NZZ Folio 05/02 - Thema: Arm und Reich   Inhaltsverzeichnis

Insel im Meer der Armut

© Andreas Gefe
Kein Bildtitel
Linktext
Innert zweier Jahrzehnte hat die afrikanische Zuckerrohrinsel Mauritius den Aufstieg geschafft: Ob Luxuslabels, Uhrenbestandteile oder Software - heute mischt sie mit im Weltmarkt. Und tritt nun selber als Investorin auf im Zuckergeschäft mit dem Schwarzen Kontinent.

Von Ram Etwareea

Wie an jedem Arbeitstag ist Soubhita um fünf Uhr aufgestanden. Bald wird auch Rajendra, ihr Mann, erwachen und in aller Eile einen Becher Tee und einen Weizenmehlfladen zu sich nehmen. Als Maurer ist er zurzeit auf einer Baustelle am anderen Ende des Dorfes Fond du Sac beschäftigt, wo ein Einkaufszentrum fertiggestellt wird. Eine Stunde später bringt die junge Frau die beiden Kinder zur Grossmutter und eilt dann in die Stylex, eine Fabrik für Konfektionskleidung, die sie zu Fuss in etwa einer Viertelstunde erreicht. Um siebzehn Uhr kommt sie wieder nach Hause und bereitet für die Familie das Abendessen. Nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, sitzt das Paar noch ein, zwei Stunden vor dem Fernseher.

«Mit unseren Löhnen kommen wir nicht durch», sagt Rajendra. Aber er beklagt sich nicht. Denn den grössten Teil des Verdienstes brauchen die beiden, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Bevor Rajendra heiratete, hatte er sich ein Haus mit fünf Zimmern gebaut, ganz aus Beton. Die Einrichtung - Gasherd, Kühlschrank, Fernseher - kaufte er auf Kredit. Und das, sagt er, tun alle hier.

Rajendra stammt aus einer kinderreichen Familie; mit seinen sieben Geschwistern hat er, bis er zehn war, in einer Wellblechhütte unter einem Strohdach gelebt. Sein Vater war Buschauffeur, ging frühmorgens aus dem Haus und kam erst spät am Abend wieder zurück. «Als ich klein war, trugen uns die Stürme fast jedes Jahr die Hütte weg», sagt Rajendra. «Heute haben wir ein solides Haus mit Stromversorgung, Gas und fliessendem Wasser, und seit zwei Jahren haben wir auch ein Telefon.»

Rajendra und seine Frau wollen nicht nur ihre Schulden zurückzahlen und ihren Komfort geniessen. «Das Wichtigste ist jetzt die Schule für die Kinder, da bekommen sie einen Pass fürs Leben», sagt Soubhita, die selber nur gerade ihren Namen schreiben kann.

Rajendra und Soubhita sind repräsentativ für eine ganze Generation, die an der grossen Umwälzung teilnimmt, die vor zwanzig Jahren in Mauritius eingesetzt hat. Die Metamorphose der kleinen Insel im Indischen Ozean ist noch nicht abgeschlossen. Alles ging sehr schnell. Neue Strassen wurden gebaut, Schulen, Spitäler, Industrieanlagen, Einkaufszentren, Freizeitparks und Strandanlagen wurden errichtet. Die Mauritier weisen gerne darauf hin, dass ihre Strassen heute fast sauber sind und dass die öffentlichen Toiletten und die Telefonkabinen funktionieren, während sie früher, kaum eingerichtet, kaputtgeschlagen wurden.

Alles begann 1982, als das Land nach einem Regierungswechsel ein gross angelegtes wirtschaftliches Reformprogramm lancierte und für ausländische Investoren attraktive Bedingungen schuf. Die Insel lebte damals von der Zuckerrohr-Monokultur. Mauritius profitierte von einem garantierten Absatzmarkt und einer Preisbindung dank dem Lomé-Abkommen, einer Konvention für entwicklungspolitische Zusammenarbeit zwischen Europa und seinen einstigen Kolonien.

Vom Zucker allein jedoch konnte die rasch wachsende Bevölkerung bald nicht mehr leben. 25 Prozent der arbeitsfähigen jungen Leute waren arbeitslos. Drogenhandel und Drogenkonsum, Prostitution und Gangstertum fanden einen fruchtbaren Boden. Neben den ausgedehnten Zuckerrohrplantagen lockten die mauritischen Strände und das Tropenklima Tausende von Touristen ins Land. Der Kontrast zwischen den luxuriösen Exzessen und der herrschenden Misere trieb die Wut und Frustration der Armen auf die Spitze. Auf der einen Seite gab es die Hotels, eines nobler als das andere, deren Zimmer zwischen 200 und 300 Franken kosteten, und auf der anderen die Bidonvilles mit ihren wackeligen Elendshütten aus rostigem Blech, in denen auf engstem Raum kinderreiche Familien hausten.

Zu sagen ist, dass die britische Regierung, der die Zucker-Monokultur und der galoppierende Bevölkerungszuwachs Sorgen bereiteten, schon während der Kolonialzeit einen Fachmann bat, einen Plan zur wirtschaftlichen Diversifizierung auszuarbeiten. José Poncini, ein Mauritier mit Tessiner Wurzeln, der dann nach der Unabhängigkeit des Landes 1968 als Schweizer Konsul amtierte, schlug vor, die Arbeit nach Mauritius zu holen, anstatt die Arbeiter ins Ausland zu schicken. Er selber ging mit dem guten Beispiel voran, indem er 1965 die Micro-Jewels, den ersten Fabrikbetrieb der Insel, gründete. Die Firma entstand in Zusammenarbeit mit einer Uhrenfabrik in La Chaux-de-Fonds, die Saphir-Rondellen zum Lochen nach Mauritius schickte, die dann wieder zurück in die Schweiz spediert und dort weiterverarbeitet wurden.

Die ersten Delegationen, die den ausländischen Investoren die Niederlassung schmackhaft machen sollten, reisten nach Asien. Vor allem Hongkong war ihr Ziel, wo die Industriellen der für 1997 vorgesehenen Rückgabe ans kommunistische China mit einiger Besorgnis entgegensahen. Ein paar Dutzend Firmen liessen sich überzeugen und schickten Kapital, technische Ausrüstung und Know-how nach Mauritius. An Anreizen fehlte es nicht. Wer sich niederliess, bekam die mauritische Nationalität und fünf Jahre Steuerfreiheit; Ausrüstungsmaterial und Rohstoffe konnten zollfrei eingeführt werden, Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung und Kommunikationsnetz wurde zu Tiefpreisen bereitgestellt.

Vor allem aber gab es Arbeitskräfte, die nur darauf warteten, beschäftigt zu werden. Die mauritischen Löhne waren tief, etwa 200 Franken pro Monat, viermal tiefer als in Taiwan oder Singapur, zweimal tiefer als in Thailand oder Malaysia. Und das zugunsten der Arbeitgeber veränderte Arbeitsgesetz erschwerte gewerkschaftliche Aktivitäten.

Die Strategie hatte Erfolg. Innerhalb von fünf Jahren schossen Textil- und Kleiderfabriken im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden, wurden 50 000 Arbeitsplätze geschaffen. Die Insel wurde zum weltweit drittgrössten Pullover-Exporteur. Der Übergang vom Agrar- zum Industriestaat löste eine Kettenreaktion aus, das Bauwesen nahm einen rasanten Aufschwung. Im Jahr 2000 arbeiteten 90 000 Mauritier und 14 600 Ausländer in 523 Fabrikbetrieben - eine Bilanz, die sich sehen lassen konnte.

Auch wenn die Arbeitsbedingungen nicht die besten waren und sich bei weitem nicht mit jenen in den Industrieländern vergleichen liessen - Hunderte junger Frauen mussten in Hangars zusammengepfercht oft Überstunden leisten -, stieg der Lebensstandard der Arbeitnehmer schlagartig an, zumal wenn am Ende des Monats gleich mehrere Familienmitglieder einen Lohn nach Hause brachten.

Das kurbelte den Konsum an. Die Warenhäuser verkauften Möbel, elektrisches Haushaltgerät und kleine Mofas wie frische Brötchen. Die Konkurrenz war unerbittlich, und gewisse Geschäfte lieferten die Ware auf Kredit ohne jede Anzahlung.

Bis Anfang der neunziger Jahre verzeichnete das Land Wachstumsraten von jährlich 5 bis 10 Prozent. Die Staatskasse war voll. Die Insel Mauritius gehörte zu den wenigen Ländern, die ihre Auslandschulden rechtzeitig zurückzahlten, ein Musterschüler für den Internationalen Währungsfonds (IWF), den man gerne vorführte.

Tatsächlich strafte die seit März 1968 unabhängige, einst holländische, dann französische und schliesslich britische Kolonie das Klischee Lügen, wonach die Dritte Welt unfähig sei, sich aus ihren Schwierigkeiten herauszumanövrieren. In einer Mauritius gewidmeten Studie hebt der IWF hervor, dass der vielleicht interessanteste Aspekt die im Bereich des Handels und der Entwicklung gewählte Strategie sei: «Man kann diesen Fall als Beweis dafür sehen», heisst es im Bericht, «dass sich die Öffnung und der Eintritt in die Globalisierung unbestreitbar günstig auswirken.» Für Jayen Cuttaree, Minister für Industrie und internationalen Handel, sind die demokratische Tradition, die politische Stabilität und das gleichbleibende Engagement der sich ablösenden Regierungen der Schlüssel zum mauritischen Wirtschaftswunder.

Wie auch immer, 1995 drehte der Wind, und das Land wurde plötzlich Opfer seines Erfolgs. Die vielen Fabriken hatten die Arbeitskraftreserven ausgetrocknet. Um dem Mangel abzuhelfen, begannen die Arbeitgeber in China, Indien und Bangladesh Arbeitskräfte anzuwerben, manchmal zu miserablen Arbeitsbedingungen.

Trotz dem Zustrom ausländischer Arbeitskräfte stiegen die Löhne, da die Arbeitgeber miteinander in Konkurrenz lagen und schliesslich versuchten, mit besseren Arbeitsbedingungen Arbeitskräfte anzulocken. Das wiederum trieb die Produktionskosten in die Höhe. Zudem traten im globalen Textilmarkt neue Länder in Aktion - China, Indien, Bangladesh, Sri Lanka. Diesen noch billigeren Produzenten gegenüber hatte Mauritius keine Chance. Dutzende von Investoren gingen Konkurs und zogen weiter in andere Paradiese, wo die Produktionskosten noch tiefer lagen. Auf Mauritius standen Tausende von Arbeitern auf der Strasse.

Aus dieser Phase der industriellen Auflösung ist das Land noch nicht heraus, auch wenn gewisse mauritische Wirtschaftsfachleute wie Pierre Yin in der Schliessung von Hunderten von Unternehmen nicht nur eine negative Sache sehen. «Die Schliessungen setzen die Arbeitskräfte des untersten Segmentes frei», meint er. «Und diese werden in eine Produktion verlagert, die einen grösseren lokalen Mehrwert bringt.»

Das war tatsächlich auch die vom mauritischen Staat verfolgte Strategie. Heute werden immer mehr Unternehmen zu Zulieferbetrieben für grosse europäische und amerikanische Marken wie Pierre Cardin, Christian Dior, Cacharel, Yves Saint Laurent, Ralph Lauren oder Gap. Andere arbeiten für Supermärkte, die ihre eigenen Marken kommerzialisieren. Elisabeth Cheong, Leiterin der Mauritius Investment Development Authority, einer Organisation, die im Ausland das «Made in Mauritius» verkaufen soll, sieht eine weitere Möglichkeit darin, die Produktion ins benachbarte Madagaskar zu verlagern, wo die Arbeitskräfte zahlreich und billig zu haben sind. «Management, Marketing und Design hingegen sollen in Mauritius bleiben», meint sie.

Mehrere mauritische Unternehmen sind tatsächlich gut im Geschäft. Sie befriedigen hauptsächlich eine Kundschaft, die Grossaufträge vergibt. Eine politisch etwas unstabile Lage, wie sie zu Beginn dieses Jahres herrschte, wirkt sich jedoch schnell nachteilig aus.

Auch aus der Textil-Einbahnstrasse hat man herausfinden müssen. Den europäischen Investoren, die dabei behilflich waren, hat Mauritius schöne Augen gemacht. Inzwischen haben sich rund ein Dutzend Schweizer Unternehmen auf der Insel niedergelassen, deren Zweigstellen Armbänder, Zifferblätter und andere Bestandteile für die Schweizer Uhrenindustrie produzieren. Doch die Diversifikation wurde noch weiter getrieben. So entwickelte sich die Insel nach und nach zu einem regionalen Finanzplatz und baute den Dienstleistungssektor aus. Ein Offshore-Banking-Sektor ist seit ein paar Jahren bereits aktiv; zahlreiche ausländische Akteure sind daran beteiligt. In der Schweiz wurde ein Anlagefonds für Indien geschaffen, der in Mauritius domiziliert ist. Auch das Dienstleistungsgewerbe verzeichnet auf vielen Gebieten - Versicherungen, Vermögensverwaltung, Consulting, Domizilierung von Gesellschaften, Immatrikulation von Schiffen - einen vielversprechenden Aufschwung. Mitten im Indischen Ozean gelegen, sieht sich die Insel als Brückenkopf zwischen den beiden Kontinenten Asien und Afrika, die ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit intensivieren.

Zugleich träumt Mauritius davon, eine Cyber-Insel zu werden - nach der Textilindustrie, dem Zucker und dem Tourismus (660 000 Besucher im Jahr 2001) soll nun auch die Informatik helfen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. «Wir haben keine andere Wahl», erklärt Pradeep Jeeha, der junge Minister für Informatik. «Wir werden ausländische Informatiker holen müssen, um die Branche in Gang zu bringen und unsere Leute auszubilden.»

Rund ein Dutzend ausländische Unternehmen, darunter die wichtigsten indischen Gesellschaften wie Tata Consultancy Services, beteiligen sich heute am Aufbau von zwei Informatikparks. Der neue Sektor soll in den nächsten fünf Jahren 30 000 Arbeitsplätze schaffen und pro Jahr einen Umsatz von 100 Millionen Franken erwirtschaften. Die Entwicklung und Herstellung von Software für den frankophonen Markt, die Produktion von Hardware und der Internethandel stehen auf dem Programm. Hervorzuheben ist, dass heute schon einige Multis ihre Texterfassungsaufträge an mauritische Informatikunternehmen vergeben.

Und last, but not least sieht Mauritius eine weitere Chance im Umstand, dass sich die Zuckerindustrie jetzt in Afrika ansiedelt, namentlich in Tansania und in Moçambique, wo kürzlich eine Konzession für 90 000 Hektaren erteilt wurde. «Wir haben das Know-how, sie haben die Ressourcen», sagt Minister Cuttaree und fügt hinzu, dass eine ausländische Beteiligung für die Wirtschaftsentwicklung Afrikas absolut notwendig sei: «Wir dürfen uns dem Kontinent gegenüber auf keinen Fall überheblich zeigen. Es ist in unserem Interesse, dass sich Afrika als "emerging economy" behaupten und zu einem lebensfähigen Markt entwickeln kann.»

Ram Etwareea, ein gebürtiger Mauritier, ist Redaktor von «Le Temps» in Genf.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.