ES WAR DER 28. JULI 1976, als 330 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ein Greifarm ausfuhr, um eine der grössten Fragen der Menschheit zu klären. Eine kleine Schaufel füllte eine Handvoll Marsstaub in den Trichter, der zum Biologiemodul von Viking 1 führte. In diesem Teil des Marslandegeräts waren drei Experimente untergebracht, die Gewissheit hätten schaffen sollen: Gibt es Leben auf dem Mars? Stattdessen verfolgen die Resultate den Wissenschafter Gilbert Levin seit 26 Jahren bis in den Schlaf. Sein Leben wurde zum Kreuzzug gegen die amerikanische Raumfahrtorganisation Nasa, die die Wahrheit – oder was Levin dafür hält – unterdrückte.
«Der einzige widerspruchsfreie Schluss aus allen bekannten Fakten ist, dass das Experiment mit markiertem Kohlenstoff im Marsboden Mikroorganismen entdeckt hatte», sagt Gilbert Levin.
«Jedes Mal, wenn Levin zum Thema Mars seinen Mund öffnet, macht er sich lächerlich», sagt Norman Horowitz, ein früherer Weggefährte von Levin, der ebenfalls ein Experiment an Bord von Viking hatte.
«Galileo glaubten sie am Anfang auch nicht», sagt Levin.
Das Projekt, zwei Sonden auf dem Mars zu landen, nahm die Nasa 1968 in Angriff. Schon acht Jahre zuvor hatte die Sowjetunion begonnen, Raumfahrzeuge zum Mars zu schicken. Doch die lange Reise entpuppte sich als Abbruchunternehmen: Kaum ein Gerät, das nicht spurlos in den Tiefen des Alls verschwand.
Das grosse Interesse am Mars hatte einen besonderen Grund: Mars ist der erdähnlichste aller Planeten im Sonnensystem. Seine Grösse liegt zwischen jener des Mondes und jener der Erde, seine Masse erlaubt ihm, eine Atmosphäre zu halten, und er liegt in einer günstigen Distanz zur Sonne. Bedingungen, die nach Meinung der Wissenschaft für die Entstehung von Leben nötig sind.
Darüber hinaus war der Mars durch die Arbeiten des exzentrischen amerikanischen Astronomen Percival Lowell bereits vor hundert Jahren zum Planeten der Ausserirdischen geworden. Angeregt durch den italienischen Astronomen Giovanni Schiaparelli, der durch sein Teleskop auf dem Mars ein Netz von Furchen gesehen haben wollte, begann Lowell den Planeten zu beobachten. Schiaparelli nannte die Furchen canali . Das Italienische meint damit sowohl Kanäle als auch Rinnen und Furchen. Übersetzt wurde es als canals – Kanäle –, was die Assoziation von künstlich angelegten Wasserwegen und damit von intelligentem Leben weckte.
Wir werden nie erfahren, was Lowell ohne das Wort Kanal im Hinterkopf durch sein Teleskop gesehen hätte, jedenfalls entwickelte er ein detailliertes Szenario für das Leben auf dem Mars: Die Marsianer hätten die Kanäle gebaut, weil es auf dem Mars sehr trocken sei und sie für die Landwirtschaft Wasser von den Polkappen zum Äquator leiten mussten.
Lowells Idee inspirierte eine ganze Generation von Science-Fiction-Autoren zu phantastischen Chroniken über den Mars. Und obwohl die meisten Astronomen Lowells Thesen widersprachen und die vermeintlichen Kanäle durch ihre Teleskope nicht sehen konnten, trat der Marsmensch einen unvergleichlichen Siegeszug durch die Populärkultur an.
Wie fast alle Wissenschafter, die am Viking-Projekt arbeiteten, glaubte auch Levin nicht daran, auf dem Mars grössere Tiere oder Pflanzen zu finden. Nach allem, was man wusste, waren die Lebensbedingungen dafür zu feindlich. Wenn dort oben etwas leben konnte, dann höchstens Mikroben. Doch selbst die Entdeckung noch so primitiver Lebewesen hätte weitreichende Folgen gehabt. Sie hätte die Frage des Lebens «von einem Wunder in eine Statistik verwandelt», wie es ein Forscher ausdrückte.
Gilbert Levin hatte in den 1960er Jahren eine Methode entwickelt, mit der Bakterien in der Wasserversorgung oder in Nahrungsmitteln nachgewiesen werden konnten. Die Nasa erkannte, dass sich dieses Verfahren auch für die weit aufregendere Aufgabe verwenden liess, nach Leben auf dem Mars zu suchen.
Und so gelangte an diesem 28. Juli 1976 ein Fingerhut voll Marssand in den kleinen Behälter, den Levin entworfen hatte, und wurde mit einer Nährlösung besprüht.
Weil kein anderes Leben bekannt war als jenes auf der Erde, gingen die Wissenschafter davon aus, dass Marsleben den gleichen Gesetzen gehorchte. Der gemeinsame Nenner allen irdischen Lebens ist der Stoffwechsel: Jedes Lebewesen – von der Bakterie bis zum Elefanten – nimmt Stoffe auf und gibt Stoffe ab. Darüber hinaus waren sich die Wissenschafter einig, dass Leben, wo immer es sich zeigt, auf Kohlenstoff basieren würde. Sie bezeichneten sich deshalb im Scherz als «Kohlenstoffchauvinisten».
Das Kohlenstoffatom ist das vielseitigste aller Atome. Kein anderes lässt sich auch nur annähernd zu so vielen verschiedenen Riesenmolekülen kombinieren. Eiweisse, Hormone, die Erbsubstanz DNA: Was zum Leben wichtig ist, besteht mehrheitlich aus Kohlenstoff.
Levins Überlegung war einfach: Wenn der Marssand Lebewesen enthielte, würden sie sein Futter – die Nährlösung – aufnehmen, verarbeiten und ein Gas abgeben. Kurz: Sie würden essen. Um den Geschmack der Mikroben zu treffen, bestand das Futter aus einem Gemisch sieben verschiedener Moleküle, die zu einem grossen Teil Kohlenstoff enthielten, der zuvor radioaktiv markiert worden war. Ein Geigerzähler mass dann, ob dieser radioaktive Kohlenstoff später im Gas, das den Behälter verliess, auftauchte. Das wäre ein Zeichen dafür gewesen, dass etwas im Sand die Nährstoffe gegessen und die Abbauprodukte als Gas abgegeben hätte.
Neben Levins Versuch waren im Biologiemodul der Viking-Sonde noch zwei weitere Experimente untergebracht, die andere Aspekte des Stoffwechsels untersuchten. Es war, als hätte man drei wohlausgestattete Universitätslabors auf die Grösse einer Autobatterie zusammengepresst. Ein Uhrwerk aus 4000 Teilen sollte ferngesteuert die grösste aller Fragen beantworten. Allein dieser Teil der Viking-Sonde kostete 59 Millionen Dollar, das ganze Unternehmen nahezu eine Milliarde.
Als Levin nach zwei Tagen Wartezeit die ersten Resultate erhielt, konnte er sein Glück nicht fassen: Der Geigerzähler tickte wie wild. Das Gas war offenbar radioaktiv, der Beweis für Leben auf dem Mars schien erbracht. Was immer im Marssand steckte, es war weit aktiver als fruchtbare Böden auf der Erde, in denen es von Bakterien nur so wimmelte. Levin signierte die erste Seite der Datenblätter: Dieses Dokument würde zweifellos in die Geschichte der Menschheit eingehen.
Auch das zweite der drei Experimente, das prüfte, ob etwas im Sand atmete, kam zu einem positiven Resultat. Am 31. Juli gab das Biologieteam an einer Pressekonferenz bekannt, dass die Reaktion von Levins Experiment «sehr stark wie ein biologisches Signal» aussah, warnte aber vor voreiligen Schlüssen, denn die Daten waren fast zu gut, um wahr zu sein: Der Boden reagierte viel zu schnell. Normalerweise brauchen Mikroben einige Zeit, um die Nährlösung aufzunehmen, zu verarbeiten und die Abbauprodukte abzugeben, doch die zwei bisher durchgeführten Experimente zeigten eine augenblickliche Reaktion.
Es traf ein, was die am Viking-Projekt beteiligten Geologen schon lange vorausgesagt hatten: Die Biologen waren nicht imstande, die Resultate ihrer Experimente zu deuten. Die Geologen, die ihre eigenen Messinstrumente für die Viking-Sonde entworfen hatten, waren die natürlichen Gegner der Biologen. Beide Teams kämpften vor dem Start um einen möglichst grossen Teil der Nutzlast und, als die Sonde auf dem Mars gelandet war, um möglichst viel Funkzeit, um ihre Daten herunterzubringen.
Obwohl die Geologen ständig gewarnt hatten, man wisse noch nicht genug über den Mars, um die Frage nach Leben dort in einem Experiment zu beantworten, waren die Biologieexperimente von Anfang an die treibende Kraft hinter dem Viking-Projekt, sowohl was das politische als auch das öffentliche Interesse betraf. Die Geologen waren klar die Zweitklasspassagiere an Bord von Viking.
Ein drittes Experiment, das nicht zum Biologiemodul gehörte, machte die Konfusion perfekt: Es konnte im Marssand keine organischen Verbindungen nachweisen. Organische Verbindungen sind jene Riesenmoleküle aus Kohlenstoff, die unter den Wissenschaftern als Voraussetzung für Leben gelten. Eigentlich hatten sie erwartet, dass Viking im Marsboden zwar organische Verbindungen finden würde, aber kein Leben. Jetzt war es gerade umgekehrt: Levins Experiment zeigte Leben an, aber es gab keine organischen Verbindungen.
Am 3. September 1976 landete die baugleiche Schwestersonde Viking 2 auf dem Mars. Sie konnte die Experimente wiederholen, was allerdings nicht zur Klärung beitrug. Die Wissenschafter stritten vielmehr darum, von welcher Stelle der Greifer die Erde holen sollte, wer welches Experiment machen durfte und wie die Daten zu interpretieren waren.
Schon bald kam die Vermutung auf, dass man bei der Suche nach einer exotischen Biologie in Wirklichkeit auf eine exotische Chemie gestossen war, die nichts mit Leben zu tun hatte. Heute stehen Stoffe wie Wasserstoffperoxid im Verdacht, die Wissenschafter genarrt zu haben. Sie können in Kontakt mit Wasser und Metallen Gase freisetzen, die als Lebenszeichen gedeutet werden können.
In irdischen Labors wurden darauf unzählige Versuche unternommen, die Resultate von Viking zu reproduzieren. Die meisten Wissenschafter sind heute überzeugt, dass tatsächlich chemische Reaktionen hinter den vermeintlichen Lebenssignalen vom Mars steckten.
Levin hingegen kämpft noch immer für seine Sicht der Dinge. Auf Bildern von Marsfelsen will er grüne Flecken gesehen haben, die sich bewegten. Unterstützt wird er in seinem Feldzug gegen die Nasa von Verschwörungstheoretikern, die schon immer wussten, dass die Regierung etwas vor ihnen verbirgt.
Um endlich Gewissheit zu erlangen, hat Levin der Nasa schon zahllose neue Versuche vorgeschlagen. Doch dort seufzt man nur, wenn sein Name fällt. Die nächste Marsmission soll im Juni dieses Jahres starten. Gilbert Levin ist 79 Jahre alt.