NZZ Folio 01/10 - Thema: Der Tod   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Kuscheln mit zwei Seelen

© Heinz Unger
In der Küche als Wohn- und Lebensraum wird jedes getrocknete Blümchen wertgeschätzt. Linktext
Eine eigenwillige Therapeutin mit kalten Füssen? Eine Zierkissen nähende Musikerin? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Hier leben zufriedene Menschen. Entspannt und unangestrengt mischen sich Designklassiker in der Stube mit Kolonial­chic am Esstisch, Literatur, Nippes und Krimskrams nebeneinander im Büchergestell, jedes getrocknete Blümchen wird hier wertgeschätzt.

Im Schlafzimmer darf es mit opulentem Polsterbett und Veloursdecke ruhig etwas kuschelig sein, nur auf den Plattenböden scheint durchgehend ein absolutes Textilverbot zu herrschen; zumindest neben dem Bett würde man sich gerne etwas Weiches unter die Füsse wünschen, wir leben ja nicht im Dauersommer.

Die Wände rundum sind gar nicht kahl, und Tisch und Tischchen dienen im wörtlichen Sinn der Ablage; ein unverkrampftes Mit- und Nebeneinander vieler Einzelteile, die allesamt wie zufällig und dennoch sehr persönlich ihren Platz haben. Die uneinheitliche Möblierung liesse auf zwei Menschen schliessen, aber vielleicht lebt hier jemand mit zwei und mehr Seelen in ihrer Brust.

Ja, vermutlich wohnt hier eine Frau, die ganz weltlich gerne isst und trinkt, liest und raucht und sich in ihren vier Wänden nicht dreinreden lässt. Sie scheint jedenfalls eine selbstbewusste Person zu sein, die ihr Interieur aus dem Fundus ihrer eigenen Geschichte bestückt, modisches «Must have» ist ihr fremd, die Generation der Videobänder kann gut ohne den letzten Schrei auskommen.

So bunt und vielfältig wie das Wohngeschehen sind wohl auch die Interessen der Bewohnerin, sie ist interessiert an der Welt und den Menschen. Redet sie vielleicht beruflich mit Menschen, ist sie beratend oder therapeutisch tätig und hat in der dicken Agenda nicht nur private Dates vermerkt? So pflegeleicht wie ihr Boden ist sie selber mit ihrer eigenwilligen Einrichtung eher nicht.

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Weissgraue Keramikplatten, eine ältere Chromstahlabdeckung, ein Systemregal – die Wohnung wirkt steril. Die Küchenkombination ist pflegeleicht und wenig charmant. Der immergleiche Bodenbelag, der von einem in den andern Raum fliesst, lässt keine Rückschlüsse auf die Funktion der Räume zu. Vielleicht dienten sie einmal anderen Zwecken als dem des Wohnens. Lagerten hier einst industrielle Artikel?

Die Aussicht aus dem Fenster verrät, dass die Wohnung in der Stadt liegt. Vermutlich wohnt hier ein Frau, vermutlich ist sie über vierzig, und vermutlich lebt sie mehrheitlich allein und ist tagsüber selten daheim – die dicke Agenda auf dem Tisch in der Küche lässt Geschäftigkeit vermuten.

Die Bewohnerin ist aktiv, vermutlich weniger in der Wohnung als draussen im Leben. Dazu gehört auch der Rundgang auf dem Flohmarkt: Die meisten ihrer Möbel kannten schon andere Besitzer. Auf den gläsernen Tablaren lagern viele kleine Objekte wie Fundstücke aus einem bewegten Leben. Ob es das bewegte Leben der Bewohnerin ist?

Auf jeden Fall scheint sie gut vernetzt zu sein. An den Küchenfronten hängen Schnipsel, Karten, Persönliches. Personen, die sammeln, sind meist kontaktfreudig. Dinge zu suchen bedingt einen offenen Geist. Ist die Bewohnerin in einem Beruf tätig, der Kommunikations­talent erfordert, ist sie eine Musikerin?

In diesem Daheim sind viele Spuren angedeutet, die sich rasch wieder verlieren. Zurück bleibt eine aseptische Grundstimmung, in der es sich aber offenbar gut leben lässt.

Jörg Boner


Eliane Schweitzer, Sexberaterin

«Ein eigenartiger Experte, hält meine Wohnung für einen Lagerraum! Ich lagere zwar einiges, aber bestimmt keine Industrie­artikel, sondern unendlich viele Kleider, Schuhe und seit neustem Handtaschen. Ich sammle nichts und suche nichts, bei mir sammelt es sich einfach so an. Wenn bei mir eingebrochen würde und jemand nähme auch nur eine Handtasche mit oder einen uralten Pulli, würde ich wahnsinnig.

Für Kleider hat das Geld mich nie gereut, obwohl ich früher wenig verdiente. Dies ist meine erste teure Wohnung, auch die Einrichtung konnte ich mir erst mit knapp 50 leisten. Ausserdem besitze ich kein Auto, habe keine Kinder und mache kaum Ferien.

Meine Möbel kannten vor mir keine anderen Besitzer, sie waren vor bald 20 Jahren alle brandneu und schweineteuer. Auch ist das Haus im Zürcher Kreis 4 nicht irgendein Haus, sondern der erste Neubau der Wogeno, der Genossenschaft selbstverwalteter Hausgemeinschaften. Beim Hausbau konnten alle mitreden, der Architekt muss eine Engelsgeduld aufgebracht haben. Wir zogen 1991 hier ein. Übertrieben formuliert, ist es eine Gross-WG, in der jeder seine eigene Wohnung hat. Von der Idee – jeder kann jedem jederzeit in die Wohnung schauen – ist heute nicht viel übriggeblieben. Auch ich ziehe die Vorhänge am Abend zu, ich mag es nicht, gesehen zu werden, ohne zu wissen, wer mich sieht.

In den 65 m² würde ich es nicht zu zweit aushalten. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich Einzelkind bin. Ich wohnte immer schon allein. Ich bin froh, nicht jeden Morgen einen Mann in meinem Badezimmer zu haben. Zwei oder drei Tage Zweisamkeit genügen mir.

Ich stamme aus einem speziellen Elternhaus. Meine Eltern lebten eine ‹offene Ehe›. Meine Mutter hatte sieben Jahre lang einen Freund, mein Vater zeitlebens Freundinnen. Als Vertreter war er nie ­daheim. Die Wochenenden hatte er vermutlich auch aufgeteilt. Umso mehr vergötterte ich ihn. Dass ich Sexberaterin wurde, haben sie nicht mehr erlebt. Ich denke, das hätte sie anfangs überrascht, heute fänden sie es in Ordnung.

Ich stehe spät auf. Ich leiste es mir, keinen Wecker zu haben. In die ‹Blick›-Redaktion komme ich gegen elf oder zwölf Uhr. Ich brauche morgens zwei Stunden, um aufzustehen, meinen Tee zu trinken, das Geschirr vom Vortag abzuwaschen, ins Tagebuch zu schreiben und mir zu überlegen, was ich anziehen möchte.

Das Tagebuch ist eigentlich eine Agenda, ich fülle am jeweiligen Wochentag eine Seite mit meinen Gedanken – wer mich geärgert hat, wen ich liebe und warum. Es geht meist um Liebesgeschichten. Insgesamt habe ich über 20 Jahre lang Tagebücher gefüllt. Ich schreibe in Steno, weil diese Bücher niemand ausser mir je lesen können muss. Ich war lange Jahre Sekretärin, aber Lebensberatung hat mich immer interessiert. Die Leute öffnen sich mir gern.

Wenn ich etwas erledigt habe, jauchze ich. Der Jubelschrei kann ziemlich laut sein. Er ertönt daheim nach erledigter Hausarbeit ebenso wie im Büro, wenn meine Kolumne fertig geschrieben ist.

Abends komme ich so gegen acht Uhr heim. Ich trinke einen Apéritif, in letzter Zeit ist das ein Walliser Weisswein, und schaue Tele Züri. Leider sehe ich sehr viel fern, auch Aufzeichnungen, besonders gerne die ‹Lindenstrasse›. Ja, auf Videokassetten, was soll ich denn sonst haben? DVD? Wahrscheinlich stelle ich auf DVD um, wenn sie ein halbes Jahr später auf dem Markt durch etwas Neues ersetzt werden. Technik ist mir so was von wurscht. Aber auch Zierkissen würde ich nie nähen. Ich bin furchtbar bequem und faul. Es gibt Kleidungsstücke, die ich seit Jahren nicht trage, weil an ihnen ein Knopf fehlt. Ich sitze also vor dem Fernseher, zappe herum und bleibe ewig hocken. Ins Bett gehe ich gegen Mitternacht.

Auf meinem Schrein in der Küche stehen mir lieb gewordene Gegenstände, etwa eine Rose von einem Mann, auf den ich stehe. Viel bekomme ich ja nicht. Vermutlich haben die Männer etwas Angst vor mir. Die denken, ich wüsste zu viel.

Ich sagte immer: ‹Aus dieser Wohnung möchte ich rausgetragen werden.› Ganz so sicher bin ich nicht mehr. Mir könnte auch was Nettes im Seefeld gefallen. Vermutlich hätte ich auch dort schnell Kontakt. Manchmal brauche ich auf der Strasse für 200 Meter zwei Stunden, weil ich Bekannte sehe oder jemand Fremder mich anquatscht, was mich freut. Ich schwatze sehr gern.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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