Kann man ein Wort erfinden? Die Chance ist wenig grösser als null. Wir können Wörter importieren wie Glasnost, wir können Dialektausdrücke in die Gemeinsprache übernehmen wie das rheinische pingelig, das durch Adenauer populär geworden ist; abwandeln, abschleifen, abkürzen können wir, auch modisch besetzen und Bedeutungen verschieben - erfinden können wir nicht.
Die Einsicht in dieses Kuriosum wird erschwert durch Fachausdrücke wie «Neologismus» (Neuprägung) oder «sprachliche Innovation» - denn beide verwischen den Unterschied, auf den es ankommt: den zwischen der blossen Wortbildung, dem Spiel mit den vorhandenen Möglichkeiten, und der Wortschöpfung, dem Erfinden eines Wortklangs, der nicht da war.
Von der Lautbildung her wäre das kein Problem: Da wir zum Beispiel die Wörter laben?leben?lieben?loben haben, aber nur gaben und geben, nicht gieben und goben, könnte man, völlig im Rahmen deutscher Sprechgewohnheiten, beschliessen, das Verbum «ich gobe, du gobst» in die Welt zu setzen. Daran bestehe kein Bedarf? Nun, so rasch sollte man das nicht behaupten: Mit dem rapiden Fortschreiten der Technik tauchen immer neue Benennungsbedürfnisse auf, und manche Wortlücken schleppen wir seit Jahrtausenden mit; so haben wir das Wort «satt» für einen, der genug gegessen hat - aber nichts dergleichen für einen, der genug getrunken hat.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache und der Wiener «Kurier» nahmen dies 1993 unabhängig voneinander zum Anlass, einen Preis für eine gelungene Schliessung dieser Lücke auszusetzen; verliehen wurde er nicht: nicht an lösch und blubb, nicht an schwapp und schmöll. Tausende von Tüftlern brachten nichts zustande, was der Sprachgemeinschaft hätte zugemutet werden können - und erst wenn diese eine Lautverbindung versteht und akzeptiert, ist ein «Wort» entstanden.
Daran scheitern auch die Neuprägungen, die zu Tausenden aus den Schlaf- und Kinderzimmern schallen; ausserhalb der Familie finden sie keinen Widerhall. Man hätte wohl ein Häuptling oder ein Medizinmann in der Steinzeit sein müssen, um zu erleben, dass der Einfall blubb für «genug getrunken» von der ganzen Horde übernommen worden wäre - um dann in unserer Zeit in die etymologischen Wörterbücher einzugehen.
Selbst wenn wir aber Zeuge einer kindlichen Wortschöpfung zu sein glauben, liegt meist nur eine Verballhornung vor (ein Wort, das wir aus dem eigensinnigen Lübecker Drucker Johann Ballhorn abgeleitet haben): Das Kind spielt arglos oder mutwillig mit den Wortfetzen, die bis dahin an sein Ohr gedrungen sind; es erfindet also wieder nicht, streng genommen. Der Erwachsene, mit Zehntausenden von Lautbildern im Ohr, hat schon gar keine Chance, sich diesem Einfluss zu entziehen. Das amerikanische Nachrichtenmagazin «Time» rühmt sich der «Innovationen», um die es das Englische bereichert habe; doch überwiegend sind es abgewandelte Importe wie tycoon (nach dem japanischen taikun, mächtiger Herr) oder Verschleifungen des vorhandenen Wortschatzes wie smog aus smoke und fog.
Nicht einmal denen, die die Kraft und die Freiheit der Erfindung zu besitzen glauben, den Dichtern, will die wirklich freie Schöpfung gelingen. James Joyce zeugte Tausende von Wörtern, die in keinem Lexikon stehen, doch die Anlehnung an den vorhandenen Wortschatz ist zumeist offenkundig. Da prägte er ein Verbum saale, das in den drei vorliegenden deutschen Übersetzungen als besabben, beschludern, sulmen wiederkehrt - im Englischen aber durch saliva und salina abgestützt ist, den Speichel und das Brackwasser, im Deutschen durch sabbern, schludern, sudeln. Thomas Mann spricht im «Zauberberg» von der grassen Natur des Schmerzes bei der Rippenfellentzündung - eine Prägung zwischen krass und dem mittelhochdeutschen graz, was zornig oder wütend heisst. Stefan George träufelt Balsam auf sprockes Holz; der Wortstamm «spröde, Spreu» ist nahe.
Da das wirklich neue Wort seit Jahrtausenden kaum noch zu haben ist, sind Dichter wohl besser beraten, wenn sie spielerischen Umgang mit vertrauten Wörtern pflegen - eine Lieblingsbeschäftigung von Robert Walser. Er hat den Zartian und den Empfindian erschaffen, Frauen lässt er schmöllelen und zürnelen, gezähmte Raubtiere entlöwen sich bei ihm, ein blutwürstiges Sehnen hat er wachgerufen, und in der ersten Person berichtet er: «Ich taugenichtse gern in der Nähe von lockenden Esswaren umher» oder: Er sei «von eisernen Entschlüssen erfüllt und von Opernmelodien durchfeuerteufelt».
Wir aber, die wir keine Dichter sind, halten uns am besten an Schopenhauers Regel: «Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.» Die volle Originalität lässt sich ohnehin nur bei totalem Verzicht auf Sinn erreichen - sinnfreie Hässlichkeit wie bei der kalifornischen Mörderbande des Charles Manson, die 1969 einem Kind den Namen Zezozose Zadfrack Glutz überstülpte, offenbar um die verhasste Gesellschaft auch mit Hilfe ihrer Namenssitten zu zerstören; sinnfreie Schönheit wie in Stefan Georges Jugendgedicht in selbsterfundener Sprache:
Co besojo pasoje ptoros
Co es on hame pasoje boañ.
Allen aber, die weniger Phantasie besitzen, könnte es ergehen wie bei Christian Morgenstern dem Professor Ulich, der einen zusätzlichen Vokal erfunden hat und ihm, da ein neuer Lautwert nicht aufzutreiben war, den Namen «August-Ulich-Vokal» verleiht.