NZZ Folio 11/93 - Thema: Kurden   Inhaltsverzeichnis

Über den Rhein nach «Klein-Pazarcik»

Die Basler Kurdenkolonie.

Von Ruedi Suter

KEIN KURDE, KEINE KURDIN, die nicht die Hoffnung auf eine freie Heimat im Herzen trüge. Auch hier, im schweizerischen Bergland, das sie so sehr an das ihrige erinnert. «Für euch Schweizer ist die Freiheit selbstverständlich, wir aber haben sie noch gar nie erlebt», sagt Kismet.

Tritt ein Freund in seinen Buchladen, geht Kismet freudig auf ihn zu; zum Händedruck, der Vertrauen signalisiert, holt er mit dem Arm weit aus. Gegenseitiges Vertrauen ist die Voraussetzung, wenn sich das Gespräch um Politik drehen soll. Kismet schaut, sich absichernd, auf die Strasse und bittet den Gast schliesslich nach hinten, ins Büro. «Weisst Du schon  .  .  .  -» fragt er und gibt bedrückt die letzten Informationen über die jüngsten Anschläge, Kämpfe oder Morde in Kurdistan weiter. Er ist, wie viele andere Kurden in der Schweiz, besser und schneller informiert als jede Nachrichtenagentur - dank Fax, Telefon und grosser Verwandtschaft.

Kismet heisst nicht Kismet, und auch im folgenden wird keine kurdische Person mit ihrem richtigen Namen genannt. Ein Wunsch, der respektiert sei. «Man weiss nie», sagt der Mann, den wir hier Kismet nennen, und erinnert an all die Drohungen, Bespitzelungen und Mordanschläge der letzten Jahre gegen seine Landsleute. Kismet flüchtete 1984 in die Schweiz und richtete sich in Basel die Buchhandlung ein. In den Regalen stehen ins Türkische oder Kurdische übersetzte Autoren wie Stefan Zweig, Tolstoi, Mao, Musa Anter, Marx, Simone de Beauvoir, Ismail Besikci, Wilhelm Reich und Camus. Seine Kunden sind vorab kurdische, aber auch türkische Intellektuelle. Kismet führt zudem ein beachtliches Sortiment an Lehrbüchern und Frauenliteratur, Musikkassetten, Zeitschriften und Videofilmen aus internationalen Produktionen.

In den Buchladen kommen oft auch Analphabeten, auch Hilfesuchende. Denn Kismet, der ehemalige Sozialarbeiter, Vater zweier kleiner Mädchen, hilft seinen Landsleuten, wo er nur kann: Er übersetzt, telefoniert mit Ämtern, versucht Arbeits-, Schul- und Wohnungsprobleme anderer zu lösen, stellt Verbindungen zu Behörden und Organisationen her. Eine Hilfe, die doch selbstverständlich sei, meint er. Hierzulande keine aussergewöhnliche Haltung unter Kurden. Mit ihren Geschäften, Vereinen und politischen Organisationen sind sie gut vernetzt. Ich helfe dir, du hilfst mir - wir helfen uns, lautet einer ihrer Grundsätze.

So kann etwas entstehen. Die Kurdenkolonie in Basel, die grösste der Schweiz, beweist es. Zu erreichen ist sie mit einer Fahrt im «Orientexpress», wie der Volksmund das 14er Tram bezeichnet, nach «Klein-Istanbul» (Klein-Basel), wo schon über 50 türkische Geschäfte zumeist von Kurden betrieben werden: Lebensmittelläden mit üppigen Gemüseständen, preisgünstige Cafés und Restaurants, Metzgereien mit Lammfleisch aus Schächtung, Bäckereien mit Fladenbroten und orientalischen Süssigkeiten. «Klein-Istanbul» müsste richtigerweise «Klein-Pazarcik» heissen, kommen doch die meisten der in Basel lebenden Kurden aus Pazarcik in der türkischen Provinz Maras. Aber die Schweizer haben Mühe, zwischen Kurden und Türken zu unterscheiden. Bevor die grossen Fluchtbewegungen der Kurden Richtung Europa einsetzten - in den siebziger Jahren auf Grund der zunehmenden Verfolgungen im Irak, in Iran und der Türkei, 1980 nach dem türkischen Militärputsch -, hatten in der Schweiz vorwiegend türkische Gastarbeiter gelebt, unter ihnen auch Kurden, die sich als Türken ausgaben. Vor 1970 hatten sich nur einige wenige Exilkurden als sich wirklich kurdisch fühlende Intellektuelle am Genfersee niedergelassen. Verstärkung erhielten sie erst ab 1980, als immer mehr Kurden mit politischem Bewusstsein in die Schweiz flüchteten - Anhänger eines wachsenden kurdischen Nationalismus, die darauf beharrten, als Angehörige des kurdischen Volkes anerkannt zu werden. Heute Kurden als Türken zu bezeichnen wird deshalb mehr und mehr als Diskriminierung einer ethnischen Minderheit empfunden. «Wenn man euch Schweizer als Deutsche bezeichnete, würdet ihr das auch nicht akzeptieren», argumentiert der Soziologiestudent Mehmet. Hier leiden die Kurden unter einer völkerrechtlichen Ungerechtigkeit, die alle staatenlosen Völker trifft: ohne Staat keine anerkannte Identität.

Mit der Anerkennung einer eigenständigen kurdischen Kultur tun sich auch die Schweizer Ämter schwer. Das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) registriert die aus ihren türkischen, irakischen, syrischen und iranischen Siedlungsgebieten geflohenen Kurden nach ihren Herkunftsländern. Nach Ethnien abzugrenzen sei äusserst schwierig, weil genaue Kriterien fehlten, wird auf dem Amt als Begründung angeführt. Immerhin arbeitet das BFF seit Anfang Jahr an einer internen Liste, auf der (wenn möglich) die richtige Volkszugehörigkeit vermerkt wird - EDV-Probleme verhinderten indes bisher eine statistische Auswertung.

Für die Caritas-Juristin und Kurdenexpertin Denise Graf, ehemalige Mitarbeiterin des Flüchtlingsdelegierten Peter Arbenz, wäre die offizielle Anerkennung staatenloser Völker in Not durch die Eidgenossenschaft gerade im laufenden Uno-Jahr der indigenen Völker (Urvölker) sogar ein ethisches Gebot. Die Schweiz könnte hier wegweisende Funktion haben, meint sie. Das Führen entsprechender Statistiken sei möglich und verletze keine internationalen Bestimmungen.

Wie viele Kurden und Kurdinnen in unserem Lande leben, bleibt somit vorderhand Gegenstand vager Schätzungen. Aus Iran, dem Irak und aus Syrien stammende Kurden leben nur wenige hier. Von den etwa 74 000 unter «Türkei» registrierten Jahresaufenthaltern und Niedergelassenen dürften jedoch nach Mutmassungen von Hilfswerken rund 48  000 kurdischer Herkunft sein; sie haben sich vor allem in den Regionen Basel, Zürich und Bern niedergelassen. Von den Asylgesuchstellern aus der Türkei stammen heute schätzungsweise 90 Prozent aus Kurdistan.

Die Sorgen, Ängste und Nöte, die das erzwungene Exil in einem Land mit fremder Kultur, Sprache und Glaubensrichtung so häufig zur Qual machen, sie kulminieren alle im Buchladen Kismets. Kein Tag, an dem nicht jemand mit einem drückenden Problem zu ihm käme. Doch der Mann mit dem breiten Schnauz und dem offenen Blick will nicht klagen. Kismet selber - ihm warf man seine Gewerkschaftsaktivitäten vor - war fünf Jahre in Haft in einem türkischen Gefängnis und wurde gefoltert. Man schlug ihn so oft und so heftig auf Beine und Fusssohlen, dass der heute 40jährige nur mit Hilfe täglicher Spritzen stehen kann.

Über solche Folterungen und die psychischen und physischen Folgen ist hierzulande wenig bekannt. Von den im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes wissenschaftlich erfassten 7000?8000 Flüchtlingen (1992), die systematisch gefoltert wurden, sind weit mehr als ein Drittel Kurden und Türken beiderlei Geschlechts. Doch die Opfer schweigen meistens. Eine Ausnahme, dass Dogan, der Lehrer, Bilal, der Gewerkschafter, und Ali, der Händler, dennoch über die selbst erlittenen oder an Mithäftlingen wie Bauern, Arbeitern, Juristen, Studenten, Journalisten und Verlegern angewandten und von Menschenrechtsorganisationen bestätigten Folterungen sprechen. Die Schreckensbilder wollen nicht aus ihren Köpfen: Bilder von gekreuzigten, kopfabwärts oder an den Handgelenken hängenden Menschen mit Elektroden an den Geschlechtsteilen, Bilder von Menschen, die nackt auf Flaschen sitzen müssen, bis diese mit Blut gefüllt sind, Bilder von Menschen, die mit Stromstössen traktiert werden und über Lautsprecher die Schreie gefolterter Verwandter anhören müssen, Bilder von Menschen, die bis zum Mund in Exkrementen stecken oder in Wannen fast ertränkt werden oder denen die Fusssohlen so lange mit Prügeln bearbeitet werden, bis sie urinieren - die Bildfolge weiterer Marterungen könnte noch lange fortgesetzt werden.

Kismet scheint mit seinen Erinnerungen noch einigermassen fertig zu werden. Was ihm zurzeit mehr Sorgen bereitet, ist Suna, seine kränkelnde Frau. Sie, die in der Türkei bei Regen und Schnee tagelang vor dem Gefängnis ausharrte, ohne je krank zu werden, leidet hier plötzlich unter Kopf- und Rückenschmerzen, Symptomen, die Frauenberatungsstellen bei vielen Kurdinnen feststellen. Die Ursache wird auf ihr schwieriges Ausländerdasein zurückgeführt: Geldsorgen, rassistische Anfeindungen und die Mehrfachrolle als Frau, Hausfrau, Erzieherin und Arbeitnehmerin in einer zunächst unbekannten Kultur, der Ehemann und Kinder ebenfalls nicht gewachsen sind. Die Folgen sind gesundheitliche Probleme und familiäre Spannungen, die nicht selten in Trennungen und Scheidungen enden.

Die Schweiz, bevorzugter Zufluchtsort vieler Kurden und linker Türken, ist für die kurdischen und türkischen Flüchtlinge und Asylgesuchsteller aber auch noch aus einem anderen Grund nicht nur ein Land der Ruhe und des Friedens. 1985 bereits schossen in Basel Anhänger der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und anderer kurdischer Parteien aufeinander. Seither ist es in der ganzen Schweiz immer wieder zu Gewalttätigkeiten unter Kurden gekommen, bei Feiern, in Restaurants oder Vereinslokalen. Kurdische Geschäfte waren Ziel von Brandanschlägen, und ihre Inhaber sind bis heute Opfer von Schutzgelderpressungen zugunsten des Befreiungskampfes in der Türkei. Grosses Aufsehen erregte in diesem Jahr die Ermordung zweier Kurden in St.  Gallen und Zürich. Wer steckt hinter diesen Anschlägen? Eine heikle, weil nicht schlüssig zu beantwortende Frage. Ob tatsächlich hinter allem die autoritäre, straff organisierte und kommunistisch orientierte PKK und deren Flügel ERNK (Nationale Befreiungsfront Kurdistan) stecken, konnte bisher kaum je eindeutig eruiert werden. Unabhängige und gut informierte Kurden, die jede Gewalt ablehnen, weil sie dem kurdischen Ansehen nur schadet, nennen die PKK als Urheberin vieler Gewaltakte. Ausserdem identifizierten sie politisch motivierte Schutzgelderpresser, die bis zu mehrere tausend Franken eintreiben, als PKK-Mitglieder.

Dass deren mitunter rücksichtsloses Vorgehen unter Landsleuten Angst auslöst, ist ebenfalls gesichert. Doch gegenüber Polizei und Strafbehörden wird eisern geschwiegen, sind doch viele Kurden im Umgang mit staatlichen Autoritäten auf Grund ihrer schlechten Erfahrungen in der Türkei traumatisiert. Zudem spielt hier auch plötzlich wieder das kurdische Zusammengehörigkeitsgefühl. Oder die Angst vor Rache und noch mehr Problemen. So tappen die Behörden bei ihren Aufklärungsbemühungen zumeist hilflos im dunkeln.

Die PKK/ERNK selbst, in der Schweiz durch das Kurdistan-Komitee in Genf vertreten, weist jede Schuld weit von sich. Die Gewalttäter seien in den Reihen der «Kurdenfresser» zu suchen, die absichtlich die Wut der Schweizer Bevölkerung auf die Kurden zu lenken versuchten und gezielt auf die Spaltung der kurdischen Diaspora hinarbeiteten. Gemeint sind die Grauen Wölfe, faschistische Türken aus Aarau, Olten und Solothurn, sowie der türkische Geheimdienst.

Die Beziehungen zwischen der mächtigen PKK und anderen, kleineren Widerstandsorganisationen wie der Türkischen Kommunistischen Arbeiterpartei (TKEP), der Föderation der Arbeitervereine aus Kurdistan (Komkar), der Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei (TDKP), der maoistischen Partizan und dem gespaltenen Dev-Sol (Revolutionärer Weg) haben sich in der Schweiz normalisiert. Mit ein Grund ist der eskalierende Bürgerkrieg in der Türkei und eine mitunter lernfähige PKK, die sich im Gastland aus Kalkül gegenüber Andersdenkenden konzilianter gibt. Sogar PKK-kritisch eingestellte Kurden halten der schillernden Partei zugute, dass sie in der Türkei zurzeit die einzige erfolgreiche Gegenkraft zum Staatsterror sei. Deshalb müsse sie wohl oder übel unterstützt werden, keinesfalls aber auf Druck. Der Kulturschaffende Nurettin sagt: «Viele PKK-Leute haben eingesehen, dass Gegenterror kein vertretbares Mittel ist. Die PKK ist heute gemässigter. Vor allem aber führt sie in unserer Heimat den leider unausweichlichen Kampf auf Leben und Tod - die PKK verkörpert die kurdische Hoffnung auf Freiheit.»

«Bitte treten Sie ein», grüsst Celal freundlich, Yilmaz und Nevzat gehen den Gästen entgegen, um ihnen die Hand zu drücken und sie an einen Tisch zu begleiten. Man will die Eröffnung eines neuen Lokals feiern; es liegt gegenüber der Basler Synagoge, deren Würdenträger an diesem Augustabend ebenfalls eingeladen worden sind: von Alawiten, einer in der Türkei unterdrückten islamischen Religionsgemeinschaft, zu der sich in der Schweiz die Mehrheit der Kurden und Kurdinnen bekennt. Im Lokal hängen Gemälde aus dem Leben des Religionsstifters Ali, des Schwiegersohnes Mohammeds.

Die Ansprachen sind auf deutsch, nur die Lieder einer kurdisch-türkischen Jugendgruppe werden auf kirmandschi oder türkisch gesungen. «Der anatolische Alawismus ist eine soziale Religion, die das islamische Gesetz, die Scharia, ablehnt und nur ein einziges Gesetz kennt: Sei Herr über deine Hände, deine Zunge und deine Lenden», erläutert Nevzat. «Unsere Ideale sind Demokratie, Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter. Darum sind uns auch die Grundsätze der Schweizer Verfassung nahe.»

Die erste in der Schweiz gegründete «Kulturvereinigung der Alawiten und Bektaschi» hat sich zum Ziel gesetzt, die Kontakte zu anderen Religionen sowie zwischen Einheimischen und Ausländern zu fördern, um so dem Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit entgegenzuwirken. In der Schweiz traten die Alawiten kurdischer und türkischer Herkunft erstmals am 10. Juli 1993 an die Öffentlichkeit, mit einer Demonstration in Basel gegen den unter den Augen der türkischen Behörden verübten Brandanschlag von Sivas. 36 Menschen vorwiegend alawitischen Glaubens waren in dem von islamischen Fundamentalisten angezündeten Hotel Madimak verbrannt.

Die Todesschüsse aus der türkischen Botschaft in Bern sowie die Entführung von Schweizern sind Vorkommnisse, die zeigen, dass auch die Schweiz in den Kurdenkonflikt hineingezogen werden kann. Immer wieder kritisieren Kurden aller Schattierungen, Hilfswerke und Menschenrechtsorganisationen die engen schweizerisch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen: die Waffenexporte, die Exportrisikogarantie für die ABB-Beteiligung am Bau des Atatürk-Staudammes im Kurdengebiet. «Auch ihr Schweizer beteiligt euch so an der länderübergreifenden Verfolgung unseres Volkes. Die in die Schweiz flüchtenden Kurden müssen im Zusammenhang mit eurer Politik gesehen werden», folgert der ehemalige Gewerkschafter Resul in seltener Schärfe.

Die Schweiz und Kurdistan - das Schicksal hat die beiden schon 1923 zusammengeführt. Damals wurde Kurdistan im Vertrag von Lausanne von den Grossmächten und ohne Rücksicht auf die Bevölkerung auf vier Länder verteilt (Türkei, Iran, Irak, Syrien). In Lausanne lebt seit 1949 einer der grossen kurdischen Vordenker, Ismet Scherif Vanly. Der 69jährige Jurist - er überlebte 1976 an seinem Wohnort ein Attentat des irakischen Geheimdienstes - versucht unermüdlich, die schätzungsweise 700 000 in Europa lebenden Kurden zu vereinen und auf internationaler Ebene eine breite Front zur «Entkolonialisierung Kurdistans» auf die Beine zu stellen: «Unser Ziel ist die Selbstbestimmung. Die 25 Millionen Kurden müssen über ihr Schicksal selber bestimmen können.»

In der Schweiz können sich die Kurden auf eine eigentliche Lobby von Schweizern verlassen. Diese fühlen sich angezogen von der zumeist geradlinigen und freundlichen Art der Kurden und aus humanitären Gründen zu Hilfe und Unterstützung verpflichtet. So bemühen sich verschiedene Schweizer Menschenrechts- und Hilfsorganisationen wie auch Private um die Kurden. Die Aktion für abgewiesene Asylbewerber (AAA) versucht etwa mit ihren 600 privaten Asylverstecken und in Gesprächen mit den Behörden, lebensbedrohende Ausschaffungen von Kurden zu verhindern oder wenigstens Rückkehrhilfe zu leisten. Schulklassen und Gemeinden haben sich schon gegen die Ausweisung von Kurdenfamilien zur Wehr gesetzt. Und Xavier Koller, der 1991 den Oscar für seinen Film «Reise der Hoffnung» erhielt, gab die Auszeichnung postwendend weiter - an die versteckten Kurden von Flüeli-Ranft.

«Gehen wir essen?» fragt Kismet und signalisiert damit, dass er die Rechnung übernehmen wird. Das kurdische Lokal ist voll. An der Wand ein Foto mit den kurdisch-türkischen Speisen. Unkundige Schweizer, die eine davon bestellen wollen, brauchen nur darauf zu tippen. Kismet bekommt Lahmacun, eine Art Fleischpizza, Salat und Ayran (Joghurtmilch). «Ä Guete», wünscht Kismet. Am Nachbartisch wird über einen Bericht in der Oppositionszeitung «Özgür Gündem» diskutiert, an der Theke essen fünf Männer und zwei Frauen. Ein Geschäftsmann telefoniert drahtlos, und aus dem Lautsprecher tönt gedämpft die Stimme Perver Sivans, des kurdischen Barden. Alles scheint sehr friedlich und normal, wäre da nicht die schiefe Schmerzhaltung Kismets und draussen, auf der Strasse, das hier überall aufgeklebte Plakat mit dem Aufruf «Kürdistan ve Türkiye'de devlet terörüne son!» (Schluss mit dem Staatsterror in der Türkei und Kurdistan!) und darunter dieses schreiende Foto mit dem von einem Panzer zermalmten Kurdenkind.

Ruedi Suter ist freier Journalist in Basel.


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