NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen

Arbeit im Laufe der Zeit.

Von Albert Wirz

DA LIEGT SIE NUN, die moderne, emanzipierte Frau, hingestreckt auf dem Sofa, in den Augen ein glasiger Blick. Ihr einziger Wunsch: der Ehemann möge ihr ebenfalls ein Stückchen tröstende Schokolade aus dem Kühlschrank reichen. Fernsehen? Dazu ist sie zu müde. Kultur? Sie möchte am liebsten schlafen, doch zum Schlafen ist sie zu aufgedreht. Lektüre? Gespräche? Gemeinnützige Arbeit? Eine gute Idee. Doch jetzt, am Feierabend, ist sie so ausgepumpt, dass sie kaum mehr huff und puff zu sagen vermag. Gut dreiviertel Stunden Arbeitsweg hin und dreiviertel Stunden zurück, eingekeilt zwischen schwitzenden, müden Menschen; abends mit mehr Tragtaschen bepackt als Nomaden auf Wanderschaft. Endlich zu Hause, soll sie den Liebsten bekochen. Er hat offensichtlich noch immer nicht gelernt, zwischen Mutter und Frau zu unterscheiden. Im Betrieb tagsüber das Übliche: Hetze, die kleinen Freuden gelungener Handgriffe, kollegiales Scherzen und Lachen, Chefs, die das Sagen, aber nichts zu sagen haben. Gespräche über den Lauf der Welt: Millionen soll der frühere Boss nach seinem Abgang garniert haben. Jetzt fordert der Nachfolger doppelten Einsatz. Die Belegschaft reagiert mehrheitlich zynisch; das Stimmungsbarometer steht auf «Rette sich, wer kann». Die drohende Arbeitslosigkeit unterdrückt jede Kritik. Ist das Selbstverwirklichung? Oder schon eher Zeichen einer gefährlichen Krankheit? Ist das die gepriesene Freiheit durch Arbeit oder eher Ausdruck verkappter Existenzangst? Und wo bleibt da die Fülle an Musse, die Freizeitgesellschaft, von der die Zukunftsforscher seit Jahren künden in Buch über Buch über Buch? War alles nur ein Traum? Eine Chimäre, ähnlich dem aus Not geborenen mittelalterlichen Bild vom Schlaraffenland? Oder gar Propaganda, der wir gutgläubig aufgesessen sind, weil wir alle nach Freiheit und Selbstbestimmung streben, mangels Besitz jedoch zu lebenslangem Dienst geboren sind?

Ein Blick in die Geschichte der Arbeit zeigt, wie vieles sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Eins aber ist gleich geblieben über alle Zeiten hinweg: die Vorwürfe der wenigen und ihrer Adlaten an die Adresse der vielen, die nichts als sich selbst zu verkaufen haben. Einst galten sie als faul, weil sie sich nicht ins Korsett der industriellen Arbeitszeit pressen lassen und nicht ihr Leben lang im Dienste eines Arbeitgebers malochen wollten. Heute, wo wir uns daran gewöhnt haben, tagtäglich von acht bis fünf die Tretmühle zu treten, von Montag bis Freitag und achtundvierzig Wochen das Jahr, immer mehr auch nachts und übers Wochenende, denn die Maschinen, die teuren, sie müssen drehen, die Konkurrenz schläft nicht; heute also wird uns vorgerechnet, wir seien zu wenig flexibel.

Agil, mobil und flexibel hat der moderne Arbeitnehmer, die moderne Arbeitnehmerin zu sein. Heute umworben, morgen gefeuert, wegrationalisiert, eine Ware unter Waren, wie schon in den Geschäftsbüchern der Sklavenhalter auf den karibischen Zuckerinseln, wo die Sklaven zusammen mit Maultieren und anderem mobilem Besitz aufgelistet wurden. Nicht alle Sklaven leisteten Widerstand. Der junge Karl Marx jedoch wusste: «Der Arbeiter produziert das Kapital, das Kapital produziert ihn, er also sich selbst, und der Mensch als Arbeiter, als Ware, ist das Produkt der ganzen Bewegung.» Aber Marx ist tot.

Doch langsam - beginnen wir am Anfang, gestern, vor vielen hundert Jahren, in der Antike zum Beispiel. Und siehe da! Es war alles ganz anders. Arbeit galt Griechen und Römern als eines freien Bürgers unwürdig. Freiheit war für sie gleichbedeutend mit Freiheit von Arbeit.

Nur wer von der Arbeit für die Notdurft des Lebens befreit war, konnte in der griechischen Polis Bürger werden. Die Olivenernte brachten andere ein, das Bad heizten ebenfalls andere, und die Strassen bauten die vielen Namenlosen: Knechte, Sklaven, Fremde und die im Krieg bezwungenen Feinde. Ihr Leben war Mühsal, Bedrängnis und Not. Und das ist auch die ursprüngliche Bedeutung des germanischen Wortes «Arbeit», wie man Friedrich Kluges Etymologischem Wörterbuch entnehmen kann.

Am schlimmsten traf es jene, fand Homer, der grosse Sänger, der mit der «Odyssee» das Männerbuch schlechthin geschrieben hat, am schlimmsten traf es jene, die sich gegen Lohn für andere abrackern mussten. Selbst Sklaven hätten es da besser, meinte er. Und Plato, im Denken geschult, kam nach vielem Überlegen zum Schluss, dass nur ein Leben in Musse und kontemplativer Zurückgezogenheit erstrebenswert sei. Dienst um der Tugend willen nannte er das. Arbeit hingegen galt eher als Strafe denn als Tugend.

Ganz ähnlich wie die altgriechischen Philosophen dachte der Zimmermann Jesus aus Nazareth. Anfänglich predigte er nur am Sabbat, bald jedoch gab er seine handwerkliche Arbeit auf und bewog seine Anhänger, das gleiche zu tun. Als Menschenfischer zogen er und seine Jünger fortan durchs Land und liessen sich dafür mit Naturalien bezahlen. Verkündigung wurde somit der Arbeit gleichgestellt. Bettlermönche, gläubige Asketen und fromme Frauen hielten im Mittelalter das Ideal des gottgefälligen Nichtstuns hoch. Der Adel konnte es sich ohnehin leisten, die Zeit mit Palavern, Jagen und Krieg totzuschlagen oder sich im Liebesschmerz zu verzehren.

Mit dieser Geringschätzung der produktiven Arbeit räumten die Reformatoren ein für allemal auf. Zwingli, Calvin und Luther, die treibenden Kräfte dieses epochalen Umbruchs, verklärten die Arbeit zum zentralen Lebensinhalt und legten damit, ohne es zu wissen, den Weg frei zur modernen Arbeitsgesellschaft, die Freiheit, Glück und Arbeit gleichsetzt. Für sie galt als ausgemacht, dass der Mensch zur Arbeit geboren sei wie der Vogel zum Fliegen. Und in ihrem Kampf gegen den katholischen Klerus stellten sie kurzerhand alle Arbeit und alle Arbeitenden vor Gott gleich. Der wortgewaltige Dr. Martin Luther etwa predigte 1532: «Wenn Du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiss, dass meine Arbeit Gott gefällt, sintemal ich sein Wort und Befehl für mich habe.» Den Müssiggang erklärte er handkehrum zur Sünde. «Müssiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat. Zum andern sündigst Du gegen deinen Nächsten», donnerte er von der Kanzel. Der Herr werde nur den anerkennen, der eine Leistung vollbringe. Das war insofern radikal, als es die Lebensweise des Adels in Frage stellte. Bauern und Handwerker fühlten sich verstanden. Doch die Predigten tönten revolutionärer, als sie gedacht waren, denn Luther blieb letztlich dem mittelalterlichen Standesdenken treu. Wohl verklärte er jede Arbeit zum Gottesdienst, doch er hielt dafür, dass die Arbeit jedem Menschen von Gott aufgegeben sei, weshalb sich jeder mit dem zufrieden geben müsse, zu dem ihn Gott berufen hat. Also nichts mit Revolution, sondern ein genügsames, strebsames Leben nach dem Motto: Schuster, bleib bei deinem Leisten. «Ein jeglicher bleibe in dem Beruf, darin er berufen ist», heisst es ja schon im 1. Korintherbrief.

So rückte die Arbeit im 16. Jahrhundert in den Mittelpunkt des Weltverständnisses. Der Genfer Calvin sah im wirtschaftlichen Erfolg gar ein Zeichen der Gnade und einen Beweis innerweltlicher Bewährung. Das biblische «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen dürfen» gewann eine neue Verbindlichkeit. Wer arm war, trug folglich selber Schuld. Die Konsequenzen dieser neuen Weltsicht bekamen als erste die Armen zu spüren, die Kranken und Siechen und die wachsende Zahl von Landflüchtigen, die eben damals die Städte überfluteten und, arm wie Kirchenmäuse, sich bestenfalls mit Gelegenheitsarbeiten, Betteln und allerlei Diebereien über Wasser zu halten vermochten. Früher hatten sich die Klöster der Ausgestossenen angenommen, doch im Zuge der Reformation waren viele Klöster aufgelöst worden.

In dieser Lage verfielen die calvinistischen Magistraten im Tulpenland Holland, das damals in wirtschaftlichen und sozialen Dingen den Ton angab, auf die geniale Idee, «Verbrecher, Bettler und Arme» in Arbeitshäuser und Besserungsanstalten zu sperren, um sie dort mit eiserner Hand zur Arbeit zu erziehen. Im Amsterdamer «Spinhaus» hiess das Weben und Rotholzraspeln für die Färberei der Stadt, andernorts mussten die Insassen Wolle zupfen. Und wer diese Zwangsarbeit verweigerte, auf den wartete eine besonders diabolische Strafe: Er wurde, wie ein staunender Reisender aus der Amstelstadt berichtete, wie ein Esel in Ketten gelegt und kurzerhand ins Wasserhaus gesperrt, einen mit Wasser gefüllten Keller, den er durch Pumpen teilweise leeren musste, wenn er nicht ertrinken wollte.

Die holländischen Arbeitshäuser machten schnell Schule in weiten Teilen Europas. Es begann die systematische Verfolgung der Bettler. Kaum ein fürsorglicher Fürst, kaum eine Gruppe von Stadtvätern, die nicht die Nützlichkeit der neuen Einrichtung erkannten, welche Ordnung, Fortschritt und Wohlfahrt aufs einträglichste verband. Selbst Waisenkinder mussten fortan ihren Lebensunterhalt verdienen. Und wenn die Institution später zunehmend in Verruf geriet, so blieb doch der Leitgedanke der Arbeit als Schule für die «rohe Menschheit» lebendig, vorab in Deutschland und in den sozialistischen Ländern, die, wie wir wissen, in ihren Verfassungen eine Arbeitspflicht festschreiben. Aber auch das schweizerische Strafgesetzbuch von 1937 sieht vor, dass «liederliche und arbeitsscheue» Missetäter in Arbeitserziehungsanstalten eingewiesen werden können. Dort soll ihnen mit harter Feldarbeit Sinn und Zweck des Arbeitens beigebracht werden, damit sie einsehen, dass nicht nur Geld und Sinneslust Befriedigung bringen. Erklärend heisst es in einem massgeblichen Fachkommentar aus der Zeit: «Denn der gesunde, aber untätige Mensch ist ein Blutegel der Gesellschaft.»

So ist das reformatorische Lob der Arbeit in eine Pflicht zur Arbeit umgemünzt worden. Nach unten mit Härte durchgesetzt, nahm die neue Arbeitsmoral letztlich alle in Pflicht, Arme wie Reiche. Wohl kann man sich fragen, was die Arbeit der Reichen und das Zuhören, Sitzen und Befehlen der Chefs, das Palavern eben, mit jener der vielen überhaupt gemein hat. Wie dem auch sei, keiner wollte von nun an mehr untätig scheinen, denn in der Arbeit erkannte man nichts weniger als den Motor der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Arbeitshäuser haben noch weitere Spuren hinterlassen. Eine führt unmittelbar in die Schulstuben der schweizerischen Volksschule. Was heute als Werken und Kochen im Stundenplan steht, war einst, als fortschrittliche Pädagogen am Ende des letzten Jahrhunderts diese Fächer landauf, landab einrichteten, ein Arbeitsunterricht, fein säuberlich nach Geschlechtern getrennt. Knaben lernten den Umgang mit Karton, Eisen und Holz, die Mädchen wurden im Flicken, Stricken, Nähen, Putzen und Kochen unterwiesen. Bei den Knaben ging es auch im Werkunterricht um geistige Förderung. Die Mädchen hingegen sollten zu umsichtigen Hausfrauen und sorgenden Müttern, zu Frauen mit geschickten Händen und Augen herangezogen werden. Doch nicht nur die Zielsetzung unterschied sich von Geschlecht zu Geschlecht; die Jünger Pestalozzis glaubten überdies, Knaben und Mädchen brächten auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Den Knaben hielten sie einen natürlichen «Tätigkeitstrieb» zugute; «Freude am Tun, am Schaffen, am Gestalten» zeichne jeden «gesunden» Jungen aus, sagten sie. Demgegenüber meinten sie, gute Patriarchen, die sie waren, bei den Mädchen müsse erst einmal ein «gründliches Verständnis für jede Arbeit» geweckt werden. Traute man dem Arbeitswillen des weiblichen Geschlechts weniger als dem eigenen? Das wäre sexistisch gedacht, gewiss. Aber nicht nur. Als Kinder der Aufklärung wussten die Pädagogen, dass Menschen an und für sich kreativ sein möchten, dass jedoch - und hier hallten antike Philosophie und konkrete Lebenserfahrung nach - nicht jeder freiwillig jene Arbeit leistet, die von ihm verlangt wird. Warum sollten alle Mädchen Hausfrauen werden wollen, wenn diese Arbeit so niedrig geachtet wurde, dass alle Jungen ausser Haus strebten? Umgekehrt war privilegiert, wer nicht ausser Haus arbeiten musste. Man sollte das nicht vergessen, obschon heute die gängige Sicht das Einsperren der Frauen ins Haus als Resultat einer Männerverschwörung oder doch als Resultat eines unternehmerischen Kalküls interpretiert, dem es darum gegangen sei, die Kosten der Kindererziehung und des Unterhalts der Männer zu minimieren. In Wirklichkeit schätzten die Fabrikherren, die «Schnauzbuben und Bratenfresser», wie man sie im Luzernischen nannte, die Frauen (und auch die Kinder) als billige und wendige Arbeitskräfte.

All die Lobpreisungen der Arbeit, zu denen sich im Verlaufe der Neuzeit Generationen von Pfarrern und Lehrern, Dichtern und Denkern haben bewegen lassen, tönen, je genauer man hinhört, wie ein verzweifelter Versuch, etwas Ungeliebtes zur Tugend zu verklären. Oder wie anders soll man Friedrich Schillers «Lied an die Glocke», Schreck unzähliger Deutschstunden, lesen - «Fest gemauert in der Erden/Steht die Form, aus Lehm gebrannt/Heute muss die Glocke werden!/Frisch, Gesellen, seid zur Hand!» -, das nach vielem Wortgetöse in die Mahnung mündet: «Arbeit ist des Bürgers Tugend, Segen seiner Mühe Preis.» So wurde das Unausweichliche scheinbar geadelt, die Geburt der Neuzeit als Frucht menschlicher Arbeit besungen. Schiller selbst hingegen hat, soviel man weiss, weder Glocken gegossen noch sonst je körperliche Arbeit verrichtet.

Zur Arbeit anspornende Sonntagspredigten genügten im übrigen je länger, desto weniger. Denn die industrielle Revolution, die im 18. und 19. Jahrhundert von England auf die weite Welt ausgriff und sie von Grund auf veränderte, verlangte nach einem ganz speziellen Menschen. Wer in der Fabrik überleben wollte, brauchte andere Fähigkeiten, als ein Bauernknecht oder ein Handwerksgeselle sie besass. Vor allem musste er auf viele Freiheiten verzichten können. Die Arbeitstage an der Maschine waren lang, zehn, zwölf Stunden, und die Arbeitsbedingungen spotteten vielfach jeder Beschreibung. «Die Luft mancher Baumwollspinnereien war mit dichtem Staub erfüllt», berichtet der eidgenössische Fabrikinspektor Ende des letzten Jahrhunderts, «und der Fussboden war mit einer klebrigen Masse, aus Öl, Staub und Unrat aller Art bestehend, überzogen. Von den Abtritten her waren die Arbeitssäle von ekelhaftesten Dünsten überzogen. In mechanischen Werkstätten konnte man sich kaum zwischen Maschinen, Werkzeugen, Arbeitsstücken und Vorratsmaterial hindurchwinden.» In den Werkhallen herrschten Dunkel und ohrenbetäubender Lärm. Ganz neu war für die Betroffenen die Zeitdisziplin, der sie in den Fabriken unterworfen wurden. Zwar kennt auch bäuerliche Arbeit ihre Hetze; sie war nie die Idylle, wie sie uns die Dichter glauben machen wollten; in der Erntezeit wurde schon immer bis weit in die Nacht hinein und unter äusserstem Zeitdruck gearbeitet. Insgesamt jedoch folgten die bäuerlichen Arbeiten dem jahreszeitlichen Rhythmus von Ruhe und Wachsen. Und immer wieder gab es einen Anlass zum Feiern, vor allem in katholischen Gegenden mit ihren vielen Heiligen, deren es zu gedenken galt. Nicht weniger als 51 zählte man in der Pariser Gegend. In den Fabriken hingegen herrschte eine mechanische Zeit, die Zeit der Maschinen eben, oder wie E. P. Thompson, der grosse Historiker der Industrialisierung es nennt, eine disziplinierte Zeit.

Pausen und Arbeitsschluss waren auf die Minute geregelt, Tag für Tag, Woche für Woche, jahrein, jahraus. Ade blauer Montag! Wer seine Arbeit nicht verlieren wollte, musste sich fügen; im englischen Manchester zogen Wecktrupps frühmorgens durch die Strassen, um die Arbeiter in die Fabriken zu scheuchen; Stempeluhren überwachten das Kommen und Gehen wie eiserne Polizisten. Statt der Kirchenglocken gliederten nun Fabriksirenen den Tag.

Die ersten Fabrikarbeiter leisteten gegen diese Diktatur der maschinenförmigen Zeit erbitterten Widerstand. Das spiegelt sich in den häufig wiederkehrenden Klagen der Vorarbeiter und Unternehmer über die Unzuverlässigkeit und die Faulheit der Arbeiter, ihren Mangel an Disziplin und Energie. Im Laufe der Jahre milderte sich der Ton, denn zum einen lernten die Arbeiter, ihre Forderungen im Rahmen von Gewerkschaften vorzubringen, zum andern passten sie sich über die Generationen hinweg an. Die Volksschule leistete einen unbezahlbaren Beitrag, indem sie die Kinder zu Pünktlichsein erzog, das Stillsitzen und Gehorchen einübte und so Fleiss, Planung und Selbstkontrolle, die Tugenden der neuen Zeit, in die Körper der Jungen einschrieb.

Aber noch heute sind die schnellen Urteile über die Faulheit der andern mit uns. Zum Beispiel in Berichten über Arbeitslose und besonders augenfällig in Berichten über die sogenannte Dritte Welt. Kaum ein Schreiber, der sich nicht entnervt über den Schlendrian wundert, der «dort unten», in den Ländern des Südens, herrscht. Der eine meint damit das Hausmädchen, das bei einem Todesfall für Tage und Wochen verschwindet. Bei andern sind Arbeiter das Ziel der Kritik; am liebsten aber werden die Beamten ins Visier genommen.

Solche Urteile sind nicht von vornherein falsch. Schliesslich gehören Aufrufe zu mehr Arbeitsdisziplin zum Alltag jedes Drittweltlandes. Keine staatsmännische Rede in der Region ohne dringliche Appelle, in Zukunft doch ja mehr zu arbeiten. Und Reggaestars wie der Jamaikaner Barrington Levy verbreiten das Evangelium der Arbeit mit Musik und Tanz. «Every Posse Must Work» heisst einer seiner beschwörenden Songs. Dennoch verhüllt das Reden über den Schlendrian mehr, als es aufdeckt. Vor allem verkennt es den Kampf um kulturelle Werte, um Autonomie und Selbstbestimmung, der sich in der Verweigerung äussert. Noch sind nicht alle Menschen so weit, dass sie die Arbeit wichtiger nehmen als beispielsweise die Pflege sozialer Beziehungen. Höchste Zeit, sich an Rousseau zu erinnern, den Genfer, der mit seinem aufklärerischen Denken den Weg zur Französischen Revolution bereiten half. Er hatte behauptet, im Naturzustand sei der Mensch ohne grosse Bedürfnisse, erst die Zivilisation bringe ihn dazu, den Schweiss zu verherrlichen und die stete Bewegung, das ewige Rennen nach dem Immer mehr. In der Tat haben in steinzeitlichen Wildbeutergesellschaften die Menschen täglich nicht mehr als drei bis fünf Stunden gearbeitet. Sie lebten als erste in einer Überflussgesellschaft, denn sie hatten - im Unterschied zu uns - reichlich Musse. Allerdings erkauften sie sich die Musse mit Armut. Und wie der amerikanische Ethnologe Marshall Sahlins meinte, nutzten sie die Musse in ersten Linie zum Schlafen. Wir heutigen «modernen» Menschen möchten sowohl materiellen Reichtum als auch Musse, das, was in unserer Gesellschaft nur für die wenigsten greifbar ist. Alles deutet darauf hin, dass es keinen Ausweg aus dem selbst geschaffenen «rat race» gibt. Wie eh und je bleibt uns nichts anderes übrig, als zu arbeiten und mit Stolz auf das Geleistete zu blicken, ob uns das Leben nun ans Fliessband oder an den Schreibtisch verschlägt. Das eine ist nicht besser als das andere, aber nach wie vor gilt, mirabile dictu, das letztere mehr als das erste. Woher die Arbeitslosen ihren Stolz nehmen sollen, auf diese Frage muss die Gesellschaft noch eine Antwort finden.

Albert Wirz ist Journalist und Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Zürich. Er lebt in Meilen.


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