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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Ursehnsucht

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Braut füttert Brautjungfern mit Hochzeitskuchen. Linktext
Von Anja Jardine
Unter den vielen Geküssten gibt es plötzlich einen, bei dem man denkt: den will ich heiraten. Diesem Gesicht möchte ich zuschauen, wie es sich mit den Jahrzehnten wandelt wie eine Landschaft, die nie langweilt. Aber warum heiraten? Bett und Herd teilen kann man auch so, Kinder zeugen ebenfalls. Die Gesellschaft verlangt keinen Trauschein, die Eltern haben vielleicht selbst keinen, die Kirche wird nicht gefragt. Und ewige Liebe schwören – das können wir, wo und wie und so oft wir lustig sind. Dazu bedarf es des ganzen Brimboriums nicht.

Doch. Gerade darum geht es: um das Formale, das Offizielle, das Festliche. «Wir Menschen haben das Bedürfnis, die grossen Momente im Leben zu markieren», sagt Käthi La Roche, Pfarrerin am Zürcher Grossmünster. Stimmt. Wir wollen einen Pfeiler in die eigene Biographie schlagen, das Absolute herausfordern, mit der Ewigkeit einen Deal machen. Nichts Geringeres als das. Es ist nicht nur der Wunsch, einen geliebten Menschen an sich zu binden, es ist die Ursehnsucht nach einem uneingeschränkten Ja.

Als Kind gehört es zur Grundausstattung. Manchmal kam ein Zettel aus den Tiefen des Klassenzimmers, geheimnisvoll auf Daumennagelgrösse gefaltet. Strich man ihn unter der Bank auf den Knien glatt, stand da in krakeliger Kinderschrift: «Willst du mit mir gehen? Ja. Oder Nein. Bitte ankreuzen.» Dazwischen gab es nichts, wir mussten nicht lange überlegen. Ein reines Ja. Schon bald darauf kam es uns abhanden. An seine Stelle trat das Ja unter Vorbehalt. Abwägen, Debattieren, Aushandeln; wir lavieren im Ungefähren, und jeder Entschluss ist reversibel – sei es für einen Beruf, eine Stadt, einen Menschen. Zum Trost gehen wir ins Kino. Helden sagen nie «vielleicht», Helden sagen «ja». Wenigstens einmal wollen wir auch!

Die Tatsache, dass über 50 Prozent aller Ehen scheitern, ändert nichts an der Grösse dieses Schritts. Selbst dann, wenn das Ja revidiert werden muss, stanzt es sich ins System; seine Umwandlung in ein «doch nicht» bedeutet auch im Zeitalter der seriellen Monogamie eine dramatische Zäsur, einen unsäglichen Schmerz. An diesem ersten Ja werden alle weiteren gemessen, sie bleiben seinetwegen zögerlich oder gar unausgesprochen. Oder umso mutiger. Denn das Risiko bleibt. Und die Bereitschaft, es einzugehen, haben wir eben nur für den einen.

Anja Jardine

Mit Ausnahme der Reportage «Die Kinder von 5010» und der Bildstrecke «Hochzeit im Aquarium» hat Julian Salinas, Basel, alle Bilder zum Thema «Heiraten» fotografiert.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Ursehnsucht - NZZ-Folio Heiraten (04/07)

Die Heirats-Nummer ist echt ein Hammer. Ich finde sie ganz toll. Herzliche Gratulation. Sowohl das Editorial als auch das Interview mit Käthi La Roche und der Artikel über die Grossfamilie im 21. Jahrhundert ist Ihnen bestens gelungen. Auch finde ich die 35 Fragen gut getroffen. Da ich mich als Priester seit über 10 Jahren intensiv mit Heirats- und Ehefragen befasse, finde ich Ihr Heft sehr nahe an der Realität. Machen Sie weiter so, viel Mut und Freude !
Lukas Niederberger, per E-Mail



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