NZZ Folio 02/97 - Thema: Vom Herzen   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Jetzt, demnächst oder nie

Von Wolf Schneider

VERWIRREND GENUG, dass das lateinische altus zugleich hoch und tief bedeutet und das französische personne jemand und niemand, immer mehr aber «niemand» in der Umgangssprache, «Person» soll «keine Person» bedeuten, so einfach ist das. Nun hat sich das Privatfernsehen daran gemacht, dem bisher unschuldigen Wort jetzt den Sinn «jetzt gerade nicht» aufzunötigen; und wenn ihm das gelänge, dann hätten wir kein Wort mehr, mit dem sich beschreiben liesse, dass etwas in diesem Augenblick geschieht oder im nächsten Augenblick beginnt.

Man muss einräumen, dass wir noch nie verliebt in Wörter waren, die uns auf die Gegenwart oder auf eine nahe Zukunft festnageln wollen. «Ich erledige das so schnell wie möglich», sagen wir beispielsweise, und oft lachen wir uns dabei ins Fäustchen: Es mag ja in sieben Wochen sein. Warum es vorher nicht möglich war, werde ich schon zu begründen wissen.

Auch das Wort sofort verweist als Meister des Eiertanzes auf Wortbedeutungen, die wir nicht mögen. Eigentlich heisst «sofort»: unverzüglich, alles stehen- und liegenlassend. Wenn eine Verordnung «ab sofort» gilt, dann eben nicht ab übermorgen, und wer ein schreiendes Kind anherrscht «Du bist jetzt sofort still!», der will nicht, dass der Lärm in zwei Minuten aufhört, sondern in der nächsten Sekunde.

Aber da es unbequem und unwillkommen ist, die eigene Tätigkeit so rabiat zu unterbrechen, betreiben wir seit Generationen eine Begriffsaufweichung: Wer auf einen Zuruf mit «Komme sofort» reagiert, teilt de facto mit, dass er eben nicht alles liegenlässt, sondern in ein paar Minuten zu kommen gedenkt, sobald er noch dieses oder jenes zu Ende geführt hat; «in baldiger Bälde» also, mit Karl Valentin zu sprechen.

Dem sofort ergeht es ähnlich wie dem gleich, das eigentlich sogleich, das heisst wiederum sofort bedeutet, noch bei Nestroy: «Es muss ja nicht gleich sein, es hat ja noch Zeit.» Die in Deutschland beliebte Restaurantauskunft «Kollege kommt gleich» jedoch besagt: Lieber Gast, du wirst noch ziemlich lange nicht bedient werden - mit einem ähnlichen Effekt wie die verwandte gastronomische Höchstleistung «Der Kaffee kommt frisch», deren Sinn nur lautet: Glauben Sie ja nicht, dass Sie schon bald mit Kaffee rechnen können.

Auf diesem Weg schreitet das Privatfernsehen mit kommerzieller Entschlossenheit voran. Es unterscheidet gleich von jetzt oder in wenigen Augenblicken, und Schindluder treibt es mit allen dreien. Während Film A noch läuft, endet der letzte oder vorletzte Werbeblock oft mit einer Reihe greller Szenen aus Film B, mit der Ansage: «Gleich auf RTL» (zum Beispiel). Und was heisst das? Nun noch der Schluss von Film A, dann die Werbung zwischen den Filmen und dann Film B, frühestens in einer Viertelstunde. Nie zuvor wurde das Wort «gleich» so dreist gedehnt, nicht einmal im Restaurant.

Ist Sendung A beendet, so wird zum zweitenmal auf Sendung B verwiesen, nun mit der Formel «in wenigen Augenblicken» - wiederum eine kalkulierte Irreführung, denn der Augenblick ist definiert: irgendwo zwischen 0,06 Sekunden, der Wahrnehmungsschwelle des Auges, und 0,8 Sekunden, der Schrecksekunde, die uns die Gerichte bei Unfällen zubilligen. Mit «wenigen» multipliziert, kann es sich unmöglich um mehr als zehn Sekunden handeln. So rasch aber beginnt Film B durchaus nicht - erst müssen wir uns minutenlang von Reklame vollquäken lassen.

Immerhin: Die Auskunft «In wenigen Augenblicken» enthält einen Rest von Fairness, insofern, als sie, wenn auch irreführend kurz, in die Zukunft greift. Häufiger hören wir «Jetzt auf SAT 1», und das vor dem Werbeblock - jetzt also nicht! Da wird die Zukunft als Gegenwart ausgegeben und die Sprache genotzüchtigt. «Jetzt», das hiess bisher unangefochten: wenn wir im Fernsehen Zeuge werden, wie Boris Becker bei den Australian Open einen Matchball schlägt, auf der anderen Seite des Globus; und da ist das Licht, die Umwege über Satelliten eingerechnet, etwa eine Fünftelsekunde unterwegs, für einen Zeitraum also, der sich mit dem Wort «jetzt» gerade noch überbrücken lässt.

Die lähmenden Minuten aber, die die Privatsender zwischen das gesprochene Jetzt und das erlebte zwängen, liessen sich, nach der anderen Seite übertrieben, auch so beschreiben: «Unseren nächsten Film sehen Sie nach Durchquerung einer Werbewüste. Die Minuten werden Ihnen wie Stunden vorkommen. Verzagen Sie nicht! Demnächst viel Vergnügen.» Oder so: «Da jetzt der neue Film beginnt, laden wir Sie unfreiwillig ein, die nun folgenden Werbespots aus Ihrem Bewusstsein auszublenden.»

Sollte dem Fernsehen mit dem jetzt gelingen, was wir mit sofort und gleich bauernschlau schon angerichtet haben, so bleibt uns für das Jetzige nur die Umschreibung «in diesem Augenblick» und für das Sofortige der Rückgriff auf Wörter aus einer Zeit, da das Fernsehen nicht erfunden war: spornstreichs, stehenden Fusses, ungesäumt. («Postwendend» war einst auch gebräuchlich, aber das mit naher Zukunft zu assoziieren, hat die Post uns abgewöhnt.) Während wir im Sport die Exaktheit bis zur Hundertstelsekunde treiben, machen wir in der Sprache Gulasch aus den Tempora.




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