UNSER BEDARF an anderer Leute Unglück ist enorm. Im Unglück selbst unserer besten Freunde «finden wir immer etwas, was uns nicht missfällt», notierte im Jahr 1678 der Herzog von La Rochefoucauld treffend: Schadenfreude nennen wir diese schillernde Gemütsbewegung – «den schlechtesten Zug in der menschlichen Natur», wenn Schopenhauer recht hat, «das unfehlbare Zeichen tiefer moralischer Nichtswürdigkeit».
Aber, aber! Nachdem an dieser Stelle vor Wortkeulen wie der Gleichheit, vor blossen Gaukeleien wie dem Fortschritt, vor Missverständnissen wie der Selbstverwirklichung gewarnt worden ist und vor Wortmumien wie dem Paradies, geht es heute um eine Ehrenrettung: Gibt es vielleicht Begriffe, die ihren schlechten Ruf zu Unrecht tragen? Liesse sich auch etwas Positives finden am Vorurteil, an der Lüge – und an der Schadenfreude eben?
Denn «nichtswürdig» wären wir ja fast alle, wenn Schopenhauer recht hätte: die Millionen Zuschauer der Fernsehserie «Pleiten, Pech und Pannen»; all die Schweizer, die Holländer, die Dänen, die sich ins Fäustchen lachen, wann immer Deutschland eine Fussballmeisterschaft verliert; ja, wir schmunzeln und dürfen es auch, wenn Don Quijote ausgelacht, geprügelt und von reichen Leuten als Spielzeug ihrer Spottlust missbraucht wird.
Die Griechen dichteten selbst ihren Göttern Schadenfreude an: Krieg und andere irdische Grausamkeiten waren nach griechischer Vorstellung den Göttern «Festspiele», sagt Nietzsche, «Anlass zur Erheiterung in ihren allzu langen Ewigkeiten». Auch Robert Walser äusserte den Verdacht, die Götter im Olymp «langweilen sich zuzeiten ziemlich stark, und sie begrüssen daher Gratisschauspiele mit dankbar schallendem Vergnügen».
Auf Erden sollte man vielleicht verschiedene Arten der Lust an fremdem Unglück unterscheiden, mit absteigender Verwerflichkeit. Wer uns eine Grube gräbt und sich totlacht, wenn wir hineinfallen, ist ein übler Mensch. Kaum lesen wir freilich von einem solchen Scheusal wie im Volksbuch vom «Till Eulenspiegel», schon amüsiert er uns: wenn er einem Reichen «Knötel aus seinem Hintern» als Wundermedizin verkauft, ja wenn er die Kranken aus dem Spital verjagt, indem er droht, den schlechtesten Läufer unter ihnen zu Pulver zu verbrennen. Die Grenze zu einer salonfähigen Art der Schadenslust ist dabei nicht immer leicht zu ziehen: Unsere Mitmenschen necken, foppen, föppeln wir guten Gewissens, wir binden ihnen einen Bären auf, wir schicken sie in den April.
Der Schaden aber, an dem wir uns am häufigsten laben, ist einer, den wir gar nicht herbeizuführen brauchen: das Scheitern oder die Blamage eines Mächtigen. Ob die Demokratie nicht auch deshalb eine menschenfreundliche Staatsform ist, weil sie die Gelegenheit zu kollektiver Schadenfreude institutionalisiert?
Alle paar Jahre können wir die Inhaber der Macht aus ihren Ämtern jagen. Und liegt der Reiz von Revolutionen nicht zuletzt darin, dass sie den Reichen einen Schaden zufügen, der die Armen erquickt? «Kohlgeruch in den Palästen!» Das betrachten, nach Isaak Babel, die Proletarier als ihren eigentlichen Sieg. «Die Schadenfreude ist’s, wodurch sie sich an eurem Glück, an eurer Grösse rächen!» warnt bei Schiller die Fürstin von Messina ihre Söhne. Der Fall der Herrscher sei der Stoff, «womit sie sich die Winternächte kürzen».
Selbst wenn ein Vierjähriger laut auflacht, weil sein durchaus geliebter Grossvater auf einer Bananenschale ausrutscht, dann begeht er keine infantile Grausamkeit, sondern er erlebt die Urlust, die irdischen Grössenverhältnisse für eine kurze, kostbare Frist zu den eigenen Gunsten verschoben zu finden: Da ist einer, der grösser war als er, plötzlich der Kleinere geworden.
Wo wir uns weder am Sturz aus der Macht erfrischen noch den Schaden selber angestiftet haben, bleibt uns die Phantasie. Heine wünschte sich 1854 eine bescheidene Hütte mit ein paar Bäumen vor der Tür, «und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, lässt er mich die Freude erleben, dass an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden». Heine hat das im sechsten Jahr in seiner «Matratzengruft» geschrieben; wohl ein Versuch, sich am eigenen Elend durch böse Träume zu rächen.
Wer nicht in tiefer Not vegetiert, wer einfach zu den Armen, den Kleinen, den Benachteiligten gehört, zur Mehrheit also: der tröstet sich mit der Schadenfreude in ihrer simpelsten Form. Friedlich daheim kann er der Zeitung, dem Fernsehen, einem Telefongespräch oder einem Blick aus dem Fenster entnehmen, dass andere ein Unglück getroffen hat und ihn selber nicht. So filtert er aus dem oft ziemlich traurigen Lauf der Welt eine stille Genugtuung; manchmal seine einzige.
Im Unterschied zum Alkohol ist dieser Balsam kostenlos und der Gesundheit nicht abträglich. Wer den Leuten solch schüchternes Vergnügen missgönnt, ist, wie hoch sein moralischer Anspruch auch wäre, eigentlich ein Menschenfeind.
Und niemand sollte uns «nichtswürdig» nennen, bloss weil wir über den Dackel lachen, der das Protokoll der Geburtstagsparade mit stoischem Gleichmut durcheinanderbringt.