Jürg von Ins, 1953 in Zürich geboren, hat in Zürich Religionsethnologie studiert und das Studium auf Grund biographischer Prägung - in seiner Familie gab es viele Freimaurer - mit einer Arbeit über ein Freimaurerritual abgeschlossen. Er trat selber einer grossen Zürcher Freimaurerloge bei, der Modestia cum Libertate, und wurde später Mitglied noch anderer Geheimbünde, so des meditationsorientierten International Order of Cabbalists in London oder der von C. G. Jung mitbegründeten Hermetischen Gesellschaft, die antike Mysterienfeiern wiederbelebt. Von Ins war während zweier Jahre Chefredaktor der schweizerischen Freimaurerzeitschrift «Alpina». Aus Gründen, die er zum Teil nicht nennen möchte, und weil ihm zum Beispiel die Freimaurerei zu sehr als ein kommuner Verein erschien, trat er aus allen Gruppierungen aus. Zurzeit habilitiert sich von Ins in Religionsethnologie und betätigt sich als freier Autor.
Mit Jürg von Ins sprachen Lilli Binzegger und Peter Haffner.
Herr von Ins, was kennzeichnet einen Geheimbund?
Erstens das Geheime, das heisst die behauptete Differenz zu dem, was andere tun, was öffentlich oder halböffentlich getan wird. Und zweitens die besondere, bündische Struktur.
Worin besteht denn diese Differenz, das Geheime? Oder ist das geheim?
Es ist nichts so geheim, dass man es nicht herausfinden könnte: es gibt über alles schon Bücher. Nun, worin besteht die Differenz: darin, dass da ganz gewöhnliche Menschen in aussergewöhnlichen Kleidern und Rollen auftreten. Dass im geschlossenen Raum des Bundeslebens Dinge getan werden, die anderswo irgendwie peinlich wären, und dass man sich diese «Peinlichkeit» voreinander gestattet.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel die Besäufnisse und die obszönen Reden in den Studentenverbindungen, die zwar etwas weniger geheim sind als andere, aber doch viele strukturelle Ähnlichkeiten mit Bünden haben, die spirituelle oder religiöse Botschaften hüten. Bei den Freimaurern, die ein eher mittelständisches Segment vereinen, exponiert man sich schon mit dem Umbinden des Freimaurerschürzchens oder dem Hochkrempeln eines Hosenbeins.
Beschränken wir uns zunächst auf die Freimaurerei. Was ist das genau?
Das Wort taucht erstmals als Selbstbezeichnung der Grossloge von England auf, die 1717 als Dachverband verschiedener esoterischer Gruppen gegründet wurde. Unterschiedlichste Traditionen wie Alchimie, Kabbala und Rosenkreuzertum fanden hier zu einem humanistischen Basisprogramm zusammen. Dieses lässt sich auf die Kurzformel bringen: Alle Menschen sind Brüder, alle Religionen Perspektiven auf die eine Wahrheit.
Wie wird man Mitglied?
Man wird von einer Loge angefragt, oder man bewirbt sich. Es folgt ein Gespräch mit dem Meister vom Stuhl, das ist der Oberste einer Loge, der alle vier Jahre aus den Reihen des sogenannten Beamtenkollegiums im Turnus gewählt wird. Da plaudert man ein wenig über die beiderseitigen Vorstellungen. Treffen sie sich, wird ein Bruder bestimmt - alle Freimaurer sind «Brüder» -, der den Kandidaten während eines Jahres begleitet und berät. Nach diesem Jahr entscheidet das Plenum der Loge über die Aufnahme. Vor 100 Jahren war das alles noch ein ziemliches Spiessrutenlaufen, heute ist das Verfahren stark formalisiert.
Wie geht dann die Aufnahme vor sich?
Der Neuling wird - ich nehme hier als Beispiel die Zürcher Modestia cum Libertate, der ich angehört habe - in eine enge Kammer geführt, die «Kammer des stillen Nachdenkens», wo es Symbole wie Totenkopf und Sanduhr gibt. Dort schreibt er auf, was ihm so über das Dasein und dessen Endlichkeit einfällt und über seine Ideale; das Papier wird verschlossen und später in die Fortsetzungsrituale eingebaut, ein letztesmal beim Tod in die Abdankungsrede. Nach etwa einer Stunde wird er mit verbundenen Augen in den Tempel geführt, und er spürt: da sind viele Leute. Das ist ein intensives Erlebnis. Dann folgt eine Reise um die Elemente . . .
. . . immer noch mit verbundenen Augen?
. . . immer noch mit verbundenen Augen. Dabei spürt man Feuer an der Hand, Wasser, Erde - die Elemente, aus denen man zusammengesetzt ist. Dann kommt es zur Frage: Wenn wir dir jetzt die Augenbinde abnehmen, und du siehst in unserem Kreis einen Menschen, den du auf den Tod nicht ausstehen kannst, wirst du ihm verzeihen? Da sagt natürlich jeder Ja, und dann wird einem die Binde abgenommen, und man sieht zum erstenmal all die Brüder in ihren schwarzen Anzügen mit Ordensband und Abzeichen, dazu ein Schürzchen, aus dem ersichtlich ist, ob einer Lehrling, Geselle oder Meister ist . . .
. . . Lehrling, Geselle, Meister?
Ja, die bündische Ordnung der Freimaurer folgt den traditionellen Stufen der handwerklichen Bünde. Und da sieht der Neuling auch zum erstenmal den Tapis in der Mitte des Tempels, den Teppich, auf dem der Tempel, wie das Gemäuer heisst, noch einmal im Grundriss abgebildet ist. Das ist der salomonische Tempel. Dann wird gegessen und getrunken, und alle kommen und begrüssen einen, das kann sehr herzlich sein.
Legt man einen Eid ab?
In Logen nach britischem Ritus, wie es die Schweizer Logen sind, schwört man auf das Winkelmass, den Zirkel und die Bibel, dass man regelmässig kommen und immer dabeibleiben will und dergleichen. In Frankreich, wo die Freimaurer mit ihrem Ursprung in der Französischen Revolution stark antiklerikale Züge haben, legt man statt der Bibel ein Buch mit weissen Seiten auf. Das ist einer der hauptsächlichen strittigen Punkte zwischen London und Paris.
Ist jede Zusammenkunft so feierlich?
Nein, nur das Eintrittsritual und die Fortsetzungsrituale laufen so ab, also wenn jemand zum Gesellen oder zum Meister befördert wird.
Wie wird man befördert?
Das ist heute weitgehend formalisiert und erfolgt nach einer vorgegebenen Frist. Es gibt aber noch kleine Logen, die voraussetzen, dass man eine Lehrlingsprüfung besteht: ein Thema geistig bewältigt etwa.
Und die übrigen Treffen?
Die sind mehr vereinsmässiger Art und finden, je nach Loge, wöchentlich oder vierzehntäglich statt, mit verschiedenen Programmen, meist Vorträgen von Mitgliedern oder auch Aussenstehenden. Da kommt man in ziviler Kleidung.
Und gar keine Rituale?
Nicht gar keine. Da ist zum einen die Sitzordnung: hier der Redner, der den Vortrag hält, da der Meister vom Stuhl mit ein paar Hilfsbeamten, dort zwei Vorsteher - das sind alttestamentarische Amtsbezeichnungen aus dem salomonischen Tempel - und schliesslich die Brüder. Zu Beginn und zum Schluss gibt es rituelle Wechselreden im Sinne von: die Sonne ist untergegangen, die Arbeiten sind beendet, wir wollen uns bemühen, das, was wir hier gelernt haben, im Alltag umzusetzen. Dann schlägt der Meister vom Stuhl ein zweitesmal mit dem Hammer, und die Zusammenkunft ist zu Ende. Meist bleibt man sitzen, holt sich einen Halben und diskutiert noch ein bisschen; grössere Freimaurerlokale wie das auf dem Zürcher Lindenhof haben eine Art Clubbetrieb mit einem Wirt. Und dann ist da noch die Kollekte.
Zu wessen Gunsten?
Die Schweizer Freimaurer - juristisch sind die Logen Vereine - haben ein ansehnliches Fondsvermögen mit enggefassten Bestimmungen. Das Geld wird ausschliesslich für karitative Zwecke verwendet.
Es gibt wohl auch Mitgliederbeiträge?
Ja, sie betragen zwischen 300 und 1000 Franken pro Jahr.
Kann man jederzeit wieder austreten?
Es gibt Geheimbünde, die Austritte streng regeln, mitunter sogar mit Verdammnis belegen; die Freimaurer kennen solches nicht. Natürlich nimmt man schon an, dass einer zeitlebens Freimaurer bleibt, man kann das auch gar nicht rückgängig machen. Man kann zwar aus der Loge austreten, so wie man aus der Kirche austreten kann. Damit lässt sich aber das Freimaurergelöbnis so wenig rückgängig machen wie mit dem Kirchenaustritt die Taufe.
Ist man als Freimaurer einer Geheimhaltungspflicht unterstellt?
Nein, manches gilt einfach als unfein; etwa nach aussen zu verbreiten, wer Freimaurer ist.
Gibt es in allen Kulturen Freimaurer?
In allen monotheistischen Kulturen, es gibt christliche, jüdische, islamische Freimaurer - das ideologische Basispapier ist «Nathan der Weise», die Ringparabel -, und es gibt sie auf der ganzen Welt. Das ist das allerbeste daran: dass man an ganz entlegenen Orten auf dem Planeten stets ein paar Leute findet, die ein Ritual zelebrieren, wie man es von zu Hause kennt. Allerdings hat der «Geist der Zeit» immer wieder auch sehr Unschönes bewirkt, etwa dass man an manchen Orten keine Juden aufnahm. Die Juden haben dann eigene Logen gegründet, die sogenannten Bnai Brith.
Und die politische Ausrichtung?
Man kann grob sagen, die nach England orientierten Freimaurer sind rechts, und die nach Frankreich orientierten sind links. Das ist zwar ein bisschen ungenau, es gibt in Frankreich auch eine Loge nach englischem Muster, aber das ist eine Minorität. In Frankreich hat sich der Freimaurergeist im Zuge des Revolutionsgeschehens stark politisiert, übrigens auch in Amerika, die Boston Tea Party war eine Freimaurerveranstaltung. Die Mehrzahl der französischen Freimaurer steht in einer gesellschaftskritischen Tradition, die nach England orientierten Schweizer Logen in einer eher bürgerlichen. Die Schweizer Logen sind heute kleinbürgerliche Institutionen im Bereich des Dienstleistungsmittelbaus und des mittleren Beamtentums.
Nichts, wo man sich handfeste Vorteile, dicke Aufträge holt?
Sicher nicht. Es gibt schon auch noch ein paar Handwerker, ein paar Gewerbler, aber die sind am Rand.
Und die kriminelle italienische P2? War das nicht auch eine Freimaurerloge?
Nun ja, das ist eine Geschichte, die immer wieder als warnendes Beispiel herangezogen wird. Wohl stand auch dort am Anfang ein Ideal im Mittelpunkt, ein Ideal von schnellem, direktem freundschaftlichem Verkehr zwischen wichtigen Personen um Licio Gelli. Dann wurde offensichtlich alles ganz rasch ziemlich zweckrational.
Wie steht's mit dem Freimaurernachwuchs?
Es kommen immer wieder auch Junge dazu. Die Schweizer Grossloge Alpina zählt zurzeit ungefähr 4000 Mitglieder.
Wie ist das Verhältnis der Freimaurer zur übrigen Gesellschaft und umgekehrt?
Auf den Einzelnen bezogen denke ich, dass es ihm in der Schweiz heute im beruflichen Fortkommen eher hinderlich ist als nützt, wenn er Freimaurer ist und man es von ihm weiss. Aus der behaupteten Differenz kann jederzeit eine echte werden, welcher Art auch immer.
Was wäre ein Grund, nicht in eine Freimaurerloge aufgenommen zu werden? Eine Vorstrafe? Ein Lotterleben? Homosexualität?
Vorstrafe und Lotterleben müssten da schon schweren Grades sein. Homosexualität? Aus Männerfreundschaften, wie sie bei den Freimaurern gepflegt werden, sind unterschwellig homophile Aspekte nicht wegzudenken: Man entkommt den Weibern, entrinnt der heterosexuellen Gesellschaft mit all ihren Fährnissen und ihren bewegten Frauen in diese gemütliche Sicherheit, wo man sich aufeinander verlassen kann.
Ein bisschen wie bei den Pfadfindern?
Ganz genau, es ist ein Spiel unter Knaben und Männern.
Es gibt keine Freimaurerinnen, keine Frauengeheimbünde?
Die Freimaurerei ist zweifellos patriarchalisch geprägt. In England und Frankreich bestehen aber schon seit etwa hundert Jahren Frauenlogen - der englische Mops-Orden etwa, eine Frauenloge, wurde um 1880 gegründet. In Frankreich gibt es viele Freimaurerinnen, und die sind von der Grossloge auch anerkannt, ebenso in den ehemaligen französischen Kolonien. Die französische Grossloge Grand Orient betreibt gemischte Logen, und dort herrscht wirklich auch ein anderes Klima, Frauen sind namhaft vertreten und können natürlich auch Meister sein. Die Schweizer Frauenlogen, etwa die Rebekka-Loge, sind wie die englischen von der Grossloge nicht anerkannt.
Die Rotary Clubs und Lion's Clubs sind aber schon andere Kategorien?
Das sind keine Geheimbünde, sie haben auch keinen rituellen Apparat.
Und die Rosenkreuzer? Was unterscheidet sie von den Freimaurern?
Ausser der Ämterstruktur fast alles. Die Freimaurer sind aufklärerisch, humanistisch orientiert, während die Rosenkreuzer eine esoterische Szene sind, in der ganzen diffusen Bedeutung, die der Begriff hat, mit «Geheimwissen» und dergleichen. Den Rosenkreuzern gehören mehrheitlich Frauen an, nur die Führung ist auch dort weitgehend männlich.
Eine Sekte?
Nein, das keinesfalls. Die Rosenkreuzer sind zwar auf protestantischem Boden gewachsen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass eine Gruppe von einem charismatischen Leiter missbraucht werden kann, aber sie haben keine von der christlichen Theologie abweichende Doktrin.
Welches sind die wichtigsten übrigen Geheimbünde neben den Freimaurern?
Eine der Gesellschaften, die frühchristliches mit antikem Wissen kombiniert, ist die Hermetische Gesellschaft. Zu den freimaurerischen Anleihen kommen dort antike Texte und originale Ritualtexte aus antiken Mysterien. Dann existiert auch bei den Anthroposophen ein innerer Kreis, ich glaube, er heisst sogar «Der Kreis» . . .
. . der es aber wohl ungern hörte, dass man ihn zu den Geheimbünden zählt?
. . . nein, warum? Er zählt sich sicherlich selber dazu, weil er auch seine eigenen, spezifischen Rituale hat. Da wären ferner die magisch-alchimistisch ausgerichteten Gruppierungen mit spiritistischen Interessen, wie der aus dem süddeutschen Raum stammende Orden des Abramelin, der zahlenmässig aber unbedeutend ist. Und dann gibt es - und zwar häufiger, als man annehmen möchte - die Kategorie der satanistischen Gruppen. Satanismus ist etwas, was mit den monotheistischen Traditionen sozusagen mitwächst: Wo der Herr seine Kirche hat, baut der Teufel seine Kapelle.
Was sind die Merkmale dieser satanistischen Gruppen?
Sie sind völlig introvertiert, und die Rituale sind meist eine simple Inversion von dem, was als normal gilt. In älteren Formen ist das die katholische Messe, die verkehrt wird: man hängt das Kreuz verkehrt auf, trägt Schwarz statt Weiss und so fort. Oder die Umkehrung ist nicht mehr katholisch determiniert, sondern bürgerlich: dann tut man Dinge, die man in der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht tut.
Gehört dazu notgedrungen eine charismatische Figur, die bei den Freimaurern mit ihrer demokratieähnlichen Struktur ja offensichtlich fehlt?
Die Vereinigungen, von denen ich Mitglieder kenne, lassen vermuten, dass dem so ist.
«Schwarze Messen» und dergleichen, das klingt ja noch einigermassen harmlos. Wo liegen denn die Gefahren?
Unsere kulturpsychologische Situation ist die, dass man immer dicker auftragen muss, damit ein bisschen etwas «passiert», man kann nicht mehr so leicht an einer «Normalität» Mass nehmen. Da gibt es zwei sichere Methoden: Drogen und Sex, der Zugriff zum Körper also und die Vergiftung im weitesten Sinn. Von drogenorientierten Bünden wüsste ich in der Schweiz im Moment zwar nichts, doch weiss ich von einer Gesellschaft, in der man sich nackt trifft, sexuell aktiv wird, autoerotisch und in Paaren, und das alles mit Menschen, die sonst unauffällig und normal leben. Diese Gruppen sind gegen aussen weitgehend unbekannt und bergen gewisse Gefahren, weil das Geschehen autoritär geleitet wird. Geheimhaltung ist dort existentiell wichtig und wird zum Teil mit rabiaten Mitteln durchgesetzt. Da befinden wir uns dann wirklich auf einem Terrain, wo es etwas zu verstecken gibt.