EINE DER BELIEBTESTEN Freizeitbeschäftigungen des Schweizers ist, wenn man Kontaktanzeigen glauben darf, das Trinken eines feinen Glases Weines. Wobei ein wenig erstaunt, dass niemand gerne mehrere Gläser guten Weins zu trinken scheint. Was bereits glasklar zeigt, dass hier das Glas eine Metonymie ist und das Ganze nur Eigenwerbung und Dünkel.
Denn wer von sich behauptet, er trinke gern ein gutes Glas Wein, will damit natürlich sagen, er sei ein Geniesser, kenne die feine Lebensart, habe Savoir-vivre, Stil, Niveau und mithin Geld. So legitim solches in Bekanntschaftsinseraten ist, so läppisch ist es im wirklichen Leben. Aber leider durchaus verbreitet, denn einschlägige Rubriken in allen Zeitschriften bläuen ihren Lesern ständig ein, man habe Wein nicht einfach zu trinken, sondern zu degustieren, zu kennen und zu kommentieren.
Da sitzen sie dann in der Pizzeria, die strengen Geniesser, bestellen ihren Chianti und legen los. Ein gönnerhaftes Nicken quittiert das korrekte Herzeigen der Etikette nach Etikette, argwöhnisch wird der Kellner beim Einschenken beobachtet, kritisch das Glas mit gekonntem Schwung geschwenkt, daran geschnüffelt und die Farbe begutachtet. Schliesslich wird ein erster Schluck genommen und im Mund geräuschvoll darauf herumgekaut. Wie im Vergaser Benzin mit Luft gemischt wird, wird im Munde des Kenners der Wein durch Einsaugen von Luft mit dieser angereichert. Das tönt unappetitlich und ist es auch, aber es muss sein, wegen des Abgangs oder so. Die Nase prüft die Nase, der Körper den Körper und das Auge die Reaktion der Begleiterin.
Schlimmer als die Pizzeria-Weinkenner sind bloss die noch weitaus affektierteren Lebemänner in den Gourmetlokalen, die sich mit ihrem Name-dropping interessanter piemontesischer Weingüter wie Viertklässler gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Was bei solchen Gelegenheiten an herrlichen Tropfen zerpflückt, zerredet und mithin verschwendet wird, ist fast schon Sünde. Denn schliesslich wäre es die vornehmste Aufgabe selbst des edelsten Weines, seine Trinker und Trinkerinnen zu berauschen. Notfalls auch mit Mass, wenn's denn unbedingt sein muss.