NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Bonzen, Hänger, Nutten und Deppen

Wenn in Zürich die Nachtmenschen erwachen.

Von Alex Baur

«Gestatten, mein Name ist B., Alexander B. - sagen Sie einfach Alex und vergiss getrost den ganzen Rest. Titel, Rang und Rasse, all der Tand interessiert nicht. Oder gar der Stammbaum? Sind doch nicht an einer Hundeausstellung. Will nicht wissen, woher du kommst oder wohin du gehst, nicht mit wem und wozu und überhaupt. Nur das Hier und Jetzt interessiert. Aber du gefällst mir, einfach so. Werde dich deshalb heute abend auf einen Streifzug durch Zürich mitnehmen. Morgen, das garantier' ich dir, wirst du diese Stadt mit anderen Augen sehen.

Etwas für den Hunger? Blanche, was haben wir denn heute auf dem Programm! Nix Neues. Immerhin, wo kriegst du noch ein Poulet-Cordon-Bleu an Currysauce oder Bratwurst mit Röschti für 14 Stutz 50. Währschafte Kost im Weissen Kreuz, mitten im Zürcher Dorf, ein paar Streicheleinheiten von Blanche inbegriffen - nicht wahr, Blanche! Ach, Blanche, sie ist mehr als eine Serviertochter. Sie ist eine Seele von einem Menschen, eine Mutter für alle. Denkst jetzt wohl: Der Kerl ist abgebrannt. Fehlanzeige. Morgen siehst du mich vielleicht drüben in der Kronenhalle, eine Schüssel Kaviar vor der Nase, in jedem Arm ein knackiges Girl. Ob in der Spelunke oder im Ritz spielt keine Rolle, auf den Stil kommt's an. Verstehst du: zur richtigen Zeit mit dem richtigen Gefühl am richtigen Ort. So. Und jetzt möchtest du wissen, wovon ich lebe. Ich sage dir: Keine Sorge, mir geht es gut - ich lebe von Luft, Liebe und Zuwendungen Dritter. Okay?

Es gibt Leute, die behaupten, ich würde Nacht für Nacht mit einem Glas in der Hand und einem Schneesturm im Kopf an der Bar rumhocken. Dummes Geschwätz. An der Theke stehe ich nämlich in der Regel. Ich bin ein Nachtmensch, aber kein Nachtträumer, denn in der Nacht, da bin ich in meinem Element. Tagsüber ist Zürich ja nicht zum Aushalten. Unglaublich öde, diese Stadt. Da schläft dir vom blossen Zuschauen das Gesicht ein. Bleibt dir nichts anderes übrig, als zu arbeiten. Die Touristen können einem hier leid tun. Wie schlagen die bloss den lieben langen Tag tot? Ich seh' bloss ihre Gesichter, wenn sie sich abends ratlos und völlig überfordert an der Hotelbar festkrallen. Überfordert vom Nichts. Da spähen sie dann gierig in alle Richtungen auf der Suche nach der kleinsten Regung.

Früher war das Vergnügen in dieser Stadt reine Privatsache, nach Mitternacht tote Hose. Dank Raphael Huber ist heute alles etwas besser - oder anders zumindest. Raffi hat die nötigen Bewilligungen erteilt. Na ja, dann hat er womöglich auch Anteil nehmen wollen, auf seine Façon. Doch jener Teil der Geschichte interessiert mich eigentlich nicht. War ja genug für alle da. Ich bin kein Neider. Im Unrecht war der Staat, der seine Untertanen um Mitternacht ins Bett geschickt hat. So.

Nachtmenschen jedenfalls sind dem Raffi zu Dank verpflichtet. Er ist einer von uns. Wenn der Raffi auspacken würde, dann würde die ganze Classe politique durcheinandergerüttelt, kopfvoran würden sie auf ihre Pappnasen knallen, die Pfeffersäcke, wie Dominosteine, einer auf den andern würden sie plumpsen. Doch der Raffi ist nicht einer, der redet, das haben sie gewusst, und deshalb haben sie ihn eingelocht. Wir werden ihn mit einer grossen Fete begrüssen, wenn er zurück ist. Ihm gehört ein Denkmal hingepflanzt und dem Zwingli eine Augenklappe aufgeklebt, so eine wie die von Moshe Dayan.

Und trotzdem liegt das Nachtleben in Scherben - trotz Liberalisierung und allem Pipapo. Weisst du warum? Das hängt direkt mit der Börse zusammen. Den Crash bezahlen wir alle, das Nachtleben blutet zuerst. Früher konnten Manager den Nightclub auf Spesen abbuchen, auf die Portokasse sozusagen. Das läuft heute nicht mehr so locker. Die Herren, die jeden Abend ein paar Tausender liegen lassen, sie haben sich rar gemacht. Und noch etwas - und das ist nun wirklich paradox: Die Verlängerung bis vier Uhr hat in einem gewissen Sinn das Geschäft verdorben. Ganz einfach, denk mal nach. Der geneigte Geschäftsmann kann nicht warten bis vier Uhr. Wenn er ein Girl auslösen will, kostet ihn das drei Flaschen Champagner, macht zwölf bis fünfzehn Blaue. Dann möchte das Girl auch noch etwas haben. Wenn der Pfeffersack also bis vier Uhr warten muss, was passiert da wohl? Was soll er dann Mutter vorschummeln, die zu Hause an der Goldküste wartet? Da kann sich Monsieur noch so viel Kreide hinter die Ohren schmieren - morgens um sechs Uhr zieht das Märchen von der fröhlichen Jassrunde nicht mehr.

Kommt doch neulich so ein Typ mit dem Sonnenaufgang nach Hause. Seine Frau rast. Und was macht er? Er lässt vor ihr die Hosen runter. <Bin im Büro auf der Kloschüssel eingeschlafen>, erklärt der Schlaumeier, <siehst du den Ring um meinen Hintern?> Sie hat ihm geglaubt - glaubt er.

So richtig kann Zürich aber bis heute nicht über seinen Nachtschatten springen. Eine Sperrstunde haben sie belassen, eine einzige Stunde, aber eine wichtige. Zwischen vier und fünf Uhr morgens ist in dieser Stadt nichts zu machen. Für Insider kein Problem, man kann auch hinter geschlossenen Türen palavern. Aber eben - nur für Eingeweihte.

Dabei ist die Nacht in jeder Hinsicht die beste Zeit. Ich mache meine Geschäfte immer nach Mitternacht. Wenn in New York die Sonne untergeht und in Japan die Morgendämmerung anbricht. Dann sind die Menschen so, wie sie wirklich sind. Keine Allüren, keine falschen Etiketten und Fisimatenten, zum Teufel mit all dem Gerümpel. Schon nach dem dritten Glas pfeifen sie auf Political Correctness, nach dem fünften schmilzt der letzte Plunder weg. Dann zeigen sie ihre wahren Gesichter, all die Pinguine von der Bahnhofstrasse. Bedenklich übrigens. Mehr sag' ich nicht. Ich kenne sie alle, ihre Weibergeschichten. Am Schluss sind es ja immer Weibergeschichten. Was hier in Zürich jede Nacht läuft, gäbe täglich Stoff für eine nette Schlagzeile. Die Geschichten liegen auf dem Pflaster der Gassen herum, wie bestellt und nicht abgeholt. Alle wissen es, bloss die Journalisten haben keinen Dunst, abgesehen davon allerdings auch kein anständiges Spesenbudget.

Mein Geschäftsleben beginnt nach Büroschluss, in der Regel mit einem Apéritif in der Savoy-Bar. Nichts Besonderes, aber gut gelegen, zwischen den Banken. Dann der übliche Trampelpfad. Auf dem Weg zur Kronenhalle schaust du vielleicht schnell beim Old Fashion rein, beim Baur au Lac oder beim Rive Gauche, wie's gerade kommt. Da triffst du dieselben Clowns, immer wieder, jeden Abend - wie in der Muppet Show.

In drei Tagen bist du dabei. Das habe ich auch meinem Sohn beigebracht: Wenn du in eine Stadt kommst, hast du drei Tage Zeit, um dir Freunde zu schaffen. Das ist dein Vorschuss. Wer es in drei Tagen nicht schafft, schafft es nie. Freunde macht man in der Nacht. Beziehungen sind das einzige Kapital, das du nie verlieren kannst. Es ist wie mit jedem anderen Kapital: Wer viel hat, der bekommt noch mehr, weil alle glauben, dass es gut ist, in jemanden zu investieren, der schon viel hat. Und wer Geschäfte machen will, muss investieren. Gib mit vollen Händen aus, wenn du hast, grosszügig, aber nicht blödsinnig. Alles kommt einmal zurück.

Einmal telefonierte mein Sohn aus Spanien und liess über meinen Sekretär ausrichten, er sei verunfallt und brauche dringend Geld. Meine Antwort: keinen müden Rappen, dafür hast du Freunde. Und er hatte welche. Studenten, die selber kaum genug zum Schlucken hatten, brachten 10 000 Franken auf, sparten sich das Geld vom Mund ab. Ich war begeistert, als mir der Bursche das erzählte. Ich sagte: So, jetzt geb' ich dir 20 000 Franken, damit zahlst du jedem das Doppelte zurück. Doch der Schlingel wollte mein Geld nicht. Jetzt war er der Stolze. Das hat mich gleich nochmals gefreut.

In der Nacht werden nicht wirklich Geschäfte gemacht. Sie werden bloss angebahnt, es kommen Kontakte und Ideen zustande. Der Rest ist dann Routine. An der Bar kommt man sich menschlich näher, sagt man sich Dinge, über die man am Tag schweigen würde. Die Nacht ist diskret, sie schenkt Vertrauen, rückt Gestern und Morgen in weite Ferne. Die Nacht ist universal, in der Nacht nimmt das Universum Gestalt an. Eine Bar in Zürich sieht in der Dunkelheit exakt gleich aus wie eine in Las Vegas, Katmandu, Bangkok, St. Petersburg oder Dublin. Die Nacht wirft keine Schatten, hinterlässt keine Spuren. Kommt der neue Tag, wischt er alles weg, wie ein Schwamm die Kreide auf der schwarzen Tafel.

Im Nachtclub ist man unter Gleichgesinnten, frère et cochon. Die Frauen sind der Katalysator. Schliesslich dreht sich alles um die Weiber. Man geht Girls angucken oder anmachen. Was soll's denn heute sein: eine Schöne, eine Gescheite, eine Schlampe? Niemand braucht sich zu rechtfertigen, weil ja alle mitmachen. Bei der Garderobe legt einer seinen Doktortitel zusammen mit dem Mantel ab. Wenn die ganze Bande im Elefantenstall hockt, kann sich keiner mehr besser stellen. Der Nachtclub ist eine Oase der Freiheit in einer Zeit, in der zwar alle vom neuen Liberalismus quatschen, in Wirklichkeit aber den Puritanismus zelebrieren. Aktion Pranger lässt grüssen, die Ignoranz feiert Urständ. Im Nachtclub triffst du die wichtigen und richtigen Leute. Nur wer ein paar Noten mehr im Sack hat als der Durchschnitt, kann sich den kleinen Luxus leisten. Die, die ganz oben stehen, lassen sich von der Konjunktur eh nicht beeindrucken. Die absoluten Top Shots hauen aus Diskretionsgründen vielleicht lieber im Ausland auf den Putz - dafür findest du die Crème aus dem Ausland in den Zürcher Clubs.

Bloss das mittlere Kader macht zurzeit Pause. Drückt sich verschämt in den Innerschweizer- und Aargauerfallen an der Langstrasse herum. Dort fällt Monsieur nicht auf, wenn er statt Champagner bloss ein Halbeli ordert. In den feinen Läden, wo man früher dick angegeben hatte, kann man sich das natürlich nicht erlauben. Aber schadet ja auch nichts, wenn die Banker heute ein bisschen an die Säcke müssen. Genuss muss man sich leisten können. Dann warten die Herren halt, bis wieder einmal Kundschaft aus dem Ausland bei Laune gehalten werden will. Immer eine gute Ausrede. Es muss ja sein, wegen dem Geschäft. Ein gewisser Aufwand liegt bei den Firmen auch heute noch drin. Wenn noch ein Girl für den Gastgeber abfällt, kann Monsieur nicht umhin - oder?

Das Tabaris ist nach wie vor eine gute Adresse. War Spitze, als der Salvatore noch drauf war, doch auch die Neue, die Heidi, schaut, dass der Laden läuft. Am besten läuft der Kings Club. Dort sind mehr Frauen als anderswo, 30 Girls, konstant. Der Kings hat das Terrasse abgelöst. Willst du wissen warum? Die Girls sind im Kings schlechter bezahlt als anderswo, die müssen noch etwas tun fürs Geld. Mit sieben Lappen Tischgeld bist du dabei, Champagner inklusive, kannst vielleicht ein Girl abschleppen.

Das Terrasse ist eine andere Kategorie. Dort wird das Klassische betont, das Programm ist exklusiv, eher eine Art Variété, wenig Strip. Nur wird das heute kaum noch ästimiert. Wenn die Leute von der Börse sich in den Stall erholen kommen, dann wollen sie nicht Unterhosen sehen. Die sehen sie auch zu Hause. Aber ich mag das Terrasse, die Ambiance, den Glamour. Ich bin übrigens kein Freier - die Girls wissen alle, dass bei mir kein Champagner zu holen ist. Ich komm' auch so auf meine Rechnung, ich bin Teil des Karussells.

Tänzerinnen faszinieren mich, nicht bloss wegen der Kurven. Ein harter Job, den nur wenige schaffen. Da musst du auch was im Kopf haben. Gerade die Frauen aus dem Osten verfügen oft über einen höheren Bildungsgrad als ihre Kundschaft. Ach, diese Kombination von Anmut und Esprit, das ist es, das Faszinierende. Die Nachtclubs sind die einzigen internationalen Oasen in Zürich - extraterritorial, zona liberada. Da wird der Spreu vom Weizen getrennt.

Frauen kauft man nicht, Frauen erobert man. Schau dir mal Pamela an, ja, die hinter der Bar. Jetzt beobachte mal den Typ da hinten in der Ecke. Siehst du, wie er scharf auf Pamela ist. Fehlt nur noch der Speichel in den Mundwinkeln. Da hockt er wie ein Stier, schmachtet vor sich hin, wartet die Polizeistunde ab. Pamela lässt es sich gefallen, sieh sie dir an, wie süss sie lächelt und nachschenkt und lächelt und serviert. Der arme Kerl wird heute nacht alleine schlafen oder mit Manuela vorlieb nehmen müssen. Der wird's nie begreifen. Pamela ist wie eine Katze - da hilft alles Scharren nichts, du musst sie kommen lassen, wenn sie gerade will. Auf die plumpe Tour läuft bei ihr gar nichts. Pamela weiss schon: Wenn ich um diese Zeit hier rausgehe, wird meine nächste Station das Rex sein. Bloss nichts sagen. Die kommt, wenn sie will.

Tagmänner haben weder Zeit noch Musse, die Frauen zu studieren. Ich kann damit Stunden verbringen, schöne Stunden. Wenn eine Frau ein Problem hat, dann kommt sie zu mir. Hier kennen mich alle, und jeder weiss, dass bei mir keine zu kurz kommt. Ich habe schon vielen aus der Patsche geholfen, einfach so. Ich lasse meine Beziehungen spielen, oh ja, und wie. In meinen besten Zeiten residierte ich in der prächtigsten Villa, und Zürich lag zu meinen Füssen. 25 Kisten war das Häuschen wert. Später hat es der Staat, dieser Erzverbrecher, für 7,5 Millionen verschleudert. Eine Frechheit. Diebstahl, Veruntreuung!

Erinnerst du dich an die Tutti-Frutti-Girls, die von RTL? - Ha, das waren noch Zeiten. Ich hatte sie bei mir in der Loge, alle, es stand im <Blick>. Doch das war nur die halbe Wahrheit. Während Monaten waren einige von ihnen bei mir einquartiert! Dann 1989 dieser kriminelle Bundesbeschluss - über Nacht krachte der Immobilienmarkt zusammen. Na ja, auch ich musste in der Folge mein Logis ein paarmal wechseln. Kleine Unpässlichkeiten, nichts wirklich Schlimmes. Mein Rolls steht jetzt in irgendeiner Garage.

Aber ich habe nach wie vor die Dächer von Zürich zu meinen Füssen, wenn ich aufwache, und die Limmat und den See. Noch etwas Farbe, ein paar neue Möbel, dann lass' ich eine Party in meiner neuen Bude steigen, so wie in alten Zeiten. Die Kandidatinnen der Miss-Schweiz-Wahl werden bei mir zu Gast sein, ich werde sie alle aufbieten. Oh ja.

Mir konnten sie nie etwas anhaben, mich haben sie nie kleingekriegt. Ich habe immer meinen Fallschirm dabei - wo mich das Schicksal hinträgt, komm' ich auf die Füsse zu stehn. Ich kenn' auch das andere. Damals, mit achtzehn, als Lehrling, habe ich drei Jahre lang im Wohnwagen gelebt. Ich bin kein fils à papa, oh nein, was ich habe, das habe ich mir selber geschaffen. Immer. Einst kam ich mit 5000 Franken in der Tasche nach Zürich, in meinen besten Zeiten verfügte ich über 250 Millionen. Dann wurde es etwas weniger. Na und? Ich gehör' nicht zu jenen, die ihr Ego an der Tagesrendite messen, verstehst du, ist mir scheissegal. Als die Kohle da war, habe ich sie mit vollen Händen verteilt. Ich brauch' mich nicht zu kümmern, 5000 Franken habe ich alleweil im Sack. Hab' nie etwas verlangt, nie. Mit der hohlen Hand wirst du mich nie sehen. Wenn ich etwas will, bekomm' ich's einfach. So.

Und wenn es mir eines Tages zu dumm wird hier in Zürich, beruf' ich mich eben doch auf meine Wurzeln und besorg' mir einen italienischen Pass. Dann tret' ich das geistige Erbe meines Nonno an: Commendatore Cavaliere Angelo Boffini. Dann können all die Pfeffersäcke hier vor mir strammstehen. Eine herausragende Persönlichkeit, der Cavaliere - taufte seinerzeit die <Andrea Doria>. Kein Wunder, ist sie abgesoffen. Ein Grund mehr, keinen Champagner zu saufen. Ich steh' ohnehin auf Getreide. Bier oder Wodka - schlichter, kräftiger Samen, ehrlicher Weizen.

Ich bin ein Mann von Wort. Niemand kann behaupten, ich hätte gelogen. Aber ich sage nie alles. Warum auch, alle behalten immer etwas für sich, und ich steh' erst noch dazu. Mich kann keiner erpressen. Ich sage jedem ins Gesicht, was ich denke, ich bin frei, vogelfrei, Junggeselle, fühle mich noch jede Nacht wie ein junges Rössli. Die Nacht ist meine Wildbahn, da triffst du Bonzen und Hänger, Nutten, Nepper und Deppen, Künstler und vor allem welche, die sich dafür halten. Ich kenn' sie alle, querbeet, mein Wissen ist mein Kapital. Ich bin sozusagen Kapitalist mit sozialer Komponente und lebe von der Dividende. Ich weiss, was mir zusteht, mehr nehme ich nicht.

Siehst Du den Mann dort drüben. Rico, ein Polizist, ziviler Fahnder, heute mit Freundin unterwegs. - Na Rico, wie stehn die Aktien heute? Ein kluges Köpfchen, will sich das Leben nicht unnötig komplizieren. Er weiss, dass die Nacht ihre eigenen Gesetze hat, die auch für ihn gelten. Rico bleibt gar nichts anderes übrig, als sich einzuordnen und mitzuspielen, sonst wird er nie etwas erfahren. Ganz einfach. Sonst bleibt er fremd, wie die Menschenmasse, die sich Nacht für Nacht durchs Niederdorf wälzt, rauf und runter und hin und zurück, mitten drin und doch Lichtjahre von dem entfernt, was sich vor ihren Augen abspielt. Ein Strom, der darüber hinwegtäuschen soll, dass das Herz von Zürich ein Dorf ist - was sag' ich, ein Weiler.

Die Bardamen und Kellner sind die heimlichen Könige der Nacht. Schau dir zum Beispiel den Peter an. Er kam vom Roxy hier in den Königstuhl, und das Volk ist mit ihm über die Limmat gezogen. Peter ist ein Guru, Beichtvater und Schlummermutter in einem. Ein Barkeeper muss ein guter Diplomat sein, er muss seine Klientel kennen, muss die Leute steuern, ohne dass sie es merken. Am anspruchsvollsten ist der Job im Nachtclub. Der Kellner muss spüren, welches Girl zu wem passt, dann braucht es kein Viagra. Aber das hat seinen Preis. Ein Kellner verdient oft mehr als der Kunde, den er bedient. Die Tänzerinnen dagegen sind die Seelenklempnerinnen der Nacht. Wenn sie nicht wären, würden die Psychiater unter der Arbeitslast zusammenbrechen, würden sich die Gerichte nur noch mit Scheidungen herumschlagen.

Gegen Morgen ist das Kaufleuten am besten. Kaufleuten - klingt richtig zwinglianisch. Und trotzdem immer top im Trend. Das alles hat seine eigenen unergründlichen Gesetzmässigkeiten. Die Leute erkennt man hier an ihren Kleidern. Nicht der Preis ist wichtig, das Richtige muss es sein. Ob Versace oder Brockenstube spielt keine Rolle, es muss passen, und der geübte Blick erkennt das sogleich. Es ist wie mit der Musik. Im Moment ist der Sound der Achtziger in. Morgen kann sich das radikal ändern. Du musst das nicht unbedingt mitmachen, aber du musst auf dem laufenden sein. Der Kenner zeichnet sich dadurch aus, dass er die Strömungen rechtzeitig spürt.

Eitler Tand, sagst du jetzt. Mag sein. Doch plötzlich stehst du neben Prince, Grace Jones oder Madonna - sie sind echt, und du bist nicht einfach Zuschauer, sondern ein Teil davon. Dann wird die Illusion plötzlich zur Realität. Ein magischer Moment. Niemand kann ihn voraussagen oder bestimmen, man kann sich bloss darauf einstellen. Niemand regiert das Nachtleben, das Nachtleben regiert sich selbst.

Wenn die Vögel zu zwitschern beginnen, das Schwarz der Nacht ganz plötzlich weg ist, wenn du ins Freie trittst, der frische, kühle Dunst des Morgens in deine Poren dringt - das ist vielleicht die beste Stunde. Dann ist alles pur, echt, dann bist du auf einen Schlag nüchtern, Promille hin oder her. Für eine kurze Zeit trifft der Nachtmensch mit dem Morgenmenschen zusammen, in einer Backstube vielleicht. Morgenmenschen sind in sich gekehrt, wollen keine Lämpen, und schon gar nicht, wenn du nach Schnaps riechst. Herrlich, wie sich der schlichte Geruch von frisch geröstetem Mehl mit den abgestandenen Duftnoten der Nutten, Freier und Säufer vermengt. Dann versöhnt sich der Nachtmensch mit dem unausweichlichen, lästigen, langweiligen Tagesgeschäft - für einen Moment wenigstens.»

Alex Baur ist freier Journalist in Zürich.


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