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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister Inhaltsverzeichnis
Sportmärchen -- Weltraum-Weihnacht
© Markus Roost
Von Richard Reich
«Ein Märchen!» fordert der kleine Junge, «bitte, bitte, ein Märchen!» Er liegt in seinem Bettchen, bis zum Kinn unter den Daunen, und reisst die Äuglein auf. Nein, er ist noch überhaupt nicht müde! «Es ist spät», entgegnet der Vater, «ausserdem habe ich dir schon so viele Märchen erzählt.» Er beginnt, Finger um Finger, mit dem Aufzählen: «Das Märchen vom Skispringer, der nicht mehr fliegen konnte. Das Märchen vom kleinen Skilift, der schlauer war als der König. Das Märchen vom…» – «Noch eines, nur noch eines!» bettelt der Bub und schaut so treuherzig, dass der väterliche Widerstand dahinschmilzt wie eine Schneeburg im Frühling. «Nun denn», seufzt der Papa und denkt angestrengt nach, was er an diesem Tag so alles in der Zeitung gelesen hat. Richtig, da war doch…
«…einmal, vor langer, langer Zeit, ein Boxer, der hatte schon neunhundertneunundneunzig Boxkämpfe verloren. Gegen wen er auch antrat, immer kriegte er eins auf die N…» – «Nein, keinen Boxer!» ruft der kleine Junge, «gleich fürcht ich mich!» – «Recht hast du», brummt der Vater und erinnert sich schuldbewusst jenes Abends, als er das Märchen vom riesenhaften Basketballspieler erzählt hatte. Das Kind war so lebhaft mitgegangen, dass man ihm später endlos warme Honigmilch einflössen musste.
«Es war einmal…», beginnt der Vater von neuem, ohne die leiseste Ahnung, wohin die Reise gehen soll, «es war einmal…» – da kommt ihm eine Fernseh-Sportsendung in den Sinn: «Es war einmal ein Tennisspieler, der schlug den Ball so fest, dass dieser wie eine Feuerkugel…» – «Halt, Papa!» protestiert der Kleine, «es ist doch bald Weihnachten, ich möchte etwas mit Schnee!» – «Herrje! Mit Schnee!» murmelt der Vater, und siedend heiss fällt ihm ein, dass er noch kein einziges Weihnachtsgeschenk parathat.
Nachdenklich fährt er dem Kind durchs Haar. Wie gern würde er ihm einen jener altmodischen Holzschlitten unter den Christbaum legen, allein, sogar die Alten können sich kaum der Zeiten entsinnen, da es in diesen Breiten noch richtig geschn… – «Ich habs!» ruft der Vater und springt auf.
Er verschwindet an dem verdutzten Kind vorbei in die Stube, wo er wild in einer Zeitung wühlt. Dann kehrt er eilends zurück. «Es war einmal…», beginnt er triumphierend, noch bevor er wieder auf der Bettkante sitzt, «es war einmal ein Sternlein, das schwebte mutterseelenallein im weiten All. Es war kugelrund und knallrot, doch war es unfruchtbar. Kein Pflänzlein wollte hier wachsen, und auch sonst…» – «Aber, Papa!» wimmert das Kind, «das ist gar keine schöne Gesch…» – «Schsch!» macht der Vater und lässt sich diesmal nicht beirren: «Kein einziges Lebewesen gab es da oben, so dass das Sternlein sehr traurig wurde. Dies sah der liebe Gott im Himmel, er bekam Mitleid und sprach: Warte, du unschuldiges Sternlein, bald ist Weihnacht, und ich will auch dir ein frohes Fest bereiten!»
Nun macht der Vater eine Pause, um sich eines Blickes zu versichern, der erwartungsvoll an seinen Lippen hängt. Dann fährt er fort: «Als das Weihnachtsfest kam, war alles wie immer. Das Sternlein stand verlassen am Himmel und schaute traurig zur Erde, die in dieser Christnacht ob all der Kerzen und Leuchtgirlanden weit in den Weltraum hinaus strahlte. Da weinte der Stern eine winzige Träne – doch siehe, das Tränlein ward kein Tropfen, sondern eine Schneeflocke! Und da war noch eine! Und noch eine! Und bald schneite es, dass dem Sternlein ganz warm ums Herz wurde.
Die Menschen auf der Erde aber bemerkten das Wunder. Denn plötzlich erstrahlte jener einsame Stern dank seinem dicken Schneekleid so prächtig, dass man ihn all die vielen Lichtjahre weit sehen konnte. Jetzt jauchzten die Kinder: ‹Wir kommen, wir kommen…!› Flugs holten sie Schlitten, Ski und Stöcke aus dem Keller und machten sich auf den Weg…»
Der Vater hält inne und betrachtet sein schlafendes Kind, das, man sieht es an seinen roten Wangen, gerade von einer wunderbaren Schussfahrt träumt.
PS: Kürzlich haben Forscher auf dem Mars richtigen Schnee entdeckt. Somit ist es nur eine Frage der Zeit, bis man da oben ein Skiresort eröffnet.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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