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NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Aus Idioten Genies machen
In den 1930er Jahren schickte Harold Skeels zwei geistig zurückgebliebene Mädchen in ein Heim für behinderte Erwachsene – als er sie ein halbes Jahr später besuchte, traute er seinen Augen nicht.
Von Reto U. Schneider
In den frühen 1930er Jahren adoptierte ein prominentes Paar aus Iowa einen Säugling aus dem Soldatenwaisenhaus in Davenport. Als sich später herausstellte, dass das Kind geistig schwer behindert war, drohten die Adoptiveltern mit einer Klage. Die staatliche Aufsichtsbehörde konnte einen Gerichtsfall abwenden und sich mit den Eltern einigen. Um weitere solche Fälle zu verhindern, beauftragte man den Psychologen Harold M. Skeels, die Intelligenz aller Kinder im Heim regelmässig zu messen.
Aufgrund der Resultate sollten zukünftige Adoptiveltern passende Kinder bekommen, damit «geistig minderwertige Kinder nicht traurige Bürden höhergestellter Familien werden», wie es 1941 in einem Buch über die «Iowa Child Welfare Research Station» stand. Skeels hatte an der Universität die damals übliche Lehrmeinung vermittelt bekommen, die Intelligenz einer Person werde weitgehend vererbt und verändere sich im Verlauf eines Lebens kaum.
Bald nach seiner Ankunft erkannte Skeels, dass zwei Kinder im Heim geistig behindert waren. Die Mädchen, die in seiner berühmten Studie später die Initialen C. D. und B. D. trugen, waren dreizehn und sechzehn Monate alt und erreichten in dem für Säuglinge angepassten Test einen Intelligenzquotienten von 46 und 35. Normal ist 100.
«Die Kleinen waren bemitleidenswerte Kreaturen», schrieb Skeels später, «sie waren weinerlich, hatten Rotznasen und schütteres, strähniges und farbloses Haar; sie waren abgemagert, zu klein für ihr Alter und hatten kaum Muskeln. Traurig und träge wippten sie den ganzen Tag mit dem Oberkörper und wimmerten.»
Diese Mädchen würde ohne Zweifel niemand adoptieren wollen. Skeels liess sie zwei Monate nach den Tests in die «Schule für Schwachsinnige» nach Woodward verlegen. Sie kamen auf eine Abteilung mit geistig behinderten Frauen im Alter von 18 bis 50 Jahren, deren mentales Alter zwischen 5 und 9 Jahren lag.
Damit hätte die Geschichte zu Ende sein können, und Skeels wäre niemals auf die Idee für sein gewagtes Experiment gekommen. Doch der Psychologe schaute sechs Monate später in Woodward vorbei – und erkannte die Mädchen kaum wieder. Sie rannten munter umher, spielten mit den Erwachsenen und benahmen sich auch sonst wie ganz normale Kinder in diesem Alter. Skeels unternahm Tests, die zeigten, dass sich nicht nur ihre motorischen Fähigkeiten, sondern auch ihr Intelligenzquotient fast verdoppelt hatte. Waren das wirklich dieselben Mädchen, denen er vor einem halben Jahr noch ein tumbes Leben in einem Heim vorausgesagt hatte? Was war geschehen?
Zu viel Zärtlichkeit sei schädlich
Nachforschungen zeigten, dass die Verlegung der Mädchen ein Glückfall gewesen war. Es gab sonst keine Vorschulkinder auf der Abteilung, und die Frauen waren ganz vernarrt in die beiden. Eine der Frauen übernahm die Rolle der Mutter, die anderen spielten die bewundernden Tanten, die den ganzen Tag mit den Mädchen spielten. Auch die Angestellten waren stolz auf sie. Sie nahmen sie an Freitagen auf Ausflüge mit, gingen mit ihnen einkaufen und schenkten ihnen Bücher und Spielzeug. Es war ganz offensichtlich die liebevolle und anregende Betreuung, die die Kinder aus ihrer Lethargie geholt hatte.
Doch Skeels blieb skeptisch. Würde die spektakuläre Wirkung anhalten? Er liess die beiden Mädchen in Woodward und testete sie erneut 12 und 18 Monate später. Mit demselben Resultat: Die Kinder entwickelten sich ganz normal – keine Spur von einer geistigen Behinderung. Als sie dreieinhalb Jahre alt waren, kamen sie für kurze Zeit ins Waisenhaus zurück und wurden dann adoptiert.
In der Zeit, in der Skeels die Mädchen beobachtete, muss ihm bewusst geworden sein, was ihre spektakulären Fortschritte bedeuteten: Viele der scheinbar zurückgebliebenen, apathischen Kinder im Waisenhaus hatten keine angeborenen Schäden, sondern ganz einfach zu wenig Anregung und Zuwendung.
Bis sie sechs Monate alt waren, lagen die Säuglinge im Heim in Spitalkrippen mit Abdeckungen, die die Sicht auf andere Babies verdeckten. Spielzeug gab es kaum, der Kontakt zu anderen Menschen beschränkte sich auf geschäftige Schwestern, die die Säuglinge fütterten und ihnen die Windeln wechselten. Mit sechs Monaten wurden die Kinder in Schlafzimmer mit fünf Krippen verlegt. Dort konnten sie zwar spielen, den Raum verliessen sie aber kaum je. Damals war man der Meinung, für eine gesunde Entwicklung reiche die Befriedigung der körperlichen Grundbedürfnisse völlig aus. Zu viel Zärtlichkeit und Zuneigung im Kindesalter wurde sogar als schädlich angesehen.
Skeels erkannte, dass offenbar das Zusammensein mit Gleichaltrigen allein keinen grossen Effekt auf die Entwicklung zurückgebliebener Kinder hatte. Andererseits konnte er solche Kinder auch nicht zur Adoption freigeben, da er ja nicht wusste, bei welchen wirklich Hirnschäden für ihr Verhalten verantwortlich waren. «Daher schien es nur eine – ziemlich phantastische – Alternative zu geben», schrieb Skeels, «nämlich, geistig zurückgebliebene Kleinkinder aus einem Waisenhaus in ein Heim für geistig Behinderte zu verlegen, um sie normal zu machen.»
Beginn des grossen IQ-Kriegs
Die Aufsichtsbehörde hatte natürlich Bedenken, willigte aber schliesslich ein. Bedingung war, dass die zurückgebliebenen und nicht vermittelbaren Kinder, die Skeels ins «Heim für Schwachsinnige» im benachbarten Glenwood schicken wollte, dort bloss als «Hausgäste» aufgenommen und offiziell weiter als Insassen des Waisenhauses geführt wurden.
Von den insgesamt 13 Kindern unter drei Jahren, die an diesem «kühnen Experiment», wie es Skeels nannte, teilnahmen, waren 10 unehelich geboren. Ihre Eltern hatten, soweit man sie kannte, keinen Schulabschluss und einen ähnlichen tiefen Intelligenzquotienten wie ihre Kinder.
Die Kinder wurden auf verschiedene Abteilungen mit geistig behinderten Frauen verteilt, die sich liebevoll um sie kümmerten: Sie spielten mit ihnen, nähten Kleider für sie und kauften ihnen mit dem wenigen Geld, das sie hatten, Geschenke. Am amerikanischen Nationalfeiertag organisierten sie eine Babyshow, bei der die kostümierten Kinder auf geschmückten Tragen prämiert wurden. Die Kinder verbrachten auch viel Zeit draussen auf dem Spielplatz und besuchten den hauseigenen Kindergarten.
Die Wirkung war dramatisch: Die 13 Kinder legten im Intelligenztest im Durchschnitt 28 Punkte zu. Am meisten Fortschritte machten jene Kinder, für die eine der behinderten Frauen die Rolle einer festen Bezugsperson – der Mutter – übernahm. Zum Vergleich zog Skeels 12 Kinder heran, die im Waisenhaus geblieben waren. Sie verloren in der gleichen Zeit 26 Punkte.
Das Waisenhaus war eine Manufaktur für geistige Behinderung! Skeels war jetzt überzeugt, dass Intelligenz keineswegs festgelegt war, sondern durch die Umwelt – vor allem in der frühen Kindheit – beeinflusst wird. Mit dieser Ansicht machten sich Skeels und seine Kollegen George Stoodard und Beth Wellman bei vielen ihrer Kollegen lächerlich.
Ein Sturm der Kritik brach los. Kollegen warfen den Forschern aus Iowa vor, sie seien im besten Fall naiv, im schlechtesten Betrüger, mehr ihrer politischen Haltung als Sozialreformer verpflichtet als der wissenschaftlichen Methode. Und von Statistik verstünden sie auch nichts.
«Wenn es ein magisches Schulungsverfahren gibt, das aus Idioten Genies macht, hätte ich gerne das Rezept, wenn nicht, muss den Gerüchten darüber ein für alle Mal ein Ende gemacht werden», schrieb eine Forscherin scharfzüngig. Ein anderer Kollege machte sich über Skeels Experiment lustig, in dem «schwachsinnige Hilfskinderschwestern» andere «Schwachsinnige» lehrten, geistig normal zu werden. Skeels fand sich mitten in einer Auseinandersetzung, die bis heute andauert: im grossen IQ-Krieg – Vererbung gegen Erziehung.
Skeels Studie kam zu einem Ende, als die Verwaltung der Staatsschulen in Iowa ihre tolerante Haltung gegenüber den Versuchen aufgab und er 1942 eingezogen wurde. Zurück aus dem Krieg, legte er 1946 seine Professur und die Leitung der psychologischen Dienste von Iowa unter Protest nieder: In den Waisenhäusern gebe es zu wenig und zu schlechte Betreuung. Die Probleme, die diese Kinder später als Erwachsene hätten, seien hausgemacht.
Die Überraschung 20 Jahre später
Auch hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Skeels arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1965 für den US Public Health Service. Doch er machte sich immer wieder Gedanken darüber, was wohl aus «seinen» Kindern geworden sei. 1961 machte er sich daran, die 25 Versuchspersonen zu finden. Er flog kreuz und quer durch das Land, suchte entlegene Weiler auf, um mit Informanten zu sprechen, die selten zu Hause waren. Er sprach mit Postboten, Gemeindepräsidenten, Pfarrern.
Zu seiner eigenen Überraschung hatte er nach drei Jahren alle 25 gefunden. Um sie nicht abzuschrecken, verzichtete er auf einen formalen Intelligenztest. Viel aussagekräftiger erschienen ihm Angaben zu Ausbildung, Beruf, Hobbies, Zivilstand, Krankengeschichte. Daraus wollte er ein Bild gewinnen, wie sich jemand durchs Leben schlägt, ob er sozial integriert ist.
Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war frappant: Von den dreizehn Kindern, die einige Zeit bei den geistig behinderten Frauen gelebt hatten und danach adoptiert wurden, waren elf verheiratet und gingen einer Beschäftigung nach oder waren Hausfrauen. Sie waren selbständig, erzogen Kinder, lebten in bescheidenem Wohlstand. Sie hatten ein Leben. Von den zwölf Kindern der Vergleichsgruppe waren neun unverheiratet und einer geschieden. Einer war in einem Heim für geistig Behinderte gestorben, vier lebten immer noch in Heimen, drei waren Tellerwäscher. Sie waren sozial isoliert, lebten ohne Perspektive ein oft fremdbestimmtes Leben.
«Wenn das tragische Schicksal der zwölf Kinder aus der Vergleichsgruppe zu einer einzigen Untersuchung führt, die ein solches Schicksal verhindern hilft, dann waren ihre Leben nicht vergebens», schrieb Skeels am Schluss seiner Langzeitstudie.
Am 28. April 1968 erhielt Skeels den Joseph P. Kennedy Award for Research in Mental Retardation. Die Trophäe wurde ihm im Beisein seiner Forscherkollegin Marie P. Skodak von Louis Branca überreicht, einem Studenten der Universität von Minnesota in St. Paul. «Ich sass in einer Ecke und tat den ganzen Tag nichts anderes, als mit dem Oberkörper zu wippen, bis diese zwei etwas unternahmen. Wenn ich heute Abend hier bin, dann weil sie mir Liebe und Verständnis entgegenbrachten», sagte Branca in seiner Rede. Er war eines von Skeels dreizehn Kindern.
Trotz Skeels Studie und vielen weiteren Untersuchungen, die zum selben Ergebnis kamen, gab es immer wieder Zweifel, ob die Resultate stimmten. Meistens konnten die Forscher nämlich nicht sicherstellen, dass sich die beiden Kindergruppen, die verglichen wurden, in ihrer Intelligenz nicht von Anfang an unterschieden. Mit einer kürzlich in Rumänien durchgeführten Studie sollten die Zweifel ein für alle Mal beseitigt werden. 136 Kinder wurden zuerst getestet und dann entweder in einem Waisenhaus oder bei einer Pflegefamilie placiert. Mit vier Jahren hatten die Kinder in den Pflegefamilien einen durchschnittlich um 8 Punkte höheren Intelligenzquotienten.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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