NZZ Folio 02/01 - Thema: Interaktiv   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- Die schützende Haut der Cigarre

Von Thomas Brunnschweiler

ZUGLEICH GESICHT und schützende Haut einer Cigarre ist das Deckblatt (Capa oder Wrapper). Es ist ein besonders feines, zart geädertes Tabakblatt, das sich um den sogenannten Wickel (auch: Puppe) schmiegt. Ein gutes Deckblatt verrät viel über die Qualität einer Cigarre, wenngleich nicht alles. Unbeschädigt und von gleichmässiger Struktur sollte es sein, keine dicken Adern aufweisen, eine reine Farbe und einen seidigen Schimmer besitzen und beim festen Drücken gleich wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehren.

Die spiralförmig vom Brandende zum Kopf hin gewickelte Capa ist weit mehr als ästhetisches Beiwerk, sie ist wichtiger Geschmacks- und Aromenträger. Darüber, wie stark das Deckblatt am Gesamteindruck eines Puros beteiligt ist, gehen die Meinungen auseinander. Statt eine nichtssagende Prozentzahl zu nennen, sei ein Experiment empfohlen, das Sie selbst jederzeit machen können.

Nehmen Sie eine Cigarre - nicht eine teure Havanna - und schneiden Sie mit einem scharfen Messerchen am Brandende einen Zentimeter des Deckblattes weg. Entzünden Sie nun die lädierte Cigarre, so dass Sie zunächst nur den Wickel rauchen. Konzentrieren Sie sich auf den Übergang zum unversehrten Teil. Sie werden eine Überraschung erleben!

Der Einfluss der Capa auf Geschmack und Aroma ist keine Frage der Quantität. Wenn das Deckblatt zu dick ist, wirkt sich das negativ auf das Brandverhalten und den Genuss aus. Aber auch das beste Deckblatt kann eine Cigarre nicht retten, wenn es nicht mit Umblatt und Einlage eine harmonische Ehe eingeht. Gute Deckblätter kommen je nach Cigarrentyp aus Sumatra, Java, Kuba und Connecticut, aber auch aus Mexiko, Honduras, Nicaragua und Kamerun. Da der Ernteanteil, der die Anforderungen eines Deckblatts erfüllt, gering ist, zählen gute Deckblätter zu den teuersten Tabaken der Welt. Man unterscheidet bei den Capas grob sieben Farbtöne: von Claro Claro bis Oscuro, wobei ein Escogedor, ein Farbenprüfer, bis über 70 Nuancen unterscheiden kann. In der Dominikanischen Republik wird meist ein Milchkaffeebraun angestrebt, wogegen die dunkelbraunen Töne heute als typische Kuba-Farben gelten.

Deckblätter wachsen oft im Schatten textiler Abdeckungen. Je mehr Sonne ein Blatt während der Reifung bekommt, umso süsslicher wird es später schmecken, weil es mehr Zucker und Öl gebildet hat. Der Helligkeitsgrad einer Cigarre sagt nicht zwingend etwas über die Stärke aus, doch normalerweise schmecken Deckblätter mit der Farbe Maduro würziger als die helleren.


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