Zwei jüdische Emigranten auf einem Schiff nach Hong-Kong. David: Ist es noch weit bis Hong-Kong? Stern: Weit von wo? Für M.L.B.
Die Gründe sind völlig undramatisch. Ich habe nicht bewusst die Schweiz verlassen. Gleitend bin ich weg, und gleitend kehre ich zurück, um wieder weg zu gehen. Mir sind Grenzen wurscht. Meine frühen Erinnerungen entstehen in der Schweiz. Borges hat einmal gesagt, dass wir aus unseren Erinnerungen bestehen, und so spaziere ich in der Welt herum mit einem Teil Schweizer Daseins in mir . . .
1948 in Zürich geboren im Rotkreuzspital: Sechsunddreissig Jahre später liege ich in einem Spital in Zürich, um mit dem Leben gegen den Tod zu kämpfen. Weil jeder Schwerkranke ein bisschen regrediert, hatte ich damals das Empfinden, ich sei eigentlich niemals von der Schweiz weg gegangen, immer hätte ich in diesem Land geweilt . . . Hallo Papa, hallo Mama, heute nacht komme ich ein bisschen später nach Hause.
Es war Winter, wirklich ein unerbittlicher Januar, und ich arbeitete am Schnitt von meinem Film «Das weite Land», in der Kreuzstrasse, welche zum See führt. Um meine Glatze zu wärmen, trug ich einen grossen Hut, und sehr oft, vor dem Eingang des Studios, riss ihn mir ein Windstoss herunter: Der Hut rollte hundert Meter weit, ich raste hinter ihm her.
In der Seefeldstrasse wartete er auf mich. Ich hob ihn auf, ausser Atem. Anstatt ins Studio zurückzugehen, gehe ich eine Strasse weiter, in die Feldeggstrasse 11, wo mein Grossvater N. O. Scarpi lebte und meine Grossmutter Madeleine, seine zweite Frau. Durch einen Seitenweg erreicht man die Tür. Die Wohnung meiner Grosseltern bildete ein Eck zwischen dem Weg und einem kleinen Hof. Und weil sie im Parterre lag, kletterten wir oft, meine Schwestern und ich, durch das hintere Fenster ins Arbeitszimmer von N. O. Scarpi, um ihn zu erschrecken. Er sass vor seiner kleinen schwarzen Hermes-Schreibmaschine und schmunzelte über einen frisch getippten Witz. Manchmal krochen wir der Hauswand entlang, um uns im Wintergarten zu verstecken: Dort, verborgen in einer Truhe, gab es Chocoladewurst, selbstgemachte. Die Wohnung war immer dunkel, und die Menschen drin waren immer Silhouetten. Frau Weise, die Haushälterin, wurde später blind. Blind an dieser Dunkelheit.
Im finstern Gang thronte meine gelähmte Grossmutter wie eine Sphinx: Sie fand die erfundenen oder gesammelten Anekdoten von Scarpi relativ komisch.
Ich halte meinen wiedergefundenen Hut fest, ziehe mich an der Fensterkante hoch und schaue durch das Fenster des Wintergartens: Die an Prag erinnernde Wohnung ist weissen, leeren, frisch gestrichenen Werbebüros gewichen; anstelle des Klaviers ein Fax. Wie oft hatte ich mich gefreut, später, als ich nicht mehr in der Schweiz lebte, nach Zürich zu kommen, um meine Grosseltern zu besuchen; gleichzeitig war das eine Reise in die österreichisch-ungarische Monarchie, meine «Reise nach Prag»; eine Atmosphäre, dachte ich damals, die man auch bei Schnitzler wiederfindet. Die Wohnung in der Feldeggstrasse 11 war das Inbild einer geborgenen Vergangenheit, die noch vor dem Dritten Reich lag.
Doch die allerersten Jahre meines Lebens - in meinem Gedächtnis jedenfalls - sind die Jahre in der Seminarstrasse 106.
Sie beschreibt einen grossen Bogen zwischen dem Schaffhauserplatz unten und dem Bucheggplatz oben. Der obere Teil erschien mir ländlicher, strenger. Auch ging ich von da aus mit meiner Grossmutter mütterlicherseits, Elsa, in den Wald spazieren. In jener Zeit las ich den «Struwwelpeter», in dem der Suppenkaspar irgendwann das Essen verweigert und durch Gitterstäbe fällt. Ich selbst war eine Zeitlang magersüchtig, und in diesem Wald, die Waid heisst er, zeigte mir Omi einen Spalt in der Erde: Da wirst du durchgleiten, wenn du nicht essen willst.
Der Schaffhauserplatz, das war schon eher die Stadt: Ein paar Stationen hinunter mit der Elf, und schon sind wir am Bellevueplatz; das ist für das Kind der Zirkus Knie und der Kummer, dass die Vorstellung nach der ersten Nummer schon viel kürzer ist, bald zu Ende . . . Faszination für die Liliputaner, die vor dem Zelt standen, meistens neben einem Riesen. Einmal, in Paris, habe ich gesehen, wie ein Zwerg aus einer und ein Riese aus einer anderen Richtung kamen, und wie sie sich kreuzten, dachte ich an eine Sonnenfinsternis. Gleichgültigkeit (oder Neid?) angesichts der Clowns: Im Keller der Seminarstrasse gab ich bessere Vorstellungen, die Nase rot bemalt, kostümiert mit einer alten Hose oder einem Pyjama meines anderen Grossvaters, Joseph. Er sass derweil in einem alten olivgrünen Fauteuil, kaute noch an seinem Mittagessen herum, spuckte die Häute der Trauben in seine Handgrube und lauschte vor einem hellbraunen Radio dem Sender Beromünster. Er schaute konzentriert auf den kleinen Kasten, wie auf einen Fernsehbildschirm. In Zürich, an diesem Radio, verfolgten wir die Errichtung der Berliner Mauer. Ich höre die Schreie der auseinandergerissenen Familien, die Sirenen der Krankenwagen, die aufgeregten Stimmen der Reporter. Die Mauer in Berlin brachte ich immer mit dem kleinen Radio in der Seminarstrasse 106 in Zürich in Verbindung, und als sie fiel, vor zwei Wintern, habe ich alle Nachrichten wie ein Echo aus dem kleinen Kasten gehört . . .
Mein erster Fan bei der gegen den Zirkus Knie konkurrierenden Veranstaltung hiess Bärbeli. Sie hatte strähnige, harte Haare. Man hätte sie zählen können. Mädchen, die solche Haare haben, erinnern mich immer noch an Bärbeli. Ich stelle mir sogar vor, dass sie nur Schweizerdeutsch können . . .
Meine erste Sprache! Heute schäme ich mich, wenn ich es wage, sie zu sprechen. Sie kommt mir in meinem Mund vor wie eine unsichtbare Prothese. Schkrrrrschkrrr . . . Am wenigsten ertrage ich diese zwanghaften Verkürzungen: Tischli, Hüsli, Spaziergängli, Süppli. Weg von diesem Dialekt! O ja. Einmal, eben in diesem «Winter meines Missvergnügens», fuhr ich mit einem Freund im Taxi zum Zollikerberg. Im Radio schrien Kinder vor dem Hintergrund einer Marschmusikkapelle. Mein Freund sagte mir: Stell dir vor, in der Schweiz haben vielleicht die Kinder die Macht übernommen. Eine Kinderdiktatur.
Allerdings, wenn Schweizer Hochdeutsch sprechen: dann gefällt es mir. Ich finde es sogar appetitlich. Ich höre noch Max Frisch: trotz Pfeife waren seine Wörter da; es klang prägnant. Bruno Ganz spricht ein selten schönes Deutsch auf der Bühne, weil er seine Sprache aus einer anderen herausmeisselt. Und wie schön ist auch die geschriebene Sprache von Robert Walser. Vielleicht eben: weil sie sich aus diesem animalischen Dialekt zu Schönheit und Grazie befreit.
Die eine Seite der Seminarstrasse führte Krieg gegen die andere. Mein erster Freund, Georg, ebenfalls aus der Seminarstrasse 106, verriet mich an die feindliche Partei: Ich werde gefangen genommen und an eine Buche gefesselt, mit einer Gerte ausgepeitscht. Die Erinnerung des Gefesselten reisst einen anderen Vorhang in meiner schweizerischen Vergangenheit auf: ein Badezimmer. Ich liege in einer Badewanne, die Hände hinter dem Rücken verkrallt. Auf meine Brust knallt der Inhalt von zehn Kübeln eiskalten Wassers. Der Direktor des Internats Montolieu (lebt er noch?) über dem Lac Léman greift zu einem Teppichklopfer und setzt auf meinem nassen Arsch die Strafe fort: zehn, zwanzig Schläge, proportional zur Schwere des Delikts . . .
Ich habe meinen Eltern einen Brief geschrieben: «Hilfe!» stand unter anderem darin. Weg . . . weg . . . eher von den Schlägen als von der Schweiz. Ich kam nach Paris. Dort lebten meine Eltern, und ich verlernte das Schweizerdeutsche.
Als ich zur Musterung geladen wurde, kamen mir der Krieg in der Seminarstrasse, die physischen Strafen im Schweizer Internat wieder hoch, und ich wurde krank bei der Vorstellung, schwer gerüstet in den Alpen herumzuklettern. Ich fiel grossartig durch. Nicht aus Pazifismus war ich erleichtert, nein: Die Schweiz war damals einfach männlicher als ich. Überhaupt: ich verband die Schweiz mit etwas Masculinem, Rauhem. Ich war der Empfindsame, nicht männlich genug für die Schweiz.
Ich komme heute immer wieder in die Schweiz zurück: Das Engadin ist mein liebster Ferienort überhaupt. Die Luft dort inspiriert mich . . . Ich mag an Zürich, dass diese Stadt keine wirkliche Stadt ist, dass der Übergang zum Land unklar ist. Wenn der See vor einem Gewitter dunkel wird und die Schwäne fahler, dann wird Zürich sogar mysteriös, traumhaft. Das sehe ich von überall aus.
Luc Bondy ist Regisseur und lebt in Paris.