NZZ Folio 04/08 - Thema: Die Sinne   Inhaltsverzeichnis

Hysterie im Klassenzimmer

© Hansjörg Egger, Uster
Klingt das Kreischen der Kreide wie der Warnruf eines Affen? Einige Forscher glauben das. Linktext
Warum trifft uns das Kreischen der Kreide bis ins Mark? Die Wissenschaft versucht, dem Rätsel der Überempfindlichkeiten auf die Spur zu kommen.

Von Kai Michel

«Das Schlimmste», sagt O., «das absolut Allerschlimmste ist Styropor auf Styropor.» Bei diesem quiekenden Geräusch muss sie sich die Ohren zuhalten. «Am zweitschlimmsten sind vorgewärmte Sitze im Tram, nicht von der Heizung vorgewärmte, wohlgemerkt.» O. ist nicht neurotisch. Solche kleinen hysterischen Reaktionen kennt jeder. Der bekannteste Fall ist die kreischende Kreide auf der Tafel.

Derart übertriebene Reaktionen auf einen Reiz tragen einen altertümlichen Namen: Idiosynkrasien. Es gibt sie in kuriosen Ausprägungen: R. erinnert sich mit Schaudern an die eingelegten Bohnen seiner Oma, die beim Kauen quietschten. A. erschrickt beim Gedanken, ins Frottéhandtuch beissen zu müssen – ohne zu wissen, warum sie das tun sollte. Und auf O.s «Ekelliste» taucht auch die Crèmeschnitte auf, aus der die Vanillecrème zur Seite herausquillt.

Idiosynkrasien sind aber beileibe kein modernes Dekadenzphänomen. Julius Cäsar soll das Schreien von Katzen widerlich gefunden haben, schreibt Silvia Bovenschen in ihrem Buch «Über-Empfindlichkeiten». Und ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert berichtet von einem Kriegshelden, der weder Schwert noch Spiess gescheut habe, sobald er jedoch eine Nadelspitze sah, in Ohnmacht gefallen sei.

Warum drehen unsere Sinne manchmal durch? Bisher schien die Klärung dieser Frage der Wissenschaft nicht dringend. Zu den wenigen Arbeiten, die dazu publiziert worden sind, gehört das Experiment von Lynn Halpern, Randolph Blake und James Hillenbrand aus dem Jahr 1986. Die drei amerikanischen Psychologen spielten zwei Dutzend Probanden unangenehme Geräusche vor. Auf Platz eins ihrer Hitparade des Schreckens landete das Kratzen von Fingernägeln über eine Schultafel, vor dem Styroporgequieke.

Dann experimentierten sie mit Klangfiltern und entdeckten, dass die unangenehme Wirkung auch anhielt, wenn hohe und tiefe Frequenzen fehlten. Das Hühnerhautpotential steckte offenbar in den mittleren Frequenzen. Vor allem aber stellten die Forscher eine gewisse Ähnlichkeit mit den Warnschreien der Makakenaffen fest. Die Vorstellung, dass die Fluchtreaktion von Makaken als evolutionäres Erbe im Menschen überlebt haben soll, obwohl sie ihm nichts nützt, war allerdings eine kühne Spekulation.

Es dauerte fast zwanzig Jahre, bis die Psychologen Josh McDermott und Marc Hauser die Vermutung auf naheliegende Weise überprüften: Sie spielten südamerikanischen Krallenaffen das Tafelkratzen vor – ohne dass diese eine Fluchtreaktion zeigten. Nun könnte man fragen, ob das Experiment nicht mit Menschenaffen wiederholt werden müsste – doch mittlerweile hat der britische Akustikprofessor Trevor Cox die Sache erledigt. Er wollte herausfinden, wie schlimm das Kratzen von Fingernägeln über die Tafel­oberfläche tatsächlich sei. In einem Internetexperiment konnten Menschen aus der ganzen Welt Geräusche vom Babygeschrei bis zum Zahnarztbohrer anhören und bewerten. Cox’ gerade vorgelegte Studie basiert auf 385 000 Ratings und endet böse für das Tafelkratzen: Es landet auf Platz sechzehn. Weit abgeschlagen hinter Furzkissen, Mikrophonrückkopplung und Erbrechen.

Was der Warnschreihypothese endgültig das Aus beschert: Cox’ Ergebnisse zeigen kulturelle Unterschiede. In Grossbritannien und Nordamerika reagieren die Menschen allergischer auf den Klang als anderswo auf der Welt. Und auch das spricht gegen den Warnschrei: In einem zweiten Experiment präsentierte Cox den Versuchspersonen unangenehme Geräusche mal mit, mal ohne Bilder. Nur in zwei Fällen erhöhten die Bilder die Aversionen deutlich: Wenn zum Schrillen des Bohrers der Zahnarzt gezeigt wurde; und als das fatale Kratzen mit dem Bild einer gekrümmten Hand einherging, die über die Tafel ratschte. Ein klarer Hinweis auf den Einfluss der Kultur, schliesslich kannten unsere Vorfahren vor ein paar Millionen Jahren weder Zahnarzt noch Wandtafel.

Das heisst allerdings noch lange nicht, dass die Biologie gänzlich aus dem Spiel sein muss. Zwar können offenbar alle möglichen Situationen die extreme Reaktion auslösen, die Reaktion selbst ähnelt aber sehr der Angst: Wenn dem Lehrer an der Tafel die Kreide ausrutscht, macht sich in der Klasse eine Panik breit, die kaum von jener zu unterscheiden ist, die aufkommt, wenn eine dicke Spinne durch den Raum krabbelt. Wir geraten nicht in Panik, weil in uns noch ein alter Affe steckt, sondern weil schrille Töne auf eine Gefahr hinweisen können, vermutet Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Deshalb stellt sich mitunter unser nicht mehr vorhandenes Fell auf, damit wir grösser wirken und Aggressoren abschrecken. Aber sobald uns bewusst wird, dass das Geräusch von der Kreide kommt und keine Gefahr droht, ist alles wieder gut.

Das mag gelten, wenn die Reaktion auf eine Idiosynkrasie abflaut, doch gerade bei Kreidekreischen und Styroporgequietsche hält sie oft so lange an, wie das Geräusch andauert. Kommt hinzu, dass man häufig auf das Geräusch vorbereitet ist: Man weiss ja, was einen erwartet, wenn man die Kreide an der Tafel sieht. Randolph Blake, Mitautor der eingangs erwähnten Studie, hielt schon damals nicht viel von der darin vorgebrachten Interpretation. Weder von den Makakenwarnschreien noch von der Fluchtreaktion. Er vermutet, dass die heftige Reaktion vielmehr mit der unangenehmen Vorstellung von Fingernägeln auf einer Wandtafel zu tun hat. «Es ist nicht das Geräusch per se, es ist das Bild, das sich dabei einstellt.» Für beide Hypothesen gibt es keine wissenschaftlichen Beweise.

Tatsächlich reagieren wir erstaunlich oft auf taktile Reize idiosynkratisch: J. kann keinen nassen Holzkochlöffel abtrocknen. K. gruselt es, wenn er sich den Stiel einer Glace über die Zähne ziehen müsste, A., wenn sie mit den Fingernägeln über Stoff kratzt. Mund und Finger sind nicht nur besonders sensible Wahrnehmungsbereiche, die mit vielen Nervenenden ausgestattet sind. Sie waren auch für das Überleben unentbehrlich: Wer seine Finger mit Dornen verletzte, sich einen Fingernagel umbog und so das Nagelbett blutig riss, wer mit den Zähnen auf einen Stein biss oder sich mit einem Knochensplitter die Zunge aufschlitzte, der war nicht nur schwer gehandicapt, sondern fiel in den vergangenen Jahrtausenden leicht einer Blutvergiftung zum Opfer.

Vielleicht bieten diese Idiosynkrasien also Schutz vor Verletzungen. Sicher ist, dass sie kulturelle oder individuelle Ursachen haben können: Nicht jeder reagiert schliesslich panisch auf Butterschlieren im Marmeladenglas. Auch Trevor Cox weist darauf hin, welche Rolle Manieren und Etikette spielen. Und so glaubt man in vielen Idiosynkrasien die Spuren des Disziplinierungsprozesses namens Erziehung zu entdecken. Vermutlich werden die meisten Kindertränen am Esstisch vergossen: M. ist noch als Erwachsener zutiefst verstört, wenn Süsses und Saures zusammen auf dem Frühstückstisch stehen. Noch härter trifft es ihn, wenn das Dessert schon auf den Tisch kommt, während er noch Kartoffeln isst.

«Wahrnehmung kommt nie ohne Erinnerung aus», sagt der Neuropsychologe Jäncke. Die Wahrnehmung verarbeitet Sinnesreize, indem sie dazu auf die individuellen Erfahrungen aus unserem Gedächtnis zurückgreift. Und so kann ein Reiz im Hier und Heute an längst Vergangenes rühren: Wer eine Tante mit schwerem Parfum hatte, die einen immer mit Gewalt an ihre Brust drückte, dem bleibt noch Jahrzehnte später die Luft weg, weht ihn dieser gewisse Hauch von Rosen an.

Auch für soziales Lernen ist das Warnsystem offen: Im Labor geborene Affenbabies zeigen keine Angst vor Schlangen. Wenn sie aber in einem Video sehen, wie andere Affen vor Schlangen fliehen, tun sie das fortan ebenfalls. «Idiosynkratische Reaktionen können durch den Einfluss in der Gruppe verstärkt, ja durch sie erst ausgelöst werden», sagt der Kasseler Evolutionspsychologe Harald Euler. «Nehmen Sie die quietschende Kreide im Klassenzimmer: Wenn da ein Schüler aufschreit, schreien alle!» Das wird zum Ritual. «Was durchaus lustvoll sein kann», sagt Borwin Bandelow, Angstforscher in Göttingen. «Es ist eine Menge Angstlust im Spiel.» Jede Angst, die wir tapfer durchstehen, wird nämlich vom Gehirn mit Glücksendorphinen belohnt.

Spekulationen über Spekulationen. Dass das Rätsel der Idiosynkrasien demnächst gelöst werden wird, scheint unwahrscheinlich, denn aus naheliegenden Gründen ist es in diesem Gebiet schwierig, Versuchspersonen zu rekrutieren. Für eine Studie über die Wirkung übler Geräusche an der Vanderbuilt University konnten im Jahr 2002 nur acht Probanden gefunden werden. Wer auf Tafelkratzen empfindlich reagierte, weigerte sich, daran teilzunehmen.

Kai Michel ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Zürich.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.