WAS WÄREN WIR ohne das Alphabet! Wie sollte es uns ohne es gelingen, im Lexikon zwischen Paprika und Papua den Papst aufzustöbern? Wie sollten wir uns ins Internet einklinken, wenn wir der Buchstabenfolge http://www. ids-mannheim.de/reform lesetechnisch nicht gewachsen wären? Nein, im Ernst: Selbstverständlich ist es zu bedauern, dass auf der Erde rund eine Milliarde Analphabeten leben, wie die Unesco feststellt; jeder vierte Erwachsene kann nicht lesen und schreiben, mehr als 140 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule, selbst in Deutschland haben an die drei Millionen Menschen Mühe, auch nur Strassenschilder zu entziffern. So wird mit Recht jedes Jahr am 8. September der Weltalphabetisierungstag begangen.
Schon dieses Wort aber kann einen ins Grübeln bringen. Wie beschwerlich liest es sich mit seinen acht deutschen und griechischen Silben und der Buchstabenfolge sierung mittendrin, die man in der Lyrik aller Völker so wenig finden wird wie in ihren heiligen Schriften oder ihren Witzen - und welchen historischen Ballast schleppt es mit! Weil die Griechen vor 3000 Jahren die Zeichen Alpha und Beta an den Anfang ihrer Buchstabenreihe setzten, sollen wir also den Welttag der Anverwandlung dieser Reihe zwecks Herstellung allgemeiner Lesetauglichkeit begehen. Mit der Beherrschung der Schrift entwickelt sich offenbar auch unsere Fähigkeit, Wortgebilde zu ersinnen, die kein Erzähler an Lagerfeuern oder in Karawansereien je hätte benutzen dürfen, ohne dass die Zuhörer eingeschlafen oder schreiend davongelaufen wären.
Kein Wunder also, dass schon Platon auf die Nachteile des Schreibens hingewiesen hat. Im «Phaidros» lässt er seinen Sokrates - den Philosophen, der keine Zeile hinterliess - eine Attacke reiten gegen die Schrift: Sie lasse das Gedächtnis verkümmern, und jedes einmal hingeschriebene Wort treibe sich fortan unkontrollierbar in der Welt umher «und weiss gar nicht, zu wem es sprechen soll und zu wem nicht». Dies sind unstreitig zwei Nachteile, und es gibt noch mehr.
Natürlich wäre es weltfremd, nicht auf die Alphabetisierung möglichst aller Erwachsener auf Erden zu dringen: wer nicht lesen kann, steht der modernen Welt als hilfloses Opfer gegenüber, und der Zugang zu vielen der grossartigsten Produkte des Menschengeistes bleibt ihm verwehrt. Dennoch lohnt es sich, bei den vielen Nachteilen der Schriftkultur zu verweilen. Wer neben ihren Vorzügen auch ihre Fallgruben ausleuchtet, kann daraus sogar eine realistische Entscheidung ableiten: wann eigentlich Kinder idealerweise in die Welt der Buchstaben eintauchen sollten und ob dies nicht, nach Sitte oder regierender Mode, oft unnötig und gefährlich früh geschieht.
Wird einem Kind ein Märchen erzählt, so kann es Zwischenfragen stellen, und ohnehin wird die Erzählerin seinen grossen Augen ansehen, ob sie mit den richtigen Worten den richtigen Ton getroffen hat. Das lesende Kind ist mit den Buchstaben allein. Es beginnt sich jenem Bombardement von Wörtern auszusetzen, die nun sein Leben lang auf es eindreschen werden - Wörtern, die weder jetzt noch hier noch ausdrücklich zu ihm gesprochen worden sind, schönen und albernen, hohlen und giftigen. In die Milliardenindustrie des Buch- und Pressemarkts wird das Kind als Endverbraucher unwiderruflich eingestöpselt.
Dies enthält ein paar unheimliche Elemente. Welche Qualität hat denn das Gedruckte, das lawinenartig auf uns alle niederstürzt? Wie verhält sich die Menge der Anregungen und nützlichen Informationen, der Fernblicke und Bereicherungen zu dem, was sonst so alles publiziert wird: Irrtum, Lüge, Wahnidee, Gewäsch und Kitsch? Was sollen wir von einem Menschen halten, der gerade genug gelernt hat, um ein demagogisches Pamphlet zu lesen, aber nicht genug, um sich zu kritischer Distanzierung gegenüber seinem Inhalt zu erheben?
Da sollten wir auch nicht zu schnell die Nase rümpfen darüber, dass die Wörter auf vielen Feldern von den Bildern verdrängt werden. Statt des Wortes «Notausgang» finden wir mehr und mehr das rennende Männchen, das von Flammen gejagt wird; durch Sportanlagen werden wir mit Piktogrammen geleitet, das Fernsehen ist bei vielen Menschen an die Stelle der Lektüre getreten, und der Weltruhm der Prinzessin Diana ist in erster Linie den Bildern zuzuschreiben, die der Paparazzi eingeschlossen.
Dass wir in Zukunft mit beiden werden leben müssen, den Texten und den Bildern, macht der Computer anschaulich. Einerseits zeigt er Karteikarten oder Papierkörbe als Symbole für «Einordnen» oder «Weg damit». Andrerseits ist seine Tastatur ein Tablett voller Buchstaben wie nur je eins, und sich in ihnen nicht auszukennen wird über kurz oder lang mehr Nachteile bringen als je zuvor in 3000 Jahren Schreibgeschichte. Wir werden also weiter lesen, Karl Marx, Karl May, Karl Lagerfeld, und nicht jedes Gedicht, das den Wald besingt, wird so schön sein wie der Baum, der gefällt werden musste, damit es gedruckt werden konnte. Wie sagt Helmut Thoma, der nie um einen zynischen Spruch verlegene Chef von RTL? Das Fernsehen werde noch sehr viel Schund produzieren müssen, bis es an die Menge Schrott heranreiche, die in Büchern begraben liegt.