneys 25-Zimmer-Villa von innen kennen, und vielleicht der einzige Mensch in Laglio, der dem Filmstar mehr als bloss guten Tag gesagt hat. Kaum hatte Clooney sich in Laglio niedergelassen, trug ihm der Sindaco das Ehrenbürgerrecht an, wofür sich der Filmstar mit einem Nachtessen bei sich zu Hause bedankte. «Es war ein netter Abend», erinnert sich Mantero, «ich fühlte mich ein wenig wie in einem Hollywoodfilm.» Entscheidend, fügt der Politiker dann ganz schnell bei, sei jedoch das Wohl der Gemeinde, der ganzen Region Comersee: «Clooneys Präsenz ist unbezahlbar. Seit er da ist, geht es mit dem Tourismus aufwärts. Es ist unglaublich, die Leute kommen aus den Vereinigten Staaten, aus Russland, Thailand, Japan.» Mantero nennt das den «Clooney-Effekt».
Seit George in Laglio seinen Sommersitz hat, haben ein Restaurant, drei Bars und ein Gästehaus eröffnet. Die Preise für Prestige-Immobilien sind um rund 30 Prozent gestiegen, Land direkt am See kostet inzwischen sogar das Doppelte. «Das ist aber erst der Anfang», sagt Mantero.
Mit einem kleinen Jachthafen samt Segelschule, Bars und Restaurant, so hofft er, könnte Laglio schon bald ein neues kleines Saint-Tropez werden – «perché no?»
Die Begeisterung des jungen Bürgermeisters und Avvocato wird nicht von allen geteilt. Bereits heute besetzt Clooneys Anwesen einen Viertel der Uferzone, und als bekannt wurde, dass der prominente Neuzuzüger seinem Refugium auch noch den Strand zwischen seiner Villa Oleandra und der Villa Margherita einverleiben möchte, machte sich erstmals Unmut breit. «Skandal!» schrie die politische Opposition. Vandalen verschmierten die Mauern der Villa Oleandra.
Clooney, charmant wie immer, versuchte die Gemüter mit einem Entschuldigungsbrief an alle Haushaltungen zu beruhigen: Laglio sei «das schönste Städtchen der Welt», seine Einwohner seien «die besten und warmherzigsten», schrieb er darin. Und er beteuerte, es sei nie seine Absicht gewesen, jemandem etwas wegzunehmen. Sein Projekt bestehe allein darin, den Strand – in Tat und Wahrheit ein kaum genutzter steiniger Uferzipfel von 48 Quadratmetern Fläche – zu erwerben, um diesen für alle schön herzurichten. Er selber beanspruche für sich nur ein winziges Stück, um darauf einen Pfeiler für eine Verbindungsbrücke zwischen seinen beiden Villen zu errichten. «Erlauben Sie mir, Ihnen zu beweisen, dass ich es verdiene, Ehrenbürger Ihrer Gemeinde zu sein», appellierte er an die Dorfbewohner. «Lassen Sie mich den Strand wieder herrichten, und wenn ich es vollbracht habe und Sie immer noch wollen, dass ich Ihr Ehrenbürger bin, wird es für mich ein Privileg sein, diese Ehre anzunehmen.» Gezeichnet: «Ihr Nachbar, George Clooney.»
Der Gemeinderat hat der Handänderung inzwischen zugestimmt, doch die Opponenten geben nicht auf und wollen alle Rechtsmittel ausschöpfen. «Vor dem Recht sind alle gleich, auch Hollywoodstars und auch solche, die nette Briefe schreiben», sagt Gemeinderat Roberto Pozzi.
Ob der Filmstar die Verbindungsbrücke bauen darf oder ob er gezwungen sein wird, sein Grundstück zu verlassen, wenn er von der einen Villa zur andern spaziert, bleibt somit ungewiss – und George ist sich offensichtlich nicht mehr ganz so sicher, ob seine Mitbürger tatsächlich die besten und warmherzigsten sind. «Seine Sympathie für Laglio hat sich wegen dieser Sache leicht abgekühlt», hat Bürgermeister Mantero festgestellt, «das ist bedauerlich und gefährlich.» Wäre Laglio ein Dorf wie jedes andere, so der Bürgermeister, hätte von diesem Zwist niemand Notiz genommen. «Seit er da ist, sitzen jedoch auch wir ein bisschen im Schaufenster der Weltöffentlichkeit. Nicht alle können damit umgehen – leider.»
So schnell dürfte sich der smarte George allerdings nicht vergraulen lassen: «Ich habe mein Bestes getan, um mich in Laglio zu integrieren und so wenig wie möglich zu stören», liess er soeben in einem Interview mit «Vanity Fair» verlauten. Wenn nichts aus der Brücke wird, bliebe Clooney alias Casinoräuber Danny Ocean immer noch die Möglichkeit, einen Tunnel zu graben.
Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.