NZZ Folio 05/96 - Thema: Entführt!   Inhaltsverzeichnis

Einundsiebzig Tage Einsamkeit

Der Fall Susanne Siegfried und Nicola Fleuchaus.

Von Peter Gaupp

71 TAGE DAUERTE die Entführung der Schweizer Reiseleiterin Susanne Siegfried und der deutschen Touristin Nicola Fleuchaus; Tage der Verzweiflung und der Einsamkeit, Tage der Todesangst und der Hoffnung. Zwischen dem Überfall auf eine Neckermann-Reisegruppe in der Neujahrsnacht in der Laguna del Lagarto Lodge in Boca Tapada unweit der nicaraguanischen Grenze und der Freilassung der Entführten am 12. März dieses Jahres im costaricanischen Urwald lagen Märsche auf schlammigem Grund und Bootsfahrten mit verbundenen Augen, endlose Tage und schlaflose kühle Nächte in der Hängematte, weltfremde Forderungen, konfuse Traktate und nichtssagende Communiqués, quälende Ungewissheit und plötzliche Lebenszeichen, verzweifelte Kontaktversuche und kalkulierte Täuschungsmanöver, hektische Verhandlungen und eine riskante Lösegeldtransaktion.

Was Entführungen betrifft, hat Costa Rica im Vergleich mit Ländern wie Kolumbien, Guatemala und neuerdings auch Nicaragua in einem Zustand der Unschuld gelebt. Zwar gab es in den letzten Jahren vereinzelte Fälle mit Geldforderungen, es handelte sich jedoch um Taten von amateurhaften Kriminellen ohne politische Ambitionen. Auch kamen Gewaltverbrechen an Touristen vor - Raub, Vergewaltigung, Mord -, doch blieben sie Episode und vermochten den von der offiziellen Werbung geförderten Ruf des Landes als sicheres Touristenziel nicht ernsthaft zu gefährden.

Gross ist deshalb das Erstaunen, als die Angreifer von Boca Tapada sich ungewohnt diszipliniert und professionell verhalten, sich als Feinde der Regierung erklären und eine Liste zurücklassen, auf der neben einer Forderung von einer Million Dollar und einer Million Colones (5000 Dollar in lokaler Währung) mehrere sozialpolitische Begehren figurieren: Arbeitssicherheit und Respektierung der Arbeitsverträge, Lohnerhöhung von 18 Prozent und doppelte Zahlung von Überstunden für Staatsangestellte, Verzicht auf Tariferhöhungen für Wasser, Strom, Telefon und auf Preiserhöhungen bei den Grundnahrungsmitteln sowie eine gerechte und gleichmässige Verteilung der nationalen Reichtümer. Gezeichnet sind diese Postulate von einem bisher unbekannten Comando Viviana Gallardo, benannt nach einer 18jährigen Studentin, die zu Beginn der achtziger Jahre als Mitglied der linksextremen Terrorgruppe La Familia bei der Ermordung dreier Polizisten mitgewirkt hatte und in Polizeigewahrsam aus Rache erschossen wurde.

Dieser Forderungskatalog wird von den Entführern bei jeder Gelegenheit - als anonym hinterlegte Verlautbarung an die Regierung, als Zettel in die Hand der Unterhändler - wiederholt. In umfangreicheren Schreiben, die zum Teil Susanne Siegfried diktiert werden, bezeichnen sie sich als «christliche Revolutionäre» und begründen ihre Tat mit der «sozialen Kurzsichtigkeit und Gefühllosigkeit der Regierenden gegenüber den Ärmsten und Elendesten»; als Beispiele «repressiven Verhaltens» nennen sie blutige Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Bananenarbeitern und die Malträtierung streikender Lehrer im letzten Jahr sowie Untaten, die Polizisten an Frauen in Eingeborenenreservaten verübt haben.

Trotz diesen Indizien bleiben die costaricanischen Behörden bei der gleich nach dem Überfall abgegebenen Feststellung, bei den Tätern handle es sich um gewöhnliche Kriminelle, vermutlich dschungelerfahrene Veteranen des nicaraguanischen Guerillakriegs, die politische Motive als Tarnung benutzten. Zwei Wochen lang veranstalten sie im Grenzgebiet nahe dem Entführungsort eine erfolglose Suchaktion, die später als «koordinierte, systematische und technisch einwandfreie Operation» verteidigt wird. Die Lokalbevölkerung berichtet indessen, dass die ortsunkundigen Polizisten nie von den festen Wegen abgewichen und in den Urwald vorgedrungen seien, und der Besitzer der Laguna del Lagarto Lodge, der Deutsche Vinzenz Schmack, beobachtet, wie zunächst alle möglichen Beamten sich im Fluchtauto umtun, das am Morgen nach der Entführung am Grenzfluss San Juan gefunden wird, und allfällige Spuren zerstören, bevor einen Tag später Polizeihunde und nach zwei Tagen die Fingerabdruckspezialisten anrücken.

Mitte Januar wird die Suchaktion abgeblasen, angeblich, um den strapazierten Polizisten Erholung zu verschaffen und den Entführern Gelegenheit zur Kontaktaufnahme zu geben, nachdem die Regierung sich von Beginn an für verhandlungsbereit erklärt hat. In Wahrheit ist man ratlos, da alle Spuren versandet sind. Die Ratlosigkeit der Behörden ist insofern verständlich, als sie vor einer neuartigen Situation stehen und kaum Anhaltspunkte besitzen, wer die Entführer und ihre allfälligen Drahtzieher sein könnten, was von ihnen zu befürchten ist, wie mit ihnen verhandelt werden und wie der Weg zu einer Lösung aussehen kann; einigermassen klar ist jetzt allein, dass man es nicht mit einer professionellen Entführerbande zu tun hat. Weniger verständlich ist hingegen, gerade vor diesem ungewissen Hintergrund, das einfallslos-passive Verhalten der Behörden während der folgenden Wochen.

Am 22. Januar trägt der Rückzug der Polizei immerhin Früchte. In einem Schreiben, das am Eingang einer Kirche in Puerto Viejo de Sarapiquí abgelegt wird - dem Hauptort der Region, in der die Entführung geschah - geben die Geiselnehmer an, wie ihnen das Lösegeld zu überbringen sei: Auf einem kleinen Boot habe der Gemeindepfarrer von Pital, Eduardo Bolaños, den sie schon früher als Vermittler gewünscht und angerufen haben, vom 27. bis zum 31. Januar auf dem San-Juan-Fluss und auf dem Río San Carlos, dem Nebenfluss, an dem Boca Tapada liegt, auf und ab zu fahren, bis der Kontakt hergestellt werde. Die Polizei legt den Angehörigen ein Blatt vor, das von den beiden Geiseln beschrieben ist, verhehlt ihnen aber den Rest des Schreibens, der Forderungen und Drohungen enthält. An die Öffentlichkeit sickert zwei Tage später lediglich durch, dass ein Lebenszeichen von Susanne Siegfried und Nicola Fleuchaus vorliegt. Vorerst erfährt niemand, dass die Regierung auf den Vorschlag der Entführer nicht eingeht und auch keinen Gegenvorschlag macht, obwohl sie dauernd ihren Verhandlungswillen bekundet. Erst als die Presse Wind bekommt - in Costa Rica bleibt nichts lange geheim -, handeln die Behörden oder tun wenigstens so: Sie schicken Pater Bolaños auf die Flussfahrt, allerdings erst am 1. Februar, einen Tag nach Ablauf der gesetzten Frist, von welcher der Geistliche nichts weiss. Ausserdem wird sein Boot von Sicherheitskräften verfolgt, die jeder, der sich am Ufer versteckt hält, sehen kann, und auch das Fernsehen ist dabei.

Wie zu erwarten war, führt diese Übung zu keinem Kontakt mit den Geiselnehmern. Von jetzt an behauptet die Regierung, Pater Bolaños sei ernstlich krank und der tiefe Wasserstand des San Carlos lasse keine Fahrten mehr zu - beides Zwecklügen, die leicht zu entlarven sind. Der Priester, der in der Gegend eine populäre Figur ist und bereits in einem früheren Entführungsfall vermittelt hat, besitzt das Vertrauen der Behörden nicht. Sie verzichten jedoch darauf, eine andere Persönlichkeit als Vermittler vorzuschlagen, und begnügen sich mit der Verbreitung nichtssagender Communiqués.

Während die Ungewissheit und Verzweiflung der Angehörigen steigt, sinkt das Interesse der Medien an dem Fall, in dem sich nichts bewegt. Wiederum erfährt die Öffentlichkeit zunächst nicht, dass die Entführer am 10. Februar bei der Laguna del Lagarto Lodge ein zweites umfangreiches Schreiben, zum grossen Teil von Susanne Siegfrieds Hand, deponiert haben. Erst sechs Tage später werden seine Existenz und seine Echtheit bestätigt. Die Angehörigen kennen seinen Inhalt. Sie werden sich bewusst, dass die Regierung ein Doppelspiel treibt, bloss auf Zeitgewinn und Zermürbung setzt, und erwachen langsam aus ihrer Passivität. Am 16. Februar wenden sie sich in einem Fernsehappell an die Entführer und brauchen dabei Formulierungen aus den unveröffentlichten Schreiben. Schliesslich erhält die «Neuen Zürcher Zeitung» von einem Freund der Familie Siegfried eine Kopie des letzten Entführerschreibens. Sie publiziert am 20. Februar seinen Inhalt und leitet den costaricanischen Medien Kopien zu. Der costaricanische Informationsminister behauptet wider besseres Wissen, es handle sich um eine Fälschung.

Der erwähnte Freund ist der Deutsche Eckart Oehring, der am 21. Februar auf Bitten Peter Siegfrieds nach Costa Rica kommt. Er hat hier von 1979 bis 1986 als Funktionär der Internationalen Arbeitsorganisation gelebt und arbeitet seither an leitender Stelle für die privatwirtschaftliche Schweizer Stiftung Fundes, eine Gründung des Grossindustriellen Stephan Schmidheiny, die Gewerbetreibende und Kleinunternehmer in Drittweltländern fördert. Fundes ist in Costa Rica stark engagiert, ebenso tätigt ihr Initiant hier beträchtliche Investitionen. Beides öffnet Oehring, der beruflich oft nach Costa Rica reist, die Türen: Noch am Ankunftstag wird er von Präsident José María Figueres empfangen.

Die Angehörigen der Geiseln haben beschlossen, angesichts der Untätigkeit der Regierung das Heft in die Hand zu nehmen und selber den Kontakt zu den Entführern zu suchen. Der Präsident höchstpersönlich gibt ihnen dazu grünes Licht und sagt zu, dass sich die Sicherheitskräfte nicht in ihre Bemühungen einmischen werden. Zunächst akzeptieren die Familien den Standpunkt der Regierung, dass der Vorschlag der Entführer, der nach wie vor auf Flussfahrten Pater Bolaños' in Fünftageperioden lautet, unpraktikabel und zu riskant sei. Sie suchen nun diskretere Wege zur Verhandlungsaufnahme.

In einem nächtlichen Brainstorming wird ein Aufruf entworfen, der am 22. Februar den lokalen Medien übermittelt wird. Darin werden die Entführer eingeladen, entweder telefonisch Kontakt aufzunehmen oder sich in der Mittagszeit des 26. oder 27. Februar auf dem Fussballplatz von Puerto Viejo mit einem Unterhändler zu treffen. All diese Informationen - Telefonnummer, Ort und Zeit des Treffens - sind auf eine Weise verschlüsselt, die nur die beiden Geiseln enträtseln können. Auch den Unterhändler, Eckart Oehring, kann nur Susanne Siegfried identifizieren; er wird in dem Aufruf als «el señor de Mollis», der Herr aus Mollis, bezeichnet. Die lokalen Medien verstehen dies als Decknamen und ranken allerlei Gerüchte um ihn: Schweizer Geheimpolizist, Privatdetektiv, professioneller Troubleshooter. . . Oehring und den Familien ist diese Mythenbildung recht: Endlich widmen die Medien ihrem Fall wieder grössere Aufmerksamkeit, und die Regierung steht unter Druck.

Die Öffentlichkeit wird sich bewusst, dass die costaricanischen Behörden nicht einen Bruchteil der Phantasie zur Herstellung eines Kontakts entwickelt haben, die nun die Angehörigen entfalten, und beginnt sich zu fragen, ob Unfähigkeit oder mangelnder Wille dahintersteckt. Oehring macht zu seiner Überraschung die Feststellung, dass sich auch die Anfang Januar nach Costa Rica geschickten Beamten des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) wenig kooperativ verhalten, obwohl sie zu allen Sitzungen der Angehörigen beigezogen werden. Dabei beschränken sie sich aufs Zuhören und Bremsen. Die costaricanische Polizei und das BKA haben von den Familien als Gegenleistung für das Nichtinterventionsversprechen der Regierung die Unterzeichnung einer Erklärung verlangt, in der sie die Behörden von jeder Verantwortung entbinden und das Risiko für ihr Handeln allein übernehmen. Dies wäre, so Oehring, durchaus akzeptabel gewesen, sofern sich die Sicherheitskräfte an ihre Seite des Paktes gehalten hätten. Sie hätten jedoch fast alle Initiativen der Angehörigen als zu riskant taxiert und davon abgeraten - ohne Alternativen zu präsentieren. Auch sei von ihrer Seite dauernd versucht worden, entgegen der Abmachung die Unterhändler zu beschatten und aus Deutschland mitgebrachte moderne Miniaturabhör- und -ortungsgeräte zum Einsatz zu bringen. So habe das BKA trotz der Ablehnung jeder Verantwortung zum Treffpunkt in Puerto Viejo einen bewaffneten Beamten entsenden wollen; schliesslich habe es sich mit einem unbewaffneten Begleiter zufriedengegeben, der sich dann mit der Unauffälligkeit des weit und breit einzigen Touristen auf dem Balkon des örtlichen Gasthofs postiert habe. Oehring wird zur Erläuterung seiner Kritik am BKA in einem Gespräch mit Journalisten nach dem Ende des Dramas von der deutschen Botschaft ein Raum zur Verfügung gestellt - ein deutlicher Wink, dass die Diplomaten seine Einschätzung teilen.

Zur Enttäuschung der Familien reagieren die Entführer auf die vorgeschlagenen Kontaktmöglichkeiten nicht. Unglücklicherweise kreuzen sich ihre Vorschläge mit einem weiteren Schreiben des Comando Viviana Gallardo, in dem ultimativ noch einmal Flussfahrten des Padre Bolaños vom 26. Februar bis zum 1. März gefordert werden. Die Angehörigen fragen sich, ob die Entführer auf ihre Anregungen nicht eingehen können oder nicht eingehen wollen: Nicht können, weil sie vielleicht keinen Zugang zu den Medien haben oder weil sie sich nicht aus ihrem Urwaldversteck wagen; nicht wollen, weil sie vielleicht das Risiko einer Kontaktaufnahme scheuen, die nicht nach ihren Vorstellungen erfolgt. Später stellt sich bei den Schilderungen der Freigelassenen heraus, dass ihre Bewacher vom Aufruf der Familien wussten und versucht haben, ihnen die Schlüssel beiläufig zu entlocken. Auf Nicola Fleuchaus' T-Shirt hätten sie die Ziffern gesucht, welche die Kontakttelefonnummer vervollständigen sollten; gemeint war jedoch die Nummer ihres Handballtrikots daheim in Deutschland.

Oehring und die Angehörigen beschliessen, die Entführer nun beim Wort zu nehmen, und am 29. Februar besteigen Peter Siegfried und der «Herr aus Mollis» in Boca Tapado mit zwei Führern zusammen ein kleines Motorboot, beflaggt mit den Farben Costa Ricas, Deutschlands und der Schweiz sowie mit einer weissen Fahne. Sie fahren auf dem Río San Carlos und auf dem San Juan bis zur Mündung des letzteren ins Karibische Meer und übernachten in einer Lodge in Barra del Colorado. Was sie nicht wissen: Auf halbem Weg hat sie eine Abordnung der Entführer beobachtet - nicht nur sie, sondern auch ein Boot mit Polizeibeamten, darunter solchen des BKA, das ihnen mit etlichem Abstand folgte und später zurückkehrte. Trotzdem machen sich die vier Bewaffneten am nächsten Mittag, als die beiden Unterhändler den gleichen Weg flussaufwärts fahren, bemerkbar. Es kommt zur ersten, von Misstrauen geprägten Begegnung, die ein abruptes Ende nimmt, als ein Helikopter über die Gruppe braust - wie sich später herausstellt, die Maschine des costaricanischen Geheimdienstes DIS, der direkt dem Präsidenten unterstellt ist, mit dem Chef an Bord. Präsident Figueres befand sich zu dieser Zeit auf einem Auslandsbesuch; sein Stellvertreter, Vizepräsident Rodrigo Oreamuno, beteuert, von nichts gewusst zu haben, und stellt den Zwischenfall später als «Versehen» dar, das «mangelnder Koordination» zuzuschreiben sei.

Die Unterhändler, wütend und enttäuscht, wollen zunächst aufgeben. Doch dann erfahren sie vom Erfolg des Friedensmarsches und der Solidaritätskundgebung für die beiden entführten Frauen, die genau zum Zeitpunkt des gestörten Kontakts am 1. März in der Hauptstadt San José stattgefunden haben, und vom Besuch des Staatsministers im deutschen Auswärtigen Amt, Hoyer, welcher der costaricanischen Regierung ins Gewissen redet. Die Angehörigen beschliessen, am 7. und 8. März eine weitere Bootsfahrt zu wagen, diesmal in Begleitung von Padre Bolaños. Sie kündigen ihre Absicht via Medien an. Noch einmal versichert Vizepräsident Oreamuno, die Sicherheitskräfte im Zaum zu halten. Bereits am ersten Tag findet der erhoffte zweite Kontakt statt, unweit der Stelle des ersten, wiederum auf costaricanischem Ufer am Mittellauf des Río San Juan, und zu Störungen kommt es nicht. In hektischen Verhandlungen, die nicht viel mehr als zwanzig Minuten dauern, bei denen es aber hart auf hart geht, wird das Ende der Entführung abgesprochen. Oehring kann die Zustimmung zu einem Lösegeld von zweihunderttausend Dollar, das die beiden Familien je zur Hälfte aufgebracht hatten, erwirken. Und Peter Siegfried stimmt der riskanten Bedingung zu, dass die Entführer die beiden Frauen erst einen Tag nach der Geldübergabe freilassen, um einen Fluchtvorsprung zu gewinnen.

Den BKA-Beamten stehen die Haare zu Berge, als sie von dieser Vereinbarung erfahren. Siegfried verliess sich jedoch auf seinen Instinkt, der ihm sagte, die Geiselnehmer hätten bisher immer Wort gehalten und würden es auch in der Schlussphase tun. Er nahm die seltsame Umarmung mit einem der Entführer seiner Frau, bei der er die Handgranaten in den Brusttaschen des andern spürte, für eine echte Sympathiekundgebung und behält recht: Lösegeldübergabe und Freilassung laufen am 11. und 12. März nach Drehbuch ab. Die Frauen sind auf der Nordseite des Río San Juan in schwer zugänglichem nicaraguanischem Gebiet gefangengehalten und anständig behandelt worden. Padre Bolaños, der Peter Siegfried bei der Zahlung begleitet, erteilt dem Empfänger auf dessen Bitte am Flussufer die Absolution.

Zwei Familien, die zuvor eine unscheinbare Existenz führten, und ein Mann, dessen Verhandlungskunst sich bisher in Sitzungszimmern und Telefongesprächen unter Krawattenträgern bewähren musste, aber nicht gegenüber Guerilleros im tropischen Urwald, sind in diesen zehn Wochen zu Helden eines Dramas geworden, das dank ihrer Courage glücklich endete. Unabsichtlich haben sie dabei eine Regierung blossgestellt, die ihrer Aufgabe - abgesehen von der standhaften Weigerung, konkrete Forderungen der Entführer zu erfüllen - in einer Krisensituation nicht gewachsen war und die hinnehmen musste, dass sie auf einem Teil des nationalen Territoriums die staatliche Kontrolle nicht auszuüben vermag. Ausserdem zeigte sich, dass zwar viel schöne Worte um die zentralamerikanische Integration gemacht werden, dass aber die Sicherheitsbehörden zweier Nachbarstaaten der Region in einem Krisenfall nicht in der Lage sind, schnell und koordiniert zu handeln. Auch die Diplomatie der beiden Heimatländer der Entführungsopfer reduzierte sich auf eine mehr oder weniger kritische Zuschauerrolle; schweizerischerseits hielt man sich zurück, weil Frau Siegfried naturalisierte Costaricanerin ist und nach costaricanischem Recht auf ihre ursprüngliche Nationalität hätte verzichten müssen.

Auf das Drama folgte der groteske Epilog. Obwohl die Aussagen der Geiseln nur bekräftigen, dass ihre Entführer, auch wenn sie sich schliesslich mit einem Lösegeld und der Publikation ihrer Forderungen zufriedengaben, politisch motiviert und von Hass auf die Regierung Figueres beseelt waren, rückt das offizielle Costa Rica, sekundiert von den meisten Medien, nicht von der gegenteiligen These ab. Ein Teil der Presse, vor allem in Deutschland, macht sich daran, den Fall nach der Klimax noch einmal auszuschlachten. Susanne Siegfried, die bleich und um sieben Kilo abgemagert aus der Gefangenschaft heimgekehrt ist, und ihre Leidensgenossin, die einen Tag später hohes Fieber bekommt, dürfen lesen, dass sie braungebrannt und gut genährt aus dem Urwald gekommen seien. Von Schreibtischmenschen wird bezweifelt, dass die beiden Frauen 71 Tage in der Wildnis verbracht haben. Der Schweizer Reiseleiterin wird angedichtet, sie habe im Verein mit einem ehemaligen Geschäftsführer der Laguna del Lagarto Lodge ihre Entführung selbst inszeniert. Nicht fehlen dürfen auch scheinheilige Erörterungen darüber, in welchem Mass die beiden Frauen wohl dem «Stockholm-Syndrom» erlegen seien, sich also mit den Entführern eingelassen hätten. Die Familien leisten den Gerüchten und Gehässigkeiten insofern etwas Vorschub, als sie zwei Tage nach der Freilassung Schweigen verordnen, weil Verhandlungen mit deutschen Medien über Exklusivrechte an der Story von Boca Tapada im Gang sind. Das grosse gemeinsame Geschäft zur Kompensation der Lösegeldzahlung kommt indessen nicht zustande, und die Familie Fleuchaus, zurück in Deutschland, geht bei der Vermarktung von Nicolas Erlebnissen eigene Wege.

Nomen est omen: «Boca Tapada» - der Ort der Tat - gäbe einen beziehungsreichen Buch- oder Filmtitel ab, der wörtlich mit «verbundener Mund» oder «vermummtes Gesicht» übersetzt und somit auf die Geiseln als auch auf die Entführer bezogen werden kann. Und «Tapaboca» kann die Maulschelle meinen, welche die costaricanische Regierung von ihren vorläufig unbekannten politkriminellen Herausforderern erhalten hat. An Szenen, die aus einem mit Absurditäten gespickten Roman von Gabriel García Márquez stammen könnten, fehlt es in der Geschichte wahrhaftig nicht.

Peter Gaupp ist Lateinamerika-Korrespondent der NZZ.


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