NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Charles Darwin, schwächlicher Revolutionär

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
Es war ein kränklicher Privatgelehrter, der 1859 die Menschheit mit einer schrecklichen Wahrheit überfiel: Kein liebender Gott hat den Menschen geschaffen und ihn zum Herrn über die Tiere eingesetzt – sondern in jahrmillionenlangem, brutalem Kampf aller gegen alle ist aus der Amöbe schliesslich der Mensch hervorgegangen, und der Affe ist sein Onkel.

Bis heute wollen viele das nicht wahrhaben. Nach einer Erhebung von 2005 glauben noch immer 42 Prozent der Amerikaner an den Schöpfergott (die Kreationisten), andere hilfsweise an ein «intelligent design»: Wenn schon Evolution, dann durch einen Gott weise gesteuert.

Wer bis zu diesem Punkt kaum Probleme mit Darwins Lehre hat, der muss trotzdem eine unpopuläre Einsicht schlucken: Der Eisbär zum Beispiel hat nicht deshalb ein weisses Fell, weil das ihn im Eis der Arktis tarnt und ihm so das Jagen erleichtert – sondern eine weisse Missgeburt unter den Braunbären, die in den Wäldern verhungert wäre, fand im Eis eine Überlebenschance. Und die Rose ist nicht deshalb rot und schön geworden, um der Biene zu gefallen, die sie befruchten muss – sondern sie hat überlebt, weil sie der Biene gefiel, und hundert andere Rosenarten sind gestorben.

Die Natur plant nicht, für Bedürfnisse ist sie blind – sie pickt nur aus tausend zufällig entstandenen Lebensformen diejenigen heraus, die in ihrer Umwelt überleben können. Wenn wir ein Geschöpf sinnvoll finden, dann deshalb, weil die Unmenge von Unsinn, die dauernd ins Leben tritt, im Kampf ums Dasein untergegangen ist.

Wer war der Mensch, der uns diese Abkehr von allen Glaubenssätzen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten zugemutet hat? Ein Student der Theologie, der sich mit 22 Jahren an Bord des britischen Vermessungsschiffs «Beagle» begab, dem Kapitän als vielfältig interessierter Wissenschafter empfohlen. Fünf Jahre lang segelte Darwin um die Welt, und mit unersättlicher Neugier beobachtete, sammelte, registrierte er Tiere und Pflanzen in allen Winkeln der Erde.

1838, im Jahr nach der Heimkehr, überfiel ihn im Licht dieser Erfahrungen blitzartig die Einsicht: Alle biologischen Arten erzeugen mehr Nachkommen, als sie zur Fortpflanzung brauchen und als ihre Umwelt ernähren kann; nur die am besten Angepassten und die Rücksichtslosesten überleben. Doch dann forschte und grübelte Darwin noch 21 Jahre lang, ehe er seine Theorie der Öffentlichkeit zu unterbreiten wagte.

Dazu zog er sich auf seinen Landsitz Down in der Grafschaft Kent zurück – ein Eigenbrötler für die letzten 40 Jahre seines Lebens, geplagt von Kopfschmerzen, Schwächeanfällen und chronischer Müdigkeit. Schwere Bücher konnte er nicht halten; so zerriss er sie in leichte Teile. Er arbeitete exakt vier Stunden täglich und ging zweimal am Tag spazieren, zur selben Zeit auf denselben, eigens für ihn angelegten Wegen.

Die Wissenschaft ist sich nicht einig, ob Darwin an der Chagas-Krankheit litt, einer tropischen Infektion mit jahrzehntelangen Nachwirkungen auf Herz und Darm – oder ob er eine Krankheit gleichsam brauchte, um sich weltabgewandt auf sein Werk zu konzentrieren. Er selbst schrieb, die Krankheit habe ihn «vor den Zerstreuungen der Geselligkeit bewahrt». Und warum schwieg er jahrzehntelang? Schon 1842 hatte er seine Einsicht skizziert, zwei Jahre später eine Fassung von 230 Seiten hergestellt, mit dem Fazit: «So geht aus Hunger und Tod die Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen: die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Tiere.»

Aber bewiesen war ja nichts, schmerzlich fehlte überdies eine Übergangsform zwischen Affe und Mensch («the missing link», wie er sie nannte), die die Evolution gerade an diesem dramatischen Punkt hätte plausibel machen können. Auch zögerte Darwin wohl, seine fromme Frau zu provozieren, die ihn längst auf dem Weg der Gotteslästerung sah.

Da erreichte ihn 1858, sechzehn Jahre nach der ersten Niederschrift, ein Brief des vierzehn Jahre jüngeren englischen Zoologen Alfred Russell Wallace: Er habe die Auslese durch die Natur («survival of the fittest») als Prinzip allen Lebens aus eigener Kraft entdeckt, dann aber Gerüchte über Darwins unveröffentlichte Arbeit vernommen. Völlig konsterniert schlug Darwin ihm vor, ihrer beider Theorie der «Linnéschen Gesellschaft» in London vorzutragen. So geschah es am 1. Juli 1858.

Warum wurde dann Darwin weltberühmt, während Wallace zu einem Lexikoneintrag verkümmert ist, den nur Kenner suchen? Weil Darwin sein Buch schon 1859 publizierte; Wallace trat erst 1870 an die Öffentlichkeit, und den Menschen nahm er aus: Der allein sei nicht nur durch gnadenlose Evolution entstanden.

Darwin aber legte 1871 nach: In seinem zweiten Buch riskierte er, was er im ersten noch unterlassen hatte – den Menschen ausdrücklich als einen Abkömmling der Tiere einzustufen. Zwar vermied er es, die Affen als unsere Ahnen zu bezeichnen; doch das Schlagwort «Der Mensch stammt vom Affen ab» zog um die Erde, und der Weltruhm war ihm sicher.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt inStarnberg (D).



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