NZZ Folio 08/05 - Thema: Männer   Inhaltsverzeichnis

Sportlexikon -- Horizontales Gewichtheben

Von Richard Reich

Rudern: Einst gewerbliche, später elitäre, heute landläufige Fortbewegungsart zu Wasser. Tip: «Das Stemmbrett im Ruderboot sollte für Ruderer mit hohen Absätzen einen Neigungswinkel von 45 Grad aufweisen» (Berlin, 1 941).
Vorschrift: «Die Schiedsrichterkommission bestimmt die männliche Jury für die kontinentalen Frauen-Meisterschaften» (Weltruderverband, 1962).

Wer seine Höchstleistungen rückwärts vollbringt, muss anders funktionieren als Leute, die ihre Ziele immer vor Augen haben. Deshalb kommt der Rudersport nur für besondere Menschen in Frage. Für Leute, die selbst unter erschwerten Bedingungen noch abstrakt denken können. Und geradeaus.

Wenn der Ruderer sich seinen Weg dorsal durchs Wasser pflügt, befindet er sich im körperlichen Ausnahmezustand. Mit jedem Ruderschlag krümmt sich sein Körper zum Paket, um im nächsten Moment wie ein Klappmesser wieder aufzuspringen. Je länger das Rennen dauert, desto tiefer rotiert der Ruderer im roten Bereich. Sein Blut kocht, sein Ruder schwimmt in einem See von Adrenalin, während seine Pupillen stur dorthin starren, wo er hergekommen ist: zum Start – den er aber genauso wenig wahrnimmt wie die Landschaft, das Publikum oder seine Gegner. Diese sieht er nur, wenn er sie überholend hinter sich lässt (beziehungsweise eben vor sich). Sonst sind sie nur Schatten in den Augenwinkeln.

Genauso hart wie die sonntägliche Regatta ist der Alltag des Ruderers. Wenn der Normalbürger im Morgengrauen den Rad dampfer zur ersten Rundfahrt besteigt, ist der Ruderer längst zurück im Bootshaus. Und wenn der Feierabendfischer in der Dämmerung zum letzten Mal die Angel einzieht, gleiten die Ruderboote gerade ins offene Wasser hinaus. Ruderer ertragen keine Gesellschaft. Denn ist so ein Vierer, so ein Doppelzweier in Fahrt gekommen, darf keine Schiffs schraube mehr die Symmetrie der Ruderblätter stören. Selbst um einen Achter zum Kentern zu bringen, braucht es keinen Eisberg. Da reicht ein verirrtes Pedalo. Das labile Gleichgewicht des tellerflachen, er schreckend schmalen Renn boots erfordert einen elaborierten Ruderschlag. Was vom Ufer her aussieht wie die stupide Wiederholung einer immergleichen Bewegung, ist in Wahrheit ein zyklisch repetiertes Kunststück. Schon beim «Wasserfassen», also beim Eintauchen des Ruders, kann man alles falsch machen. Denn das Ruder muss absolut senkrecht ins Wasser einschneiden, nur so wird das dünne Blatt in der Strömung zu jener mobilen Verankerung, an der der Ruderer sein Boot vorbeistemmen kann. «Horizontales Gewichtheben» nennt Wil ly Dubach den Rudersport in «Der Weg zum erfolgreichen Rennruderer» ( 1966).

Wie leicht wird das Ruderblatt zum Bremsklotz! Deshalb muss es sich in der Strömung jenen Winkel suchen, der eine optimale Kraftübertragung erlaubt; im Jargon heisst diese Idealposition lautmalerisch «Schlupf». Ist die Zugbewegung einmal abgeschlossen, gilt es, das Ruder wieder aus dem Wasser zu evakuieren, und zwar reibungslos! Bleiben beim Auftauchen gleichwohl ein paar Tropfen hängen, spricht der Fachmann tadelnd von einem «Krebs». Kaum ist das Ruderblatt wieder in der Luft, legt es sich flach, damit der Athlet es möglichst aerodynamisch an den Ausgangspunkt zurückmanövrieren kann – wo die Prozedur von vorne beginnt. Über 40-mal pro Minute.

Wo finden sich Menschen, die für so einen Sport geschaffen sind? Nun, erstens in England, zweitens in der Schweiz. Wie alle Sportarten von Rang und Tradition wurde auch das Rennrudern von den Briten erfunden. Diese bastelten Anfang des 19. Jahrhunderts ein tolles Ruderregle ment, gründeten massenhaft Ruderclubs und liessen diese dann in Derbies wie Oxford vs. Cambridge gegeneinander rudern. Als das Ganze auf dem Wasser eine Gattung machte, wurde zu Land ein Weltverband gegründet – wie immer im Sport mit Sitz in der Schweiz.

Die beste Schweizer Ruderin ist die Weltmeisterin Pia Vogel, die berühmtesten Ruderer sind der Doppelzweier Bürgin/Studach sowie die Skiffiers Müller und Meyer. Letzterer beendete seine Karriere 1869 recht desillusioniert, nämlich mit den Worten: «Meine eingelegten Ruder triefen, Tropfen fallen langsam in die Tiefen. Nichts, das mich verdross! Nichts, das mich freute! Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!»


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