Ich bin weder glücklich noch unglücklich, sondern achtunddreissig Jahre alt. Martin Walser
EINE STADT WIRD VORGESTELLT. Kurz hinter Kassel muss es gewesen sein, dass wir dann doch noch auf unsere Reiseziele zu sprechen kamen, und es war nicht schwer zu erkennen, dass sie von mir als Reisendem mit einemmal ziemlich enttäuscht war. Ach, Fulda, sagte die junge Frau aus München, die nach München fuhr und sich und mir offenbar ganz andere Reisen zutraute als nach Fulda oder München, Fulda natürlich kenne sie, das heisst: vom Hörensagen, und dass das doch die Stadt mit diesem erzkonservativen Bischof sei und eine Hochburg des Katholizismus, also sie müsse schon sagen: Fulda, na ja, Fulda, sagte sie, aber das mit den Bettlern, über die ich da etwas schreiben wolle, gefalle ihr.
Ob es denn in Berlin etwa nicht genügend Bettler gebe, über die man etwas schreiben könne, wollte sie wissen, und ob einer deshalb wirklich bis nach Fulda muss, und so erzählte ich ihr von der kleinen Zeitungsnotiz, wegen der ich gekommen war, und dass das Regierungspräsidium in Kassel es der Stadt Fulda erst im vergangenen Sommer untersagt hatte, in einer sogenannten Gefahrenabwehrverordnung das Betteln auf den Strassen und Plätzen Fuldas zu verbieten, sie fand das typisch. Es gefiel ihr aber, dass man Verbote hierzulande einfach so verbieten kann, und auch ich schien in ihrer Achtung zuletzt wieder ein bisschen gestiegen zu sein, die Art, wie sie mir zum Abschied alles Gute wünschte, liess mich jedenfalls daran glauben.
FULDA HAUPTBAHNHOF, ANKUNFT 13.41. Ich habe nicht viel Erfahrung mit diesen Reisen in fremde Städte, die man nach zwei oder drei Tagen verlässt und danach in aller Regel nie wiedersieht. Meistens esse oder trinke ich noch irgendwo eine Kleinigkeit, nachdem ich mein Hotelzimmer besichtigt habe, und gehe erst dann ein bisschen in der mir fremden Stadt spazieren, mache mich mit ihren Strassen, Plätzen, Häusern und Kirchen vertraut, erkenne bald das eine oder andere wieder, beginne mich zu orientieren, komme allmählich an.
Auch in Fulda ist das wieder so gewesen, und es hat nicht lange gedauert, bis ich mich in der schönen Altstadt zwischen Bahnhof, Schloss, Dom und Hotel so einigermassen zurechtfand, nur von den berühmten Bettlern gab es zunächst keine Spur, ich hatte wohl noch nicht den rechten Blick für sie, oder sie hielten sich ausgerechnet an diesem Nachmittag an mir unbekannten Orten auf, es war mir aber fürs erste gar nicht unrecht. Noch am Abend im vierten Stock meines kleinen Hotels am zentralen Busbahnhof habe ich dann auf einmal ernste Zweifel an meinem Projekt bekommen. Konnte man einfach so zu ihnen hingehen und mit ihnen sprechen? Vielleicht gab es ja nicht wirklich etwas zu sagen zwischen einem Bettler der Stadt Fulda und einem Journalisten aus Berlin. Vielleicht rochen sie ja unangenehm. So oder so ähnlich dachte ich und fand es womöglich nicht besonders erstaunlich. Im Fernsehen gab's dann noch ein Fussballspiel, und auf das Abendessen im Restaurant verzichtete ich.
DER EINZELGÄNGER. Meinen ersten Bettler habe ich dann gleich am nächsten Morgen getroffen, und ab da war alles ganz einfach. Ein Obdachloser, der eine Zeitung für Obdachlose verkauft hat, schickte mich in die Armenküche der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul, und in der Armenküche der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul habe ich mich einfach an einen der beiden langen Tische gesetzt und mit ein paar Obdachlosen eine Tasse Kaffee getrunken, vor allem ein älterer mit Vollbart und Prinz-Heinrich-Mütze, der sich Chris nannte, war sehr freundlich. Wenn du etwas schreiben willst über die Bettler von Fulda, sagte er, so musst du erst einmal all die Orte kennenlernen, die für uns in Fulda von Bedeutung sind: wo es zum Beispiel die Marken für das Mittagessen gibt und wo das Tagesgeld vom Sozialamt, das alles zeige ich dir gerne, und unterwegs erzähle ich dir dann ein bisschen von meinem Leben.
Fast eine Stunde lang sind wir dann zusammen durch die Altstadt von Fulda gegangen, und weil man sich in einer Stunde viel erzählen kann, hat er mir auch ein bisschen von früher erzählt, es blieben seine Geschichten aber alle ziemlich skizzenhaft, zum Beispiel in welcher Reihenfolge er vor zwanzig Jahren die Frau, die Arbeit und die Wohnung verloren hatte, konnte er nicht mehr genau sagen. Obwohl es ein Geheimnis war, hat er mir dann noch den kleinen Schuppen gezeigt, unter dessen Dach er schon seit ein paar Tagen übernachtete, und das kleine Versteck für seinen Rucksack, und dann war es schon Zeit, dass er an einem kleinen schäbigen Schalter am Rande eines heruntergekommenen Gebäudes die tageweise ausbezahlte Sozialhilfe abholte, sechs bis acht Männer und Frauen standen schon Schlange.
KLEINE EINFÜHRUNG IN DIE KUNST DES BETTELNS. Die Männer und Frauen, die an diesem Vormittag ihren Tagessatz von 17,30 DM abholen, heissen mit Namen Peter, Ulla, Hessen-Ede und Lücke, kommen aus Berlin, Bad Honnef, Fulda und Dortmund und sind mir von Anfang an sympathisch. Sie alle leben seit vielen Jahren, zum Teil auch schon seit Jahrzehnten, auf der Strasse und haben nichts dagegen, mich auf einer nahegelegenen Parkbank in die schwierige Kunst des Bettelns einzuführen - sie haben eine ganz eigene Sprache dafür. Beim erstenmal, sagen Chris und Peter, hätten sie sich sehr geschämt als Bettler, und dass das Betteln überhaupt nicht jedermanns Sache sei, sagt der Hessen-Ede. Natürlich sei das Betteln Arbeit, sagen sie, und also haben sie alle so etwas wie feste Arbeitsplätze und feste Arbeitszeiten, haben sie sich beim Betteln ein jeder auf seine Weise spezialisiert. Manche von ihnen sprechen vor allem Leute auf der Strasse an (schmal machen), andere gehen vor allem in Geschäfte oder, seltener, von Haus zu Haus (Stich machen), wieder andere betteln am liebsten im Sitzen auf der Strasse (Sitzung machen), und wieder andere machen es mal so, mal so. Für eine Tageseinnahme von 30 bis 50 Mark sitzen oder laufen sie oft einen ganzen Tag, und bekommen sie wirklich einmal einen Zehner (Ringeltaube), Fünfziger (Pfund) oder gar einen Hunderter (Kilo), erzählen sie sich's noch nach Jahren.
Für sie alle ist das Erbettelte vor allem ein Zubrot oder eine Reserve für besondere Anschaffungen. Lücke, Hessen-Ede und Peter kaufen in erster Linie Bier und Zigaretten, Ulla braucht eine neue, leichtere Brille und ein bisschen Wäsche, und was ihnen beim Betteln so alles durch den Kopf geht, ist nicht leicht zu sagen: nichts Besonderes eigentlich, Hauptsache, die Zeit vergeht.
TAGESLAUF EINES BETTLERS. Speziell mit den langen Nachmittagen, sagt Lücke, den sie so nennen, weil ihm oben die vier mittleren Zähne fehlen, sei es überhaupt so eine Sache. Lücke ist Mitte vierzig, schwerer Alkoholiker und seit 1972 auf der Strasse: Kindheit in einem Berliner Erziehungsheim, von Beruf Tagelöhner, dann mehrere Jahre Gefängnis. Sein Motto für die Zukunft: «Auf der Strasse 75 werden», vor allem «frei sein», auf keinen Fall zurück in das frühere Leben. Kann er beschreiben, wie ein Tag im Leben eines Bettlers aussieht?
Über den Tag im Leben eines Bettlers kann man eigentlich nicht viel sagen, sagt Lücke, und dass er seine Nächte derzeit nicht im Freien, sondern im städtischen Übernachtungsheim verbringt; sieben Nächte pro Monat sind erlaubt, und die Tage sehen fast immer gleich aus: Wecken um sieben Uhr morgens, danach eine Tasse Kaffee und das sogenannte Klapperfrühstück (eine Flasche Bier gegen das Zittern), um acht Uhr spätestens müssen sie alle raus. Vom Übernachtungsheim am Stadtrand langsam in die Innenstadt gehen, bei Aldi ein paar Bier kaufen, zum Bahnhof gehen, sitzen und trinken ist das Programm bis zehn. Zwischen zehn und zehn Uhr dreissig zweites Frühstück in der Bahnhofsmission (Kaffee und Marmeladenbrot), danach das Tagesgeld abholen, vom Tagesgeld Tabak und Bier kaufen, vielleicht ein bisschen «arbeiten». Erst nach dem Mittagessen in der Armenküche (12 Uhr) wird es schwierig. Die Stunden am Nachmittag dehnen sich, also «arbeitet» man noch ein bisschen, geht ein Stündchen in die Teestube der Caritas am Bahnhof, sitzt in der Stadt herum, schlägt die Zeit tot. Ins Übernachtungsheim dürfe man dann erst wieder um halb sieben. Manchmal kochen sie sich dort noch eine Kleinigkeit und besprechen bei ein paar Bier die Ereignisse des vergangenen Tages und wo es als nächstes hingeht, wenn du Lust hast, kannst du uns gerne mal besuchen, es ist nicht besonders, aber für einen wie dich vielleicht ganz interessant.
IN DER ARMENKÜCHE. In der Armenküche der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul gibt es an diesem Mittag Schweinegeschnetzeltes mit Reis und Salat und als Vorspeise einen Teller Tomatensuppe, und die insgesamt etwa zwanzig Plätze sind jetzt alle besetzt, auch ein paar Jüngere sind darunter und der Zeitungsverkäufer vom Vormittag sowie eine Frau aus der Nachbarschaft, die gerne etwas Gesellschaft hat. Der Hessen-Ede sagt, dass er mir gerne eine seiner Marken gibt, schliesslich müsse einer wie ich ja wissen, was ein Bettler in Fulda zu Mittag isst, es schmeckt auch wirklich gar nicht schlecht, und dann reden wir ein bisschen über das Trinken. Schon auf dem Weg zur Armenküche haben sie mir etwas über ihre täglichen Rationen erzählt, und dass der eine nur ein Bier und der andere ausserdem immer eine Flasche Korn trinkt, nur jetzt wollen oder können sie sich auf einmal nicht mehr daran erinnern und ziehen von ihren zwanzig bis dreissig Flaschen Bier einfach ein Drittel ab. Lücke sagt, dass er beim Betteln immer zugibt, dass er Alkoholiker ist, und Chris sagt, dass die Leute gerade Alkoholikern oft nichts geben. Eigentlich gehöre es sich auch nicht, dass einer betrunken betteln geht, so wie es sich auch nicht gehöre, dass man sich gross bedankt, wenn man von einem anderen ein Bier bekommt und weiss, ein paar Stunden später gibt man diesem anderen eines von den eigenen. So sind die Regeln, sagt Chris, jedenfalls unter uns Berbern sind die Regeln so, und wie sie woanders sind, können wir eigentlich nicht wissen.
EIN FALL VON PROFESSIONELLER EINSTELLUNG. Mit den Standesunterschieden unter den Bettlern ist es so: Es gibt Gelegenheitsbettler, Bettler aus fernen Ländern, Bettler, die in einer bestimmten Stadt gemeldet sind (Stadtwillys), und Bettler, die seit Jahren ohne festen Wohnsitz quer durch Deutschland reisen (Berber), Bettler aus Überzeugung und Bettler wider Willen, ferner natürlich junge, alte, zufriedene, verzweifelte, gesprächige und weniger gesprächige Bettler und manchmal auch solche mit Familie.
Die dreiköpfige Familie am Nebentisch, die an diesem Tag zufällig in Fulda ist, kommt aus Berchtesgaden und erbettelt am Tag im Durchschnitt 300 Mark. Ziemlich genau sechs Jahre sind sie mit ihrem Wohnmobil nun schon in allen Ecken und Enden Deutschlands unterwegs, und obwohl sie demnächst wahrscheinlich für immer nach Amerika gehen, können sie über ihr Leben zwischen den Städten nur das Allerbeste sagen, und dass der Vater beim Betteln meistens ein bisschen weniger bekommt als die Mutter und dass die Tochter es zufrieden ist, wenn sie ihren Eltern den kleinen Wohnmobilhaushalt macht. Will man beim Betteln erfolgreich sein, so sagen sie, muss man vor allem ein überzeugendes Auftreten haben: Den Leuten in die Augen schauen, die Sätze immer mit «Entschuldigung» beginnen («Entschuldigen Sie, könnten Sie mir bitte aushelfen»), für das kleine Pappschild einen einfachen Spruch haben («Frau in Not. Ohne Zuhause. Dankbar für jede Spende»), natürlich ausdauernd sein, darauf komme es beim Betteln an. Meistens, so sagt der Mann, der früher Koch gewesen ist, Schulden gemacht hat, im Gefängnis war, meistens betteln wir immer nur so lange, bis wir unser Minimum zusammenhaben, und dass sie meist nur eine Woche an einem Ort bleiben, bevor sie weiterziehen, nur jetzt müssen sie leider an die «Arbeit», in ein paar Tagen gehe es übrigens erst einmal nach Portugal, frei und glücklich, wie wir sind, fahren wir nämlich, wohin wir wollen.
GESCHICHTEN VOM GLÜCK UND ANDERE GESCHICHTEN. Für Chris und Lücke und die anderen sind das Geschichten, an die sie nicht recht glauben. Das Glück und die Freiheit, schön und gut, aber zu zweit am Tag 300 Mark erbetteln, das halten sie für ein Märchen und nennen die drei aus Berchtesgaden verächtlich Edelberber, denn ein Edelberber hat im Unterschied zu ihnen noch so etwas wie eine Alternative.
Die Geschichten der Bettler von Fulda sind bescheidene Geschichten, kleine Geschichten von skurrilen Bekannten und aussergewöhnlichen Begebenheiten, vor allem aber Geschichten vom kleinen grossen Geld. Der Hessen-Ede ist vor kurzem auf einer grossen Berberhochzeit gewesen mit Paletten voll Bier und zwei als Braut und Bräutigam verkleideten Männern; dem Chris hat eine Verkäuferin eines Tages auf eigene Rechnung eine neue Prinz-Heinrich-Mütze für neunundfünfzig Mark geschenkt, und Lücke erinnert sich noch immer an die alte Frau in Bad Hersfeld, die ihm kurz vor Weihnachten einen Umschlag mit fünfzig Mark zugesteckt hat.
Gibt es auch Liebesgeschichten, solche, die der Rede wert sind, frage ich sie dann noch, aber irgendwelche Liebesgeschichten, die der Rede wert sind, gibt es nicht, nur hie und da einen Mann oder eine Frau, die man für eine Nacht besuchen kann, ausserdem habe man ja auch sonst so seine Möglichkeiten, nicht wenige seien in diesen Angelegenheiten allerdings seit langem, sagen wir: ein bisschen abgestumpft, von den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit ganz zu schweigen.
JUNGE HASEN, ALTE HASEN. Für den achtunddreissigjährigen Peter aus Bad Honnef ist diese Vergangenheit im Gegensatz zu den meisten anderen noch greifbar nahe. Er ist erst seit ein paar Monaten ein richtiger Berber, war bis vor kurzem drogenabhängig und kann über sein neues Leben noch nicht viel sagen: Einerseits sei er unter den Berbern endlich von den Drogen losgekommen, andererseits empfinde er speziell das Betteln doch immer als Demütigung, aber als Neuling habe er natürlich auch noch viel zu lernen, deshalb höre er auch so gern den alten Hasen zu, obwohl die alten Hasen nicht immer gerne reden.
Der alte Hase, der an diesem Nachmittag mit uns am Tisch sitzt, ist Anfang vierzig und unter den Bettlern in Fulda schon darum eine Ausnahme, weil seine Kontakte zu Menschen mit Beruf und Wohnung in all den sechzehn Jahren, die er jetzt auf der Strasse ist, nicht abgerissen sind. Damals, vor sechzehn Jahren, erzählt er, habe er als Selbständiger so viele Schulden gemacht, dass er sein Leben lang nur für diese Schulden hätte arbeiten müssen, und also habe er sich kurzerhand für ein Leben auf der Strasse entschieden. Immer wieder lerne er beim Betteln Leute kennen, die er dann besuchen kann, wenn er in ihrer Stadt ist, ausserdem habe er eine feste Freundin, die nicht viele Fragen stellt und ihm jedes Jahr eine neue Bahncard schenkt, und so reise er das ganze Jahr für wenig Geld in der Weltgeschichte herum, schlafe am liebsten in Gegenden, wo es einen See gibt oder wenigstens ein Waldstück, achte darauf, dass er immer genügend Vitamine in Form von Salaten und Gemüse zu sich nimmt, dass ihm nicht die Zähne ausfallen, und sei's zufrieden. Speziell hier in Fulda lasse es sich eigentlich ganz gut aushalten, sagt er, das mit dem Bettelverbot müsse man nicht besonders ernst nehmen, und einen Tagessatz von siebzehn Mark dreissig gebe es nun wirklich nicht überall.
ANSICHTEN VON OBEN. So wie die Bettler über Fulda eigentlich nur Gutes zu berichten wissen, so vorsichtig äussern sich umgekehrt die offiziellen und halboffiziellen Stellen der Stadt über die Bettler. Der zweite Bürgermeister sagt, dass die Bettler in Fulda natürlich auch in Zukunft werden betteln dürfen und dass er die berühmte Gefahrenabwehrverordnung rückblickend für einen Fehler hält. Und die örtliche Polizei sagt, dass das Betteln auch in der alten Gemeindeordnung schon verboten gewesen ist und dass die Theorie seit jeher das eine, die Praxis aber das andere ist. Was sagt Schwester Dominika vom Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul, die in ihrer Armenküche Tag für Tag das Essen für die Bettler ausgeben? Schwester Dominika vom Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul sagt, dass sie die sogenannten Nichtsesshaften lieber ihre Brüder von der Strasse nennt, weil man schliesslich nicht wissen kann, ob nicht in Wirklichkeit manch Nichtsesshafter innerlich sehr viel sesshafter ist als viele von uns Sesshaften. Sie ist Anfang dreissig, und es gefällt mir, wie sie auch mir gegenüber wie selbstverständlich in der alten, fast vergessenen Sprache der Kirchen und der Klöster spricht, in der die Armen noch die Herren und die Helfenden noch die Barmherzigen sind, und wenn ich am Ende auch nicht jeden ihrer Sätze über das menschliche und göttliche Erbarmen verstanden habe, so ist es doch in jedem Fall sie gewesen, die noch am ehesten davon wusste, dass der Bettler einst unter dem besonderen Schutz der Götter stand.
VON DEN NÄCHTEN DER BETTLER. Am Abend bin ich dann noch zusammen mit Lücke und Peter ins Übernachtungsheim der Stadt Fulda gefahren, in dem es neunzehn Betten für Männer und acht für Frauen gibt und das seit beinahe vierzig Jahren von ein und demselben Ehepaar geführt wird. Natürlich waren sie anfangs ein bisschen misstrauisch gegen den neuen Gast, hatten dann aber schon bald nichts mehr dagegen, dass ich zusammen mit den anderen Lücke und Peter dabei zusah, wie sie gemeinsam einen grossen Topf Suppe mit ein bisschen Bauchspeck zubereiteten. Schon am Vortag hatten sie auf dem Gemüsemarkt von einem Verkäufer ein paar Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und ein bisschen Sellerie erbettelt, und weil wir uns nun schon ein bisschen kannten, sollte und durfte natürlich auch ich einen Teller mitessen, es war eine arme, feine Mahlzeit, die mich für einen Augenblick, kann man sagen: beschämte?
Bis zur Bettruhe um zweiundzwanzig Uhr sind wir dann alle noch beisammengesessen, die Herbergseltern Franz und Maria, Lücke, Peter, der alte Hase und die anderen, haben ein jeder eine oder zwei Dosen Bier getrunken und uns gegenseitig ausgefragt. Lücke, der nun allmählich doch schon ein bisschen betrunken gewesen ist, hat noch einmal die Gemeinschaft aller Berber beschworen, der alte Hase rauchte zufrieden seine selbstgedrehten Zigaretten, und Franz und Maria zeigten mir noch ein paar Fotos, die ihnen verschiedene ihrer Gäste im Lauf der Jahre zugesandt hatten, nun gehörte also gewissermassen auch ich dazu, nur ein Foto würde ich wahrscheinlich nicht schicken.
ABSCHIED. Am nächsten Nachmittag reiste ich zurück nach Berlin. Über Nacht war es auf einmal merklich kälter geworden, und so musste ich noch einmal daran denken, was mir am Vorabend die einzige anwesende Frau erzählt hatte, dass es nämlich in den meisten Städten (anders als in Fulda) für Frauen keine Übernachtungsmöglichkeiten gebe und was das für eine Frau, die schon zweimal vergewaltigt worden ist, bedeute.
Kurz nach zwölf Uhr mittags bin ich dann noch einmal in die Armenküche der Barmherzigen Schwestern gegangen, und wie schon am Vortag sind die Tische wieder alle besetzt gewesen. Lücke und Peter waren gerade dabei, ihre bevorstehende Reise nach Kiel und dann weiter nach Köln zu besprechen, und waren sichtlich in guter Stimmung, nur an den gemeinsamen Abend, der vielleicht nur für mich ein besonderer Abend gewesen war, schienen sie sich nicht mehr zu erinnern, ich nahm's ihnen aber nicht weiter übel.
Michael Kumpfmüller ist Journalist und lebt in Berlin.