NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

NZZ-Folio: Die Schweiz wird Weltmeister


Am Sonntag, dem 9. Juli 2006, um 22 Uhr 18 wird in Berlin die letzte Elfmeterschlacht geschlagen sein und eine neue Zeitrechnung im Schweizer Sport beginnen. Die ersten Anzeichen dafür hatte man schon vor vier Jahren an einem warmen Muttertagssonntag erkennen können: Ein Haufen pausbäckiger Jünglinge demütigte an der U17-Europameisterschaft im dänischen Farum die bis dahin in Nachwuchsarbeit als vorbildlich geltenden Franzosen im Elfmeterschiessen. 4 : 2 hiess es damals. 4 : 2 wird es auch in Berlin wieder heissen. Im Schweizer Tor wird kein König stehen, um die Elfmeter der Brasilianer abzuwehren. Aber das ist auch nicht nötig - die Stars in Gelb werden den Ball zum lieben Gott in den Himmel schiessen.

Der 9. Juli 2006 ist der Tag, an dem die Schweiz Fussballweltmeister wird. Vergessen sind die Zeiten, in denen der Traum von der Qualifikation zu einem Turnier der Grossen bereits 30 Sekunden nach dem Anpfiff des ersten Spiels durch ein Eigentor beendet wurde. Die jungen Herren heissen heute nicht mehr Lüdi, Elsener oder Herrmann, sondern Cabanas, Behrami oder Senderos.

«Je t’aime maman», stand bei einem der U 17-Europameister auf dem T-Shirt, das er nach dem entscheidenden Elfmeter enthüllte. Ein unmissverständlicher Dank einer Generation an ihre Mütter und Väter, die sich für ihre Kinder aufgeopfert haben. Ein Dank für all die Stunden des Wartens am Spielfeldrand, vor gammligen Kabinentüren und auf verregneten Parkplätzen, bis sich die Söhne, siegestrunken und frisch geduscht, mit viel zu grossen Taschen in die viel zu grossen Autos der Eltern setzten und riesige Mengen von Hotdogs und Bananen verschlangen. «Le principe mélange» wird nach 1998 in Frankreich ein zweites Mal im Weltfussball siegen. Damals standen Zidane, Henry und Lizarazu für die erfolgreiche Integration der französischen Immigrantenkinder. Aber diesmal sind die Fahnen rot, nicht «bleu», und auf dem T-Shirt des blondierten Strubbelkopfs Behrami steht «të dua nënë» - nicht ein Sponsorenlogo mit drei Streifen wie 1998 bei Zidane.

Am Sonntag, dem 9. Juli 2006, um 22 Uhr 17 wird Philippe Senderos, der Sohn einer serbischen Mutter und eines spanischen Vaters, sich den Ball nehmen und ihn reinhauen. Schärfer noch, als es beim WM-Final 1974 in München der Holländer Neeskens tat. Und danach wird er der Welt auf französisch, spanisch, serbokroatisch, englisch und deutsch Rede und Antwort stehen, während sich bei uns zu Hause Serben, Kroaten, Bosnier, Mazedonier, Kosovaren, Albaner, Spanier, Portugiesen, Italiener, Südamerikaner, Afrikaner, Asiaten, Westschweizer, Deutschschweizer, Tessiner und sogar die Türken freuen.

Benno Maggi, Art Direction und Bildredaktion NZZ-Folio.




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