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NZZ Folio 03/09 - Thema: Entscheidungen Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Bühnenreife Maskerade
© Heinz Unger
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| Das Herz an Italien verloren: Ein Hauch Serenissima im heimischen Schlafzimmer. |
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Eine Individualistin mit «Italiener» um die Ecke? Eine verspielte Musikerin?Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Die Wohnung ist Bühne für alles. Wie aus einem Guss oder besser: aus einer Hand werden diese Räume mit eigenwilliger Ästhetik von einer Person bespielt. Kunst, Theater und Karneval scheinen die Welt unserer Bewohnerin zu sein, der opernhaft barocke Stil ist nicht Attitüde, kein Arrangement, nein: Sie mag, was sie macht, und macht es zu ihrem Stil. Eine Individualistin.
Offensichtlich kreiert sie Textiles, näht und drapiert mit Stoffballen und -bändern. Die Bezeichnung «Kleider» dünkt einen fast zu profan für diese Gebilde, die sich im Nähatelier versammeln. Wohl verdient sie mit ihrer Nähleidenschaft auch professionell ihr tägliches Brot.
Die Schöpferin der Kostüme pflegt eine belebte Nostalgie mit Sachen und Sächelchen, eine Verspieltheit mit einem Hauch von Kitsch – so etwas kann sie sich in ihrem nicht mehr ganz jugendlichen Alter durchaus leisten.
An der Wand ein Venedig-Poster und der Muranoleuchter in der Stube, mediterrane Farben und Licht überall – verlor die Bewohnerin vielleicht mal ihr Herz in oder an «bella Italia»?
Altmodische Spielsachen auf dem Fenstersims, ein Bärli auf dem Fussboden und Puppen hoch oben – damit werden kaum Kleinkinder spielen, eher erfreut sich unsere Dame mit vielleicht immer noch kindlichem Gemüt ihrer Gesellschaft.
Gebrauchsräume wie Küche und Bad werden nicht gezeigt, vielleicht weniger aus Diskretionsgründen als weil sie ihr einfach nicht so wichtig sind wie Samt und Spitze?
Sie wohnt vermutlich in der Stadt und arbeitet für sich allein, kann es gut mit sich selber aushalten. Einsam scheint sie in ihrer lebensfrohen Behausung nicht zu sein. Und falls doch, geht sie schnell zum «Italiener» um die Ecke.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Eine Frau wird hier wohnen, eine, die sich aufs Schneidern versteht. Den assortierten Rosas nach zu urteilen, betreibt diese Bewohnerin aber ihre Passion nicht gewerblich, sondern eher für den Eigenbedarf. Oder für eine Bühne? Ist die perfekte Inszenierung ausserhalb des Hauses vielleicht gar wichtiger als ihr Zuhause?
Die Wohnung, die aus der Gründerzeit zu stammen scheint, ist zwar sehr warm und gemütlich mit Erker, Kachelofen und Fischgratparkett, jedoch nicht eigentlich eingerichtet. Gegen die spärlichen Einrichtungsstücke, die man auf den Bildern zu sehen bekommt – Sofa, Sessel, Etageren, Tische usw. –, ist nichts einzuwenden, trotzdem wirken sie etwas verloren. Es fehlen zum Beispiel Teppiche, die den Möbeln etwas Bodenhaftung geben würden, sowie Lichtpunkte in der mittleren Ebene für eine bessere Orientierung. Würde der Wolkenvorhang im Atelier nicht besser in die Fin-de-siècle-Korbmöblierung im Erker passen?
Dafür gibt es viele Pflanzen, Ficus benjamini, Palmen, Farne und Papyrus – Pflanzenthemen, die in den 1970er Jahren en vogue waren. Eine nostalgische Schwärmerei der Bewohnerin? Könnte sie demzufolge zwischen 50 und 60 Jahre alt sein?
Und dann steht da neben dem Kachelofen aus dem 19. Jahrhundert und dem Nachtlager noch ein Klavier. Ist die Bewohnerin vielleicht eine exaltierte Musikerin mit einem sentimentalen Hang zur Serenissima?
Ich werde den Verdacht nicht los, dass der Bewohnerin ein öffentlicher Auftritt mehr am Herzen liegt als eingeigeltes Wohnen an sich.
Stefan Zwicky
Vreni Urech, Dekorationsgestalterin
«Meine Wohnung hat schon etwas von einer Bühne, nur schaut halt keiner zu, wenn ich herumwusle. Ich lebe seit 20 Jahren hier – garantieren kann ich das nicht, mit Zahlen habe ich es nicht so.
Als meine Tochter noch bei mir wohnte, schlief ich im Wohnzimmer. Seit ihrem Auszug habe ich die ganze Wohnung mit Atelier für mich. Ich bin keine Berufsschneiderin, ich hatte einfach immer Freude an Textilien.
Angefangen zu schneidern habe ich für den Karneval. Ich ging jedes Jahr mit den Giigeguggern, einer Gruppe von etwa zwanzig Geigern, nach Venedig. Wir waren wer. Wenn wir ankamen, riefen sie: Gli svizzeri, gli svizzeri! Ich war als Partnerin eines Geigers dabei. Für ihn und mich habe ich immer die schönsten Kostüme genäht. Karneval in Venedig heisst sehen und gesehen werden. Den Karneval übersteht man nur in einer Guggenmusig. Alleine würde ich mich niemals kostümiert auf den Markusplatz stellen.
Unsere Kostüme waren immer sehr reich und schwer, passend zu dieser wunderbaren Stadt, in die ich mich bereits vor Jahrzehnten verliebt hatte. Alltagskleider zu nähen, reizt mich nicht. Für meinen Secondhandladen, den ich mit einer Freundin betreibe, rezykliere ich alte Kleider: Aus verfilzten Pullovern werden Bérets, aus doof geschnittenen Kleidern mache ich Taschen.
Ich wuchs bei Hausen am Albis auf. Im Hausertal, einem kleinen Weiler. Es gab dort keinen Laden, es gab dort nichts – eine Erfahrung, für die ich dankbar bin. Wir Kinder waren immer in der Natur, und keiner hat uns damals gesagt, passt auf vor bösen Männern.
Jetzt lebe ich in Zürich sehr städtisch. Vor meiner Haustür führt eine vielbefahrene Strasse vorbei. Für meinen Beruf brauchte ich die Stadt, ich dekorierte für edelste Häuser Schaufenster. Ich arbeitete auch jahrelang in einem renommierten Möbelhaus. Design ist schön, aber für mich zum Leben irgendwie zu gross und zu gerade. Der Leuchter im Wohnzimmer stammt vom Flohmarkt – ein kleiner Abklatsch der wunderbaren Leuchter, die in Venedigs Palazzi hängen. Ich kaufe viel auf dem Flohmarkt oder in Brockenhäusern, nur wenig stammt aus dem Antiquitätenladen.
Mir war immer wichtig, genügend Zeit für mich zu haben, dafür nehme ich auch weniger Einkommen in Kauf. Ich möchte nicht so eingespannt sein, dass ich, sollte etwas Interessantes auf mich zukommen, es absagen müsste. Ich denke da etwa ans Theaterspielen. Eine Anfrage kommt oft spontan, und dann brauche ich Zeit. Ich schneidere auch fürs Theater. Momentan bin ich an einer sehr schönen Arbeit: Was da an den Stangen hängt, sind die Kostüme für ein Stück von Oscar Wilde, das wir hier in Zürich aufführen.
Es kann sein, dass ich um zehn Uhr zu arbeiten beginne und bis um drei Uhr in der Früh durchmache. Ich bin aber weder ein Morgen- noch ein Abendmensch. Über Mittag ist zwar auch nicht gut. Was ich sagen kann, ist, dass ich in der Regel früh zu Bett gehe – allein. Auch die Katze kommt nicht ins Schlafzimmer. Julie gehören die Spielsachen auf dem Fussboden. Ich spiele gerne mit der Katze, aber nur kurz – so geht es mir auch mit kleinen Kindern.
Meine Zimmerpflanzen sind über dreissig Jahre alt. Sie passen zu meiner Generation. Jesses, wenn ich daran denke, was meine Mutter herumstehen hatte: so komisches Grünzeug wie Philodendren und Gummibäume.
Der Kachelofen im Schlafzimmer ist sehr schön, bedeutet mir aber nichts. Er gehört eben einfach zur Wohnung. Das Klavier kaufte ich für meine Tochter. Mir ging es mit ihr wie einst meinen Eltern mit mir: Sie drängte mich so lange, bis ich ihr endlich ein Klavier kaufte. Meine Eltern haben sich damals für mich beinahe ruiniert. Mein altes Klavier ist verschwunden, ich weiss nicht, wohin.
Ich bin wohl musikalisch, habe mich aber in keinem Bereich weitergebildet. Ich habe weder den Nerv noch die Geduld zum Üben. Ich mache hier eine Musik, die mir gefällt, die ich aber niemals jemandem vorspielen wollte.
Meine Wohnung ist mein Kokon, aber ab und zu muss ich hinaus. Ich gehe sehr gern auswärts essen, das ziehe ich dem Selberkochen immer vor. Wenn ich koche, dann selten so richtig schön. Es ist schon mehr als nur zum Überleben: Plätzli und einen Salat zum Beispiel. Ich gehe auch problemlos allein auswärts essen. Ich sitze dann einfach da und studiere die Leute. Das gefällt mir.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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