ZWEI HERREN aus der Schweiz haben uns aus dem 18. Jahrhundert eine Begriffsverwirrung hinterlassen, an der wir mühsam tragen, sobald wir über Nutzen und Grenzen von «Naturschutz» diskutieren: Was heisst das eigentlich, «Natur»? Doch wohl alles, was auf der Erde ist, die Wüste Gobi wie das Appenzellerland; Raubwanzen und Hyänen nicht anders als die Kühe aus dem Simmental. Bei solchen Fragen aber hielten die beiden Herren sich nicht auf, und bis heute ist es nicht üblich, sie zu stellen.
Es war Salomon Gessner aus Zürich, der 1756 der Missdeutung Vor schub leistete: mit seinen «Idyllen», Hirtengedichten in der Art des Theokrit, der im 3. Jahrhundert v. Chr. die Oberschicht der grossen Griechenstädte Syrakus und Alexandria mit Schäferspielen ergötzt hatte. In anmutiger Landschaft lustwandeln bei Gess ner Sänger, Flötenspieler, Schäferinnen «frei von allen den Bedürfnissen, die nur die unglückliche Entfernung von der Natur notwendig macht».
Von welcher Natur? Und in welche wollte, von Gessner beeindruckt, Jean-Jacques Rousseau aus Genf «zurück»? Offenbar in jene Heidiwelt ohne Gelbfieber, Krokodile und Vulkanausbrüche, die er an den Seen von Genf, Biel und Annecy vorfand, erst recht in den Gartenhäusern und Lustschlössern, in denen er auf Kosten reicher Gönnerinnen wohnen durfte. Die Schwärmerei für diesen lieblichen Sprengel der Erde trieb Hölderlin 1795 in seiner Hymne «An die Natur» auf die Spitze: «Wenn ich da, von Blüten übergossen, still und trunken ihren Odem trank …»
Von Blüten übergossen waren unsere Ahnen nicht, als sie sich in der Wildnis gegen übermächtige Tiere behaupten mussten und später die Wälder niederbrannten, um Ackerland zu schaffen; und «trunken vom Odem der Natur» sind sie auch heute nicht, die Milliarden Menschen, die sie als brutal erleben: von Erdbeben, Überschwemmungen, Dürrekatastrophen heimgesucht, von Krätzmilben, Aidsviren und Hakenwürmern, die die Darmwände zerfressen, von Stechrüsseln und Giftstacheln, die die Kopfhaut derart schinden, dass in Afrika manche armen Teufel den Schädel unter den Harnstrahl einer Kuh halten, um das Ungeziefer loszuwerden.
Das alles ist Natur, und davon gibt es dramatisch viel mehr als von unseren Parklandschaften. Krähen sind Natur, wenn sie Lämmern die Augen aushacken. Wildhunde sind Natur, wenn sie der gehetzten Gazelle so lange die Eingeweide aus dem Leibe reissen, bis sie stirbt. Fressen oder gefressen werden – das ist das Schicksal der Tiere auf Erden. «Welch ein Buch könnte ein Kaplan des Teufels schreiben», hiess Darwins Résumé, «über das plumpe, verschwenderische, stümperhafte, niedrige, schrecklich grausame Wirken der Natur!» Und Albert Schweitzer, der grosse Prediger der «Ehrfurcht vor dem Leben», räumte «schmerzvoll» ein: Die Natur kennt solche Ehrfurcht nicht.
Warum also zurück zu ihr? Ist es nicht der Daseinszweck der menschlichen Kultur, fragte Sigmund Freud, uns gegen die Natur zu verteidigen? Wollen wir sie denn, die unbequeme, die bedrohliche Natur – oder meinen wir nur etwas wie die Toscana, den Schwarzwald oder das Chablais, in Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaften in einem erstaunlich zahmen Teil der Erde? Ein wogendes Kornfeld in der Abendsonne, ein Spazierweg im korrekt durchforsteten Wald, ein grüner Hügel über den Giebeln schmucker Bauernhäuser, am liebsten mit einer Bank darauf: Das ist es, was die meisten Stadtmenschen als «Natur» geniessen, und damit haben sie Natur genug.
Am anschaulichsten wird unser Missverständnis auf den Almen oder Alpen. Auch wenn die glücklichen Kühe dort selten geworden sind (denn die Bauern ziehen es vor, sie im Tal zu melken) – die Fernsehwerbung projiziert sie immer noch dorthin, und dem Stadtmenschen wird bei ihrem Anblick warm uns Herz. Nichts bekümmert die Tourismusexperten in den Alpenländern mehr, als dass viele Almen verwahrlosen und langsam verwalden.
Eigentlich heisst das nur, dass die Natur sich zurückholt, was die Bauern ihr einst entrissen haben durch Feuer, Raubbau und Verbiss. Auf den verlassenen Bergweiden spriessen Alpenrosen, Erika, Wacholder; Schmetterlinge lieben das Brachland; und nach zwanzig, dreissig Jahren wird der Wald wieder von seinem angestammten Reich Besitz ergriffen haben.
«Naturschützer» müssten das als Gewinn betrachten. Auch weil die ewig bimmelnde Glocke am Hals der grasenden Kühe möglicherweise den Tatbestand der Tierquälerei erfüllt. Auch weil der Schwachstrom für den Viehzaun auf der Alp von einem Kraftwerk im Tal gespendet wird, das entweder die Natur verschandelt (Talsperren, Windräder, Sonnenkollektoren) oder die Luft verpestet (Öl) oder unsere Nachkommen jahrtausendelang bedroht (Atom).
Aber wollen sie das, die Naturschützer: den Almen sterben helfen? Haben sie sich überhaupt darum bemüht, den schillernden Begriff «Natur» zu definieren, ehe sie für ihn auf die Barrikaden gehen? Ach nein! Und so stossen wir – die nächste Sprachlese wird es zeigen – auf hoffnungslosen Zwiespalt, sehr viel guten Willen und ein Quantum wohlgemuter Ahnungslosigkeit.