NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport   Inhaltsverzeichnis

Der Zeigerlehrling

© Markus Bühler-Rasom, Zürich
Tagsüber still und konzentriert im weissen Kittel, nachts lärmend im schwarzen Shirt auf der Bühne: Nicolas Huguenin. Linktext
Er lernt in einer der besten Uhrenmanufakturen und will wie sein Vorbild Giulio Papi Grossmeister werden: Nicolas Huguenin, Uhrmacherlehrling bei Audemars Piguet in Le Locle.

Von Florian Leu

Er ist erst 17 Jahre alt, aber so ernst, als wäre er bereits 71. Spricht er von der Arbeit, drückt er in anderen Worten aus, was auf den Plakaten «seiner» Firma steht. «Eine Uhr ist etwas Ewiges», sagt er. Oder: Ein Uhrmacher gebe einer Vielzahl von Teilchen eine Seele. Die Uhren von Audemars Piguet seien der Kern des Landes: präzis, teuer und schön.

Nicolas Huguenin sagt es ruhig und mit festem Blick. Dann schweigt er. Er steht in Galoschen und Kittel in «seiner» Werkstatt und führt an den Kollegen vorbei, die sich wie Chirurgen über ihre mechanischen Patienten beugen. Neben einem von ihnen bleibt Nicolas stehen und blickt durch das Mikroskop ins Innenleben eines Chronographen, fasziniert. Die Unruh schwingt, die Zeiger zittern, die Rädchen glänzen. Nicolas hebt die Brauen, und plötzlich ist Gefühl in seiner Stimme: «Es ist wie ein Organ, wie ein Herz!»

Vor einem Jahr hat sich Nicolas Huguenin für die Lehrstelle als Uhrmacher beworben, er war einer von elf Bewerbern; fünf wurden zur Prüfung geladen, man legte ihnen Konzentrationsaufgaben vor, bat sie zum Gespräch. Olivier Chasseur, der für die Lehrlingsausbildung zuständig ist, entschied sich für Nicolas. Er habe entschlossen und ehrgeizig gewirkt, höflich, hartnäckig. Manchmal allerdings, findet Chasseur, übertreibe er es ein wenig: Begegnen sie sich auf dem Gang, grüsst Nicolas immer, als wäre es das erste Mal.

Nicolas führt weiter durch den Betrieb in Le Locle, schreitet seine Zukunft ab. Er zeigt einen Tisch mit Armpols­tern, wo er die Uhrbestandteile zusammenfügt, die seine Kollegen dann zum Ticken bringen. Geht vorbei an Räumen voller Stille und Licht, wo Männer mit Augenlupen die Funktionen der Uhren prüfen, bevor sie verpackt werden. Weist am Ende des Parcours auf eine Scheibe mit heruntergelassenen Lamellen und eine geschlossene Tür. Dahinter sitzt und skizziert Giulio Papi, Chefdesigner von Audemars Piguet und, wie manche meinen, der Grossmeister der Schweizer Uhrmacherkunst – Nicolas’ grosses Vorbild.

In den nächsten fünf Jahren wird Nicolas in allen Abteilungen der Manufaktur arbeiten. Er wird Uhren mit Glockenschlag zusammensetzen, Zifferblätter mit Diamanten bestücken, Komplikationen unter die Lupe nehmen. Zum Abschluss wird er eine – seine – Uhr zusammensetzen und sie sich ans Handgelenk schnallen. Müsste er sie bezahlen, könnte er sich das Stück erst leisten, wenn ihm graue Haare wachsen; im letzten Lehrjahr verdient Nicolas knapp 2000 Franken, nach Lehrabschluss etwa das Dreifache.

Wenn die Zeiger seines Eigenbaus Tausende Kreise beschrieben haben, wird er vielleicht auch in einem Raum mit heruntergelassenen Lamellen sitzen und skizzieren. Das ist sein Traum. Seine Aussichten sind gut, die exklusive Marke spürt die Krise kaum. Und falls die Krise Audemars Piguet doch treffen sollte, kann er sich mit einer Topempfehlung bei einem anderen Uhrmacher bewerben oder die Branche wechseln; die Mechanik der Zahnarztinstrumente ist mit Uhren verwandt. Doch darüber denkt Nicolas selten nach. Viel lieber entwirft er in seinen Skizzenbüchern seine Zukunft.

Mit Zeichnungen hat es angefangen. Vom Grossvater erbte er Skizzen und die Lust, sich selbst zu versuchen mit Lineal und Zirkel. Er hat einen ganzen Stapel gefüllter Hefte. Darin befinden sich auch Bilder seiner Traumuhren. Zeigen will er sie allerdings nicht. Sonst klaue noch einer seine Ideen, sagt er. Eigentlich kam sein Berufswunsch über einen Bremsweg zustande: Erst wollte er Pilot werden, dann Rennautos gestalten, schliesslich entschied er sich für die Gemächlichkeit der Zeiger. Eine Wahl, die naheliegt: Wenn Nicolas zu Hause aus dem Fenster schaut, blickt er auf das Vallée de Joux und einen Himmel mit tief hängenden Wolken. Dazwischen steht die Manufaktur von Audemars Piguet. Die Lehre ist die Erfüllung für ihn: «Ich will nichts anderes.» In den Pausen verschlingt er Uhren­magazine, nach Feierabend daheim zeichnet er noch ein wenig.

Dann nimmt er seine Schlagzeugstöcke und fährt in den Proberaum. Nicolas hat eine Heavy-Metal-Band, die die Parties der Region aufmischt. Manchmal gesellt sich sein Lehrmeister zu den Zuhörern und hat ein befreiendes Gefühl dabei, Nicolas statt im weissen Kittel im schwarzen Shirt, statt von stillen Schaffern von schreienden Typen mit langen Haaren umgeben zu sehen.

Florian Leu ist Journalist; er lebt in Zürich.


Leserbriefe:

Zu Der Zeigerlehrling - NZZ-Folio Der Lehrlingsreport (09/09)

Ich habe eine Verständnisfrage. Eine geografische. Der Autor schreibt von Audemars Piguet in Le Locle, und vom Lehrling Nicolas Huguenin. Im zweitletzten Abschnitt heisst es: "Wenn Nicolas zu Hause aus dem Fenster schaut, blickt er auf das Vallée de Joux...". Wenn sich Nicolas Zuhause tatsächlich in Le Locle befindet, das in einer Senke liegt (einheimisch "la cuvette"), ist es für mich schwer verständlich, wie er auf das Vallée de Joux, VD, sollte blicken können.
Jürg Stähli, Schliern b. Köniz

Der Leser hat Recht: Es handelt sich bei der Gegend, die Nicolas  sieht, nicht um das Vallée de Joux, wo sich in Le Brassus der Hauptsitz von Audemars Piguet befindet, sondern um die Cuvette.
Die Redaktion




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