NZZ Folio 12/95 - Thema: Die Gabe   Inhaltsverzeichnis

Kaffee für den Fremden

In den Fängen beduinischer Gastfreundschaft.

Von Victor Kocher

«WILLKOMMEN, WER EINTRITT, isst und satt wird», ruft Salama Abu Selim, ein Beduine und Ackerbauer in Muweilih, mitten im Sinai. Er hat mich in der Wüste aufgenommen und vollzieht das jahrtausendealte Ritual, wie es bei Arabern und anderen orientalischen Völkern verbreitet ist. Wenn ein Gast in der Einöde auftaucht, staubbedeckt von stundenlanger Fahrt über abgeschiedene Pisten, so bricht ein Beduine in Jubelrufe aus. Er schlachtet ihm zu Ehren ein Schaf oder eine Ziege, bevor der Fremde überhaupt zum Protestieren kommt. Und er sieht eine grosse Ehre für sich selbst darin, dem Gast diese Gabe darzubringen und ihm zu dienen. Abu Selim röstet Kaffeebohnen in der Bratpfanne. Dann zerstösst er sie im Mörser, dem er glockenhelle Töne entlockt: eine Einladung an alle, die es hören können. «Ya mahla tagmat dlal el-baghadid . . . / Ihr schönen Kaffeekannen aus Bagdad, / ziseliert rundum mit hohen Messingdeckeln: / Bedienung, wie's der Sklav' dem Herren tat, / so hell wie Sterne, Zier der Sitzplatzecke . . .»

Mancher Beduinendichter besingt die Herrlichkeiten der Gastfreundschaft: wie abgezehrte Fremde nach einer langen Reise ankommen und wie sie nach den üblichen drei Tagen vollgefressen und gestärkt weiterziehen. Ehedem schickte es sich vor Ablauf der Dreitagesfrist überhaupt nicht, nach Namen, Herkunft und Geschäften der Gäste zu fragen; heute wartet man zumindest noch bis nach der ersten Mahlzeit. Das ungeschriebene Gesetz will es sogar, dass einer beim Nachbarn ein Schlachttier stehlen darf, wenn er nicht selbst eins für den Gast zur Hand hat. Und da sich jeder städtische Araber mit diesem Urbild des unverfälschten Wüstenlebens identifiziert, geht es ans Portemonnaie. - Wie soll der so Beschenkte mit dem Beweis der Grossmut zu Rande kommen?

In Kairo leeren sich während des Fastenmonats Ramadan gegen Sonnenuntergang die Strassen. Doch auf den Trottoirs stehen allenorts lange Tische bereit, gedeckt für die Speisung der Armen, die schon hungrig auf das Auftragen von Brot, Reis und gekochtem Fleisch warten. «Oh, ihr Menschen», sagt der Prophet Mohammed, «jeder Muslim ist der Bruder des anderen.» Arme und Reiche fasten im Ramadan gleich, und bei Sonnenuntergang sollen sie alle gleich essen. In diesem Monat geben die Muslime auch die meisten Almosen. Zakat al-fitr, die Armenspende zum Fest des Fastenbrechens, gilt als besonders zwingende Verpflichtung der Gläubigen. Bei dieser Gelegenheit schickt jeder rechte Muslim reiche Speisen für die weniger gut gestellten Nachbarn, vielleicht Kleider für die bedürftigen Kinder, einen Zuschuss ans Schulgeld oder zumindest Süssigkeiten für die ganze Strasse.

«Nimm Sadaka (Almosen) von ihrem Geld», heisst es in der Koransure 9, 103, «und reinige und läutere sie dadurch.» Das erklärt nicht nur, warum milde Gaben angebracht sind, sondern auch, dass diese von Amtes wegen eingezogen werden, wenn die Gläubigen sie nicht von selbst darbringen. Allgemeine Mildtätigkeit zählt zu den fünf individuellen Pflichten des Muslims wie Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten und Pilgerfahrt. Die Abgaben verwendete schon der Prophet nicht nur zur Unterstützung der Armen, sondern auch für politische und militärische Unterfangen. Die Rechtsgelehrten legten nach seinem Tod mit grosser Hingabe den Satz für die Armenabgabe auf jedem denkbaren Besitz fest, von Gold und Silber über Datteln und Zibeben bis zu den Schulden: eine eigentliche Vermögenssteuer in der Höhe von einem Vierzigstel des Besitzes. Doch der geringe Steuersatz reichte für die Finanzierung eines Staatswesens nicht aus. Schon zur Zeit des zweiten Kalifen wurden andere, säkulare Steuern erhoben.

Sadaka und Zakat werden im Koran in der unscharfen Bedeutung von «Gabe» wie auch «Abgabe» gebraucht, obwohl nach Auffassung der Gelehrten Sadaka viel klarer einen freien Entschluss des einzelnen impliziert. Das Prinzip der Freiwilligkeit regiert heute fast überall die Zakat. Wer nicht selbst die geeigneten Nutzniesser findet, macht seine Schenkung an eine Moschee oder sonst eine wohltätige religiöse Institution. In Iran lieferte die geordnete Zahlung der Zakat an die Mullahs die Grundlage für einen selbständigen Klerus, der mehrmals den politischen Machthabern die Stirn bieten und sie schliesslich stürzen konnte. Religiöse Stiftungen gehören dort dank der verbreiteten Sitte, ihnen beim Tod den Grundbesitz zu hinterlassen, zu den mächtigsten Institutionen mit Guthaben in Milliardenhöhe.

Den Namen Zakat bringen Muslime mit dem gleichlautenden Begriff für moralische Reinheit zusammen. In ihrer Vorstellung gestattet Gott ihnen Reichtum, wenn sie einen Teil davon an mittellose Reisende, Bedürftige, tief Verschuldete, freigekaufte Gefangene oder Kämpfer im heiligen Krieg, dem Jihad, abgeben. Im Islam gelten alle irdischen Güter als Besitz Gottes, der sie den Menschen gewissermassen als Lehen zur Verwaltung in seinem Sinne überlässt. Das darauf gegründete Gebot der Grosszügigkeit entspricht aber offensichtlich alten und tiefen Wesenszügen orientalischer Völker. Dazu gehört, dass öffentlich praktizierte Mildtätigkeit zu den wichtigen Quellen für soziales Prestige zählt. Und ein tüchtiges Gastmahl, unter dem sich die Tische biegen, «wäscht das Gesicht rein» (ybayid al-wijh), es fegt jeden Verdacht von Knausrigkeit oder fehlender Mittel vom Ansehen des Hausherrn hinweg. Doch wenn im Orient nicht jeder bereitwillig vom Seinen weitergeben würde, wären ganze Völker wohl längst zugrunde gegangen. Die Staaten organisieren oft nicht einmal bescheidenste Formen sozialer Fürsorge und anderer Auffangnetze.

«Ist es nicht beschämend für deine Nachbarin, immer wieder Almosen von dir anzunehmen?» Die Frage stammt von einer amerikanischen Soziologin und richtete sich an einen Bäcker in Marokko. Der Mann hatte während Jahren aus freien Stücken für seine Nachbarin und ihre Familie gesorgt, nachdem ihr Gatte verstorben war. «Das sind keine Almosen, sondern Zakat», antwortete er. «Es gereicht uns zur Ehre, Zakat zu geben, und ihr, die Zakat anzunehmen. Alles kommt von Gott, nicht von uns. Die Nachbarin hilft uns, bessere Muslime zu sein, während sie selbst eine gute Muslimin ist.»

«Arbaa grayschiyat hauf al-ahille. . . / Vier Reittiere, gestern wie Sichelmonde, / die Sattelseile baumelnd im Wind, / es waren nicht fette, doch auch nicht lahme, / mit Taschen beladen, die vollgestopft sind. / Sie kamen von ferne zu Dachlallahs Hause. / Schon drängt er sie heftig, lässt Einwand nicht gelten, / er schlachtet ein Schaf mit der Rechten zum Schmause, / gekauft von des Stammes reicheren Leuten. / Er legt ihnen Polster an schattige Orte / und klopft in dem Mörser guter Nachbarn Kaffee . . .» Wenn Gäste auftauchen, soll der Hausherr nicht an sich denken, sondern sich ihnen zuliebe ruinieren. Die Beduinentradition verlangt hier mehr als die Religion. Ein Opfertier und etwas Kaffee bei den Nachbarn auszuborgen ist ein noch bescheidener Aufwand.

Bei jedem grösseren Familienereignis im Leben eines Beduinen, sei's die Beschneidung oder die Hochzeit eines Sohnes, hat er den ganzen Clan einzuladen. Genauso wie im Falle einer Vendetta die Last des Blutgelds auf sämtliche erwachsenen Männer der Gemeinschaft aufgeteilt wird, so teilen sich auch alle in die Lust der Bewirtung. Beides dient der Erprobung der Solidarität in der Sippe und zur Pflege der Beziehungen. Ein Farah, ein Freudenfest, kann leicht Dutzende oder sogar Hunderte von Personen umfassen, die alle reichlich Fleisch essen wollen. Das dezimiert oft nachhaltig den Viehbestand. Das Ideal gilt für alle Araber, auch städtische und nichtmuslimische. So kommt beim Farah in dem christlichen Beduinendorf Smakieh in Südjordanien jedesmal mehr als ein Lämmlein auf den Tisch, säuberlich gekocht und in Sauermilch auf Reis zubereitet. Die Gäste verzehren es stehend und mit fast liebloser Hast.

Der Prophet sagte in seiner letzten Predigt lapidar: «Geschenke sind zu erwidern.» Wer das Ganze mit genügend Abstand betrachtet, erkennt tatsächlich einen Kreislauf. Jeder muss sich einmal für seine Gäste ruinieren, jeder verheiratet einmal seine Kinder. Aber es unternimmt auch jeder einmal eine Reise. Also wird auch jedes Mitglied des Clans selbst wieder eingeladen oder sonst als Gast bewirtet. Je grösser die Zirkulation der Geschenke innerhalb der Schicksalsgemeinschaft, desto fester die Bande. Entsprechend scharf ist der Spott der Beduinendichter für Knauser und Drückeberger: «Schnell fragt er den Gast aus, bevor er ihm auch nur zu trinken reicht», wenn er sich nicht vorher schnell in eine Talrinne verdrückt, um den Besuchern zu entgehen.

Geben und Nehmen gehören zu den wichtigsten Bindemitteln der Beduinengesellschaft. Was Wunder also, dass heute am Golf ganze Staaten darauf aufgebaut sind. Seit der Entdeckung des Erdöls sieht das Haus Saud seine Hauptaufgabe darin, den Erlös daraus auszugeben. Das Öleinkommen gehört in Saudiarabien nicht dem Staat, sondern der Königsfamilie; sie gibt Teile davon weiter an Ministerien, die damit eine Infrastruktur für das Volk aufbauen, oder sie verteilt direkt an einzelne Untertanen. Wer davon profitiert, hält zum Königshaus - und umgekehrt. Die Empfänger verdanken die Gaben des Königs mit Loyalität. Und kommt ein Bürger zum König, so hat er schon Gaben angenommen: Er kann nur als Bittsteller auftreten, der sich der Grossmut des Herrschers empfiehlt; ihm zustehende Rechte gibt es keine einzufordern.

Der irakische Präsident Saddam Hussein schenkte während des Kriegs mit Iran ausgezeichneten Offizieren ein Auto - später auch den Hinterbliebenen von Gefallenen. Wenige Tage nach der jüngsten Volksabstimmung über die Verlängerung seines Präsidentschaftsmandats schenkte Saddam seinem Volk zur Belohnung höhere Lebensmittelrationen - sogar das Recht auf Überleben verkommt zur Gabe. Wer aus Europa in diese Welt eindringt, muss öfters staunen: Hier wird oft und reichlich gegeben, viel mehr als zu Hause üblich. Und als Gast gerät er in Not ob solcher Grosszügigkeit. Das Problem kennen auch die Araber selbst, doch spricht kaum einer darüber. Das Besingen von Gastfreundlichkeit und Freimut der Araber dient mithin dazu, etwas zu verbergen: Die orientalische Verpflichtung, Gaben anzunehmen, ist auch eine Last. Gastfreundschaft oder Geschenke kann man nicht ablehnen, das wäre eine grosse Beleidigung. Und wer sie annimmt, begibt sich in ein Verhältnis überaus unklar umrissener Schuldigkeit. Deshalb ist jeder im Morgenland in ein Netz verstrickt, das ihn nicht nur trägt, sondern auch Verpflichtungen mitbringt: Komplimente erwidern, Gegenbesuche abstatten, Gegengeschenke machen oder hier und dort einen Gefallen vergelten. Und keine Zeit ist zu kostbar, um hiefür investiert zu werden.

Das beste Rezept empfahl schon der Prophet: «Die obere Hand ist besser als die untere», das heisst die entgegennehmende. Und der Wüstendichter sagt hintergründig: «Ya mbahhir al-finjal, b-allah sugeh, / sugeh al-elli wafiatin hugugeh! / Gastfreund, reichst du würzigen Kaffee, / sei sicher, dass dem Gast kein Recht abgeh'!» Der Not entgeht ein Stück weit, wer selber die Initiative ergreift - und gibt. Doch soll man sich die Empfänger richtig aussuchen: Es bleibt immer noch die Pflicht, deren Erwiderung anzunehmen.

Victor Kocher ist Nahostkorrespondent der NZZ. Die eingestreuten Texte aus mündlicher Dichttradition der Beduinen hat er im Sinai aufgenommen und übertragen.


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