NZZ Folio 07/07 - Thema: Tiefsee   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Planet Tiefsee

Von Reto U. Schneider
Unser Planet sollte Wasser heissen, nicht Erde. Mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche werden von Wasser eingenommen. Oder vielleicht sollten wir die Welt gleich Tiefsee taufen: Der grösste Teil dieses Wassers – weit über 80 Prozent – ist tiefer als 1000 Meter. Dort beginnt nach einer von vielen Definitionen die Tiefsee, jene Zone der Meere, in die kein Licht mehr dringt. Die Tiefsee ist mit Abstand das grösste Ökosystem der Welt, und doch wissen wir kaum etwas ­darüber. Es darf ohne Übertreibung behauptet werden: Wir kennen den Mars besser als das Land vier Kilometer unter einem Kreuzfahrtschiff.

Der offensichtlichste Grund dafür hat mit dem Zugang zu tun. Es ist keine Überraschung, dass es Amateurastronomen und Amateur­ornithologen gibt, aber keine Amateurtiefseeforscher. Der Mensch wurde nicht geschaffen, um kilo­metertief unter Wasser Seegurken zu beobachten. Ohne Hilfsmittel gelangt er einige Meter unter den Wasserspiegel, mit Tauchgeräten einige Dutzend. Die einzige Möglichkeit, tiefer zu gehen, besteht darin, ein U-Boot zu besteigen. Und U-Boote sind teuer, sowohl im Bau als auch im Betrieb.

Aber die hohen Kosten, um in die Tiefe zu gelangen, sind nur ein Grund, ­weshalb unsere Kenntnis dieser Welt lückenhaft ist. Schliesslich gibt es auch ­keine Amateurastronauten, und trotzdem fliessen enorme Summen in die Weltraum­forschung. Tatsache ist, dass es wohl glamourösere Tätigkeiten gibt, als monatelang zur See zu fahren und mit kleinen Schleppnetzen blind Proben vom Meeres­boden zu holen. Nur wenige Ozeanographen haben nämlich das Glück, je in einem U-Boot zu fahren. Zurzeit gibt es auf der Welt bloss fünf ­U-Boote, die den Tiefseeboden überhaupt erreichen können. Kein einziges davon kann in die Tiefseegräben tauchen. In seinem Buch «Eine kurze Geschichte von fast allem» schreibt Bill Bryson: «Das wäre so, als würden wir unsere Erfahrungen mit der Erdoberfläche auf die Arbeit von fünf Leuten stützen, die nach Einbruch der Dunkelheit mit Traktoren auf Erkundungsfahrt gehen.»

Unsere Geringschätzung der Tiefsee ist so offensichtlich wie falsch. Vom Essen auf unseren Tellern bis zum Heizen mit Öl vom ­Meeresboden ist das Schicksal der Menschheit untrennbar mit den Dingen verknüpft, die sich in den Tiefen des Meeres abspielen.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Planet Tiefsee - NZZ-Folio Tiefsee (07/07)

Ein tolles Heft über die Tiefsee! Es ist Ihnen gelungen, enorm informativ zu sein, originell und zugleich den Leser sehr gut zu unterhalten. Die Tiefssee ist mein Hobby und ich kenne viele Publikationen darüber, in verschiedenen Idiomen. Ihr Heft gehört in der Gestaltung und im Inhalt zu den allerbesten. EIn grosses Kompliment!
Bernard Legrand, per E-Mail



Zu Editorial -- Planet Tiefsee - NZZ-Folio Tiefsee (07/07)

Ich verstehe nicht, weshalb Sie in einem Heft über Tiefsee an Frank Schätzings genialem Buch "Der Schwarm" vorbei gehen können (von dem das Heft wohl inspiriert ist). Das Buch wurde mir von einem Topshot der ozeanischen Mikrobiologie empfohlen, nicht zuletzt wegen seinen hervorragend recherchierten Fakten über die Tiefsee. Und die Fiktion ist ja auch nicht ohne!
Hans-Ulrich Schlumpf, Zürich



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