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NZZ Folio 12/03 - Thema: Kitsch und Kult   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich sage, irgendwann kommt man immer an

© Hansruedi Fritschi
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Von Hansruedi Fritschi

DAM MALASRI, BANGKOK (T), ist 47 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder. Sein Hobby ist Kartenspielen um Geld. Er fährt einen Toyota Corolla, Jahrgang 1998, der Zähler ist bei 187 000 Kilometern stehengeblieben. Bangkok, die Hauptstadt des Königreichs Thailand, hat etwa 10 Millionen Einwohner.
Dam Malasri verdient im Monat rund 9000 Baht, das sind 300 Franken.
Davon lebt die vierköpfige Familie. Für ihre Einzimmerwohnung bezahlt sie 68 Franken Miete.
Taxameter:
Grundgebühr Fr. 1.20, jeder weitere Kilometer kostet etwa 20 Rappen.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Zwischen 60 und 70 Stunden an sechs Tagen. Erst wenn ich die 18 Franken tägliche Automiete erwirtschaftet habe, die ich dem Wagenbesitzer abliefern muss, verdiene ich etwas.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Ich habe zwei Kinder, die mich im Alter unterstützen werden, so wie ich heute mit meinen sieben Geschwistern die Eltern unterstütze, die Reisbauern im armen Nordosten sind. Wenn ich einmal nicht mehr arbeiten kann, werde ich selbstverständlich nach Buriram zurückkehren, wo das Leben viel billiger ist als im teuren Bangkok.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?

Natürlich in Buriram! Letztes Jahr an Songkran, das ist unser thailändisches Neujahrsfest im April. Über diese Tage fahren zwei Millionen Menschen aus Bangkok zurück in den Nordosten.

Warum wurden Sie Taxifahrer?

Zu Hause in Buriram gibt es nur wenig Arbeit und wenig Verdienst. Die Niederschlagsmenge erlaubt nur eine einzige Reisernte, deswegen bin ich nach Bangkok gekommen.

Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?

Das ist sehr unterschiedlich. In Bangkok stehen die Autos immer dicht, wie wir den permanenten Verkehrsstau höflich umschreiben.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Einmal habe ich für elf Kilometer fast vier Stunden gebraucht. Das war in der Regenzeit, an einem Freitagabend, wenn die Autos noch dichter stehen als gewöhnlich.

Wie reagieren Sie im Stau?

Gelassen, was kann man da schon machen? Irgendwann kommt man immer an. Langsam, langsam gehämmert, das gibt schöne Sicheln.

Wer war Ihr schwierigster Gast?

Ein total besoffener Finne. Auf der Autobahn – in voller Fahrt – versuchte er ständig, die Türe zu öffnen, und wollte aussteigen. Das war ein ziemlicher Kampf. Dann ist er plötzlich eingeschlafen. Und am Ziel konnte ich ihn fast nicht mehr aufwecken.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

34 Franken, das war eine ältere, gehbehinderte Weisse, eine Langnasen-Dame mit einem guten Herzen. Im Schnitt gibt es ein paar Rappen.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen? Ein Dudelsack. Der Passagier hatte in einem Werbefilm für den schottischen Whisky «100 Pipers» mitgewirkt.

Sprechen Sie mit den Fahrgästen?

Steigt eine höhergestellte Person ein, wäre es nicht opportun von mir, einfach ein Gespräch anzufangen. Wenn es sich jedoch um jemanden aus dem Nordosten handelt, dann reden wir ganz selbstverständlich miteinander. Meist übers Essen, das ist ein unproblematischer Gesprächsinhalt.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

7 Franken. Ich fuhr bei Rotlicht über die Kreuzung und war auch nicht angegurtet, wie es ja leider Vorschrift ist – eine reine Schikane. Zum Glück brauchte der Polizist gerade etwas Geld, so konnte ich ihm die Scheine diskret zustecken. In der Regel reicht bei Einheimischen ein Schein, während Langnasen natürlich mehr bezahlen müssen, weil die auch viel reicher sind.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin vom Bahnhof aus?

Der Grosse Palast. Die Fahrt kostet etwa 2 Franken 70.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

Ich habe keine grosse Angst, die meisten Passagiere sind ja nett. Einmal allerdings wurde ich von zwei Ladyboys mit Messern bedroht. Die haben mir mein ganzes Geld, die Uhr und mein Buddha-Amulett mit Goldkette abgenommen. Pech gehabt.

Womit verwöhnen Sie sich?

Ich gehe mit Freunden in die Karaoke-Bar, singe und trinke Thai-Whisky. Das macht echt Spass.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ein Taxi kaufen. Und natürlich noch mehr Lotterielose als üblich. Denn ich hoffe immer, dass ich die richtigen Zahlen träume. Und ich war auch schon sehr nahe dran.


THAILAND
Einwohner: 62 000 000
BIP pro Kopf: CHF 8700
Benzin: 1 l CHF 0.50
Milch: 1 l CHF 0.90
Coca-Cola: 1,25 l CHF 0.70
Brot: 1 kg CHF 1.35
Reis: 5 kg CHF 3.45
Kinobillett: CHF 3.40
Zigaretten: 1 Packung CHF 0.95–1.70


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