WINTERSTÜRME WICHEN dem Wonnemond, im milden Lichte leuchten die Reklamen: Der Frühling ist da, die Vertreter schlagen aus, «der neue Lenz bringt neue Saaten mit» (Schiller). In Prospekten erblühen frische Programme, von Plakatwänden lachen coole Computer. «Der neue Pentium ist jetzt noch neuer», zwitschern die Schelme in den Marketingabteilungen.
Wer kann da schon widerstehen. Alles wächst, man möchte auch wachsen! Die Luft vibriert nur so von Upgrades und Updates, verbesserten Versionen und neuen Releases, und die Fachblätter rauschen: «Nakamichis neuer 4fach-Speed-CD-Rom-Wechsler MJ-4.4 mit Direct-Disc-Loading-Technologie besticht durch einfaches Handling», vernehmen wir staunend. Doch ein wenig Übersetzung nur, und schon hört man durch den Technospeak die alten Lieder: «Oh, wie wunderschön ist die Frühlingszeit» (Bodenstedt).
Es ist nämlich leicht, die naturfernste aller Branchen auf den natürlichen Begriff des Frühlings zu bringen. Hier wie da ist «Aufbruchstimmung» das kennzeichnende Wort. Zwecke und Mittel stehen in keiner vernünftigen Relation, was in einem Fall als «Blütenpracht», im anderen als «neues Feature» Herzen zum Rasen und Hirne zum Stillstand bringt. Eine simple Mechanik des Werdens evoziert Fruchtversprechen, die der Herbst kaum halten kann.
Die befreiende, frühlingshafte Kunde vom Ende stupider Arbeit, mit der man uns die Computer einst schmackhaft machte, führte sie nicht geradewegs in neue Tretmühlen? Haben wir nicht mindestens soviel Zeit, wie wir uns an der jeweils neuesten Version digitalen Glücks erfreuten, geröteten Auges an Konfigurationsproblemen gelitten wie Allergiker unter Gräserpollen? Hätten wir Romantiker für den Aufwand und die Hingabe, die uns die Handbücher für einen ein oder zwei Semester währenden User-Nutzen abverlangten, anderswo nicht einen lebenslangen Doktortitel bekommen? Die «Shortcuts» genannten Affengriffe, mit denen Tasten wie Control-Alt-Shift-B gleichzeitig angeschlagen werden, müssen ja doch eine Saison später wieder mühsam abtrainiert werden, weil sie nichts mehr bewirken. Und dann sollen wir uns schon wieder zum Affen machen?
Immerwährender Frühling ist ein Problem, keine Lösung. Tun Sie sich den Gefallen, und seien Sie auf der nächsten Computermesse streng wie der Winter, auch wenn der Wonnemonat noch so lacht.