NZZ Folio 06/00 - Thema: Roboter   Inhaltsverzeichnis

Elmer, die Schildkröte

1949 schuf Grey Walter einen Roboter mit zwei Gehirnzellen - dafür wird er bis heute bewundert.

Von Owen Holland

FÜR MICH HAT alles vor einigen Jahren auf einer Konferenz begonnen. Ich stand in der Schlange am Mittagsbuffet, als mein Nachbar, ein Ungar, mich ansprach: «Ah, Sie kommen aus England! Ich habe vor ein paar Jahren einmal dort gearbeitet, im Burden Institute in Bristol. Kennen Sie es? Es ist das Institut, an dem der berühmte Neurologe Dr. Grey Walter seine Roboterschildkröten gebaut hat.»

Ich kann mich nicht entsinnen, worüber wir sonst noch gesprochen haben, aber diese Worte sind mir im Gedächtnis hängengeblieben. Ich wusste, dass Grey Walter 1949 einen Roboter konstruiert hatte, um seine Theorien über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu veranschaulichen. Seiner Ansicht nach waren die Menschen nicht deshalb so intelligent, weil sie zehn Milliarden Hirnzellen haben, sondern weil diese Nervenzellen auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.

Walter entwickelte ein erstes «Modelltier» - eine Schildkröte namens Elmer -, indem er nur zwei elektronische Gehirnzellen auf unterschiedliche Arten miteinander verknüpfte. Der Umfang von Elmers Gehirn liess also noch einiges zu wünschen übrig, aber um so raffinierter hatte Walter es konstruiert. Elmer krabbelte durch den Raum, bis er eine Lichtquelle entdeckt hatte, er ging auf sie zu, umkreiste sie und machte sich dann auf die Suche nach einer neuen Lichtquelle.

Wenn er auf einen Spiegel traf, führte er davor ein Tänzchen auf; wenn er seiner Schwester Elsie begegnete, tanzte er mit ihr gemeinsam. Wenn er auf ein Hindernis stiess, versuchte er es aus dem Weg zu schubsen, und wenn dies nicht klappte, ging er in einem Bogen darum herum. Und wenn schliesslich die Ladung seiner Batterie nachliess, kehrte er in seine Hütte zurück und schloss sich selbst an das Ladegerät an, nur um danach erneut den Lichtquellen nachzustellen. Grey Walter hatte damit eindrucksvoll seine These demonstriert, dass zwei Gehirnzellen völlig ausreichten, sofern sie nur komplex genug miteinander verknüpft waren.

Als die Entwicklung von Computern und künstlicher Intelligenz voranschritt, konstruierte man immer komplexere Roboter, die ganz anders funktionierten als Grey Walters Modell, und die Schildkröte geriet in Vergessenheit. In den achtziger Jahren jedoch landete diese komplexe Künstliche-Intelligenz-Forschung in einer Sackgasse; man begann wieder einfache Roboter zu bauen, die eher Insekten nachempfunden waren als menschlichen Wesen.

Ich gehörte dieser neuen Strömung an und war 1993 an der Gründung eines Laboratoriums für Robotertechnik an der University of the West of England in Bristol beteiligt, das kaum zweihundert Meter vom Burden Institute entfernt lag! Natürlich machte ich dort meine Aufwartung, um herauszufinden, ob eine der Schildkröten überlebt hatte. Grey Walter, so erklärte man mir, sei 1977 gestorben, und die Schildkröten müssten wohl verlorengegangen sein.

Freundlicherweise gewährte man mir Einblick in die Archive, und dort stiess ich eines Tages auf ein Dokument, das bewies, dass Grey Walter bei der Entwicklung seiner Schildkröte genau dieselben Verfahren benutzt hatte wie wir vierzig Jahre später. Das gab der Schildkröte natürlich eine neue Brisanz: mit einemmal war sie zur unmittelbaren Vorläuferin unserer modernsten Robotergeneration geworden - und ich beschloss, so viele Informationen wie möglich zusammenzutragen, um sie möglichst detailgenau nachzubauen.

Ich suchte nach Fotos und Quellen und bemühte mich, Walters ehemalige Kollegen aufzuspüren. Einige Monate später fragte mich einer von ihnen beiläufig: «Haben Sie eigentlich schon mit seinem Sohn gesprochen? Ich habe da noch eine Telefonnummer in London, aber die ist zehn Jahre alt.» Ich rief an, ohne mir allzu grosse Hoffnungen zu machen. Auf der anderen Seite meldete sich sofort eine Stimme: «Nicholas Walter, wer da?»

Ich erklärte ihm mein Interesse an Elmer und fragte ihn, ob er noch Unterlagen besässe. «Ich kann Ihnen sogar einiges mehr bieten», antwortete er, «ich habe noch die Schildkröte meines Vaters. Seit zwanzig Jahren liegt sie im Keller in ihrer Hütte.»

Bereits am nächsten Tag war sie in unserem Laboratorium und am übernächsten wieder in Betrieb. Und wie es sich für einen der bedeutendsten Roboter aller Zeiten gehört, kommt Elmer noch dieses Jahr in die Dauerausstellung des Science Museum in London.

Owen Holland arbeitet als Gastforscher am California Institute of Technology in Pasadena, wo er sich mit dem Bewusstsein von Maschinen beschäftigt. Er lebt in Stroud, England.


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