NZZ Folio 04/92 - Thema: Drogenpolitik auf Irrwegen   Inhaltsverzeichnis

Das Milliardengeschäft

Von Andreas Heller

Auch der Sprecher von Interpol in Lyon muss es anerkennen: Drogen sind mit Abstand das lukrativste Geschäft unserer Zeit - allen Anstrengungen der Drogenpolizisten zum Trotz.

Mit Drogen werden Milliarden umgesetzt, und die Gewinnmargen sind so hoch wie in keiner andern Branche. Kokain zum Beispiel: Für die zur Herstellung eines Kilogramms «Schnee» benötigen Kokablätter zahlt der kolumbianische Drogenmafioso dem produzierenden Bauern rund 100 Dollar. Die Kokapaste, die für das Endprodukt von einem Kilogramm Kokain verarbeitet werden muss, wird für rund 2000 Dollar gehandelt. Bei der Ankunft in den USA kostet das Kilogramm Kokain im Grosshandel dann bereits um die 15 000 Dollar, und auf der Gasse, wo der Stoff gestreckt und versetzt wird, werden daraus bis zu 250 000 Dollar. Auch der Preis des Heroins steigt auf dem Weg von Südostasien nach Europa um mindestens das Hundertfache. Die Experten nehmen an, dass im letzten Jahr allein in die Länder der Europäischen Gemeinschaft mindestens 32 Tonnen Heroin im Wert von über 20 Milliarden Franken importiert wurden.

Die Drogenbranche kennt keine Rezession: Laut einem Bericht des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) produzierten Iran, Afghanistan, Pakistan und die Länder des «Goldenen Dreiecks» im letzten Jahr 6800 Tonnen Rohopium, zehnmal mehr als noch vor zehn Jahren (6800 Tonnen Rohopium ergeben, folgt man den üblichen Annahmen, rund 680 Tonnen Heroin). Im Netz der Drogenfahnder blieben 1990 13,4 Tonnen Heroin und 27 Tonnen Opium. Allein die beiden grösseren kolumbianischen Drogenkartelle haben nach der vorletzten Ernte schätzungsweise 970 Tonnen Kokain in Umlauf gesetzt; davon wurden weltweit 107 Tonnen sichergestellt. 14 Tonnen waren es in Europa, die Hälfte allein in Spanien. Der Bundesnachrichtendienst relativiert diese Zahlen mit dem Hinweis, dass in Europa insgesamt 180 Tonnen Kokain importiert wurden, 67 Tonnen zur Befriedigung der aktuellen Nachfrage und der Rest zur Bildung strategischer Reserven im Hinblick auf die Erschliessung neuer Märkte in Osteuropa.

In den neunziger Jahren hat das weltweite Geschäft mit schätzungsweise 50 Millionen Drogenabhängigen ein Ausmass erreicht, das jede Vorstellungskraft sprengt. Der BND schätzt, dass allein aus den westlichen Staaten über 250 Milliarden Dollar jährlich in die drei grossen Hauptregionen des Drogenanbaus in Lateinamerika und Asien fliessen. Interpol beziffert den weltweiten Umsatz des Drogengeschäfts mit 500 Milliarden, was beinahe dem Staatshaushalt von Frankreich und Deutschland zusammen entspricht.

Etwa die Hälfte dieses Umsatzes investieren die Drogenkartelle nach Art multinationaler Konzerne in wirtschaftliche Unternehmungen.




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