NZZ Folio 11/06 - Thema: Shopping   Inhaltsverzeichnis

Die Todesfalle

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Rolltreppe im Kaufhaus Hermann Tietz in Berlin, 1925. Linktext
Weltausstellung, KaDeWe, Airportterminal – die Geschichte der Rolltreppe.

Von Herbert Cerutti

Der Vorläufer der Rolltreppe war ein endloses, schräges Transportgummiband mit Holzbrettern als Standflächen, das im Winkel von 25 Grad nach oben oder nach unten führte. Der vom Amerikaner Jesse Reno erfundene Personenschrägaufzug wurde 1893 im New Yorker Bahnhof Cortland Street und bald darauf auch als Attraktion im Vergnügungspark Coney Island installiert. Die Liftfirma Otis erkannte das Potential des Transportmittels und entwickelte für die Pariser Weltausstellung von 1900 ein kommerzielles Produkt. Der Fahrsteig beförderte das Publikum bequem durch das ausgedehnte Ausstellungsgelände. Ein Foto zeigt allerdings auch eine Besucherin, die mit ausgestreckten Armen rücklings vom Transportband fällt.

Die hohe Akzeptanz beim Pariser Publikum weckte das Interesse der grossen Kaufhäuser, denn mit kontinuierlichem Schrägtransport liessen sich die Kunden wesentlich rascher in die Stockwerke befördern als mit dem Lift. Ein Nachteil der neuen Technik war der durch den flachen Steigungswinkel bedingte grosse Platzbedarf. Die Lösung brachte um 1911 der Erfinder Charles Seeberger: Er ersetzte die Schrägbahn durch waagrechte Stufen, die nun als fahrende Treppe aus dem Boden auftauchten; die Rolltreppe brauchte kaum mehr Platz als eine normale Treppe.

Seebergers Rolltreppe hatte flache Stufen, die am Anfang und am Ende der Treppe unter einem Absatz auf- und abtauchten. Der Benutzer musste das Vehikel von der Seite besteigen und verlassen. Es war wiederum die Firma Otis, die um 1921 die Rolltreppe schuf, wie wir sie heute kennen: Die Oberfläche der Treppenstufen ist mit Längsrillen versehen, die an den Treppenenden in kammartige Metallplatten passen, was einen fast stufenlosen Übergang von der Fahrtreppe zum festen Boden erlaubt. Bald schon gehörten Rolltreppen in New York, London, Paris und Berlin zum Prestige der besseren Kaufhäuser und Banken. Der neue Komfort wurde in Kampagnen angepriesen und erwies sich als Publikumsmagnet.

Auch in der U-Bahn mit ihrem hohen Personenaufkommen und den grossen Niveauunterschieden war die Rolltreppe willkommen. Als die Stadt Washington Ende der 1960er Jahre eine Metro bauen liess, standen die Ingenieure vor dem Problem, dass der Grund bis in mehrere Dutzend Meter Tiefe unstabil war. Nach dem Motto «deeper is cheaper» entschied man sich, Tunnelröhren und Stationen unterhalb der schwachen Gesteinsschichten zu bauen und den Zugang mit Rolltreppen zu bewältigen.

Es entstand ein Netz von 543 Rolltreppen, genutzt von 275 000 Menschen pro Tag. Mit einer Länge von 155 Metern und einer Fahrzeit von 3,5 Minuten ist die Rolltreppe an der Wheaton Station bis heute die längste der Welt. Die für das hohe Personenaufkommen notwendige Fahrgeschwindigkeit von über 40 Metern pro Minute verlangt einen rasanten Zustieg und Abgang, was ein erhebliches Sturzrisiko zur Folge hat. Allein seit 1985 verunfallten auf den Washingtoner Rolltreppen einige hundert Leute, davon fünf tödlich. Für vier dieser Opfer waren die Kammplatten am Ende der Treppen eine Todesfalle: Nach einem Sturz geriet ein Kleidungsstück in den Spalt, und der unerbittlich weiterarbeitende Mechanismus erwürgte die Unglücklichen langsam. Daraufhin begann man in Washington die Kammplatten mit Sensoren auszurüsten, die die Rolltreppe sofort stoppen, sobald ein Gegenstand im Spalt stecken bleibt.

Die immer grösseren Entfernungen zwischen verschiedenen Flughafenterminals haben dem Transportband von Jesse Reno zu einem Comeback verholfen. Und auch die Kaufhäuser haben das Schrägband wiederentdeckt. Denn auf diesem kann der Kunde seinen Einkaufswagen bequem von einem Stockwerk zum nächsten mitführen. Dazu sind die Wagen mit einer Bremse ausgerüstet, oder sie haben spezielle Räder, die in die Längsrillen des Bandes einrasten.

Seit 1980 gibt es auch Wendelrolltreppen, die weniger Platz beanspruchen als die geradlinige Treppe. Die gekurvte Rolltreppe hat sich allerdings erst an wenigen Orten – in Kaufhäusern in San Francisco, Singapur und Hongkong – etablieren können. Durch die Krümmung muss sich die aussenliegende Seite der Treppenstufe nämlich schneller bewegen als die Innenseite, was technisch sehr anspruchsvoll ist.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist in Wolfhausen.

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