Jeder in China kennt die Juilliard School. Xiao-Dong Wang, der dies erklärt, kommt aus Schanghai. Seine Eltern sind Musiker im Schanghai-Sinfonieorchester. Mit fünf Jahren bekam er seine erste Geige - mit fünfzehn gewann er den Yehudi-Menuhin-Wettbewerb in England. Dorothy DeLay, die grosse Geigenlehrerin der Juilliard School, sass damals in der Jury. Sie lud ihn ein, bei ihr zu studieren, und so kam er mit sechzehn nach New York und wurde einer von den rund 200 Schülern der weltbekannten Lehrerin. Heute ist Xiao-Dong dreiundzwanzig Jahre alt, und mit dem selbstbewussten Auftreten eines Könners erzählt er von den beiden Agenten, in New York und in Hongkong, die ihm Engagements für Orchestertourneen um die halbe Welt vermitteln. Kraftvoll streicht er im Übungsraum seine Geige - eine Guarneri, gebaut anno 1721, 600 000 Dollar wert, die ihm die Juilliard School leihweise überlassen hat.
Juilliard - das ist die Starfactory, aus der die grossen Solisten und Weltstars der klassischen Musik kommen: Van Cliburn (Klavier), Yo-Yo Ma (Violoncello), Midori (Geige) - so bescheiden stehen sie auf der achtseitigen Liste der Juilliard-Absolventen -, die Sänger Simon Estes und Leontyne Price, die Komponisten Philipp Glass und Henry Mancini, die Geiger Itzhak Perlman und Pinkas Zukerman. Ebenso die Choreographin Pina Bausch und die Filmstars Kevin Kline und William Hurt - auch die viel kleineren Abteilungen für Tanz und Drama haben einen exzellenten Ruf.
Wer von den Grossen nicht selbst Juilliard-Schüler war, kommt offenbar zumindest später als Lehrer oder Gastdozent: Maria Callas und Luciano Pavarotti gaben Meisterkurse, die Konzertpianisten Peter Serkin und Seymour Lipkin unterrichten hier, Kurt Masur und Zubin Mehta gehören zu den regelmässigen Gastdirigenten. Diese Beziehungen und Begegnungen, die Leute, die man hier sieht und hört und trifft, die Profis, die aus allen Bereichen zusammenkommen, um einer Juilliard-Oper, einem Konzert zur Perfektion zu verhelfen - sie sind es, die dieses Konservatorium so einzigartig machen.
Die Starfactory erweist sich als fünfstöckiger moderner Quader, ein abgenutzter Neubau mit funktionaler Atmosphäre: teppichbespannte Endloskorridore, Kunstlicht-Innenräume, Lifts, auf die immerzu geduldig gewartet wird. Immerhin: die Wandtafeln tragen Notenlinien, und in jedem Klassenzimmer steht ein Steinway - 200 besitzt die Schule im ganzen. 84 davon stehen in schalldichten kleinen Übungsräumen und sind immer umkämpft, da viele Studenten zu Hause nicht üben können. So richtig inspirierend ist hier eigentlich nur der Blick aus einem der wenigen Fenster: auf die Skyline von Manhattan und auf ein Weltzentrum der Musikkunst, das Lincoln Center.
1969 zog die Juilliard School hierher ins damals neuerbaute Lincoln Center, als dessen «akademischer Zweig», wie es heisst. Direkt neben den drei Häusern der New York City Opera, der Metropolitan Opera und der New Yorker Philharmoniker ist sie seither fest eingebunden in die Welt der ganz grossen Musikereignisse, nicht nur mit Freikarten für die Studenten, auch durch Zusammenarbeit und Austausch von Schülern mit den professionellen Orchestern und Ensembles.
Die Juilliard School geht auf das Institute of Musical Art zurück, das ein Patensohn von Franz Liszt als erstes amerikanisches Konservatorium 1905 in New York gründete. Amerikanische Musikstudenten sollten endlich auch im eigenen Lande jene erstklassige Ausbildung erhalten können, für die sie bis dahin nach Europa hatten reisen müssen. Als 1919 ein reicher Textilkaufmann namens Augustus Juilliard ein Vermögen von 20 Millionen Dollar zur Förderung der Musik hinterliess, entstand eine separate Weiterbildungsstätte, die Juilliard Graduate School. Sie wurde bald zum bekannteren der beiden Institute, die aber immer näher zusammenwuchsen, bis sie 1946 zur Juilliard School of Music verschmolzen. Damals, in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, war das Konservatorium ein Hort für viele emigrierte europäische Musiker. Sie waren es eigentlich, die den Weltruhm und die internationale Tradition der Schule begründeten. 1952 kam die Tanz- und 1968 die Schauspielschule hinzu, und seither nennt sich die Schule schlicht The Juilliard School.
Das grosszügige finanzielle Fundament trägt und inspiriert bis heute. Eine Schenkung ermöglichte vor drei Jahren den Bau eines Wohnturmes neben dem Schulgebäude. Die Schule kann es sich auch leisten, 90 Prozent ihrer Schüler finanziell zu unterstützen, mit Stipendien oder Darlehen. Obwohl das Schulgeld hier so hoch ist wie in allen guten amerikanischen Colleges - rund 20 000 Dollar muss man für ein Studienjahr inklusive Lebenskosten rechnen -, steht Geldmangel also für einmal der Begabung nicht im Wege.
Begabung, viel davon, muss jemand allerdings mitbringen. Die Aufnahme in die Juilliard School erfolgt einzig und allein auf Grund der Audition, des Vorspielens vor der Jury der Schule, zu der die Bewerber aus aller Welt nach New York reisen. Etwa jeder fünfte der zum Vorspiel Geladenen wird in die Musikabteilung aufgenommen (mit 80 Prozent der Studenten die grösste Abteilung, auf Tanz und Drama kommen je etwa 10 Prozent). Oft sind die Neulinge, wie Xiao-Dong Wang, bereits Künstler, wenn sie kommen, ehemalige Wunderkinder und Gewinner internationaler Wettbewerbe. In der College-Division, wo die Studenten zum Bachelor of Music (vier Jahre) oder zum Master of Music (zusätzlich drei Jahre) ausgebildet werden, sind rund 800 Studenten immatrikuliert, fast 300 davon kommen aus dem Ausland. Jeden Samstag aber wird die ganze Schule von den Kids übernommen: von den 300 Schülern der Pre-College-Division, im Alter von 8 bis 18 Jahren. Und schliesslich gehört zur Juilliard School auch noch eine öffentliche Abendschule mit gegen 500 eingeschriebenen Hörern.
Lisa Kane ist eine grazile Asiatin und Pianistin im ersten Jahr des Masterprogramms, also im fünften Ausbildungsjahr. Lisa ist in New Jersey geboren und aufgewachsen, ihre Eltern sind aus Korea eingewandert. Mit fünf Jahren sass sie am Klavier, aber mit Wunderkindambitionen wurde sie nie gequält. Eigentlich wollte sie Geisteswissenschaften studieren, blieb aber aus Verehrung für ihren Juilliard-Lehrer Herbert Stessin, bei dem sie schon während der Schule Unterricht hatte, beim Klavier. Lisa empfindet ihre Mitstudenten als ausgesprochen eindimensional, ausschliesslich mit sich und der eigenen Karriere beschäftigt. Und, nun spricht sie auch von sich selbst: «Jeder macht sich Sorgen wegen des Jobs später, es ist das grosse Thema bei uns.»
Der Job später - das ist der Traum von der Solokarriere. Auch Lisa möchte am liebsten «Performer», also Konzertpianistin, werden, wie die andern elf Schüler ihrer Meisterklasse. Sieben davon sind wunderschöne, fleissige, hochbegabte junge Asiatinnen. Auch von den Begabtesten unter den Begabten, den Juilliard-Schülern, gelingt letztlich nur den wenigsten die Solistenkarriere. Viele werden Orchestermusiker: jeder zweite Musiker der New Yorker Philharmoniker ist Juilliard-Absolvent, in den grossen amerikanischen Orchestern ist es jeder fünfte. Aber die meisten werden, früher oder später, selbst wieder Lehrer, für die nächste Hochbegabtengeneration.
Joseph Polisi, Präsident und damit Leiter der Juilliard School seit 1984, ist selbst Musiker - Fagottist. Vielleicht, dass er deshalb die Gefahren der einseitigen technischen Brillanz kennt? Von Anfang an sah er es als seine Aufgabe an, den Bildungshorizont seiner Studenten zu erweitern. Er führte ein obligatorisches Curriculum ein, das neben der traditionellen Musiktheorie viel Kulturgeschichte und humanistische Bildung bietet. Überdies werden nun alle Studenten auch in den Nachbardisziplinen unterrichtet, also zum Beispiel die Musiker in Tanz, Rhythmus und Gesang. «Es genügt heute nicht mehr, ein Instrument perfekt zu beherrschen», sagt Polisi. «Wir brauchen Künstler, die an neue Möglichkeiten denken, die neue Hörer finden können. In Zeiten wirtschaftlicher Rezession ist der Konkurrenzkampf noch härter geworden, als er schon immer war. Die Juilliard School will den Künstler als Kommunikator heranbilden, als rundum gebildete Persönlichkeit mit sozialer Verantwortung, und das kann man allein mit acht Stunden üben pro Tag nicht werden.»
«Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts» heisst die Vorlesung. Am Klavier, mit Notationen an der Tafel, mit vielen eingespielten Platten und CD erklärt Edward Bilous seinen Studenten den fundamentalen Unterschied zwischen abendländischen und anderen Rhythmen - die Studenten, spürbar geschult in Musiktheorie, sind begeistert. Edward Bilous ist der grosse Umsetzer der Ideen von Direktor Polisi. Er ist Komponist und hat selber an der Juilliard School studiert. Mit Grauen erinnert er sich an die öde Enge des Lehrstoffes damals, vor 10 bis 15 Jahren: ausschliesslich europäisches Standardrepertoire des 19. Jahrhunderts - Konservatorium ganz wörtlich: konservieren ja, aber nie kreieren. Nach vier harten Jahren pausenlosen Übens war technische Brillanz oft alles, was sich diese Musiker angeeignet hatten. Bilous erinnert sich an viel Unglücklichsein und Frustration dieser «Techniker», vor allem, als dann in den achtziger Jahren überall im kulturellen Bereich die Finanzen knapper und die jungen Musiker nirgends gebraucht wurden. Aus jener Krisensituation entstand das völlig neue Konzept einer breiten humanistischen Bildung für darstellende Künstler. Ab nächstem Jahr wird die Juilliard School das geisteswissenschaftliche Curriculum für alle Studenten noch einmal beträchtlich ausweiten, inhaltlich und auch zeitlich. Vier Stunden üben sei heute normal und genug, meint Bilous. Und was die Klagen der Studenten angeht, sie hätten nicht genug Zeit fürs Üben - diese Klage komme so oder so immer, sie gehöre zu einem Musiker wie sein Instrument.
Orchesterprobe des Juilliard Orchestra, in einem fensterlosen Probenraum, der an eine Turnhalle erinnert. Hier sind sie also, die «Stars von morgen» - und sehen aus wie die jungen Leute in jedem amerikanischen College, in ihren Jeans und Leggins und Baseballcaps und Tennisschuhen. Was immer wieder auffällt, hier im Probenraum wie in den Korridoren und Klassenzimmern, sind die vielen asiatischen Gesichter. Gegen 40 Prozent der Schüler sind asiatischer Herkunft, vor allem koreanischer und japanischer, wobei die Hälfte von ihnen in den USA geboren sind.
Warum sind heute gerade sie, ob in Asien oder im Westen aufgewachsen, so stark vertreten in der klassischen europäischen Musikkunst? Lisa Kane aus New Jersey und Xiao-Dong Wang aus Schanghai geben darauf dieselbe Antwort: «It's a family thing», sagen sie. Mit anderen Worten: eine Musikerkarriere braucht, neben der Begabung, den vollen Einsatz, den Druck und die Ambition der Eltern. «Kein fünfjähriges Kind übt gerne oder von alleine, auch ich tat das nicht», erklärt Xiao-Dong, dessen erste Lehrerin seine Mutter war. Auch Lisa erinnert sich an die Kämpfe mit ihrer Mutter ums Üben. In asiatischen Familien sind die Autorität der Eltern und der Gehorsam der Kinder noch ungebrochen, und beides wird, rücksichts- und fraglos, für die grosse Karriere mobilisiert. Direktor Polisi sieht das Phänomen der asiatischen Musiker noch anders, nämlich im grossen historischen Zusammenhang eines «Zyklus der Nationalitäten»: Die Musik sei, wie auch der Sport, eines der wenigen Gebiete, wo einer noch einzig und allein mit Talent und eigenem Verdienst die ganz grosse Karriere bis zum Weltruhm machen könne. Diesen Weg hätten immer wieder andere Nationalitäten gesucht - die Deutschen und die Italiener im letzten Jahrhundert, dann die Osteuropäer und die Russen, nach dem Krieg die Israeli, und heute eben die Asiaten. Mit der musikalischen Begabung einer Rasse habe das alles gar nichts zu tun, mit ihrem Willen, in der europäisch-westlichen Kulturwelt zu arrivieren, schon eher.
Auch das sozusagen umgekehrte Phänomen des Mangels an schwarzen Orchestermusikern gehört in diesen Zusammenhang. Seit 1989 das Sinfonieorchester von Detroit politisch unter Druck geriet, weil es in einer mehrheitlich schwarzen Stadt kaum schwarze Musiker aufzuweisen hatte, bewegt die amerikanische Musikwelt die Frage, ob Rassismus den schwarzen Amerikanern die Welt der klassischen europäischen Musik versperre oder nicht einfach die andere, eigenständige Musiktradition der schwarzen Bevölkerung: Ein schwarzes Kind, das Musikunterricht erhalten soll, bekommt eben keine Geige, sonder ein Saxophon in die Hand.
Der Juilliard-Student Joseph Webster ist ein Tenor. Wie kam er als schwarzes Kind zur klassischen Musik? Joseph wuchs im Südstaat Virginia auf, in einer Familie, die viele gute Sänger hervorbrachte - allesamt im Kirchenchor der Bethlehem Church of God. Zwei seiner Brüder machten Musik, Jazz der eine, Pop der andere. Die Eltern waren deshalb einigermassen erstaunt, als Joe etwa in der 8. Klasse begann, für die klassische europäische Musik zu schwärmen, die er im Schulorchester spielte. Er selber traute der Sache auch nicht so ganz und studierte zunächst einmal Wirtschaft. Doch dann, nach dem Abschluss, liess ihm die Musik keine Ruhe mehr. Heute leitet Joseph in der Juilliard School den Gospel-Chor, aber seine wirkliche Liebe gehört - dem deutschen Lied. Am liebsten singt er Schubert-Lieder.
Joseph Webster fand zur Musik, die er liebt, in der Schule. In den verarmten öffentlichen Schulen der Ghettos von New York City, aus denen Musik und Kunst fast ganz verschwunden sind, haben Kinder, vor allem schwarzer und hispanischer Abkunft, dazu kaum mehr die Möglichkeit. Um ihnen die Möglichkeit zu geben, klassische Musik überhaupt zu erleben, hat die Juilliard School ein Pilotprojekt gestartet: 80 Ghetto-Kinder werden jeden Samstag aus der ganzen City in die Schule geholt, damit sie hier Musik hören und machen können. Edward Bilous, der auch diesem Projekt vorsteht, ist enthusiastisch: Das amerikanische Konservatorium, das im Banne der europäischen Kultur des 19. Jahrhunderts entstand, hat seinen Blick endgültig nach vorwärts gerichtet.
Kathrin Meier-Rust ist freie Journalistin in Washington.