ALS DIE SIRENE kein zweites Mal heulte, wusste Lloyd Long, dass es in dieser Nacht ernst galt. Vor sechs Tagen war der 18-Jährige mit einer Gruppe Freiwilliger in der Nähe des Testgeländes Dugway in der Wüste Utahs angekommen. Seither spielte sich jeden Abend dasselbe Prozedere ab: Kurz vor Sonnenuntergang wurden er und die andern Männer von einem Lastwagen abgeholt und in ein verlassenes Stück Wüste gefahren. Dort wuschen sie sich unter provisorischen Freiluftduschen, zogen sich frische Kleider an und gingen mit einer Decke unter dem Arm an ihren zugewiesenen Platz: zu einem der barhockerähnlichen Stühle, die in einer fast einen Kilometer langen geraden Linie auf dem gepressten Sand bereitstanden. Auf Podesten zwischen den Hockern hatte es Käfige mit Rhesusaffen und Meerschweinchen.
Immer wenn die Sirene losging, musste Lloyd Long in Richtung des Bergs Granite Peak blicken und ruhig atmen. «Denkt daran», hatte Oberst William Tigertt, der für das Experiment verantwortliche Armeearzt, gesagt, «wenn ihr die Pumpen hört, atmet ruhig. Atmet ganz ruhig.» Normalerweise ging die Sirene dann ein zweites Mal los: das Zeichen, dass das Experiment wegen schlechter Windbedingungen nicht durchgeführt werden konnte. Die Männer wechselten wieder ihre Kleider und wurden zu den Baracken gebracht.
Doch in dieser Nacht des 12. Juli 1955 war der Wind ideal. Eine leichte Brise wehte vom Granite Peak her, und Lloyd Long konnte die Pumpen hören, die etwa einen Kilometer von ihm entfernt einen knappen Liter Bakterienbrühe in die Nacht sprühten. Für den Test war der Erreger des Q-Fiebers ausgewählt worden, das starke Kopf- und Muskelschmerzen und hohes Fieber verursacht. Die Krankheit verläuft meistens harmlos, doch durchschnittlich einer von dreissig Erkrankten starb damals daran. Lloyd Longs Gruppe bestand aus dreissig Leuten.
Long spürte kaum etwas vom dünnen Nebel, der über ihn wegzog. Erst als Leute in Schutzanzügen auftauchten, wusste er, dass es vorbei war. Er musste duschen, sich unter eine Ultraviolettlampe stellen, die verbleibende Mikroben abtötete, und noch einmal duschen. Seine Kleider wurden verbrannt. Darauf wurde die ganze Gruppe nach Fort Detrick in der Nähe von Washington geflogen. Der erste und nach Aussagen der amerikanischen Armee bis heute einzige Freisetzungsversuch mit biologischen Waffen an Menschen ging in die zweite Phase.
Die amerikanische Regierung wusste damals, dass Japan im Zweiten Weltkrieg umfangreiche Experimente mit Biowaffen gemacht hatte, und sie vermutete, dass auch Moskau ähnliche Versuche durchführte. Öffentlich verurteilten die USA die biologischen Waffen zwar, doch im Geheimen begannen sie 1943 selber daran zu forschen. Als Hauptsitz der Wissenschafter diente Fort Detrick. Dort wurden Tierversuche gemacht, um die Eignung verschiedener Krankheitserreger als Waffen zu prüfen und Impfungen für die eigene Truppe zu entwickeln. Doch vom Tier auf den Menschen zu schliessen, war schwierig. Die Militärs kamen zum Schluss, dass nur Tests mit Menschen sie weiterbringen konnten.
Dass Menschen in der Medizin als Versuchskaninchen eingesetzt werden, ist nicht ungewöhnlich. Jedes Medikament wird vor seiner Einführung von Versuchspersonen eingenommen. Diese Tests hatten einzig die Nuance, dass dabei nicht versucht wurde, Leute mit einem Medikament zu heilen, sondern sie mit einem Erreger krank zu machen. Doch solange das mit dem Einverständnis der Betroffenen geschah, sahen die Leute in Fort Detrick kein Problem.
In der amerikanischen Armee gab es eine Gruppe von Soldaten, die sich besonders gut für diese Aufgabe eigneten. Die Männer der Glaubensgemeinschaft der Adventisten leisteten zwar aus religiösen Gründen keinen Dienst mit der Waffe, waren aber aussergewöhnlich gesund: Sie rauchten nicht und tranken weder Alkohol noch Kaffee. Zudem waren viele von ihnen Vegetarier. «Man musste sich nicht fragen, ob sie Symptome zeigten, weil sie Samstagnacht betrunken waren», beschrieb ein Kirchenmann die Vorzüge des seriösen Lebenswandels für die medizinische Forschung.
Oberst Tigertt kontaktierte die Kirchenführung, die sich schnell von der Ehrenhaftigkeit der Aufgabe überzeugen liess und den Plan, Adventisten für die Tests zu gewinnen, offiziell guthiess. Zwischen 1955 und 1973 meldeten sich 2200 junge Männer für diesen Dienst. Der Codename für die 153 streng geheimen Experimente – unter anderem mit Milzbrand, Hasenpest, Bauchtyphus und Hirnhautentzündung – lautete Operation Whitecoat.
Die ersten Tests waren jene Q-Fieber-Experimente, an denen Lloyd Long teilnahm. Vor dem Freilandversuch in Utah kam allerdings der «Eight Ball» zum Einsatz, eine dreizehn Meter hohe Hohlkugel aus rostfreiem Stahl in Fort Detrick, die die Angestellten nach der schwarzen Kugel im Pool-Billard benannt hatten.
Wenn Tests anstanden, betraten die Adventisten die telefonzellengrossen Kammern am Rand des «Eight Ball». Dort zogen sie sich Atemmasken an, die mit dem Inneren der Kugel verbunden waren. Ein Techniker konnte dann ferngesteuert Bakterien oder Viren im Innern der Kugel versprühen. Die Männer atmeten das Gemisch eine Minute lang ein und wurden dann sofort auf die Krankenstation gebracht, isoliert und beobachtet.
Dasselbe geschah nach der Rückkehr aus Utah: Die Männer warteten in Einzelzimmern mit Fernsehern, Büchern und Spielen auf die hämmernden Kopfschmerzen, die den Ausbruch des Q-Fiebers ankündigten. Etwa ein Drittel der Männer wurde tatsächlich krank. Die Schwere der Symptome war abhängig davon, ob sie bei den vorangegangenen Experimenten mit dem «Eight Ball» immun geworden waren. Auch die Position ihres Hockers in der Wüste war entscheidend. Lloyd Long, am Rand positioniert, war nach einem Tag im Bett wieder fit. Alle Versuchsteilnehmer wurden wieder vollkommen gesund.
Heute sind die meisten Whitecoat-Veteranen stolz auf ihren Einsatz. «Ich kenne keinen, der dabei war und später das Gefühl hatte, betrogen worden zu sein», sagt Lloyd Long, jetzt 66-jährig und pensionierter Versicherungsagent. Einige der Whitecoat-Freiwilligen werden seit dem Anschlag auf das World Trade Center und der wachsenden Angst vor Bioterrorismus regelmässig von Journalisten interviewt. Zwar gibt es Stimmen, die die engen Beziehungen zwischen der Armee und der Kirche der Adventisten kritisieren, auch wurde bereits in den sechziger Jahren die Frage aufgeworfen, ob eine Kirche, die Gewaltlosigkeit predigt, ein Biowaffenprojekt unterstützen dürfe. Gemessen an den damaligen Bräuchen, stellen Ethiker der Operation Whitecoat aber gute Noten aus. Die Freiwilligen wurden wiederholt über die Risiken informiert und konnten jederzeit aussteigen. Trotzdem würden solche Experimente heute kaum mehr bewilligt: Das Risiko für ein so empfindliches Organ wie die Lunge ist einfach zu gross.
Die in die Wüste entlassenen Bakterien wurden am nächsten Tag vom Sonnenlicht getötet. Von den zusätzlichen Meerschweinchen, die man am Highway 40, 55 Kilometer vom Testgelände entfernt, placiert hatte, erkrankte keines.