«VOR ZWEI JAHREN überkam uns, Marianne und mich, die Lust, nochmals ein Haus für uns zu bauen. Wir hatten im Laufe unseres Lebens schon dreimal für uns selber gebaut und wohnten in einem grossen Haus mit Garten in Zumikon. Dort gefiel es uns an sich auch noch, nachdem unsere vier Kinder ausgezogen waren. Irgendwie war der Wunsch unrealistisch. Also träumte ich nur davon. Und dann kam der Brief. Man bot uns hier an der Ilgenstrasse in Zürich ein Haus zum Kauf an. Ein Dreifamilienhaus, halb leerstehend und etwas verlottert. Da haben wir sofort ein Projekt gemacht. Für ein Einfamilienhaus mit zwei Einliegerwohnungen, weil es für uns allein zu gross gewesen wäre. Wir stellten uns dann vor, wie wir uns künftig als Hausmeister um die tropfenden Hahnen der Mieter zu kümmern hätten. Diese Vorstellung hat uns, gelinde gesagt, Mühe gemacht.
Und dann riefen uns Estermanns an. So wie man das macht, wenn man eine Wohnung sucht. Man ruft einen befreundeten Architekten an und fragt: weisst du nicht etwas für uns? Da sagte ich: wenn ihr wollt, könnt ihr ein halbes Haus haben. Dann ging alles ganz schnell. Im August 1996 wurde das Haus abgebrochen und der Aushub gemacht. Die Konstruktion, wie sie in diesem Raum gut sichtbar ist, wurde durch die Lust bestimmt, möglichst schnell einzuziehen: Betondecken, die auf freistehenden Stahlstützen ruhen. Am 19. Dezember war der Rohbau hochgezogen, und am 1. August 1997 zogen wir in unsere Haushälfte ein und der Stadtpräsident und seine Frau in die mehr oder weniger spiegelverkehrte andere.
Das Haus von aussen? Quadratischer Grundriss, 13 m × 13 m. Vier Geschosse, Flachdach, die Fassadenverkleidung aus dunkelgrauem Schiefer. Weisse Fensterrahmen. Die Lage ergibt eine sehr reizvolle Spannung zwischen Nord und Süd. Zur einen Seite über die Stadt hinweg der Üetliberg, der Rigi und, was in Zürich fast Symbolcharakter hat, das Vrenelisgärtli. Zur anderen Seite die alten Bäume der Ilgenschulhäuser und das hübsche schmale Wäldchen entlang der Strasse. Und nach Osten der Blick auf die ansteigende Asylstrasse mit den urbanen, architektonisch anspruchsvollen Wohnhäusern aus dem 19. Jahrhundert.
Dieser Raum nimmt ein ganzes Geschoss ein, er misst also 6,5 m × 13 m, plus Erker. Erker schaffen ganz andere Lichtverhältnisse als eine gerade Wand mit Fensterloch, und sie geben dem Raum eine weitere Dimension. In den alten Städten mit ihren engen Gassen hatten die Erker den spinnenden Frauen erlaubt, nicht nur über die Gasse dem Nachbarn in die Küche zu schauen, sondern auch das Treiben auf der Strasse zu beobachten. Wenn wir hier frühstücken, sehen wir, wie sich der Heimweg der Nachtschwestern vom Kinderspital mit dem Weg der Schwestern kreuzt, die den Tagdienst antreten. Wir sehen, wie sie gehen und ob sie schön oder nicht so schön angezogen sind. Das ist doch ein Genuss.
Wie lang der Tisch ist? Fünf Meter. Ich habe ihn selber entworfen, wie manche unserer anderen Möbel auch. Wir können zwanzig Leute daran unterbringen. Man hat ihn mit einem Kran durchs Fenster gebracht, das wir eigens dafür eingeplant hatten. Ein Esstisch im konventionellen Sinn ist das nicht, eher Ablage für alles, was man gerade zur Hand haben möchte. Wir wollen zum Frühstück die Zeitung lesen können und uns vielleicht von unten ein paar Bücher heraufholen. Wir haben auch keine abgetrennte Küche. Wenn Besuch da ist, sollen die Köche, also wir, auch am Gespräch teilnehmen können.
Was bei uns an Kunst herumsteht und herumhängt, ist zumeist von Künstlern, mit denen ich als Architekt zu tun hatte. Das Bild über dem Esstisch etwa ist von Ferdinand Gehr, der oft für uns gearbeitet hat. Vor dem Umzug haben wir uns überlegt: ja gopferteckel, müssen wir uns von unserem Zeug jetzt schon trennen? Das Haus in Zumikon war viel grösser, allein die Stube war fast doppelt so lang. Jetzt finden wir es eine Bereicherung, mit der Kunst und den Gedanken, die sich mit ihr verbinden, den Raum zu teilen. Unser neuestes Stück ist die originalgrosse Fotografie eines von Piranesi gestochenen Idealplanes für das Marsfeld im alten Rom. Ein Freund hat sie uns geschenkt. Er hatte in England das Original ergattert. Die Architekturkritik bemüht immer wieder das Kriterium der Avantgarde. Das ist Quatsch: Auf dem Plan von Piranesi ist alles schon da.
Der Bronzestuhl oben am Tisch, der «Alpenkönig», wurde von der Stadt noch unter Emil Landolt für die Juni-Festwochen bei Fritz Kuhn in Auftrag gegeben. Er sollte auf der Bürkliterrasse aufgestellt werden. Weil Kuhn chaotisch war und man fürchtete, er werde nicht fertig, schickte man ihm vorsorglich einen bösen Brief. Darauf wurde Kuhn wütend und kam mit einem Lastwagen nach Zumikon und sagte: den Stuhl kannst du haben, die blöde Sieche von der Stadt bekommen den nicht! So stand er dann zusammen mit den anderen Skulpturen im Garten vor dem Wald. Besonders eigenartig wirkten sie bei Nebel und Schnee.
Wir haben nicht immer so gewohnt. Unsere erste Wohnung hatte anderthalb Zimmer. Darin war auch das Architekturbüro untergebracht. Und unser erstes Kind war schon da. Es schlief in der Küche. Damit es die Unordnung nicht anschauen musste, haben wir einen Vorhang vor sein Bettchen gehängt.
Der für mich schönste Raum? Vielleicht die Konstantins-Basilika in Trier. Aber so will ich gar nicht wohnen. Den Anspruch vom schönsten Raum muss die Kirche erfüllen, für den Alltag braucht man das nicht.»