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Blasen, Hitze, Rückenschmerzen
Der Schriftsteller geht aus denselben Gründen zu Fuss, aus denen er von Hand schreibt.
Von Beat Sterchi
Noch keine hundert Jahre ist es her, dass Robert Walser zu Fuss einer Einladung nach Zürich folgte. Zwei Tage ging er von Bern aus durch die halbe Schweiz, nur um beim Eingang zu seiner eigenen Lesung, wegen des Wegdrecks an seinen Schuhen und wegen des Wegstaubes an seinen Kleidern, abgewiesen zu werden. Erst als sich der Dichter zu erkennen gab, durfte er das Lokal betreten, wo das Publikum auf ihn wartete.
Schon damals begegnete man Fussgängern mit Misstrauen. Wer dort zu Fuss unterwegs ist, wo alle andern fahren, der ist möglicherweise ein Landstreicher, ein Nonkonformist oder sonst ein schwieriger Fall. Wer einfach so aus dem Nichts auftaucht, nicht von der Bahn, vom Bus oder vom Parkplatz kommt, der gibt Rätsel auf, macht sich verdächtig und wird kaum mehr geachtet als ein Cowboy ohne Pferd. Dabei wäre es damals für Robert Walser ökonomisch vielleicht gar nicht sinnvoll gewesen, mit der stolzen Eisenbahn zu fahren. Bekanntlich war er gut zu Fuss, aber immer schlecht bei Kasse. Er hatte mehr Zeit als Aufträge, und hätte er einen Auftrag gehabt, hätte er für eine Fahrkarte nach Zürich wohl länger arbeiten müssen, als ihn die Reise auf Schusters Rappen Zeit gekostet hatte.
Heute ist die Sache etwas komplizierter. Fahren und Fliegen ist zwar längst in jedem Sinn dreckbillig geworden, aber noch immer kommt der Fussgänger auf seine Rechnung. Meine schönsten Reisen habe ich zu Fuss gemacht, und ich weiss auch von andern, die wohl die halbe Welt gesehen haben, am liebsten und am besten aber von damals erzählen, von damals, als sie die Kraft und den Mut hatten, sich zu Fuss auf die Socken zu machen, sei es wie Büchners Lenz durch das Gebirge oder einfach kühn und unbekümmert nach Paris, nach Wien, nach Rom.
Auf meiner längsten Fussreise bin ich sechs Wochen lang auf dem Jakobsweg quer durch Spanien gegangen. Ich möchte keinen einzigen Tag davon missen. Zeitweise ging ich wegen der Blasen an den Füssen wie auf Kohlen, dann wegen der unbarmherzigen kastilischen Hitze wie ein Verdurstender durch die Hölle. Ich hatte tagelang Rückenschmerzen, bin wiederholt auf Holzwege geraten und war einmal sogar kurz davor, die ganze Übung abzubrechen. An den Zehen verlor ich der Reihe nach sämtliche Nägel, aber nie bin ich auf einer Reise Land und Leuten näher gewesen.
Nie habe ich mehr erlebt und mehr gesehen. Gehend ergreift man Besitz von der Landschaft, die man durchschreitet. Gehend macht man Bekanntschaften, und es sind die eigenen Schritte, die Geheimnisvolles entdecken oder Labyrinthe knacken. Bewegt man sich zu schnell, wird die Wahrnehmung der Welt unscharf, Verlangsamung dagegen vergrössert und garantiert Tiefenschärfe. Und wenn es nur ein Baum war, ich sah seine kleinsten Verästelungen, ich sah Konturen und Farben von Rinde, Blättern, Zweigen. Ein Baum nur und für die im Gehen geschärften Sinne doch so viel.
Wie am Zugfenster, bloss viel langsamer, zog ein ganzes Land und eine ganze Kultur an mir vorbei. Und weil ich auch mit den Füssen sah, hatte ich nie das Bedürfnis, zu filmen oder zu fotografieren, und habe diesen 800 Kilometer langen Strang von federnden Waldwegen, von Sumpf- und Gebirgspfaden, von Wegen jeder Art durch Felder, Dörfer und Städte doch bestens dokumentiert, wenn auch nur in mir. Wie eine Diaserie oder einen Film kann ich heute meinen Jakobsweg vor meinem inneren Auge abrufen und kann ihn immer wieder begehen, sogar ohne Stock, ohne Rucksack, ohne Blasen, ohne Schmerzen.
Dabei bin ich nicht etwa einfach so hinaus in die Welt gegangen wie einst Hans im Glück oder wie ehemals Tausende andere wackere Gesellen auf die Burschenreise oder auf die Walz. Ich habe mich auch nicht auf den Weg gemacht, weil ich mir wie ungezählte Pilger und Pilgerinnen irgendeine Erlösung erhoffte. Wer im Zeitalter der Beschleunigung über längere Distanzen Schienen und Strassen entlang zu Fuss unterwegs ist, der geht hinaus aus der Welt der kollektiven Eile und versucht, Raum und Zeit mit sich selbst unter einen Hut zu bringen.
Wer zu Fuss geht, geht nicht wandern, nicht spazieren, auch nicht flanieren. Wer richtig zu Fuss geht, besinnt sich auf die Grundform der menschlichen Fortbewegung. Wer zu Fuss geht, entscheidet sich, nicht zu fahren und sich auch nicht fahren zu lassen. Wer zu Fuss geht, will seinen Weg und auch sein Tempo selbst bestimmen und hat auch noch nicht vergessen, wie leicht der Mensch auf seinen Füssen doch eigentlich sehr weit gehen kann.
Denn man vergisst, dass wir auch zu Fuss schon immer weit in der Welt herumgekommen sind. Man vergisst, wie selbstverständlich wir uns über grosse Distanzen bewegten und es auf anderen Kontinenten vielerorts weiterhin tun. Sei es zur Arbeit, zur Schule, auf den Markt, in die Kirche oder auch in den Krieg.
Wer heute geht, geht vielleicht auch aus Lust am Widerstand, vielleicht aus Protest oder einfach aus Trotz. Man geht aus den gleichen Gründen zu Fuss, aus denen man weiter seine Texte von Hand schreibt. Das ist zwar langsam, vielleicht anachronistisch, sicher aufwendig und vergleichsweise anstrengend, aber dafür ist man für einmal unabhängig und wenigstens für eine gewisse Zeit ein bisschen autonom.
Zudem will auch der aufrechte Gang immer wieder neu geübt sein. Wenn es sein muss, mitten in der Stadt, denn eine Fussreise kann auch direkt vor der eigenen Haustür ihren Anfang nehmen. Über- und Unterführungen, Ampeln, Rampen, Treppen und Tunnel bescheren einem dabei sicher kein grosses Wandervergnügen, aber was bliebe noch an Freiheit, wenn die Gewissheit schwindet, sich jederzeit aus eigener Kraft überall hinbewegen zu können?
Und sei es auch nur den endlos aufgereihten Fahrzeugkolonnen entlang hinaus aus der Stadt. Sollen die Busse für einmal vorbeidröhnen, einer nach dem andern, man braucht sie nicht, es ist überall gut, unterwegs zu sein, einfach zu gehen, Schritt um Schritt und mit Geduld. Auch wenn die einfältig angelegte Strasse schnurgerade ist, auch noch zunehmend mehr ergraut und verödet.
Wer auf seinem Recht zu gehen bestehen will, lässt sich nicht abschrecken, der geht seinen Weg, zieht seine Spur durch erstarrte Vororte, geht ruhig und alleine wie der letzte Mensch auf einem immer schmaler, dann verschwindenden Trottoir zur Stadt hinaus. Vorbei an neuen Siedlungen, vorbei an Tankstellen, an Einkaufsinseln und Freizeitoasen, die in keiner Weise mit ihm zu rechnen scheinen, die nur noch für fahrende Menschen eingerichtet sind. Der nimmt es auch hin, dass dann auf der Landstrasse kaum ein Auto wegen des Fussgängers von seiner Ideallinie abweicht oder bei Regen abbremst und aus Respekt vor ihm einer Pfütze ausweicht.
Dabei fühlt man sich im Gehen gerade in der Gefahr am Rand der Landstrasse den vorbeieilenden und dumpf glotzenden Fahrenden so grenzenlos überlegen. Man hat zwar keinen Status und nichts vorzuzeigen und fühlt sich doch so viel kühner und stärker und freier. Viele bemitleidet man sogar in ihrem Dauerstress beim Lenken und Rauchen und Telefonieren und freut sich doppelt darüber, einfach so gehen zu dürfen, geradeaus und unbehelligt.
Dann kann sich der Ausblick auch plötzlich weiten, plötzlich bekommt man Lust am Atmen und sieht genau und scharf und lang hinter Feldern, Wäldern, Hügeln den fernen Horizont. Wenn es beim Gehen läuft, ist der Kopf auch nicht mehr drei Schritte weiter vorne, und die Seele bleibt überhaupt nicht weit zurück. Vielmehr fühlt man sich wieder einmal ganz und freut sich über sein Gleichgewicht. Weit zurück ist dann die Stadt, weit entfernt die Autobahn rechter Hand im Tal. Weit weg ist dann der Massen-Saus-und-Braus, wie es so schön bei Canetti heisst.
Zu Fuss unterwegs zu sein, das ist das genaue Gegenteil vom Massen-Saus-und-Braus. Gehen ist in sich gehen und verhilft im Idealfall zu jenen mystischen Momenten, die so schwer zu beschreiben sind und vielleicht deshalb seit Jahrhunderten immer wieder in der Literatur ihren Niederschlag gefunden haben. Meistens geht es in diesen Texten um das Herunterkommen zu sich selbst, um die Verschmelzung von Mensch und Natur, um so etwas wie das Aufgehen im All. Gehen als Metapher für die Bewältigung des Lebens, das bekanntlich eine Reise ist und in welchem, so viel steht fest, wie Johann Gottfried Seume in seinem «Spaziergang nach Syrakus» sagt: vieles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.
Beat Sterchi ist Schriftsteller; er lebt in Bern.
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