NZZ Folio 01/01 - Thema: Wein   Inhaltsverzeichnis

Im Wein

Eine Annäherung der dritten Art an den Bordeaux.

Von Lilli Binzegger

Sie wollten mich alle immer einfach nicht verstehen, wenn sie, die Frankophonen und Frankophilen und anderen Besserwisser, mich korrigierten: ich sei, wenn schon, im Bordelais gewesen, allenfalls in Bordeaux, der Stadt, aber gewiss nicht im Bordeaux. Im Bordelais war ich zwar schon auch, und ich habe pflichtschuldig auch einen Ausflug nach Bordeaux gemacht, aber im Bordelais war ich, ich bestehe darauf, im Bordeaux, im Wein selbst.

Also jedenfalls hatte ich mir das so vorgestellt, als ich mich aufmachte, die Vinotherapie in den Sources de Caudalie des Château Smith Haut Lafitte in Martillac, Pessac-Léognan, Bordelais, zu erkunden. Der Prospekt hatte mit einem Bild gelockt, auf dem eine Frau in einem Weinzuber sass und jung, schlank, schön und glücklich war. Das alles wollte ich auch werden. Ich freute mich also auf die vierstündige Zugsfahrt, ich fahre für mein Leben gern Zug, aber nur tagsüber und Erste Klasse und wenn ich nicht umsteigen muss und einen Fensterplatz rechts in Fahrtrichtung habe und keiner vis-à-vis sitzt und der Zug nicht einer dieser neuartigen Hochgeschwindigkeitszüge ist, in denen die Welt so schnell an einem vorüberflitzt, dass man nicht mal mehr in die Häuser schauen kann, wenn man die Orte durchquert.

Dann teilte man mir mit, dass die Zugsfahrt, dreimal umsteigen inbegriffen, in Hochgeschwindigkeit nicht vier, sondern etwa zwölf Stunden daure, weil das Bordelais nämlich weit unten am Atlantischen Ozean und nicht im Burgund liege. Und ob ich sicher sei, dass ich nicht am Ende ins Beaujolais wolle. Ich nahm dann den Flieger. Gangplatz. Aber wenigstens in Fahrtrichtung.

Ich wusste sogleich: Wenn ich irgendwo jung, schlank, schön und glücklich werden würde, dann hier. Noch bevor ich gewahr wurde, an was für einem wunderbaren Ort ich da angekommen war - vor einem schönen langgestreckten Bau im Stil eines sehr hablichen Weinbauernhauses -, sah ich nämlich die Katze: eine unbeschreibbar schöne, glänzende Tigerkatze, ihr ebenmässiges Tigermuster lief auf dem Rücken und im Katzengesicht zu einem abgründigen Schwarzgrau zusammen, vier schneeweisse Pfoten, ach. Das Tier sass also im Korb eines Fahrrads vor dem Eingang des Hotels, aus dem man es soeben hinausbefördert hatte und das es hinter mir gleich wieder betrat.

Ich hatte, weil ich mich nicht gleich auf nüchternen Magen ins Weinfass setzen mochte, noch ehe die Koffer ausgepackt waren, aus dem Programm aus Gommage Crushed Cabernet, Vinolift, Soin Premier Grand Cru, Pulpe Friction und vielem mehr fürs Erste eine Massage gebucht, um die Mühsal der Reise loszuwerden, eine Massage Sauvignon. Im Spa, einem pagodenartigen Nebengebäude von kontemplativer Architektur, holte mich eine schöne junge Frau ab, die nach meinem ersten Satz auf Französisch Englisch zu sprechen begann. Caroline führte mich in eine Zelle, bat mich sanft, mich auf die Pritsche zu legen, deckte meinen Leib samt gekränkter Seele mit weichen warmen Tüchern zu und begann, Teile davon nach und nach wieder abdeckend und mich mit duftendem Traubenkernöl beträufelnd, ihr wundersames und lautloses Werk.

Sie fuhr mit Händen so weich, als hätte sie ihr Leben lang Kühe gemolken und die Hände mit Melkfett geschmeidig gemacht, über die Glieder, verharrte an verkrampften Stellen, drückte, dass es gerade noch wohl- und nicht wehtat, bearbeitete an den Fusssohlen Herz, Lunge und Leber, zog sanft Rückgrat und Zehen und Finger gerade. Atmete ab und zu tief durch, auf dass ich ebenfalls tief durchatmete. Die Zelle war von sphärischen Klängen und vom Duft des mit Essenzen versetzten Öls erfüllt.

Von der äusseren Anwendung des Sauvignon war ich alsbald so wohlig benebelt, wie ich es von der inneren im Leben nie war. Zu nichts mehr imstande, als danach noch ein wenig im Ruheraum zu liegen, ein Glas Traubenblättertee neben mir, und dort durch die grossen Fenster im letzten Licht des Tages das gekräuselte Wasser des Pools und die Landschaft dahinter zu betrachten und den Regenbogen, der seit Stunden wie aus Karton ausgeschnitten in dieser Landschaft stand, weil es, wo immer ich hinkomme, regnet. Und dann ungegessen im hohen Bett im ländlich eleganten Zimmer schlafen zu gehen, elf Stunden am Stück. Ich beschloss, Caroline mit nach Hause zu nehmen.

Weintrauben enthalten Fruchtsäuren, in Häuten und Kernen stecken überdies Polyphenole, alles zusammen, sagen die Weintherapeuten, frischt die Haut auf, schirmt einen von bösen Umwelteinflüssen wie Steuerschulden und dergleichen ab, hemmt das Altern der Haut, verhindert Zellulitis, wenn man es an der richtigen Stelle aufträgt. Und regt den Blutkreislauf an, und das offenbar erst recht, wenn man die Traubensubstanzen mit Honig vermischt. Nach dem langen Schlaf war mein Blutkreislauf so schlapp wie ich am Abend zuvor. Also nach Honigbrot und Kaffee auf zur Enveloppe Miel et Vin, einem Wickel aus Traubenhäuten und Honig, in dessen einlullender Wärme ich allerdings sogleich meine zwölfte Stunde verschlief. Danach ging es dann aber steil aufwärts mit meinem Blutkreislauf. Eine Frau, deren Wesen leider keinerlei Ähnlichkeit mit dem der sanften Caroline aufwies, eine richtig böse Frau, eine Art Domina in Gummischürze, spritzte mich aus etwa vier Meter Distanz mit einem Wahnsinnsschlauch ab, der Wasserstrahl war wie eine Peitsche, sie peitschte mich an allen Körperteilen aus, am meisten dort, wo es am meisten wehtut. Nach fünf Minuten war ich wach wie noch nie und krebsrot.

Und schon lag ich bäuchlings auf einer Pritsche, Wasser rieselte aus den Düsen eines horizontalen, schwenkbaren Rohrs auf mich. Die Massage enivrent, die betrunkenmachende Massage. Die Gummischürzenfrau begann mich zu massieren, der Duft des aromatisierten Traubenkernöls, das auch sie verwendete, liess schöne Erinnerungen an den Vorabend aufkommen. Aber nicht lang, weil der Wasserstrahl aus dem Rohr, das sie zwischendurch immer wieder über mir schwenkte, mich derart kitzelte, dass ich nicht mal Luft genug kriegte, zu sagen, sie möge doch aufhören damit. Aber ich wusste sowieso nicht, was Kitzeln auf Französisch heisst. Und enivrée war ich nicht halb so wie bei Caroline am Abend zuvor.

Den schönen Traum vom Weinfass, in das man mich hier setzen würde, der Pegel des Château Smith Haut Lafitte Grand Cru classé des Graves auf Mundhöhe, hatte ich schon beinahe aufgegeben, als man mich endlich in diesen Zuber setzte, ins Bain de la vigne rouge, in dem zunächst allerdings bloss Thermalwasser aus der hauseigenen Quelle war. Die Gummifrau goss dann aber eine Flasche roten Extrakts hinein, worauf sich das Wasser rot färbte, und drückte auf einen Knopf. Und schon wieder wusste ich nicht mehr, wie mir geschah. Aus allen Richtungen prügelte jetzt unter Wasser der Strahl auf mich ein, bald von unten, bald von den Seiten, bald auf die Fusssohlen, bald im Nacken. Mir war unterdessen auch entfallen, was Abstellen auf Französisch heisst.

Wie ich dann auf der schönen Liege im schönen Ruheraum in dem wunderschönen Spa ruhte, das, wo sie einen nicht gerade mit einem Wasserstrahl traktieren, von einem zenmedidativen Geist durchweht ist, fühlte ich mich aber zugegebenermassen wie neu.

Wein ist gesund, auch oder sogar vor allem getrunken. Wein, habe ich gelesen, enthält derart viele nützliche Wirkstoffe, über tausend, darunter Kalium, Magnesium, Eisen, Vitamine, diverse Phenole und so fort, dass schon mal einem der Spruch eingefallen ist: Achtung! Keinen Wein zu trinken, kann Ihre Gesundheit gefährden! Wein sei unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste, hat Plutarch gesagt. In der Bibel werde Wein, das habe ich aber nicht nachgezählt, an mehr als zweihundert Stellen zur Anwendung in der Heilkunst zum innerlichen Gebrauch und zur Wundheilung angeführt. Die Weintherapie soll bis Mitte des 19. Jahrhunderts zum Standardrepertoire der Ärzte gehört haben. Sie geriet erst durch die Entwicklung modernerer Medikamente in Vergessenheit.

Die Weinkur und das Alka Seltzer haben einander also nur knapp verpasst.

Und jetzt haben wissenschaftliche Untersuchungen es erneut an den Tag gebracht: Wein ist gut gegen Appetitmangel und Altersschwäche, gegen Stress und Depressionen. Wein ist blutbildend, regt den Kreislauf an und erweitert die Gefässe. Wer mässig Wein trinkt, hat ein 20- bis 40-mal kleineres Herzinfarktrisiko, als wer keinen trinkt. Das Maximum, das ein Mann, eine Frau ohne grosses Risiko täglich zu sich nehmen kann, liege bei 7 bzw. 2,5 Deziliter, das in fast jedem Fall gültige Optimum bei 0,5 bzw. 0,2 Liter. Empfohlen wird langsames und genussvolles Trinken, am besten am Spätnachmittag oder Abend.

Es ist Spätnachmittag, genau besehen sogar Abend. Also wende ich mich in der Hotelbar French Paradox dem Studium zu. French Paradox heisst sie nach der 1991 erschienenen Studie «The French Paradoxon», die zur Freude der Franzosen und bald auch der übrigen Geniesser der Welt nachwies, dass die Franzosen, obwohl sie viel rauchen und fett essen, seltener einen Herzinfarkt erleiden oder an Krebs erkranken als andere. Und zwar nicht, weil sie französisch reden und andere nicht, was ja auch hätte sein können. Auch nicht, weil sie eine rot-blau-weisse Fahne haben und andere bloss eine rot-weisse. Sondern weil die Franzosen zu ihrem fettigen Essen eben regelmässig Wein trinken und andere nicht.

Ich bestelle mir - eine Anmassung, denn ich kann kaum einen Zürichsee-Klevner von einem Château Mouton Rothschild unterscheiden - zum Aperitiv ein Glas des besten Weissen des Hauses, einen 1994er Château Smith Haut Lafitte, denn schliesslich gehört das Hotel zu diesem schönen Schloss, ich kann es vom Zimmer aus sehen.

Das Glas wird gebracht, und ich werde ganz fromm. Was mir da an Düften entgegenströmt, lässt mich augenblicklich alle jene Trinkrituale begreifen, die ich immer so lächerlich fand. Ich schwenke das Glas und sehe, dass der Wein noch lange wie Öl an der Glaswand herunterrinnt. Ziehe den Duft von Vierfruchtkonfitüre, von frischgeputzter Katze und an der Sonne getrockneten Wäsche tief in die Lungen ein und lasse ihn nicht wieder hinaus. Nehme sogar nur beiläufig wahr, wie der Koch des mit zwei Michelinsternen versehenen Restaurants hocherhobener Mütze mit einem Tellerchen Milch die Bar durchschreitet. Nehme einen Schluck und behalte ihn im Mund und bin traurig, dass wir im Magen keine Geschmacksnerven haben wie etwa die Hunde, weil anders nicht zu erklären ist, dass die auch die feinsten Happen immer gleich hinunterschlingen. Schlucke ihn und verfolge ihn noch ein wenig in Gedanken. Werde neben dem Kaminfeuer in der Ecke der «French Paradox» ganz eins mit mir und meinem Wein.

Caroline mochte nicht mit mir nach Hause kommen. Ich nahm als Trost Traubenkernöl und ein paar Flaschen und Dosen und Tuben der weintraubeningredienzienhaltigen Salben und Crèmes und Essenzen mit sowie alles, was man mir in der «French Paradox» im Hotel der Sources des Caudalie, wo sich vor mir schon Isabelle Adjani und Catherine Zeta-Jones hatten verschönern lassen, an Weisheiten mit auf den Lebensweg gegeben hatte. Und lebe seither in der guten Gewissheit, dass die jetzt aussehen wie ich.


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